Immer unterwegs: wie sich Wohnmobilität auf unser Wohlbefinden auswirkt

Dieser Beitrag wurde zunächst in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe (6/2015, Ausgabe 26) des In-Mind Magazins veröffentlicht. Link zum Originalartikel:

http://www.in-mind.org/article/always-on-the-move-how-residential-mobility-impacts-our-well-being

John hat ein Jobangebot von einem großstädtischen Unternehmen bekommen. Er hat sich darüber sehr gefreut und konnte den Umzug dorthin kaum abwarten. Von seinen zukünftigen KollegInnen, die schon mehrere Jahre dort wohnten, hatte er immer wieder lebhafte Berichte darüber gehört, welche interessanten neuen Erfahrungen er in der neuen Stadt sammeln würde. Sie schilderten, dass die Leute in der Stadt besonders gegenüber Neunankömmlingen sehr freundlich sind. Und was sogar noch aufregender ist: der Bekanntenkreis seiner KollegInnen sind so breit, dass er wahrscheinlich allerlei unterschiedliche Leute kennenlernen wird, von UnternehmerInnen über PilotInnen und Sommeliers bis hin zu KünstlerInnen, um nur ein paar zu nennen. Zudem muss John sich keine Gedanken darüber machen, ob er sich an die neue Umgebung gewöhnt, da Großstädte eine riesige Auswahl an Geschäften bieten, in denen man nahezu alles, was man benötigt, finden kann. Sally, Johns Frau, war jedoch weniger begeistert von der Idee, in eine Großstadt zu ziehen. Ihr gefiel ihre kleine Stadt, in der die BewohnerInnen sich stark in der Gemeinde engagierten. Sie hatte gehört, dass Großstadtmenschen heuchlerisch sind und einander nicht unterstützen. Sie hat Bedenken, ob sie dort wirklich hineinpassen und Freunde finden können. Aus den Nachrichten hat sie außerdem erfahren, dass Menschen in Großstädten anfälliger für chronischen Stress und psychische Krankheiten sind.

Kommt Ihnen das beschriebene Szenario bekannt vor? Vielleicht sind Ihnen schon einmal ähnliche Geschichten zu Ohren gekommen. Oder vielleicht waren Sie selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation, in der Sie die Chancen und Risiken eines möglichen Umzugs gegeneinander abwägen mussten. Die USA sind eine sehr mobile Gesellschaft. Zwischen 2005 und 2010 sind etwa 35,4 % der AmerikanerInnen zur Verbesserung ihrer Wohnbedingungen, ihrer Arbeit oder der wirtschaftlichen Bedingungen umgezogen (Ihrke & Faber, 2012). Sind häufige Umzüge eigentlich gut oder schlecht für unser Wohlbefinden?

Das Thema Wohnmobilität wird seit Jahrzehnten von SoziologInnen und anderen SozialwissenschaftlerInnen untersucht. So wurde Wohnmobilität beispielsweise mit einer erhöhten Kriminalitätsrate in Wohngegenden in Verbindung gebracht (für eine Übersicht siehe Sampson, 2012). In jüngster Zeit untersuchen PsychologInnen die psychologischen Auswirkungen des Umziehens und inwiefern Wohnmobilität das Wohlbefinden beeinflussen kann. Sie widmen sich beispielsweise folgenden Fragen: Wie fühlen sich Personen direkt nach dem Umzug an einen neuen Ort? Führen häufige Umzüge dazu, dass das Leben interessanter oder stressiger wird? Welche langfristigen Folgen gehen mit wiederholtem Umziehen einher? Antworten auf diese Fragen können uns helfen, die Effekte von Umzügen zu verstehen und Möglichkeiten aufzeigen, wie man die damit einhergehenden Herausforderungen bewältigen kann.

Bild1: Ein Umzug bringt sowohl Möglichkeiten als auch Herausforderungen mit sich und kann Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben. Foto: congerddesign via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/umzug-schlüssel-neue-wohnung-einzug-2481718/, Lizentz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license)Bild1: Ein Umzug bringt sowohl Möglichkeiten als auch Herausforderungen mit sich und kann Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben. Foto: congerddesign via Pixabay (https://pixabay.com/de/photos/umzug-schlüssel-neue-wohnung-einzug-2481718/, Lizentz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license)

Was sind typische Gefühle und Reaktionen nach einem Umzug?

Sind Sie vor kurzem umgezogen oder planen sie, in der nahen Zukunft an einem anderen Ort zu leben? Für viele Leute bietet ein Umzug in eine neue Umgebung die Möglichkeit, dem Leben neuen Schwung zu verleihen. Es ist ganz natürlich, sich auf einen Umzug zu freuen (Oishi, Miao, Koo, Kisling & Ratliff, 2012). Jedoch kann der Umzug an einen neuen Ort auch sehr aufreibend sein. Zu den logistischen Herausforderungen können Gefühle von Einsamkeit und Ängstlichkeit kommen. Genau das konnten Shigehiro Oishi und sein Forschungsteam beobachten. UntersuchungsteilnehmerInnen wurde gebeten, sich ein Leben vorzustellen, in dem sie regelmäßig umziehen; dabei nannten die Personen mehr Wörter, die mit den Themen Angst und Einsamkeit verbunden waren, als TeilnehmerInnen, die sich keine regelmäßigen Umzüge vorgestellt hatten (Oishi et al., 2012, 2013).

Noch interessanter ist jedoch, wie weitgreifend die Auswirkungen dieser erlebten Ängstlichkeit und Einsamkeit sind. So zeigen Personen, die häufig umziehen, beispielsweise einen Bekanntheitseffekt. Dieser Effekt beschreibt die Bevorzugung von Dingen, die einem vertraut sind im Vergleich zu neuen, unbekannten Dingen. Erklärt werden kann dieser Effekt durch die Ängstlichkeit, die mit einem Umzug einhergeht (Oishi et al., 2012). Diese übliche psychologische Reaktion könnte auch den Erfolg von Einkaufszentren und Ladenketten an Orten mit hoher Wohnmobilität erklären (Oishi et al., 2012). Discounter wie Target und Home Depot verkaufen zwar Haushaltswaren, welche Neuankömmlinge benötigen um sich einzurichten, sind aber nicht speziell auf diese Kundengruppe ausgerichtet. ForscherInnen gehen davon aus, dass der Erfolg dieser Discounterketten in Städten, die durch viele Um- und Zuzüge geprägt sind, in den psychologischen Auswirkungen des Umziehens begründet ist: Es kann beängstigend sein, ein neues Leben an einem anderen Ort zu beginnen, wodurch man sich eher Altbekanntem zuwendet. Den meisten AmerikanerInnen, die umziehen, sind diese landestypischen Ladenketten sicherlich vertrauter als der Tante-Emma-Laden in ihrer neuen Nachbarschaft. Denken Sie also bei ihrem nächsten Umzug daran, dass es vollkommen normal ist, ein wenig ängstlich zu sein und seien Sie nicht überrascht, wenn Sie sich dabei ertappen, große Ladenketten häufiger aufsuchen als vor ihrem Umzug.

Leute, die darüber nachdenken umzuziehen, beschäftigen sich auch mit möglicher Einsamkeit in der neuen Umgebung. Schließlich kann sich ein Umzug in vielerlei Hinsicht auf unsere Beziehungen zu Familie und FreundInnen auswirken, und kann sogar dazu führen, dass sich vormals enge Beziehungen verlieren. In Laboruntersuchungen sorgten sich Personen, die sich ein Leben mit vielen Umzügen vorstellten, mehr darüber, zukünftig weniger FreundInnen zu haben als solche, die keine Umzüge planten. Zudem waren sie motivierter, ihren Bekanntenkreis zu erweitern (Oishi et al., 2013). Obwohl Personen, die häufig umziehen, letztendlich auch viele FreundInnen haben, sind deren Beziehungen vielfach weniger tiefgründig. Tatsächlich berichten AmerikanerInnen, die häufig umziehen, dass sie weniger wirklich bedeutungsvolle soziale Kontakte haben als Personen, die seltener umziehen (Oishi & Schimmack, 2010).

Immer auf Achse oder sesshaft sein: Was macht uns glücklicher?

Gefühle von Ängstlichkeit und Einsamkeit sind nach einem Umzug vollkommen normal. Aber wie wirkt sich wiederholtes Umziehen langfristig auf unser Wohlbefinden aus? Ist es eher gut oder schlecht fürBild 2: Wo geht es als nächstes hin? Foto: langll via Pixaybay (https://pixabay.com/de/photos/globe-trotter-reisende-globus-karte-1828079/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license).Bild 2: Wo geht es als nächstes hin? Foto: langll via Pixaybay (https://pixabay.com/de/photos/globe-trotter-reisende-globus-karte-1828079/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/terms/#license). uns? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Wie gut sich Personen an das Umziehen anpassen, hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab. Hier sind einige Dinge, über die Sie sich vor der Wahl eines neuen Ortes, den sie „zu Hause“ nennen möchten, Gedanken machen sollten, falls ein Umzug für Sie aufgrund ihrer Arbeit oder aus anderen Gründen unausweichlich ist.

Eigenschaften der Person

Die Auswirkungen von Umzügen auf das Wohlbefinden sind teilweise von individuellen Faktoren abhängig (Oishi, 2010). So nehmen beispielsweise Stokols, Shumaker und Martinez (1983) an, dass der Grund für den Umzug, persönliche Lebensumstände und andere individuelle Unterschiede beachtet werden müssen, wenn man Vorhersagen über die psychologischen Konsequenzen eines Umzugs treffen möchte. Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie unterschiedlich ein Umzug wahrgenommen werden kann, wenn man diesen aufgrund eines Traumjobs oder einer Scheidung auf sich nimmt. Wie fühlt es sich an, wenn Sie alleine umziehen und Sie Ihre Familie und Freundeskreis in Ihrer Heimat zurücklassen? Und welchen Unterschied im Erleben würde es machen, wenn Ihre Familie mit Ihnen umzieht?

Einige wenige Studien weisen auch auf einen möglichen Geschlechtseffekt hinsichtlich der negativen psychologischen Effekte von Umzügen hin. Eine landesweite Längsschnittuntersuchung zeigte, dass ein Umzug sich stärker auf die psychische Gesundheit von Frauen als von Männern auswirkt (Butler, McAllister & Kaiser, 1973). So berichten Frauen im Zusammenhang mit Umzügen häufiger psychische Symptome als Männer. Dieses Muster blieb stabil, unabhängig davon, ob der Umzug gewollt oder ungewollt war. Aktuellere landesweite Umfragen von Magdol (2002) zeigten, dass Umzüge bei Frauen einen Prädiktor für Depressionen darstellen, was bei Männern nicht der Fall ist. Weitere Forschung muss klären, wann, warum und wie Frauen und Männer unterschiedlich von Umzügen betroffen sind.

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