Wie man sich fühlt, so lernt man – Der Einfluss von Emotionen auf Lernprozess und Lernerfolg

Negative Emotionen und Lernerfolg

Negative deaktivierende Emotionen wie Langeweile oder Hoffnungslosigkeit sind häufig mit einer Reduzierung der intrinsischen Motivation verbunden und begünstigen damit das Verlassen oder Vermeiden vonLeistungssituationen (D’Mello & Graesser, 2012). In der Praxis sollten diese Emotionen daher möglichst vermieden werden. Negative aktivierende Emotionen können dagegen komplexe Effekte auf das Lernen haben und sind entgegen der Erwartungen nicht immer schädlich für den Lernerfolg. Während Emotionen wie Ärger oder Scham beim Lernen eher dazu führen, dassman sich schneller ablenken lässt und häufiger aufschiebt, kann Angst sogar motivationssteigernde Einflüsse haben (Pekrun, 2006). So investiert man oftmals dann besonders viele Ressourcen in die Prüfungsvorbereitung, wenn man Sorge hat, die Prüfung nicht zu bestehen. Ein gewisses Angstniveau kann demnach tatsächlich lernförderlich sein. Manspricht hierbei von einem umgekehrt u-förmigen Zusammenhang zwischen Lernleistung und Prüfungsangst (s. Abb. 3). Dabei führt ein moderates Niveau an Angst zu einem optimalen Einfluss auf das Lernen. Hat man dagegen wenig Angst vor dem Bestehen einer Prüfung, so unterschätzt man unter Umständen die Anforderungen und bereitet sich nicht ausreichend vor; ein böses Erwachen ist dann nicht auszuschließen. Ab einer bestimmten Stärke kann Angst allerdings auch dazu führen, dass man die Leistungssituation erst gar nicht aufsucht.

Graphik von Hannes Münchow

Nach Fredrickson (2001) hängen negative aktivierende Emotionen zudem mit dem Einsatz von eher analytischen und detailorientierten Lernstrategien zusammen. Ist man beispielsweise negativ aktiviert, weil man etwas nicht versteht, versucht man durch das Suchen und Bearbeiten weiterer Informationsquellen, den Inhalt letztlich doch zu begreifen. Ergebnisse einer Reihe von Studien, bei denen mithilfe sogenannter affektsensitiver AutoTutorenLerner-Tutor-Interaktionen simuliert wurden, stützen diese Befunde (siehe Graesser & D’Mello, 2011). Dabei ist insbesondere das Gefühl des Verwirrt-Seins beim Lernen als Ausgangspunkt einer vertiefenden Auseinandersetzung mit besonders anspruchsvollen Lerninhalten anzusehen. In aktuellen eigenen Arbeiten deuten erste Befunde ebenfalls darauf hin, dass Verwirrung die am häufigsten wahrgenommene Emotion beim Lernen komplexer Lerninhalte ist. Gelingt es nun dem Lernenden, die Verwirrung zu lösen, beispielsweise indem der Lerninhalt letztlich doch verstanden wird, so entstehen positiv aktivierende Emotionen wie Freude. Ist man jedoch auch nach längerer und intensiverer Beschäftigung mit dem Lernthema nicht in der Lage, die Inhalte zu erfassen, so führt dies nach einer bestimmten Zeit zu lernhinderlicher Frustration oder Langeweile.

Positive Emotionen und Lernerfolg

Auch bezüglich der positiven Leistungsemotionen zeigen sich inhomogene wissenschaftliche Befunde. Positive Emotionen sind demnach nicht immer lernförderlich. So zeigen einige Arbeiten, dass insbesondere positive deaktivierende Emotionen wie Entspannung oder Erleichterung negativ auf den Lernerfolg wirken können (z. B. Aspinwall, 1998). Die Autoren begründen diese Ergebnisse meist damit, dass Lernende dabei das Gefühl hätten, das Lernen laufe gerade „wie am Schnürchen“ und der Aufwand müsse daher nicht intensiviert werden. Positive aktivierende Emotionen dagegen sind häufig mit Lernverbesserungen und einer Erhöhung der intrinsischen Motivation verbunden. So verbessern sie unter anderem die Erinnerungsleistung sowie die Aufgabenpersistenz (z. B. Efklides, Kourkoulou, Mitsiou & Ziliaskopoulou, 2006; Fredrickson, 2001). Darüber hinaus sind diese Emotionen mit erhöhter Kreativität und einer besseren Problemlösefähigkeit verknüpft (Pekrun, Goetz, Titz & Perry, 2002). Insgesamt sprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse also dafür, dass positive aktivierende Emotionen das Lernen positiv beeinflussen können.

Wie lernt man jetzt also am besten?

Komplexe Lerninhalte müssen nicht unbedingt auf Anhieb lösbar, sollten jedoch durch das Anwenden tieferer Lernstrategien zielführend zu bearbeiten sein. Der Lernende sollte dabei das Gefühl haben, dass auch schwierige Lerninhalte selbstgesteuert verstanden werden können. Hierzu ist jedoch ein ausreichendes Maß an (meta-)kognitiven Kompetenzen nötig, da das eigene Lernverhalten reflektiert und gegebenenfalls geändert werden muss. Wie oben beschrieben nehmen Leistungsemotionen allerdings großen Einfluss auf diese Kompetenzen sowie die Motivation, überhaupt zu lernen. Daher ist es zentral, den schädigenden Einfluss lernhinderlicher Emotionen möglichst gering zu halten und die Wirkung lernförderlicher Emotionen zu stärken. Empirische Befunde legen dabei nahe, dass vor allem das Umformulieren und Uminterpretieren dysfunktionaler (in diesem Kontext: lernhinderlicher) Gedanken gute Strategien sind, negative Emotionen zu regulieren (z. B. Webb, Miles & Sheeran, 2012). Im Leistungskontext betrifft dies vor allem die Veränderung lernhinderlicher Kontroll- und Wertüberzeugungen. So sollte beispielsweise das Umformulieren übertrieben negativer Konsequenzen im Falle des Scheiterns in einer Leistungssituation dazu führen, Prüfungsangst zu senken.

Ein zweiter Ast zur Verbesserung des Lernerfolgs könnte darin bestehen, gezielt lernförderliche positiv aktivierende Emotionen herzustellen. Diese, als Emotionsinduktion bezeichnete Intervention, wird unter anderem im Bereich der Psychotherapie oder der Stressbewältigung eingesetzt. In der instruktionspsychologischen Lehr-Lernforschung, also der Forschung über die optimale Gestaltung von Lernsituationen, konnten Um, Plass, Hayward und Homer (2012) durch eine speziell gestaltete multimediale Lernumgebung genau diese Emotionen induzieren. Dazu wurden helle, stark gesättigte Farben sowie abgerundete und mit menschenähnlichen Figuren ausgestattete Grafiken verwendet. Probanden/-innen, die mithilfe dieser Lernumgebung lernten, zeigten neben mehr positiven Emotionen auch eine höhere Lernleistung und Leistungsmotivation. Aufbauend auf diesen Arbeiten, konnten wir diese Ergebnisse weiter differenzieren (siehe auch Park, Knörzer, Plass & Brünken, 2015). So fanden wir heraus, dass die Induktion positiver aktivierender Emotionen unterschiedlich auf verschiedene Aufgabentypen wirken kann. Sollten beispielsweise Fakten erinnert werden, so zeigte sich, dass Probanden/-innen, die vor dem Lernen stark negativ gestimmt waren, schlechter lernten als Probanden/-innen, die neutral oder positiv gestimmt waren. Induzierte man dieser Subgruppe allerdings positive aktivierende Emotionen, so verschwand diese Lernverschlechterung. Das Herbeiführen positiver Emotionen wirkte hierbei also schützend vor lernhinderlichen Auswirkungen negativer Emotionen. Bestand die Aufgabe der Lernenden dagegen eher darin, vorhandenes Wissen auf neue Sachverhalte zu übertragen (=Transferlernen), so zeigten unsere Ergebnisse, dass besonders dann von zusätzlich herbeigeführten positiven Emotionen profitiert wurde, wenn Lernende vorher schon eine gute Laune hatten. Neben der Induktion positiver Emotionen durch externe Quellen, wie das Lernmaterial, kann auch der Lernende selbst darauf achten, gezielt lernförderliche Emotionen zu erzeugen. Dies könnte beispielsweise realisiert werden, indem vor dem Lernen gezielt an zurückliegende akademische Erfolge erinnert wird.

Take-Home Message

Dass Emotionen tatsächlich eine wesentliche Rolle beim Lernen spielen, kann als gesichert angenommen werden. Was und wie stark wir fühlen, kann zum Teil gravierenden Einfluss auf die Lernleistung nehmen. Die gute Nachricht dabei: der Lernende kann lernhinderliche Emotionen selbst regulieren. Zudem lassen sich lernförderliche Emotionen beispielsweise durch die Gestaltung des Lernmaterials gezielt herstellen. Daneben kann es durchaus helfen, sich vor dem Lernen bereits in eine positive Stimmung zu bringen. Trotzdem ist die Forschung zu Leistungsemotionen noch immer recht neu, weswegen uns in Zukunft eine Vielzahl neuer und spannender Befunde und Theorien begegnen werden, die es zu diskutieren gilt. Was will man als Wissenschaftler mehr?

Literatur

Aspinwall, L. G. (1998). Rethinking the role of positive affect in self-regulation. Motivation and Emotion, 22, 1-32.

Craig, S., Graesser, A., Sullins, J. & Gholson, B. (2004). Affect and learning: An exploratory look into the role of affect in learning with AutoTutor. Learning, Media and Technology, 29, 241–250.

D’Mello, S. K. & Graesser, A. C. (2012). Dynamics of affective states during complex learning. Learning and Instruction, 22, 145-157.