Some things never change!? Zum Einfluss impliziter Intelligenztheorien auf unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen


Auf die Frage, wie sich eine Veränderbarkeitstheorie ganz konkret fördern lässt, gibt eine Serie von Studien Aufschluss, in der untersucht wurde, welche Konsequenzen Lob für Fähigkeiten im Vergleich zu Lob für Anstrengung auf die Motivation und Leistung von FünftklässerInnen hat (Mueller & Dweck, 1998). Die Autorinnen beobachteten, dass sich SchülerInnen, die bei der Bearbeitung von Aufgaben für ihr Talent gepriesen wurden, hinsichtlich verschiedener Erlebens- und Verhaltensmaße von SchülerInnen unterschieden, die bei der Bearbeitung von Aufgaben für ihre Anstrengung gelobt wurden. Letztere tendierten unter anderem eher zu einer Veränderbarkeitstheorie. Sie wählten außerdem nachfolgend häufiger Aufgaben, bei denen sie etwas Neues lernen konnten als solche, die sie schon kannten, berichteten eher bei der Aufgabenbearbeitung Spaß gehabt zu haben, arbeiteten nach Misserfolg ausdauernder weiter und lösten in der Folge mehr Aufgaben korrekt.


Anwendung: Welche Empfehlungen lassen sich für die pädagogische Praxis ableiten?

Vor dem Hintergrund der sozial-kognitiven Theorie der Motivation und auf Grundlage der geschilderten empirischen Befunde kann festgehalten werden, dass es grundsätzlich wünschenswert ist, dass Lernende ihre eigenen intellektuellen Fähigkeiten als veränderbar begreifen. Darüber hinaus lassen sich für die pädagogische Praxis Empfehlungen ableiten, wie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Vorstellung feststehender Eigenschaften aufgelöst und der Glaube an die Veränderbarkeit eigener Fähigkeiten gestärkt werden kann. Dies wird im Folgenden anhand konkreter Beispiele nachvollziehbar.Es ist grundsätzlich wünschenswert, dass Lernende ihre intellektuellen Fähigkeiten als veränderbar begreifen. Bild: congerdesign via pixabay (https://pixabay.com/de/bücher-studieren-literatur-lernen-2158737/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Es ist grundsätzlich wünschenswert, dass Lernende ihre intellektuellen Fähigkeiten als veränderbar begreifen. Bild: congerdesign via pixabay (https://pixabay.com/de/bücher-studieren-literatur-lernen-2158737/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)
Rückmeldungen zu Lern- und Leistungsergebnissen sollten auf das Verhalten fokussieren, anstatt sich auf die Person zu beziehen. Das heißt, dass eine Schülerin, die im Kunstunterricht ein gelungenes Bild fertig gestellt hat, für die Tätigkeit gelobt werden sollte (z. B. „Das hast du gut gemacht!“) anstatt für ihr Talent (z. B. „Du bist eine gute Zeichnerin!“). Will man einen Studierenden loben, der sich mit wertvollen Beiträgen an einer Diskussion beteiligt, so sollte sich das Feedback auf den Prozess beziehen (z. B. „Sie haben gut argumentiert!“), anstatt Eigenschaften zuzuschreiben (z. B. „Sie können gut argumentieren!“). Außerdem ist es sinnvoll, den Wert von Anstrengung zu betonen (z. B. „Das Bild ist gut geworden, weil du dir Mühe gegeben hast!“ bzw. „Ihre Argumente sind stichhaltig, weil Sie sich gut vorbereitet haben!“).


Schließlich gilt es festzustellen, dass sich implizite Intelligenztheorien nicht zuletzt auf Grundlage eigener Lernerfahrungen bilden. Daraus ergibt sich, dass die subjektiven Überzeugungen Lernender vor allem dadurch geformt werden können, dass man ihnen die eigenen Lernfortschritte vor Augen führt. Sogenannte Lerntagebücher, mithilfe derer Lernende ihren Lernprozess reflektieren, können hierfür ein nützliches pädagogisches Werkzeug sein. Beispielsweise könnte eine Mathematiklehrkraft ihren SchülerInnen am Ende jeder Unterrichtsstunde Gelegenheit geben aufzuschreiben, welches Thema behandelt wurde, ob sich Fragen dazu ergeben haben und wie sie Antworten auf diese finden wollen. Eine solche Maßnahme soll Lernende nicht nur dazu anregen, den eigenen Lernprozess aktiv mitzugestalten, sondern dient auch dazu, die Wahrnehmung eigener Fähigkeiten als veränderbare Eigenschaften zu fördern. Idealerweise wird Letzteres zudem durch Rückmeldungen der Lehrkraft unterstützt, die sich auf die individuellen Lernentwicklungen der SchülerInnen beziehen (z. B. „Das machst du jetzt viel besser als am Anfang des Schuljahres!“).


Fazit und Ausblick

Subjektive Überzeugungen darüber, ob intellektuelle Fähigkeiten stabil oder veränderbar sind, beeinflussen unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen in vielfältiger und bedeutsaSubjektive Überzeugungen darüber, ob intellektuelle Fähigkeiten stabil oder veränderbar sind, beeinflussen unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen. Bild: Pexels via pixabay (https://pixabay.com/de/bücher-füße-beine-person-lesung-1841116/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Subjektive Überzeugungen darüber, ob intellektuelle Fähigkeiten stabil oder veränderbar sind, beeinflussen unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen. Bild: Pexels via pixabay (https://pixabay.com/de/bücher-füße-beine-person-lesung-1841116/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)mer Weise. Eine Veränderbarkeitstheorie hat im Vergleich zu einer Stabilitätstheorie positive Effekte auf die Motivation und Leistung Lernender. Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und DozentInnen sollten deshalb im Umgang mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch geeignete Maßnahmen darauf hinwirken, dass diese ihre intellektuellen Fähigkeiten als veränderbar wahrnehmen.
In diesem Beitrag standen implizite Theorien über die Veränderbarkeit intellektueller Fähigkeiten sowie deren Effekte auf Lern- und Leistungsverhalten im Vordergrund. Abschließend bleibt deshalb nochmals anzumerken, dass sich implizite Theorien auch auf andere Eigenschaften beziehen (z. B. Persönlichkeit) und andere Aspekte des Erlebens und Verhaltens von Personen in Bildungseinrichtungen beeinflussen können (z. B. Sozialverhalten). Dabei lassen sich für die Bewältigung sozialer Herausforderungen (z. B. Mobbing) parallele Forschungsergebnisse wie bei der Bewältigung akademischer Herausforderungen beobachten: SchülerInnen mit einer Veränderbarkeitstheorie der Persönlichkeit zeigen sich belastbarer gegenüber Herausforderungen (z. B. geringeres Stresserleben) als SchülerInnen mit einer Stabilitätstheorie der Persönlichkeit (für einen Überblick hierzu siehe Yeager & Dweck, 2012).