…aber ich kann etwas anderes gut! – Wie Selbstbestätigung hilft Unangenehmes zu akzeptieren.

In den letzten Jahren hat sich vor allem die Forschung zur Gesundheitsförderung als ein wichtiger Anwendungsbereich der Selbstbestätigungstheorie herausgestellt. Wie die Studie von Jemmott et al. weiter oben zeigt, kann es bei der Kommunikation über gesundheitliche Risiken oft zu defensiven Reaktionen kommen, die die Wirkung von Maßnahmen einschränken. In der Studie mit den Warnhinweisen auf den Zigarettenschachteln (Harris et al., 2007) zeigte sich ein weiteres Ergebnis, das die Selbstbestätigungstheorie besonders interessant für Anwendungen im Gesundheitsbereich macht: Bei Personen, die viel rauchten – also ein viel höheres Risiko für gesundheitliche Probleme hatten – waren die Effekte der Selbstbestätigung am stärksten. Das lässt sich sehr gut mit der Theorie in Einklang bringen. Bei Personen, die intensiv riskante Verhaltensweisen wie Rauchen betreiben, sind diese Verhaltensweisen wichtige Bestandteile des Selbst-Systems. Wenn Informationen von außen kommen, die diesen Bereich angreifen, beispielsweise die Information „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“, stellt das eine besonders starke Bedrohung für das Selbst-System dar. Schließlich wird man ja darauf hingewiesen, dass man sich unvernünftig verhält. Auf so etwas reagiert das System defensiv, etwa durch Ignorieren oder Uminterpretieren der Warnungen. Bei Personen, die ihr Selbst-System vorher bestärken können, stellen solche Hinweise aber keine akute Bedrohung für das System mehr dar. Deswegen können sie weniger verzerrt wahrgenommen und verarbeitet werden. Das kann Menschen dabei helfen, sich weniger auf den kurzfristigen Nutzen für das Selbstbild und stattdessen mehr auf den längerfristigen Nutzen für die Gesundheit zu konzentrieren. Ähnliche Effekte zeigen sich auch in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Sonnenschutz, Brustkrebsvorsorge oder gesunder Ernährung (ein Überblick findet sich bei Harris & Epton, 2009).

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Wie funktioniert das eigentlich – Wirkmechanismen von Selbstbestätigung

Bislang gibt es relativ wenig Forschung dazu, wie Selbstbestätigung eigentlich funktioniert. Die Annahmen der Theorie über die Zusammenhänge der Bereiche im Selbst-System lassen sich nur schwer überprüfen. Daher haben sich Studien bislang darauf konzentriert, mögliche Mechanismen und förderliche oder hinderliche Bedingungen zu untersuchen. Zum Beispiel konnten Klein und Harris (2009) zeigen, dass Personen nach einer Selbstbestätigungs- Manipulation schneller auf Worte reagieren, die mit einer vorher erwähnten gesundheitlichen Bedrohung zusammenhängen. Das weist darauf hin, dass die Verarbeitung von solchen möglicherweise bedrohlichen Worten durch Selbstbestätigung erleichtert wird. Allerdings steckt die Forschung zu Wirkmechanismen noch in den Anfängen – außer dieser Studie gibt es dazu kaum Arbeiten. Bei der Untersuchung von förderlichen und hinderlichen Faktoren ergibt sich ein ähnliches Bild. Interessanterweise scheint es aber so zu sein, dass Selbstbestätigung insbesondere bei Risikogruppen effektiv ist: In einer Studie mit Rauchern mit niedrigem sozio-ökonomischem Status zeigten sich Effekte von Selbstbestätigung auf die Akzeptanz und die Reaktionen auf offizielle Raucher-Informationsbroschüren (Armitage, Harris, Hepton, & Napper, 2008). Dies ist insbesondere deswegen wichtig, weil es sich bei dieser Personengruppe um eine Hochrisikogruppe handelt, die für Gesundheitsfördermaßnahmen nur schwer zu erreichen ist. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die Inhalte von Selbstbestätigungs-Manipulationen einen Einfluss auf die Wirksamkeit der Selbstbestätigung haben. So konnten zum Beispiel Lehmiller und Kollegen (2010) zeigen, dass Versuchspersonen, die ihre familienbezogenen Werte bestärkten, gleich starke Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Elternpaaren behielten wie Personen, die keine Selbstbestätigung durchführten. Nur bei Personen, die einen völlig anderen Bereich ihres Selbst-Systems bestärkten, zeigte sich eine deutliche Abnahme von Vorurteilen. Dieser Effekt war außerdem bei Personen am größten, die ohnehin schon starke familienbezogene Überzeugungen hatten. Das deutet darauf hin, dass insbesondere die Bestärkung von Bereichen, die nichts mit der bedrohlichen Information zu tun haben, einen positiven Einfluss haben.

Zukünftige Forschung

Diese beiden Punkte zeigen auch, auf welche Bereiche sich die zukünftige Forschung zur Selbstbestätigung konzentrieren sollte: Wirkmechanismen und förderliche oder hinderliche Bedingungen. Neben Aufmerksamkeitstendenzen könnte man sich noch weitere Prozesse der Informationsverarbeitung vorstellen, die durch Selbstbestätigung betroffen sind, wie zum Beispiel emotionale Assoziationen mit Einstellungsobjekten. Die Beispiele oben zeigen aber auch, dass die Selbstbestätigungstheorie im Bereich der Gesundheitsförderung angewendet werden kann. Schließlich zeigt sie einen Weg auf, wie Hochrisikogruppen gezielt angesprochen werden können.

Fazit

Die Selbstbestätigungstheorie (Self-Affirmation Theory; Steele & Berkowitz, 1988) erklärt, warum Menschen oft mit Ausflüchten oder Verzerrungen auf Informationen reagieren, die ihr Selbstbild gefährden. Sie erklärt aber auch, dass Menschen, die Bereiche bestärken, die durch diese Informationen nicht betroffen sind, objektiver mit solchen Informationen umgehen können, weil das Selbst-System nicht mehr in Gänze bedroht wird. Die Theorie ist besonders in Bereichen wichtig, in denen Informationen vermittelt werden, die für das Selbstbild bedrohlich sein könnten. Dazu zählt zum Beispiel die Aufklärung über gesundheitliche Risiken.
Bevor Sie also das nächste Mal jemandem zu einem gesünderen Lebensstil raten, sollten Sie ihm/ihr vorher die Möglichkeit geben, sich selbst zu bestätigen. Die Ratschläge dürften dann eine positivere Resonanz als den Hinweis auf rauchende Altkanzler haben.

Literaturverzeichnis

  • Armitage, C. J., Harris, P. R., Hepton, G., & Napper, L. (2008). Self-affirmation increases acceptance of health-risk information among UK adult smokers with low socioeconomic status. Psychology of Addictive Behaviors, 22(1), 88-95.
  • Aronson, E. (1969). The theory of cognitive dissonance: A current perspective. In L. Berkowitz (Ed.). Advances in Experimental Social Psychology, 4, 1–34. New York: Academic Press.
  • Cohen, G. L., Aronson, J., & Steele, C. M. (2000). When beliefs yield to evidence: Reducing biased evaluation by affirming the self. Personality and Social Psychology Bulletin, 26(9), 1151-1164.
  • Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.
  • Harris, P. R., & Epton, T. (2009). The impact of self-affirmation on health cognition, health behaviour and other health-related responses: A narrative review. Social and Personality Psychology Compass, 3(6), 962-978.
  • Harris, P. R., Mayle, K., Mabbott, L., & Napper, L. (2007). Self-affirmation reduces smokers' defensiveness to graphic on-pack cigarette warning labels. Health Psychology, 26(4), 437-446.
  • Jemmott, J. B., Ditto, P. H., & Croyle, R. T. (1986). Judging health status: Effects of perceived prevalence and personal relevance. Journal of Personality and Social Psychology, 50, 899-905).
  • Klein, W. M. P., & Harris, P. R. (2009). Self-affirmation enhances attentional bias toward threatening components of a persuasive message. Psychological Science, 20(12), 1463-1467.
  • Lehmiller, J. J., Law, A. T., & Tormala, T. T. (2010). The effect of self-affirmation on sexual prejudice. Journal of Experimental Social Psychology, 46(2), 276-285.
  • McQueen, A., & Klein, W. M. P. (2006). Experimental Manipulations of Self-Affirmation: A Systematic Review. Self and Identity, 5(4), 289-354.
  • Sherman, D.K., & Cohen, G.L. (2006). The psychology of self-defense: Self-affirmation theory. In M.P. Zanna (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 38, pp. 183–242). San Diego, CA: Academic Press.
  • Steele, C. (1988). The psychology of self-affirmation: Sustaining the integrity of the self. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 2 I, pp. 181-227). San Diego, CA: Academic Press.

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