Haben wir alle versteckte Vorurteile? Implizite Einstellungen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft

Nimmt man diese Informationen zusammen, dann kann man durchaus sagen, dass kulturelles Lernen zu impliziten Einstellungen führt. Es lässt aber nicht zwangsläufig die umgekehrte Schlussfolgerung zu: Eine vorhandene implizite Einstellung muss nicht unbedingt nur kulturell gelernt sein, sie könnte sich auch aus einmaligen Lernerfahrungen ergeben haben und variiert wahrscheinlich über verschiedene Kontexte hinweg.

Was ist der Unterschied zwischen impliziten und expliziten Einstellungen?

Durchschnittlich zeigt sich, dass implizite und explizite Einstellungen nicht sehr stark zusammenhängen (Hofmann, Gawronski, Gschwendner, Le & Schmitt, 2005). Woher diese Diskrepanz rührt, ist unter PsychologInnen eine große Diskussion und kann grob in drei Grundideen unterteilt werden. Verschiedene ForscherInnen glauben, dass implizite Einstellungen von expliziten abweichen, weil (1) sie unbewusst sind, (2) wir motiviert sind, uns positiv darzustellen oder (3) unsere spontanen Reaktionen nicht immer als relevante Information ansehen.

Aus Sicht der ersten Perspektive äußern Menschen ihre abweichenden spontanen Reaktionen nicht in einem Fragebogen, weil sie keinen bewussten Zugriff auf diese haben (Greenwald & Banaji, 1995). Eine Reihe von Studien von Hahn, Judd, Hirsh und Blair (2014) stellt diese Perspektive in Frage. So waren die Versuchspersonen in diesen Studien in der Lage, das Muster ihrer impliziten Einstellungen gegenüber verschiedenen Gruppen, gemessen mit IATs, vorherzusagen, obwohl sie andere explizite Einstellungen angaben. Die Reaktionen, die impliziten Einstellungen unterliegen, scheinen also nicht vollkommen unbewusst zu sein und unterscheiden sich dennoch von expliziten Einstellungen.

Die zweite Perspektive wurde vor allem von Fazio (2007) in seinem MODE-Modell (Motivation and Opportunity as Determinants Model) beschrieben. Dieses erklärt die Diskrepanz so, dass Menschen bei Fragebögen motiviert sind, sich möglichst gut darzustellen und sozial erwünscht antworten. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man Zeit, Motivation und die Gelegenheit hat, sein Antwortverhalten zu kontrollieren. Aus dieser Perspektive sind die expliziten Einstellungen, die wir in einem Fragebogen äußern, nicht ganz ehrlich. Wir geben sie vor allem an, weil wir nicht als Rassisten gelten möchten. Eine neuere Perspektive führen Gawronski und Bodenhausen (2006) mit dem APE-Modell (Associative-Propositional Evaluations Model) ein. Aus dieser Perspektive unterscheiden sich implizite und explizite Einstellungen, da wir unsere spontanen, auf Gedächtnis-Verknüpfungen beruhenden Reaktionen (Assoziationen) nicht immer als valide Informationsquelle (Propositionen) für unsere expliziten Einstellungen anerkennen. So kann es sein, dass wir zwar eine spontane negative Reaktion gegenüber einer muslimischen Person spüren, diese jedoch nicht als valide Grundlage für eine explizite Bewertung aller Muslime sehen. Unsere explizite Einstellung setzt sich dann aus anderen Gedanken zusammen, wie beispielsweise unserer Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, oder den Gefühlen, die wir gegenüber bestimmten muslimischen FreundInnen oder Bekannten haben, oder auch der Überzeugung, dass man fremdenfeindlich erscheinende Aussagen nicht offen äußern sollte. Nach dieser Perspektive ist es also gut möglich, dass auch Sie, wenn Sie auf Ihr spontanes Gefühl hören, bemerken, dass dieses möglicherweise negativ gegenüber einer Minderheit ausfällt. Dennoch würden Sie deshalb in einem Fragebogen womöglich nicht unbedingt angeben, Minderheiten nicht zu mögen. Aber vielleicht nicht nur, um sich positiv darzustellen, sondern weil das Gefühl, das Sie bemerken, Ihnen aus verschiedenen Gründen nicht als valide Grundlage für die Bewertung aller Mitglieder dieser Minderheit erscheint.

Im Gegensatz zum MODE-Modell, das unsere impliziten Einstellungen als ehrlichere Einstellungen sieht, postuliert das APE-Modell also, dass explizite Einstellungen genauso ehrlich und wahr sein können. Ob implizite oder explizite Einstellungen wahrer sind, ist nach dem APE-Modell eine philosophische Frage, die jeder Mensch für sich beantworten muss: Ist meine wahre Einstellung eher meine erste affektive Reaktion auf Menschen, oder die Aussage, die ich treffe, wenn ich alle Informationen bedacht habe?

Warum sind implizite Einstellungen relevant?

Wenn Menschen für ihre expliziten Aussagen oft ihre gelernten Assoziationen verwerfen, sind implizite Einstellungen dann überhaupt relevant? Wenn wir uns immer entsprechend unserer expliziten Aussagen verhalten, dann würde die Messung impliziter Einstellungen keinen praktischen Mehrwert bieten. Dieser Frage nachgehend untersuchten Friese, Hofmann und Schmitt (2008) viele Studien zum Zusammenhang zwischen impliziten und expliziten Einstellungen und Verhalten. Hierbei schlussfolgerten sie, dass implizite Einstellungen besser spontanes Verhalten vorhersagen, während explizite Einstellungen solches Verhalten besser vorhersagen, bei dem wir mehr Zeit haben nachzudenken. So könnte die implizite negative Einstellung eines Polizeibeamten gegenüber AfroamerikanerInnen einen Einfluss auf seine Entscheidung zu schießen haben. In einer Situation, in der er schnell reagieren und sich entschSpontane Reaktionen können vor allem unter Zeitdruck relevant werden und könnten im Extremfall sogar fatale Folgen haben. Quelle: Don’t shoot. Mike Licht via flickr (https://flic.kr/p/oJkmEY, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Spontane Reaktionen können vor allem unter Zeitdruck relevant werden und könnten im Extremfall sogar fatale Folgen haben. Quelle: Don’t shoot. Mike Licht via flickr (https://flic.kr/p/oJkmEY, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)eiden muss, ob ein Verdächtiger eine Waffe oder ein Handy aus der Tasche holt, könnte dieser fälschlicherweise aufgrund seiner spontanen Reaktion glauben, dass es sich um eine Waffe handelt und schießen (Correll, Park, Judd & Wittenbrink, 2002). 

Warum implizite Vorurteile also bei PolizeibeamtInnen höchst relevant sein können, wird an diesem Beispiel deutlich. Jedoch könnten implizite Einstellungen auch in alltäglichen Situationen, in denen wir spontan entscheiden, relevant sein; beispielsweise, auf welche Personen wir eher zugehen, wie Lebensläufe von Menschen unterschiedlichen Hintergrunds von PersonalerInnen interpretiert werden oder ob wir nachts eher die Straßenseite wechseln, wenn uns ein arabisch aussehender Mensch entgegenkommt. In all diesen Situationen könnte die spontane Reaktion auf die Herkunft einer Person dazu führen, dass Ihr spontanes Verhalten negativer ausfällt und Sie die Person damit aufgrund ihrer Herkunft anders behandeln, obwohl dies vielleicht nicht Ihre bewusste Intention ist.

Sind wir unseren impliziten Einstellungen also ausgeliefert?

Können wir unsere implizite Einstellungen verändern? Quelle: Robert Couse-Baker via flickr (https://flic.kr/p/oD5tjD, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Können wir unsere implizite Einstellungen verändern? Quelle: Robert Couse-Baker via flickr (https://flic.kr/p/oD5tjD, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Viele ForscherInnen haben in den letzten 20 Jahren versucht, Interventionen zu entwickeln, die implizite Vorurteile gezielt verringern können. In mehreren besonders groß angelegten Studien verglichen Lai et al. (2014, 2016) verschiedene zuvor erfolgreiche Interventionen. In einer ersten Studie konnten nur acht von 17 Interventionen unmittelbar implizite Vorurteile gegenüber AfroamerikanerInnen verringern. Insbesondere spezifisch an positive Beispiele für AfroamerikanerInnen zu denken (z. B. Barack Obama) oder neue positive Verknüpfungen durch evaluatives Konditionieren zu erlernen konnte kurzfristig negative implizite Einstellungen reduzieren. In einer zweiten Studie zeigte sich jedoch, dass keine von neun getesteten Interventionen die negativen impliziten Einstellungen langfristig über die unmittelbaren Laboreffekte hinaus reduzieren konnte. Die Forschung zu Interventionen sieht also im Moment wenig hoffnungsvoll aus. Heißt das also, wir sind unseren spontanen Reaktionen ausgeliefert? Hätten die von Hillary Clinton vorgeschlagenen Interventionsprogramme sowieso keinen Sinn gehabt?

Hierbei sollte man sich daran erinnern, dass vor allem spontanes, unkontrolliertes Verhalten mit impliziten Einstellungen zusammenhängt. So können Sie sich in jeder Situation mit einem Mitglied einer Minderheit fragen, ob Ihr Verhalten oder Ihre Urteile von spontanen Reaktionen beeinflusst wurden, oder ob Sie Ihre erste Reaktion überdenken und andere Informationen mit heranziehen wollen.

Neuere Forschung von Hahn und Gawronski (2019) zeigt beispielsweise, dass Versuchspersonen, die aufgefordert werden, ihre spontanen Reaktionen gegenüber Personen verschiedener Herkunft beim Betrachten von Bildern zu beachten, im Anschluss eher anerkennen, dass sie Vorurteile gegenüber Minderheiten haben. Aufwändige, längere Interventionen, die auf Kontrolle von Verhalten abzielen, konnten entsprechend auch Erfolge zeigen (Devine, Forscher, Austin & Cox, 2012). Sich seiner eigenen Vorurteile bewusst zu werden scheint also durchaus möglich zu sein. Obwohl die Forschung zur Veränderung impliziter Einstellungen zurzeit also umstritten ist, sieht die Evidenzlage zur Bewusstmachung und Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen vielversprechend aus.

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