Geschlechterfair geschriebene Texte lesen: wozu und wie mühsam ist das?

Wie möchten Sie angesprochen werden, während Sie diesen Text lesen: Sind Sie Leserinnen und Leser, LeserInnen, Leser*innen, Leser_innen, ganz herkömmlich Leser, oder doch lieber Lesende? Welche Konsequenzen haben all diese unterschiedlichen Formen, und zwar sowohl für die Assoziationen zur Anrede, aber speziell auch für die Verarbeitung und das Verständnis des Texts? Angesichts der recht emotional und teilweise ideologisch geführten Debatte darüber, erscheint ein nüchterner Blick auf die Fakten erfolgversprechend.

Sprache und Denken

Wie bezeichnen wir Menschen, die auf dem Schild in Abbildung 1 zu sehen sind? Die übliche Bezeichnung „die Fußgänger“, die den Plural kennzeichnet, ist auf die männliche Singularform (der Fußgänger) zurückzuführen. Die Benennung weiblicher Personen lautet korrekt „die Fußgängerinnen“. Müsste das Schild dann nicht auch auf eine „Fußgängerinnenzone“ hinweisen? Aber wären dann nicht ausschließlich Frauen gemeint, die hier zu Fuß gehen sollen?

Dieses Schild kennzeichnet eine Fußgängerzone in Deutschland. Dargestellt sind eine Frau und ein Kind. Bild: CopyrightFreePictures via Pixabay (https://pixabay.com/en/traffic-sign-road-sign-shield-6641/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).Dieses Schild kennzeichnet eine Fußgängerzone in Deutschland. Dargestellt sind eine Frau und ein Kind. Bild: CopyrightFreePictures via Pixabay (https://pixabay.com/en/traffic-sign-road-sign-shield-6641/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).

Die geläufige Pluralform im Deutschen, aber auch in vielen anderen Sprachen, ist das generische Maskulinum. Was ist an dieser Form des generischen Maskulinums auszusetzen? Ist es nicht egal, aus welcher Laut- und Zeichenfolge ein Wort besteht? Ist nicht sogar eben diese Eigenschaft, zufällige Folgen zu einer Sinneinheit generieren zu können, eine wesentliche Eigenschaft von Sprache und gar ein Zeichen menschlicher Intelligenz? Ist es zulässig, dass ein kulturelles Gut wie die Sprache, die sich über 2000 Jahre entwickelt, aus gesellschaftspolitischen Gründen verändert wird? Und was kann durch eine Veränderung des Sprachgebrauchs erreicht werden?

Ausgehend von der Annahme, dass unsere Sprache das Denken prägt, haben die Auswahl und die Form der Wörter einen großen Einfluss auf unser Denken. Diese Grundthese wird unter dem Begriff linguistische Relativitätsannahme (z. B. Boroditsky, Schmidt & Phillips, 2003) diskutiert. Typische Argumente für die linguistische Relativität sind folgende: Levinson und Haviland (1994) zeigten, dass in Sprachen, in denen Positionen von Objekten mit absoluten Himmelsrichtungen beschrieben werden (z. B., nördlich von, im Westen) im Vergleich zu Sprachen mit relativen Richtungsangaben (z. B. links, hinter) das Orientierungsvermögen besser ist. Ein anderes Beispiel, wie Sprache und Denken verschränkt sind, zeigt, dass die Schreibrichtung (von links nach rechts, von oben nach unten) die Zeitvorstellungen prägt (Boroditsky et al., 2003). Die Möglichkeiten und Einschränkungen unserer Sprache seien also die Grenzen des Denkbaren. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe anzunehmen, dass auch die Verwendung maskuliner oder femininer Formen unsere Wahrnehmung und unser Denken beeinflusst. Wie stark der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken ist, ist umstritten. Unbestritten ist, dass Sprache Bewertungen hervorruft.  So sind Benennungen wie „Krüppel“, „Putze“, „Neger“ mit negativen Assoziationen verknüpft. Auch die geschlechtliche Zuschreibung von Wörtern beeinflusst unser Denken. Dafür gibt es eindrucksvolle wissenschaftliche Belege. Zum Beispiel schreiben Menschen selbst leblosen Objekten je nach ihrem grammatischen Geschlecht unterschiedliche Eigenschaften zu. So wird die grammatikalisch weibliche „Brücke“ im Deutschen als schön und elegant beschrieben. während sie im Spanischen als männliche „il ponte“ mit den Eigenschaften mächtig und stark beschrieben wird (Boroditsky & Schmidt, 2000). Hier zeigen sich also Effekte von der Grammatik auf die Wortbedeutung.

Geschlechterfaire Schreibung

Wie hängt nun das generische Maskulinum mit Geschlechtergerechtigkeit zusammen? Ein wichtiges Argument lautet, dass Frauen beim generischen Maskulinum nicht sichtbar sind. Dafür gibt es handfeste Daten. So führt der Einsatz geschlechtergerechter Personenbezeichnungen in der Regel zu einer gedanklichen Berücksichtigung beider Geschlechter (Blake & Klimmt, 2010). Die Verwendung des generischen Maskulinums hat dagegen zur Folge, dass die weiblichen Mitglieder einer Gesamtheit weniger mitgedacht werden (Braun, Gottburgsen, Sczesny & Stahlberg, 1998; Stahlberg & Sczesny, 2001). So wurden beim Lesen eines Werbetextes für eine Musikhochschule in erster Linie männliche Musizierende assoziiert wenn der Text im generischen Maskulinum verfasst war. Waren die Texte hingegen in geschlechterfairer Sprache formuliert, wurde die Frage nach dem Geschlecht der Figuren ausgeglichen beantwortet (Huckauf, Hensel, Oberzaucher & Ehlers, 2018). Der Gebrauch des generischen Maskulinums kann also zu einer Verstärkung von wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern führen und somit einer Gleichstellung entgegenwirken (Prewitt-Freilino, Caswell & Laasko, 2011). Das Hauptargument für die Beibehaltung des generischen Maskulinums beruht auf seiner Überlegenheit in Beliebtheit und Bewertung der Lesbarkeit (Braun, Oelkers, Rogalski, Boask & Sczesny, 2007) sowie auf besserem Verständnis (Rothmund & Christmann, 2003). Es ist jedoch anzunehmen, dass durch den vermehrten Gebrauch geschlechtergerechter Sprache in den seither verstrichenen 10-15 Jahren diese Effekte reduziert wurden.

Aus den Sprach- und den Sozialwissenschaften kamen deshalb Vorschläge, wie die (Schrift-) Sprache verändert werden muss um sie geschlechterfair zu machen.

In Sprachen wie dem Deutschen ist die Beidnennung (Ärztinnen und Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer, …) eine naheliegende Möglichkeit, um beide Geschlechter sichtbar zu machen. Allerdings werden sprachliche Äußerungen durch Beidnennung deutlich länger und teilweise syntaktisch komplexer. Das gilt insbesondere für Relativsätze, die auf ein Substantiv verweisen und dabei stets beide Geschlechter benennen (die/der...ihre/seine).
Deshalb wurden alternativ Vorschläge entwickelt, wie beide Geschlechter genannt werden können, ohne diese Verlängerung von Sätzen zu erhalten; z. B. Gender*, BinnenI oder Gender_Gap. Tabelle 1 gibt einen Überblick über ausgewählte Beispiele und die damit verbundenen Anpassungen. Auch diese Schreibweisen bringen Vor- und Nachteile mit sich. So wird beim BinnenI angeführt, dass dieses eine überstarke Verschiebung zum weiblichen Geschlecht darstellt. Tatsächlich nennen Testpersonen bei der Verwendung dieser Formulierung fast ausschließlich weibliche Protagonisten (Huckauf et al., 2018). Zudem weisen unsere Daten darauf hin, dass Personen mit offen sexistischen Überzeugungen dazu neigen, das Lesevergnügen unter Verwendung des BinnenIs als besonders gering zu bewerten. Als weiteres Argument wird von einigen Kritiker*innen angeführt, dass diese Schreibweise – ähnlich der Beidnennung – die Vorstellung einer streng binären Geschlechterstruktur aufrechterhält.

Geschlechtergerechtes Kommunizieren ist nicht auf verbale Ausdrucksweise beschränkt. Auch in Piktogrammen und Hinweisschildern sind Geschlechterstereotype versteckt. Die Ampelpärchen machen unterschiedliche Varianten des Zusammenlebens sichtbar. Hier kann größere Inklusivität durch zufällige Kombinationen erreicht werden. Bild: © Stadt Wien/GSK https://www.wien.gv.at/verkehr/ampeln/neue-ampelsymbole.htmlGeschlechtergerechtes Kommunizieren ist nicht auf verbale Ausdrucksweise beschränkt. Auch in Piktogrammen und Hinweisschildern sind Geschlechterstereotype versteckt. Die Ampelpärchen machen unterschiedliche Varianten des Zusammenlebens sichtbar. Hier kann größere Inklusivität durch zufällige Kombinationen erreicht werden. Bild: © Stadt Wien/GSK https://www.wien.gv.at/verkehr/ampeln/neue-ampelsymbole.htmlEin radikal anderer Ansatz basiert auf der kompletten Umkehrung der herrschenden Verhältnisse.  Er fordert die Verwendung des generischen Femininums. Prominentes Beispiel hierfür ist die Universität Leipzig, deren Senat 2013 beschloss, grundsätzlich in der weiblichen Form zu kommunizieren. Unter der Prämisse, dass die männliche mitgemeint sei.

Besser (geschlechts)neutral formulieren?

Alle vorgenannten sprachlichen Varianten zielen auf die Sichtbarmachung beider Geschlechter. Ihr Ziel ist also, für eine faire sprachliche Würdigung beider Geschlechter zu sorgen. Dies bedeutet aber auch eine insgesamt stärkere Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf das Geschlecht, ob dies gewollt ist oder nicht. Notwendigerweise folgt daraus wiederum, dass anderen Inhalten weniger Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Unser Aufnahmevermögen ist begrenzt. Es stellt sich also die Frage, wie groß diese teilweise unbeabsichtigten Aufmerksamkeitslenkungen sind. Unsere Untersuchung zu Blickbewegungen beim Lesen geschlechtergerechter Texte konnte zeigen, dass die visuelle Aufmerksamkeit der Testpersonen tatsächlich in erhöhtem Maße den geschlechterbetonenden im Vergleich zu den generisch maskulinen Formulierungen zugewendet wurde. So verharrte der Blick der Versuchspersonen für kurze Zeit auf den geschlechtergerechten Begriffen oder kehrte sprunghaft dahin zurück. Beides führte zu Unterbrechungen des Leseflusses. Interessanterweise waren erhöhte Schwierigkeiten im Verständnis der Texte damit jedoch nicht verbunden (Huckauf et al., 2018). Selbstverständlich können wir nicht ausschließen, dass sich diesbezügliche Effekt mit mehr oder anderen Testpersonen oder auch mit mehr oder anderen Textpassagen gezeigt hätten. Zunächst bleibt allerdings davon auszugehen, dass keine Unterschiede in der Verstehensleistung zwischen den Schreibungen bestehen. Es kann daher an dieser Stelle festgehalten werden, dass die ungewohnten Formulierungen zwar zunächst mehr Aufmerksamkeitszuwendung erfordern, das übergeordnete Textverstehen jedoch gewährleistet bleibt.

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