Kennen wir uns? Das Problem der Fremdwahrnehmung

Ein weiteres Beispiel kann uns helfen zu verstehen, dass Projektionen von uns selbst auf andere Fremdwahrnehmungen nicht ersetzen: Wenn wir FreundInnen von einem Ereignis erzählen, fühlen sie sich gelegentlich dazu veranlasst zu erklären, dass sie uns sehr gut verstünden. Sie betonen, dass sie selbst schon einmal in einer vergleichbaren Lage gewesen seien – von der sie sogleich selbst zu erzählen beginnen. In diesem Fall projizieren sie also ihre Erinnerungen über sich selbst auf uns, weil sich vergleichbare Umstände ergeben haben. Handelt es sich aber wirklich um direktes Einfühlen im Sinne eines Mit-Erlebens, wenn wir von uns und dem individuellen Wissen von anderen Personen auf ihr gegenwärtiges Erleben schließen?Bild 2: Wie können wir uns sicher sein, unser Gegenüber zu verstehen, statt nur auf sie oder ihn zu projizieren, was wir selbst denken? – Das Problem der Fremdwahrnehmung.Bild 2: Wie können wir uns sicher sein, unser Gegenüber zu verstehen, statt nur auf sie oder ihn zu projizieren, was wir selbst denken? – Das Problem der Fremdwahrnehmung.

Der Philosoph Max Scheler widerspricht entschieden. Für die Situation, in der ein Freund von sich auf uns projiziert, sagt er: „Man macht dann, einigermaßen befremdet, seinen ‚Freund‘ darauf aufmerksam, daß die eigene Lage doch ‚ein wenig anders‘ liege und sucht mit aller Anstrengung dem Blick des begeisterten Erzählers von dessen Leben wieder die Richtung auf seinen Zustand, seine Sorge zu geben“ (Scheler, 1973, 57). Scheler bestreitet also, dass Projektionen und Simulationen die ursprüngliche Erfahrung der Einfühlung fundieren. Ebenso wie die Theorie des Geistes handelt es sich bei Projektionen nur um sekundäre Empathie, während von tatsächlicher Fremdwahrnehmung nur bei der primären Empathie gesprochen werden kann (Fuchs, 2020).

Was ist nun primäre Empathie? Dafür findet Thomas Fuchs eine hilfreiche Beschreibung: „Wenn wir jemanden in Zorn ausbrechen sehen, nehmen wir sein Gefühl unmittelbar im Ausdruck und Verhalten wahr“ (Fuchs, 2020, S. 123). Die zentralen Merkmale sind dabei ‚Unmittelbarkeit‘ und ‚Ausdruck‘. Die Unmittelbarkeit bezieht sich auf die direkte Form des Erlebens von Ausdrucksgestalten anderer Menschen (vgl. Plessner, 2011): Die Schamesröte im Gesicht unseres Mitmenschen ist für uns eine leibliche Erfahrung, die uns eine eigene Reaktion abverlangt (z. B. Augen niederschlagen). Mit unseren Mitmenschen verbindet uns die ‚Zwischenleiblichkeit‘ als Grundlage unseres sozialen Lebens. Damit ist nicht gemeint, dass den Wahrnehmungen in der primären Empathie keine Bewertung der Situation mit zugrunde liegt. Sie ergibt sich nur – im Kontrast zu Bewertungsvorgängen der sekundären Empathie – direkt aus dem Mit-Erleben der fremden Emotion. Der phänomenale und der wertende Aspekt lassen sich auf der Stufe der primären Einfühlungswahrnehmung eben nicht trennen.Bild 3: Zwischenleibliche Resonanz.Bild 3: Zwischenleibliche Resonanz.

„Daß Jemand mir freundlich oder feindlich gesinnt ist, erfasse ich in der Ausdruckseinheit des ‚Blickes‘, lange bevor ich etwa die Farben, die Größe der ‚Augen‘ anzugeben vermag“ (Scheler, 1973, S. 281). Wir empfinden die primäre Empathie als grundlegende Erfahrung, auf der alle anderen zwischenmenschlichen Beziehungen aufbauen. Vielmehr gehört sie zu den selbstverständlichsten Phänomenen in unserer Lebenswelt. Subjektivität wird immer schon durch intersubjektive Resonanzen geformt, sie entsteht als Wechselwirkung von Ausdruck und Eindruck. Fremdwahrnehmung ist keine einfache Registrierung unseres Gegenübers, sondern etwas Ursprüngliches, das uns betrifft, bevor wir darüber zu reflektieren beginnen: Z. B. erschreckt uns der Zorn des Anderen, bevor wir darüber nachzudenken beginnen.

Gegenüber diesem ‚primären Empathieerleben‘ sind die Fähigkeiten mentale Zustände zu simulieren und zu projizieren wie auch die Entstehung einer Theorie des Geistes nachträglich, also ‚sekundär‘ (zur Vertiefung dieser Position siehe Zahavi, 2014).

Fazit und Ausblick: Was lernen wir aus dem Problem der Fremdwahrnehmung für einen empathischeren Umgang miteinander?

Wie können wir also unseren Mitmenschen begegnen und einen Zugang zu ihrem je eigenen Erleben gewinnen? Primäre und sekundäre Empathie, also zwischenleibliche Unmittelbarkeit einerseits und die Fähigkeit uns in Situationen anderer Menschen bewusst hineinzuversetzen andererseits, sind Bestandteile unseres Miteinanders. Der Anwesenheit unserer Mitmenschen werden wir aber nur durch primäre Empathie bewusst. Wer seine Mitmenschen als solche gar nicht erkennt, kann bspw. im eigentlichen Sinne auch nicht grausam oder roh zu ihnen sein. Das stellte schon Scheler fest: „Wer z. B. einen Menschen für ein Stück Holz hält und den Gegenstand so ‚behandelt‘, kann auch nicht ‚roh‘ gegen ihn sein“ (Scheler, 1973, S. 25).Bild 4: Der Gefühlsausdruck wurde bereits bei Charles Darwin Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung.Bild 4: Der Gefühlsausdruck wurde bereits bei Charles Darwin Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung.

Der Philosoph Emmanuel Lévinas (2002) wies allerdings darauf hin, dass es keine einfache Vorgehensweise gibt, um empathischer zu sein, denn die Fremdwahrnehmung konfrontiere uns nicht einfach mit einer wohlgeordneten und eindeutigen Menge von Gefühlen. Im Gegenteil sind unsere Mitmenschen stets einzigartig, und ihre Persönlichkeit kennenzulernen ist ein unerschöpflicher Prozess. Damit zielt Lévinas auf die bedeutsame ethische Dimension der Empathie. Einerseits ist Empathie eine Grundvoraussetzung dafür, andere Subjekte in ihren Ausdrucksqualitäten zu erkennen. Andererseits beinhaltet sie aber auch eine ethische Qualität, nämlich andere Personen in ihrer ganz eigenen Werthaftigkeit zu erfassen und das eigene Handeln danach auszurichten.

Dieser Gedanke lässt sich an einem alltäglichen Beispiel verdeutlichen: Wer auf dem Bürgersteig einer anderen Person begegnet und begrüßt wird, steht vor der Möglichkeit, sie zurück zu grüßen oder es sein zu lassen. In jedem Fall ist die oder der Andere schon in unser Leben getreten. Wer den Gruß verweigert, verschließt sich gegenüber seinem Mitmenschen. Wer sich hingegen zum Gruß durchringt, öffnet sich für das Wechselspiel der primären Empathie – Ausdruck und Eindruck –, macht sich also verwundbar, aber eben auch offen für die Persönlichkeit des Anderen, also dafür sie vertiefend zu erfahren.

Wir müssen also lernen, dass wir uns der Verantwortung gegenüber anderen Menschen nicht entziehen können. Wer seine Mitmenschen ignoriert, trifft eine Entscheidung dagegen, Empathie zur Vertiefung sozialer Beziehungen zu erleben. Wer die Augen niederschlägt, ohne zu grüßen, oder weghört, wenn jemand um Hilfe ruft, versucht sich vor der ethischen Dimension der Empathie zu verschließen, trifft damit jedoch letztlich dennoch eine ethisch bedeutsame Entscheidung.

Bildquellen

Bild 1: StockSnap via Pixabay (https://drive.google.com/drive/folders/1AD5ti2EU7P5D4VVTToa0g9yaJkTVm9lh, Lizenz:https://pixabay.com/de/service/license/).

Bild 2: StockSnap via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/frauen-m%c3%a4dchen-reden-l%c3%a4cheln-258..., Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).

Bild 3: Eigentum von Mariangel Beatriz Mendoza de Wendt, 2020; (https://www.instagram.com/piyiart/?hl=de, mit freundlicher Zustimmung der Künstlerin)

Bild 4:  Aus: Darwin, C. (1872). The expression of the emotions in man and animals. John Murray, S. 299. Nach einer Fotografie von Guillaume-Benjamin Duchenn)

Literaturverzeichnis

Descartes, R. (2008). Meditationes de prima philosophia. Meiner.

Fuchs, T. (2020). Verteidigung des Menschen. Suhrkamp.

Goldman, A. (2006). Simulating Minds: The Philosophy, Psychology, and Neuroscience of Mindreading. Oxford University Press.

Goldman, A. I. (2012). Theory of mind. In E. Margolis, R. Samuels, & S. P. Stich (Eds.), Oxford handbook of philosophy and cognitive science (S. 402–424). New York, NY: Oxford University Press.

Gopnik, A., & Wellmann, H. (2007). Why the Child's Theory of Mind Really Is a Theory. Mind & Language, 7(1/2), 145 – 171.

Lévinas, E. (2002). Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität. Alber.

Piaget, J. (1978). Das Weltbild des Kindes. Klett Kotta.

Plessner, H. (2011). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Berlin, Boston: De Gruyter.

Premack, D., & Woodruff, G. (1978). Does the chimpanzee have a theory of mind? Behavioral and Brain Sciences, 1(4), 515-526.

Scheler, M. (1973). Wesen und Formen der Sympathie. Francke.

Shanton, K., & Goldman, I. (2010). Simulation Theory. Wiley Interdisciplinary Reviews: Cognitive Science, 1(4), 527-538.

Zahavi, D. (2014). Self and other: Exploring subjectivity, empathy, and shame. Oxford University Press.

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