„Jetzt lernen wir uns erstmal schön kennen und dann wird das schon.“ Positive und negative Kontakterfahrungen mit Fremden und Vorurteile

(3) Verstärkungshypothese (exacerbation hypothesis)
Dieser Annahme zufolge verstärkt positiver Kontakt die negativen Auswirkungen des negativen Kontakts, da durch positive Erlebnisse besonders klar werde, dass es eben auch negative Erlebnisse gebe. Hier würde also sozusagen das Gegenteil der Erleichterungshypothese vorhergesagt. In der bereits vorgestellten Studie aus Island zum Beispiel nahmen die Teilnehmenden eher die negativen Auswirkungen der kulturellen Unterschiede wahr je mehr positiven Kontakt sie erlebt hatten. Dies galt allerdings nur für die polnische Teilstichprobe (Árnadóttir et al., 2018).

(4) Vergiftungshypothese (poisoning hypothesis)
Hier lautet die grundsätzliche Annahme, dass negativer Kontakt positive Auswirkungen positiven Kontakts verringert. Am ehesten beschreibt also diese Hypothese die Mehrheit der Befunde berzüglich der Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Arten von Kontakt und Vorurteilen (z. B. Barlow et al., 2012). Diese Form des Zusammenhangs zwischen positiven beziehungsweise negativen Erlebnissen und Vorurteilen erscheint vor allem dann schlüssig, wenn die wenigen negativen Kontakterlebnisse trotz der vielen positiven Erlebnisse wahrgenommen werden.

Aktuelle Befundlage zu positiven und negativen Kontakterlebnissen und Vorurteilen

In einer Studie, die in den fünf europäischen Ländern Deutschland, Österreich, Tschechische Republik, Slowakei und Polen durchgeführt wurde, haben die insgesamt mehr als 1200 Teilnehmenden zunächst ihre Kontakterfahrungen mit Menschen aus einem der jeweiligen Nachbarländer frei beschrieben (Graf et al., 2014). Anschließend haben die WissenschaftlerInnen ihre Einstellungen zu diesen sogenannten Fremdgruppen erfragt. Danach kodierten die AutorInnen die beschriebenen Erfahrungen und teilten sie unter anderem danach ein, ob sie positiv oder negativ waren. Über die Länder hinweg fanden diese ForscherInnen, dass deutlich häufiger positive Erlebnisse geschildert wurden als negative Erfahrungen mit Menschen aus einem der Nachbarländer. Allerdings waren die statistischen Zusammenhänge (siehe auch den Glossareintrag zu Korrelation) zwischen positivem Kontakt und Vorurteilen kaum ausgeprägt, während sie zwischen negativem Kontakt und Vorurteilen sehr deutlich waren. Diese Befunde stützten also die Vergiftungshypothese über Ländergrenzen hinweg.

Vereinzelt existieren mittlerweile allerdings auch Studien, die andere Befundmuster aufweisen. Diesen Studien ist gemein, dass sie mit Stichproben und in Umgebungen durchgeführt wurden, die eher selten in wissenschaftlichen Studien vorkommen (Árnadóttir et al., 2018; Bagci & Turnuklu, 2019). Zudem liegen den beiden exemplarisch genannten Veröffentlichungen jeweils nur Untersuchungen über die Zusammenhänge innerhalb eines einzigen Landes zugrunde. Árnadóttir und Kollegen haben PolInnen und IsländerInnen in Island untersucht. Islands jüngere Einwanderungsgeschichte ist vor allem von Arbeitsmigration mit hoch motivierten Berufstätigen, die das Land dringend benötigt, geprägt. Kontakterfahrungen sind in einem solchen Land potentiell ganz andere als in vielen anderen Kontexten. In der Studie von Bagci und Turnuklu wurden türkische und kurdische Studierende an zwei Universitäten auf dem Campus rekrutiert und zunächst gebeten, ihren ethnischen Hintergrund anzugeben, damit sie einer der beiden genannten Gruppen (TürkInnen oder KurdInnen) zugeordnet werden konnten. Dies geschah allerdings, indem zunächst die Gemeinsamkeit der von allen Teilnehmenden geteilten türkischen Staatsangehörigkeit hervorgehoben wurde. Positive und negative Kontakterfahrungen wurden anschließend für Gleichaltrige (Peers) erfragt. Diese Umstände könnten dazu beigetragen haben, dass das Gemeinsame und das Positive besonders betont wurden und somit auch einen außergewöhnlich starken Einfluss auf geäußerte Einstellungen gegenüber der jeweils anderen Gruppe hatten, also gegenüber türkischen oder kurdischen Peers. Hier fand sich also für beide Gruppen ein größerer Zusammenhang zwischen positivem Kontakt und der persönlichen Einstellung gegenüber der jeweils anderen Gruppe als dies für negativen Kontakt der Fall war. Insgesamt deutet die aktuelle Befundlage allerdings darauf hin, dass negative Kontakterfahrungen positive gewöhnlich überlagern und sozusagen „vergiften“.

Warum finden die meisten Studien einen stärkeren Zusammenhang für negativen (als für positiven) Kontakt mit Vorurteilen?

Weshalb negative Erlebnisse in den meisten Studien einen stärkeren Zusammenhang mit Vorurteilen zeigen als positive Erfahrungen, blieb bislang weitestgehend unklar. Eine naheliegende, erst vor vergleichsweise kurzer Zeit so formulierte Erklärung für ähnliche Phänomene lautet, dass positive Erlebnisse, Ereignisse, Personen oder Wörter weniger hervorstechen, also eine geringere Salienz aufweisen, da sie sich insgesamt ähnlicher sind als solche negativer Art (Alves, Koch & Unkelbach, 2017). Als Beispiel ließe sich anführen, dass verschiedene Gesten der Höflichkeit wie das Aufhalten einer Tür oder das Platzmachen beim Aussteigen aus einem Zug als ähnlicher erlebt werden als Gesten der Unhöflichkeit wie das unnötige Zufallenlassen einer Tür und das absichtliche Im-Weg-Stehen, sobald sich die Tür des Zuges öffnet. Stellen Sie sich nun vor, dass Ihnen alle vier beschriebenen Handlungen an einem Morgen widerfahren und von Mitgliedern einer Fremdgruppe wie zum Beispiel von mutmaßlichen Geflüchteten vorgenommen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich mehr über die negativen Ereignisse ärgern, als dass Sie sich über die positiven freuen, ist relativ groß. Danach werden Ihre Einstellungen wahrscheinlich auch gegenüber dieser Gruppe tendenziell negativer. Diesbezüglich ist auch folgender Umstand relevant: Negative Persönlichkeitseigenschaften treffen auf weniger Menschen zu als positive, weshalb negative einen höheren Informationsgehalt haben (siehe auch Fiske, 1980). Vermutlich bzw. hoffentlich kennen Sie mehr Menschen, die meistens freundlich sind als solche, die durchgehend unfreundlich sind. Mit der Information, dass jemand nicht sonderlich nett ist, könnten Sie aber womöglich mehr anfangen.

Fazit

Auch wenn nur wenige Studien zur langfristigen Wirkung kontrollierter Kontaktinterventionen existieren (Paluck, 2016), gibt es Hinweise darauf, dass Kontakt mit Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen keinen so starken Einfluss auf den Abbau von Vorurteilen hat wie bislang erhofft (Paluck, Green & Green, 2018). Ob Intergruppenkontakt also ganz allgemein tatsächlich eine positive Wirkung auf den Abbau von Vorurteilen und letztendlich auch Diskriminierung hat, wenn er Bestandteil kontrollierter Interventionen ist, ist noch nicht endgültig geklärt. Hier bedarf es weiterer "Darstellung einer Trübung in Analogie zum Verhältnis positiver und negativer Kontakterfahrungen." (Quelle:Private Aufnahme des Autors)."Darstellung einer Trübung in Analogie zum Verhältnis positiver und negativer Kontakterfahrungen." (Quelle:Private Aufnahme des Autors).Forschung im Feld, die die Auswirkungen von positivem und negativem Kontakt mit Mitgliedern anderer Gruppen strukturiert weiter untersucht (siehe Paluck, 2012, 2016; Paluck et al., 2018).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass negativer Kontakt oftmals stärker mit Einstellungen zusammenhängt als positiver Kontakt. Dieses Wissen könnte vielleicht zur Reflexion eigener Einstellungen und Vorurteile anregen, und uns hinterfragen lassen, ob und wie unsere Einstellungen durch vergleichsweise wenige negative Kontakterlebnisse getrübt sein könnten.

Literaturverzeichnis

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Cambridge, MA: Addison-Wesley.

Al Ramiah, A., & Hewstone, M. (2013). Intergroup contact as a tool for reducing, resolving, and preventing intergroup conflict. American Psychologist, 68(7), 527-542. https://doi.org/10.1037/a0032603

Alves, H., Koch, A. S., & Unkelbach, C. (2017). Why good is more alike than bad: Processing implications. Trends in Cognitive Sciences, 21(2), 69-79. https://doi.org/10.1016/j.tics.2016.12.006

Árnadóttir, K., Lolliot, S., Brown, R., & Hewstone, M. (2018). Positive and negative intergroup contact: Interaction not asymmetry. European Journal of Social Psychology, 48(6), 784-800. https://doi.org/10.1002/ejsp.2365

Bagci, S. C., & Turnuklu, A. (2019). Intended, unintended, and unknown consequences of contact: The role of positive-negative contact on outgroup attitudes, collective action tendencies, and psychological well-being. Social Psychology, 50(1), 7-23. https://doi.org/10.1027/1864-9335/a000355

Barlow, F. K., Paolini, S., Pedersen, A., Hornsey, M. J., Radke, H. R. M., Harwood, J., Rubin, M., & Sibley, C. G. (2012). The contact caveat: Negative contact predicts increased prejudice more than positive contact predicts reduced prejudice. Personality and Social Psychology Bulletin, 38, 1629-1643. https://doi.org/10.1177/0146167212457953

Birtel, M. D., & Crisp, R. J. (2012). ‘Treating’ prejudice: An exposure-therapy approach to reducing negative reactions toward stigmatized groups. Psychological Science, 23(11), 1379-1386. https://doi.org/10.1177/0956797612443838

Fiske, S. T. (1980). Attention and weight in person perception: The impact of negative and extreme behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 38(6), 889-906. https://doi.org/10.1037/0022-3514.38.6.889

Graf, S., Paolini, S., & Rubin, M. (2014). Negative intergroup contact is more influential, but positive intergroup contact is more common: Assessing contact prominence and contact prevalence in five Central European countries. European Journal of Social Psychology, 44(6), 536-547. https://doi.org/10.1002/ejsp.2052

Hellmann, J. H., Knausenberger, J., Echterhoff, G., & Back, M. B. (2017). Woher kommt die Angst vor Fremden und einer sogenannten Islamisierung? Pax Christi-Korrespondenz, 8, 13-21.

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