Auf der gleichen Wellenlänge – verstehen sich Eltern und Kinder besser durch Gleichklang im Gehirn?

Und was ergaben diese Studien? Eltern-Kind Paare zeigten wechselseitige Anpassung der Gehirnwellen vor allem dann, wenn sie gemeinsam Probleme lösten – signifikant stärker, als wenn sie alleine Probleme lösten oder sich in Ruhephasen befanden. Zudem gab es in vielen Fällen einen Zusammenhang zwischen der neuronalen Synchronität und dem Erfolg in der Zusammenarbeit. Mit anderen Worten, je synchroner beispielsweise das gemeinsame Computerspiel oder puzzeln war, desto höher war auch die neuronale Synchronität (z.B. Nguyen et al., 2020a, 2021). Darüber hinaus wurde bei den Gesprächen die wechselseitige Anpassung der Gehirnwellen mit zunehmender Gesprächsdauer stärker (Nguyen, 2020b). Erhöhte neuronale Synchronität wurde in allen Studien vorwiegend in Gehirnregionen gefunden, die für das Fassen gemeinsamer Absichten, die gegenseitige Perspektivenübernahme und die Aufmerksamkeitskontrolle eine Rolle spielen. WissenschaftlerInnen gehen daher davon aus, dass die neuronale Synchronität direkt mit unserem Verhalten und dem Verstehen anderer während sozialen Interaktionen zusammenhängt (Hoehl et al., 2020).

Unterschiede in der Wechselseitigen Anpassung der Gehirnaktivität

Gemeinsames Problemlösen oder miteinander sprechen erhöht also grundsätzlich die wechselseitige Anpassung der Gehirnaktivität bei Eltern-Kind Paaren. Doch ist das Ausmaß der neuronalen Synchronität bei allen Eltern-Kind Paaren gleich, oder gibt es dabei Unterschiede? Neuste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Ausmaß der neuronalen Synchronität und sowohl der Eltern-Kind Beziehungsqualität als auch dem Geschlecht des Elternteils und Kindes.

Wie wird der Zusammenhang zwischen neuronaler Synchronität und Eltern-Kind Beziehungsqualität ermittelt? Eine Möglichkeit dazu basiert auf der Bindungstheorie. Im Rahmen dieser Theorie wird angenommen, dass sich eine bessere Beziehungsqualität durch feinfühliges, emotional unterstützendes Verhalten der Eltern gegenüber ihrem Kind äußert. Genauer gesagt, zeichnet sich die elterliche Feinfühligkeit insbesondere durch spontane, wechselseitige Reaktionen in der Interaktion und ein stärkeres elterliches Zulassen der Initiative des Kindes aus. Da bei vielen der zuvor beschriebenen Studien auch Videoaufnahmen der Interaktion gemacht wurden, konnten neben der neuronalen Synchronität auch Indikatoren der Beziehungsqualität wie die der elterlichen Feinfühligkeit betrachtet werden. So ging zum Beispiel bei Mutter-Kind Paaren, die zusammen Puzzles lösten, die neuronale Synchronität mit häufigeren wechselseitigen Reaktionen sowie stärkerer Initiative des Kindes und daher erhöhter mütterlicher Feinfühligkeit einher (Nguyen et al., 2020a). Bild 3: Schematische Darstellung eines typischen fNIRS Experiments zur Erfassung der wechselseitigen Anpassung der Gehirnaktivität in Eltern-Kind Paaren. Oben: Gemeinsames lösen von Puzzeln. Unten: Voneinander unabhängiges lösen von Puzzeln. Bild 3: Schematische Darstellung eines typischen fNIRS Experiments zur Erfassung der wechselseitigen Anpassung der Gehirnaktivität in Eltern-Kind Paaren. Oben: Gemeinsames lösen von Puzzeln. Unten: Voneinander unabhängiges lösen von Puzzeln.

Basierend auf der Bindungstheorie kann die Eltern-Kind Beziehungsqualität auch mithilfe von Fragebögen erfasst werden. Diese Fragebögen ermitteln meist sogenannte Bindungsrepräsentationen, welche das Vertrauen in die Fürsorgebereitschaft anderer und ein positives oder negatives Selbstbild ermitteln. Die zugrundeliegende Annahme dabei ist, dass Bindungsrepräsentationen aus früheren Erfahrungen mit der Feinfühligkeit relevanter Bezugspersonen erlernt und im Gedächtnis behalten werden. In einer Studie zur neuronalen Synchronität wurde die Bindungsrepräsentation der Kinder gegenüber ihrer Mutter mithilfe eines solchen Bindungsfragebogens ermittelt und anschließend mit der wechselseitigen Anpassung der Gehirnwellen während eines Computerspiels in Verbindung gebracht. Es zeigte sich, dass die neuronale Synchronität beim gemeinsamen Spielen etwas schwächer war, wenn die Kinder ihre Bindung zur Mutter vermehrt mit unsicher-vermeidenden Bindungsrepräsentationen assoziierten (Miller et al., 2019). Die unsicher-vermeidende Bindung zeichnet sich durch abgeschwächtes Bindungsverhalten und stärkeres Bedürfnis für Unabhängigkeit und Selbstkontrolle aus. Meist entstehen solche Verhaltensweisen durch wenig Nähe und Geborgenheit seitens der Bezugsperson. Diese Studienergebnisse deuten daher auf einen Zusammenhang zwischen neuronaler Synchronität und Bindungsrepräsentationen als einem Maß der Eltern-Kind Beziehungsqualität hin. Weitere Untersuchungen sind jedoch notwendig um diesen Zusammenhang genauer zu erforschen.

Neben der Beziehungsqualität scheint das Geschlecht der Eltern und des Kindes für die neuronale Synchronität ebenfalls eine Rolle zu spielen. So gab es nur einen Zusammenhang zwischen dem Interaktionsverhalten und dem Ausmaß der wechselseitigen Anpassung der Gehirnwellen in einer Studie in Mutter-Kind Paaren (Nguyen et al., 2020a), nicht aber in einer anderen Studie in Vater-Kind Paaren (Nguyen et al., 2021). Das gemessene Interaktionsverhalten war dabei beispielsweise die Menge der gelösten Puzzles, die wechselseitige Reaktion und Interaktion und die stärkere Initiative des Kindes. Zudem war die neuronale Synchronität in Mutter-Kind und Vater-Kind Paaren nicht immer in den gleichen Gehirnarealen am stärksten ausgeprägt. All diese Ergebnisse deuten auf unterschiedliche mentale Prozesse während der Interaktion in Abhängigkeit des Geschlechts der Eltern und des Kindes hin. Solche Unterschiede in der neuronalen Synchronität zwischen Müttern und Vätern mit ihren Kindern könnten zum Beispiel darauf zurückgeführt werden, dass Elternteile auf unterschiedliche Art und Weise mit ihren Kindern interagieren. Während Mutter-Kind Interaktionen etwas mehr Rhythmus und Struktur aufweisen, gelten Vater-Kind Interaktionen als energetischer und spielerischer (Feldman, 2003, 2017). Ähnliches gilt höchstwahrscheinlich auch für Interaktionen zwischen Kindern und Großeltern, FreundInnen, LehrerInnen, etc., obwohl solche Unterschiede bisher noch nicht systematisch untersucht wurden. Grundsätzlich ermöglichen abweichenden Interaktionsmuster es Kindern jedoch, gleichzeitig mit unterschiedlichen Beziehungspersonen zu interagieren und dabei eine Vielzahl von sozialen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten zu erlernen und zu üben.

Fazit

Mithilfe von neuen bildgebenden Verfahren wie fNIRS können wir neuerdings erforschen, was in den Gehirnen von Kindern und ihren Eltern vorgeht, wenn sie eine gemeinsame Aufgabe lösen oder miteinander sprechen. Vieles deutet darauf hin, dass sich Eltern und Kinder besser verstehen, wenn ihre Gehirne im Gleichklang sind. Es scheint jedoch Unterschiede in der wechselseitigen Anpassung der Gehirnwellen zu geben, und zwar abhängig von der Beziehungsqualität und vom Geschlecht der Eltern und Kinder. ForscherInnen hoffen, dass diese neuen Befunde bald praktische Anwendung finden, zum Beispiel im Schul- und Lernkontext. So lässt es sich beispielsweise ermitteln, wie stark SchülerInnen und LehrerInnen auf der gleichen Wellenlänge sind und wie sich dies auf Lernerfolg und emotionales Befinden der SchülerInnen im Schulalltag auswirkt.

Bildquellen

Bild 1: Olivia Banso via unsplash (https://unsplash.com/photos/6oRBgkX9UMI, Lizenz: https://unsplash.com/license).

Bild 2: Pascal Vrtička.

Bild 3: MPI CBS / Trinh Nguyen.

Literaturverzeichnis

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