Editorial zur Themenausgabe: Wie verstehen wir andere besser?

Die Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Welt nachzuempfinden, wird oft als charakteristisch menschlich beschrieben. Aber wie genau funktioniert das mit dem „Gedankenlesen” und „Mitfühlen“? Welche psychologischen Prozesse sind beteiligt, wenn Menschen die Gedanken- und Gefühlswelt anderer erschließen, mental repräsentieren und sogar emotional miterleben? Wie entwickeln sich diese Prozesse im Laufe der Kindheit und Jugend? Was sind ihre neurobiologischen Grundlagen? Was kann schief gehen, wenn wir uns in andere hineinversetzen, und wie können wir als Individuen, Gruppen und Gesellschaften diese Fähigkeit fördern?

In so turbulenten und konfliktreichen Zeiten wie diesen erscheint unsere Fähigkeit zur Perspektivübernahme und Empathie wichtiger denn je. Wie können wir andere besser verstehen – auch wenn diese ganz andere Ansichten zu bestimmten Themen haben und uns so gar nicht ähnlich sind? Das vorliegende Themenheft widmet sich in zwei Ausgaben den aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen und Anwendungen von Perspektivübernahme, Empathie und sozialem Verhalten. Dabei wollen wir spannende und allgemeinverständliche Einblicke zu der Frage liefern, wie Menschen ihre eigenen Gedanken und Gefühle sowie die Innenwelt anderer repräsentieren, psychologisch verarbeiten und im sozialen Miteinander einsetzen. Wir haben dazu Beiträge von Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Teildisziplinen der Psychologie, den Neurowissenschaften und der Philosophie eingeladen, denn das Verstehen anderer ist ein so komplexer Vorgang, dass er am besten aus der Perspektive zahlreicher Disziplinen betrachtet wird.

Die erste Ausgabe des Themenheftes (04/2021) widmet sich den wissenschaftlichen Grundlagen des Verstehens anderer. Tobias Schuwerk nimmt in seinem Beitrag eine entwicklungspsychologische Perspektive ein und beschreibt, wie sich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme im Kindesalter entwickelt, und welche Rolle Eltern dabei spielen. Helena Hartmann, Markus Rütgen und Claus Lamm erläutern in ihrem Beitrag aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht wie das Phänomen der Schmerzwahrnehmung uns dabei helfen kann, die Emotionen anderer besser zu verstehen. Warum es uns so schwer fällt neutral zu bleiben, wenn wir uns das Verhalten von Menschen erklären, die wir als „anders” kategorisieren, beantworten Jana Mangels und Carsten Sander. Peter Eric Heinze und Ramzi Fatfouta betrachten Empathie aus dem Blickwinkel der Persönlichkeitspsychologie und gehen der Frage nach, wie sich diese bei Narzissten zeigt und ob diese tatsächlich besser darin sind, fremde Gefühle zu lesen und andere Menschen zu manipulieren. Dorothee Mischkowski überträgt in ihrem Beitrag das Konzept der Achtsamkeit auf den sozialen Kontext und zeigt, wie wir soziale Achtsamkeit durch spontane Perspektivübernahme und prosoziales Verhalten im Alltag zum Ausdruck bringen können. Im abschließenden Beitrag der ersten Ausgabe untersuchen Christian Tewes und Alexander Nicolai Wendt das philosophische Problem des Fremdpsychischen im sozialen Miteinander.  Das heißt, sie gehen der Frage nach, ob Menschen trotz ihrer Fähigkeiten zu Perspektivübernahme, Empathie und sozialem Verhalten überhaupt jemals gesichertes Wissen darüber erlangen können, was genau in den Köpfen anderer vorgeht. Sie diskutieren mögliche Lösungsansätze und plädieren dafür, dass die „primäre Empathie“ eine wesentliche Rolle in der Begegnung zwischen Menschen spielt.

Insgesamt eröffnen die Beiträge der ersten Themenausgabe einen interdisziplinären Zugang auf das Verstehen anderer. Dabei betrachten sie Perspektivübernahme, Empathie und soziales Verhalten als kognitive, affektive und behaviorale Aspekte eines komplexen psychologischen Prozesses. In ihren Beiträgen veranschaulichen die AutorInnen, dass nicht nur verschiedene Teildisziplinen der Psychologie wie Entwicklungspsychologie, Sozial- und Persönlichkeitspsychologie relevant sind, sondern dass wir den zutiefst menschlichen Prozess des Verstehens anderer selbst am besten verstehen, wenn wir auch die Perspektive anderer Disziplinen wie den Neurowissenschaften und der Philosophie integrieren. 

Die zweite Ausgabe des Themenheftes (01/2022) betrachtet das Verstehen anderer erneut aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und setzt dabei den Schwerpunkt auf die Anwendung der in Ausgabe 04/2021 erläuterten wissenschaftlichen Grundlagen von Perspektivübernahme, Empathie und sozialem Verhalten.

Die COVID-19 Pandemie hat die Art und Weise verändert, wie wir miteinander in Austausch treten – privat und beruflich. Pauline Petereit und Ulrike M. Krämer widmen sich der Rolle von Unmittelbarkeit und Nähe in unserer Kommunikation. Erschwert der digitale Austausch über Medien wie Video das gegenseitige Verständnis? Julia Bachmann, Jörn Munzert und Britta Krüger konzentrieren sich in ihrem Beitrag auf das, was wir erfahren können, wenn wir uns mit anderen mittels Körpersprache versuchen auszutauschen. Die AutorInnen beschreiben die Körpersprache anderer als nonverbale Signale, die wir nutzen, um uns die Innenwelt anderer Menschen zu erschließen. Geschriebener Text wird von Silvana Weber und Constanze Schreiner in ihrem Beitrag beleuchtet: Kann das Lesen von Geschichten wie die Abenteuer von Harry Potter unsere Fähigkeiten der Perspektivübernahme und Empathie verbessern? Sind Bücherwürmer einfühlsamere Menschen? Der Beitrag von Insa Fooken beschreibt Puppen als Werkzeuge zum Selbst- und Fremdverstehen. Sie thematisiert dabei unter anderem, wie etwa Interaktionen mit Puppen in einem Als-ob-Spiel in therapeutischen Kontexten Zugänge zu sich und zu anderen öffnen können. Nadine Vietmeier vermittelt in ihrem Beitrag wie künstliche Intelligenz (z. B. Roboter) als Hilfsmittel eingesetzt werden kann, um Menschen, die Probleme haben die mentalen Zustände anderer Personen zu erschließen oder deren Innenwelt nachzufühlen, das soziale Miteinander zu erleichtern. Pascal Vrtička und Trinh Nguyen betrachten aus neurowissenschaftlicher Perspektive, wie ein „Gleichklang” von Gehirnaktivitäten mit dem Verstehen unsers Gegenübers einhergeht. Mittels moderner bildgebender Verfahren kann die wechselseitige Anpassung der Gehirnaktivität zwischen Eltern und ihren Kindern untersucht und herausgefunden werden wie diese zum Beispiel mit dem Verhalten und der Beziehungsqualität zusammenhängt. Zwei weitere Beiträge beleuchten zum Abschluss noch einmal die Beziehung zwischen dem Selbst und anderen. Ayaka Tsuchiya und Stefan Schweinberger zeigen, welche Hinweise wir nutzen, um Verwandtschaft bei anderen Personen zu erkennen – zwischen uns selbst und anderen und sogar zwischen zwei uns unbekannten Menschen. Der Beitrag beschreibt, wie wir aus ganz unterschiedlichen Informationen (z. B. Gesichter, Stimmen, Gerüche) Verwandtschaftsinformationen gewinnen, welche wiederum unsere sozialen Interaktionen beeinflussen. Gabriela Hofer und Aljoscha Neubauer widmen sich abschließend der spannenden Frage, ob wir unsere eigenen Begabungen realistisch einschätzen können oder ob manchmal andere diese akkurater einschätzen. Falls andere manchmal besser wissen, was wir können und was nicht, dann können wir umgekehrt andere gelegentlich auch besser einschätzen als diese sich selbst – zum Beispiel bei der Berufswahl, die von realistischen Begabungseinschätzungen besonders profitieren dürfte.

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