Bug or Feature? Langeweile ist unangenehm und gerade deswegen wichtig

Eine Schlussfolgerung daraus lautet, dass Langeweile neben negativen auch positive Folgen haben sollte. Solche positiven Folgen wurden selten untersucht, da der Fokus bislang einseitig auf den negativen Folgen von Langeweile lag. Eine interessante Ausnahme stellt eine Studie zur Bedeutung von Langeweile für prosoziales Verhalten dar (van Tilburg & Igou, 2017). Langeweile entsteht in Situationen, die als bedeutungslos wahrgenommen werden und die einen niedrigen Wert besitzen. Prosoziales Verhalten sollte also einen Weg aus der Langeweile bieten, weil es durch seinen gesellschaftlichen Wert sinnstiftend ist. In Übereinstimmung mit dieser Annahme zeigte sich, dass gelangweilte Menschen eher bereit waren, Geld für wohltätige Zwecke zu spenden. Dieses Ergebnis steht in einem interessanten Kontrast zum oben geschilderten Befund, dass Langeweile zu sadistisch-aggressivem Verhalten führen kann. Eine mögliche Erklärung sind individuelle Unterschiede in der Art des Umgangs mit Langeweile, die bislang allerdings nicht erforscht worden sind.

Langeweile stiftet zum Explorieren an und komplementiert so die Funktion von Selbstkontrolle

Ihre Signalwirkung macht Langeweile zu einer wesentlichen Triebfeder menschlichen Verhaltens. Durch das Hervorheben der Bedeutung von Veränderung treibt das Erleben von Langeweile dazu an, im Positiven wie im Negativen neue und bislang unbekannte Wege zu gehen. Man bezeichnet ein solches Verhalten auch als Exploration. Würde man diesem Anstoß zur Exploration allerdings immerfort nachgehen, könnte man nie dauerhaft an einem Ziel festhalten. Das wäre langfristig nicht optimal, da sich natürlich auch ein Festhalten an bereits bekannten Wegen lohnen kann. Das wird als Exploitation bezeichnet. Eine zentrale Rolle bei der Exploitation spielt die Selbstkontrolle, die für das langfristige Verfolgen von Zielen benötigt wird. Daher wird mittlerweile angenommen, dass Langeweile und Selbstkontrolle komplementäre Rollen bei der Abwägung zwischen Exploration und Exploitation spielen (Bieleke & Wolff, 2021). Das erklärt auch den Umstand, dass so unterschiedliche Konstrukte wie Langeweile und Selbstkontrolle in empirischen Studien hoch und negativ korreliert sind: Menschen mit niedriger Selbstkontrolle fällt es oft schwer, ihre Langeweile zu regulieren und an langfristigen Zielen festzuhalten.Bild 5: In einer Studie zur Langeweile während der COVID-19 Pandemie zeigte sich ein starker negativer Zusammenhang zwischen der Neigung zur Langeweile („Trait Boredom“) und der Selbstkontrolle („Trait Self-Control“). Menschen mit hoher Langeweile hatten auch eine niedrige Selbstkontrolle und hielten sich weniger an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie.Bild 5: In einer Studie zur Langeweile während der COVID-19 Pandemie zeigte sich ein starker negativer Zusammenhang zwischen der Neigung zur Langeweile („Trait Boredom“) und der Selbstkontrolle („Trait Self-Control“). Menschen mit hoher Langeweile hatten auch eine niedrige Selbstkontrolle und hielten sich weniger an die Regeln zur Eindämmung der Pandemie.

Doch auch während einer konkreten Tätigkeit spielen Langeweile und Selbstkontrolle komplementäre Rollen. Sehr schön zeigen lässt sich das an der Forschung zum viel diskutierten Ego Depletion Phänomen (Wolff & Martarelli, 2020), das auch in verschiedenen Artikeln in In-Mind thematisiert worden ist. Darin bearbeiten die ProbandInnen entweder eine Aufgabe mit geringen Anforderungen an die Selbstkontrolle (z. B. einen Text einfach abtippen) oder aber eine Aufgabe mit hohen Anforderungen an die Selbstkontrolle (z. B. beim Abtippen bestimmte Buchstaben auslassen). Die Annahme ist, dass das Bearbeiten der Aufgabe mit den höheren Anforderungen die Kapazität für weitere Selbstkontrollhandlungen reduziert. Das wiederum sollte zu schlechterer Leistung in nachfolgenden Aufgaben führen. Aus Sicht der Forschung zur Langeweile gibt es hier aber ein wichtiges Problem: Die Aufgabe mit den vermeintlich niedrigen Anforderungen an die Selbstkontrolle ist in der Regel sehr einfach und monoton, was sie potenziell langweilig macht. Und tatsächlich werden ganz ähnliche Aufgaben auch zur Induktion von Langeweile eingesetzt. Solche Aufgaben trotz der Langeweile weiter zu bearbeiten stellt wiederum Anforderungen an die Selbstkontrolle. Es ist daher überhaupt nicht mehr klar, inwieweit die Aufgaben sich tatsächlich in ihren Selbstkontrollanforderungen unterscheiden. Das könnte die unklare Befundlage zur Existenz des Ego Depletion Phänomens erklären (Milyavskaya et al., 2019). Tatsächlich konnte bereits gezeigt werden, dass Langeweile in typischen Experimenten zum Ego Depletion Phänomen eine Rolle spielt und Einfluss auf die Leistung hat (Bieleke et al., 2021). Es ist daher anzunehmen, dass die Effekte von Langeweile auch in anderen Bereichen der psychologischen Forschung eine wichtige Rolle spielen könnte. Das gilt insbesondere dort, wo mit monotonen und potenziell langweiligen Aufgaben gearbeitet wird.

Fazit

Langeweile ist eine alltägliche und unangenehme Empfindung, mit der sich die Forschung erst seit wenigen Jahren intensiv beschäftigt. Obwohl Langeweile mit vielen unerwünschten Konsequenzen in Verbindung gebracht wurde, erfüllt sie eine zentrale Funktion für zielgerichtetes Verhalten: Sie signalisiert, dass man etwas an der aktuellen Situation ändern sollte. Damit ist sie ein Katalysator für Veränderung und stiftet zu explorativem Verhalten an, wodurch sie die Funktion von Selbstkontrolle für die Exploitation komplementiert. Das legt nahe, dass Langeweile in vielen Forschungsbereichen der Psychologie eine bedeutende Rolle spielt. Die zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Langeweile ist dementsprechend erfreulich und gewinnbringend für die psychologische Forschung.

Bildquellen

Bild 1: https://www.boredomsociety.com/

Bild 2: Engin_Akyurt via Pixabay (https://pixabay.com/photos/sleep-will-be-bored-coronavirus-4994034/. Lizenz:https://pixabay.com/service/license/.)

Bild 3: Saydung89 via Pixabay (https://pixabay.com/illustrations/girl-bored-sleepy-boredom-couch-5835891/, Lizenz:https://pixabay.com/service/license/).

Bild 4:  Myriams-Fotos via Pixabay (https://pixabay.com/photos/matches-burnout-disease-mental-pain-2109344/. Lizenz:https://pixabay.com/service/license/).

Bild 5: Wolff W, Martarelli CS, Schüler J, Bieleke M. High Boredom Proneness and Low Trait Self-Control Impair Adherence to Social Distancing Guidelines during the COVID-19 Pandemic. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2020; 17(15):5420. https://doi.org/10.3390/ijerph17155420. Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).

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