Im Auge des Anderen - Wie uns die Anwesenheit anderer beeinflusst

Wir alle haben schon einmal festgestellt, dass der Blick des anderen eine besondere Bedeutung für uns hat. Ob wir in die Augen unseres Partners schauen, oder eines verärgerten Verkehrsteilnehmers, beides löst bestimmte Reaktionen in uns aus. Auch in der alltäglichen Kommunikation nutzen wir Blicke zur Steuerung von Gesprächen und um auf wichtige Informationen hinzuweisen. In unserem Artikel gehen wir der Frage nach, wie uns die Blicke anderer darin beeinflussen, was wir wahrnehmen und was in einer komplexen Umgebung unsere Aufmerksamkeit weckt.

 

Ohne dass Menschen besonders darüber nachdenken, gelingt es ihnen soziale Regeln zu befolgen. So sind sozial erwartetes Blickverhalten und Reaktionen auf die Vorstellungen und Gefühle anderer Menschen nahezu mühelos möglich. Die augenscheinliche Leichtigkeit, mit der solche Prozesse ablaufen, täuscht allerdings darüber hinweg, dass funktionierende soziale Interaktionen häufig sehr komplexe Fähigkeiten voraussetzen. Auffällig wird diese Komplexität erst, wenn die Interaktion nicht mehr reibungslos gelingt, wie es z.B. bei Menschen mit Autismus der Fall ist (Frith, 2003).

 

Neuere Studien haben sich deshalb mit der Frage befasst, welche Prozesse beim Menschen ablaufen, wenn elementare soziale Vorgänge beobachtet werden. Im Folgenden gehen wir auf Studien ein, die zeigen, dass die Beobachtung von sozialen Agenten spontan zur Übernahme der Perspektive des Agenten führt und dass wahrgenommene Bewegungen anderer unter Umständen die Ausführung der eigenen Bewegungen stören können. Überdies werden Arbeiten berichtet, die nachweisen, dass Aufmerksamkeit und Augenbewegungen eines Beobachters den Blicken beobachteter Agenten folgen und dass sowohl geometrische als auch Kontextfaktoren die Genauigkeit der Wahrnehmung der Blickrichtung des Interaktionspartners bestimmen. Abschließend wird beschrieben, welche neuronalen Strukturen für die Verarbeitung sozialer Informationen verantwortlich sind und wie Blicke die Verarbeitung von Objekten und die Beurteilung von Personen beeinflussen können. Ein grundlegendes Verständnis dieser Fragestellungen ist nicht nur für Neuro- und Sozialwissenschaftler wichtig. Sie gewinnen auch zunehmend an Bedeutung für die Entwicklung moderner Roboter, die in ihrem Interaktionsverhalten das natürliche Verhalten von Menschen berücksichtigen und adäquat darauf reagieren sollen (Zwickel & Müller, 2009).

 

Wenn Bewegungen stören

Dass gesehenen menschlichen Bewegungen eine besondere Rolle im Beobachter zukommt, zeigen z.B. Studien von Kilner et al. (2003). Die Forscher untersuchten, ob die Stärke, mit der sich Personen durch beobachtete Bewegungen in der Ausführung eigener Bewegungen beeinflussen lassen davon abhängt, ob die beobachteten Bewegungen mechanischer oder biologischer Natur sind. Dazu sollten die Teilnehmer der Studie z.B. horizontale Armbewegungen ausführen. Während deren Ausführung waren vertikale Armbewegungen zu sehen. Wenn die gesehenen Bewegungen die normalen Beschleunigungs- und Abbremsphasen von menschlichen Bewegungen zeigten, war die Leistung der Teilnehmer vermindert. Dies war nicht der Fall, wenn mechanische Bewegungsmuster gezeigt wurden. Dieser Befund wurde dadurch erklärt, dass die Beobachter ein internes Modell der gesehenen Bewegung sozusagen mitlaufen ließen, welches zu Problemen bei der eigenen Ausführung führte. Dieses Modell war aber nur für menschliche Bewegungen vorhanden.

 

Stanley et al. (2007) zeigten darüber hinaus, dass sogar beobachtete Bewegungen eines Punktes zu einer Verringerung der Leistung des Beobachters führen können. Dieser Effekt war allerdings nur dann zu beobachten, wenn der Beobachter glaubte, dass die Bewegung von einem Menschen erzeugt wurde, nicht aber wenn den Beobachtern gesagt wurde, dass die Bewegung von einem Computer generiert worden ist. Diese Befunde legen nahe, dass Menschen sich nicht grundsätzlich durch wahrgenommene Bewegungen in der Ausführung ihrer eigenen Bewegungen beeinflussen lassen, sondern nur dann, wenn die Bewegungen in eine soziale Situation eingebettet sind und sie davon ausgehen, dass sie mit einem menschlichen Partner interagieren.

 

Die Perspektive der anderen

Beim Beobachten eines Menschen scheinen aber nicht nur Bewegungsmodelle aktiviert zu werden. Gleichzeitig wird auch die visuell-räumliche Perspektive der gesehenen Person beachtet. So zeigten z.B. Tversky und Hard (2009), dass Personen, die aufgefordert wurden, die Lage eines Objektes zu beschreiben, spontan auch die Perspektive eines gesehenen Menschen berücksichtigten. Spontan bedeutet hier, dass die Teilnehmer weder durch die Instruktion aufgefordert wurden, die Perspektive der dargestellten Personen zu übernehmen, noch dass durch eine Perspektivenübernahme die Aufgabe leichter zu lösen war. Den Teilnehmern der Studie wurde z.B. ein Tisch gezeigt, auf dem sich ein Buch und rechts davon eine Flasche befanden. Ihre Aufgabe war es, den Ort des Buches zu beschreiben. In Situationen, in denen hinter dem Tisch eine Person abgebildet war, wurde häufig deren Perspektive mitberücksichtigt und z.B. das Buch als links der Flasche von der Position der beobachteten Person aus beschrieben. Ähnliche Effekte wurden auch von Belopolsky et al. (2008), Frischen et al. (2009), Samson et al. (in Druck) und Thomas et al. (2006) berichtet.

 

Vermenschlichte Dreiecke

Dass dieser Effekt aber nicht nur auf die Beobachtung von Personen beschränkt ist, zeigt eine Studie von Zwickel (2009). In dieser Studie betrachteten die Teilnehmer kurze Filme in denen zwei bewegte Dreiecke zu sehen waren (Frith-Happé Animationen; Abell, Happé, & Frith, 2000). Ähnliche Filme wurden bereits 1944 von Heider und Simmel (Heider & Simmel, 1944) eingesetzt, um zu untersuchen, welchen Einfluss die Bewegung einfacher geometrischer Objekte darauf hat, ob den Objekten komplexe Handlungen und Ziele zugeschrieben werden. Die Filme der Frith-Happé Animationen unterscheiden sich darin, wie stark sie im Beobachter den Eindruck hervorrufen, dass die Dreiecke ein „Innenleben“ besitzen. Zum einen gibt es Animationen, in denen sich die Dreiecke unabhängig von einander bewegen. Sie gleiten z.B. von links nach rechts, stoßen am Rand des Bildschirms an und gleiten wieder zurück, vergleichbar mit Billardkugeln. Dreiecke in Animationen diesen Typs werden gewöhnlich nicht als handelnde Agenten mit eigenem Willen beschrieben. Es gibt aber auch Animationen in denen die Bewegungen der Dreiecke aufeinander abgestimmt sind. So klopft z.B. in einer Animation ein Dreieck an eine schematisch dargestellte Tür und versteckt sich danach. Eine typische Beschreibung dieser Animation könnte lauten, dass das eine Dreieck das andere ärgern will und einen Klingelstreich spielt. Hier wird also den Dreiecken ein „Innenleben“, ein mentaler Zustand, zugeschrieben.

 

In der Studie von Zwickel (2009) waren nun zusätzlich Punkte zu sehen, die zu zufälligen Zeitpunkten rechts oder links des großen Dreiecks auftauchen konnten. Die Aufgabe der Teilnehmer war es, so schnell wie möglich zu beurteilen, ob die Punkte rechts oder links des Dreiecks zu sehen waren. Wenn das Dreieck eine Bewegung nach unten vollführte, so war ein Punkt, der aus der Sicht des Beobachters rechts des Dreiecks erschien, nicht nur rechts des Dreiecks aus Sicht des Beobachters sondern auch gleichzeitig links aus Sicht des Dreiecks (vgl. Abbildung 1, inkongruente Bedingung, linke Seite). In der kongruenten Bedingung befand sich der Punkt sowohl vom Beobachter aus als auch vom Dreieck aus gesehen auf der linken Seite (Abbildung 1, rechte Seite). Für die Teilnehmer der Studie sollte dies keine Rolle spielen, da sie nur aus ihrer Sicht den Ort des Punktes beurteilen sollten. Dennoch reagierten sie in inkongruenten Bedingungen langsamer als in kongruenten. Dieser Unterschied zwischen kongruenten und inkongruenten Bedingungen trat jedoch nur in Filmen auf, in denen die Dreiecke als belebt aufgefasst werden, nicht aber in Filmen, in denen die Bewegung der Dreiecke z.B. als mechanisch beschrieben wurde.

 

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte

Menschen sind in sozialen Situationen nicht nur in der Lage, die Perspektive ihrer Interaktionspartner einzunehmen. Sie haben auch ein sehr großes Interesse daran, worauf andere ihre Aufmerksamkeit richten, um beispielsweise Informationen über die Intentionen des Gegenübers zu erhalten oder um antizipieren zu können, welche Handlungsschritte der Interaktionspartner als nächstes unternehmen wird. Dieses Wissen ist in sozialen Situationen essentiell notwendig, um adäquat reagieren zu können. Informationen über die Blickrichtung des Interaktionspartners sind dabei nicht nur ein guter Indikator für dessen Aufmerksamkeitsfokus, sie können auch modulierend auf das Interaktionsverhalten einwirken, indem sie beispielsweise die Wechselseitigkeit der Kommunikation beeinflussen.

 

Die nachfolgenden Studien sollen die Sonderstellung der Augen in der sozialen Interaktion verdeutlichen und einen Eindruck darüber vermitteln, wie hochspezialisiert Menschen auf die Verarbeitung und Interpretation von Blickinformationen sind.

 

Indikatoren für Aufmerksamkeit in sozialen Agenten

Eine grundlegende Voraussetzung um auf andere adäquat reagieren zu können, ist die Fähigkeit, den Aufmerksamkeitsfokus eines oder mehrerer Interaktionspartner möglichst genau bestimmen zu können. Neben Informationen, die die Geometrie des Auges liefert, spielen dabei auch die Kopf- und Körperposition eine entscheidende Rolle. Diese drei Faktoren beeinflussen sich gegenseitig und können zu Störeffekten führen, wenn sie widersprüchlich sind. Langton (2000) führte dazu ein Experiment durch, in dem Fotos einer realen Person gezeigt wurden. Hierbei wurde die Blickrichtung der Augen relativ zur Position des Kopfes variiert. Gleichzeitig wurde auch noch die Kopfrichtung unabhängig von der Blickrichtung manipuliert. Sie konnte dabei mit der Blickrichtung übereinstimmen (kongruent) oder ihr entgegengesetzt sein (inkongruent). Die Aufgabe der Versuchspersonen war es, entweder auf die Kopfrichtung oder auf die Blickrichtung so schnell wie möglich durch Tastendruck zu reagieren. Wenn sich Kopfrichtung und Blickrichtung gegenseitig beeinflussen, sollte sich das in verlangsamten Reaktionen und höheren Fehlerraten in der inkongruenten Bedingung im Vergleich zur kongruenten Bedingung zeigen. Die Daten bestätigten die Vermutungen des Forschers. Es zeigte sich, dass die Reaktionen auf die Kopfrichtung deutlich langsamer und fehleranfälliger waren, wenn die Augen in die entgegengesetzte Richtung schauten, als wenn die Augen in die gleiche Richtung schauten. Analog dazu waren die Reaktionen auf die Blickrichtung deutlich schneller, wenn Blickrichtung und Kopfrichtung übereinstimmten, als wenn der Kopf in die dem Blick entgegengesetzte Richtung zeigte.

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