Dein Leid ist mein Leid? Wie wir die Emotionen anderer Personen nachempfinden.

Empathie spielt eine bedeutende Rolle in unseren alltäglichen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Neurowissenschaftliche und psychologische Forschung versucht daher, die Grundlagen von Empathie im Gehirn zu verstehen. Dafür wird oft die Schmerzwahrnehmung herangezogen. Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir beobachten, wie eine andere Person Schmerzen empfindet? Inwiefern spielt unser eigenes Schmerzerleben dabei eine Rolle? Welchen Einfluss hat die Einnahme von Medikamenten auf unsere empathischen Fähigkeiten? Und ist Empathie bei psychischen Beeinträchtigungen, wie Depression oder Autismus, tatsächlich eingeschränkt?

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Jemand holt Sie zum Mittagessen ab, schlägt sich dabei unabsichtlich den Ellbogen am Türrahmen an und reibt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm. Beim Beobachten eines solchen Ereignisses zieht sich sofort alles innerlich zusammen und man bekommt ein komisches Gefühl. Eventuell fühlt man sogar ein unangenehmes Kribbeln bis hin zu so etwas wie Schmerzen im eigenen Ellbogen. Solche Situationen kommen im Alltag ständig vor, wir bemerken unsere Reaktionen darauf aber oft nicht bewusst. Das ist überraschend, da diese eine wichtige Funktion haben und uns erlauben, mit unserer sozialen Umwelt zu interagieren. Aber wie und warum spüren wir den Schmerz Anderer? Und wie können wir adäquat darauf reagieren?

Das Nachempfinden und Verstehen der Emotionen anderer Personen wird als Empathie bezeichnet (Lamm, 2019). Wörtlich übersetzt bedeutet Empathie Einfühlen in bzw. Fühlen mit andere(n). In der Forschung umfasst Empathie dagegen als psychologisches Konstrukt mehrere zusammenspielende Teile: Zunächst beobachten wir eine Emotion bei jemandem in der Realität oder den Medien. Dafür reicht es auch oft, sich die Emotion nur vorzustellen. So entsteht ein rasches, automatisches Teilen dieses Gefühlszustandes – wir fühlen also recht unmittelbar, aber auch eher grob das, was die andere Person gerade fühlt. Für die darauffolgende kognitive Verarbeitung der Emotion kommen unsere Fähigkeiten zur Perspektivenübernahme sowie zur Abgrenzung zwischen uns selbst und anderen zum Einsatz (Stietz et al., 2019). Sie ordnen das Nachempfinden etwas genauer ein, können es also z. B. noch verstärken, aber auch abschwächen. Mithilfe dieser Mechanismen können wir adäquat kategorisieren, dass die Gefühle, die wir empfinden von der anderen Person ausgehen und nicht von uns selbst. Für das Entstehen von Empathie ist also sowohl die affektive als auch die kognitive Verarbeitung der geteilten Emotion notwendig und wichtig.

Bild 1: Empathie, umgangssprachlich auch Mitleid oder Mitgefühl genannt, bezeichnet das Teilen und Verstehen der Emotionen anderer Personen. Wir fühlen also genau das, was eine andere Person gerade fühlt.Bild 1: Empathie, umgangssprachlich auch Mitleid oder Mitgefühl genannt, bezeichnet das Teilen und Verstehen der Emotionen anderer Personen. Wir fühlen also genau das, was eine andere Person gerade fühlt.

Empathie ≠ Mitgefühl, Emotionsansteckung, oder Emotionserkennung

Umgangssprachlich wird Empathie oft Mitgefühl oder Mitleid genannt. Bei Letzteren handelt es sich jedoch um verwandte Phänomene, bei denen Teilaspekte (z. B. die Sorge um einen Menschen) oder andere Konzepte im Vordergrund stehen. Empathie sollte daher von verschiedenen, verwandten Prozessen unterschieden werden.

Wenn wir jemanden sehen, der sich verletzt, reagieren wir meist automatisch darauf, wie im Beispiel oben. Das gilt auch für positive Emotionen – so lächeln wir, wenn jemand anderer sich freut. Das nennt man Gefühlsansteckung, also die automatische Auslösung von Emotionen durch die Beobachtung von Emotionen und deren Ausdruck bei einer anderen Person. Diese wird oft als Vorläufer von Empathie gesehen. Wenn wir nun den Ursprung dieser automatisch entstandenen Emotion nicht in der anderen Person verorten, kann es zu einer Überwältigung durch eigene Gefühle kommen. Eine selbst-fokussierte, negative emotionale Reaktion wie Angst oder Unbehagen folgt. Bei Mitgefühl oder auch empathischer Anteilnahme fühlen wir dagegen nicht nur mit der anderen Person, sondern auch für sie, sorgen uns also etwa um ihr Wohlbefinden. Zudem müssen wir Emotionen nicht unbedingt nachempfinden, um sie nachvollziehen zu können. Dafür gibt es einen anderen kognitiven Mechanismus, die Fähigkeit mentale Zustände anderer zu identifizieren oder zu verstehen. Dieser wird allgemein als Theory of Mind, Perspektivenübernahme oder Mentalisieren bezeichnet (Schurz et al., 2020), und in Bezug auf Emotionen oft mit Emotionsidentifikation in Verbindung gebracht (Coll et al., 2017).

Aber welche Konsequenzen hat Empathie eigentlich für unsere alltäglichen sozialen Interaktionen? Mehrere Studien belegen inzwischen einen positiven Zusammenhang zwischen Empathie und späterem helfendem Verhalten gegenüber Anderen (Decety et al., 2016). Auf Empathie sowie Anteilnahme kann somit prosoziales Verhalten folgen, also helfende Verhaltensweisen wie körperliche Nähe, Zuspruch oder Hilfe holen. Zugleich können empathisch wahrgenommene Emotionen aber auch zu Rückzug (um sich selbst vor negativen Gefühlen zu schützen) oder gar zu antisozialen Verhaltensweisen wie Aggression führen (Bloom, 2017). Letzteres kann beispielsweise bei der Fehlinterpretation der Emotionen einer anderen Person geschehen.

Empathie durch Reaktivierung eigener Emotionen

Bei der neurowissenschaftlichen Erforschung von Empathie wird physischer Schmerz gerne als Modell herangezogen, u. a. weil dieser in psychologischen Experimenten einfach und gut kontrollierbar wiederholt verabreicht werden kann. Ein Bild 2: Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass unser Gehirn Empathie für den Schmerz anderer Personen in bestimmten Regionen verarbeitet, die Teil unseres körpereigenen Schmerznetzwerks sind. Dazu zählen unter anderem der anteriore insuläre und vordere mittlere zinguläre Kortex, die beide dem sogenannten affektiv-motivationalen Teil von Schmerzwahrnehmung zugeschrieben werden. Der sensorisch-diskriminative Teil umfasst dagegen den primären und sekundären somatosensorischen Kortex.Bild 2: Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass unser Gehirn Empathie für den Schmerz anderer Personen in bestimmten Regionen verarbeitet, die Teil unseres körpereigenen Schmerznetzwerks sind. Dazu zählen unter anderem der anteriore insuläre und vordere mittlere zinguläre Kortex, die beide dem sogenannten affektiv-motivationalen Teil von Schmerzwahrnehmung zugeschrieben werden. Der sensorisch-diskriminative Teil umfasst dagegen den primären und sekundären somatosensorischen Kortex.schmerzhafter Reiz fühlt sich für die meisten auch bei mehrmaliger Wiederholung schmerzhaft an, ohne dass es zu starken Gewöhnungseffekten kommt, die hingegen bei Emotionen oft auftreten können. Zudem sind die Grundlagen der Schmerzwahrnehmung im Gehirn bereits sehr gut erforscht und somit dazu geeignet, auf ihnen aufbauend Empathie zu untersuchen.

Das körpereigene Schmerznetzwerk im Gehirn kann grob in zwei Teile gegliedert werden: Der sensorische Teil arbeitet auf Hochtouren, um uns Informationen zur grundlegenden physischen Qualität des Schmerzes zu liefern, wie dessen Entstehungsort (Ellbogen), Art (stechend, kribbelnd) und Dauer (Sekunden). Der affektive Teil erfasst dagegen, wie subjektiv unangenehm der Schmerz ist und was getan werden muss, um ihn schnellstmöglich abzustellen. Beide Teile kreieren zusammen ein individuell verschiedenes sowie stark situationsabhängiges Schmerzerlebnis.

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