Schau, ich lasse dir die Wahl! – Sozial achtsames Verhalten als Zeichen für Prosozialität und Perspektivübernahme im Alltag

Hauptsächlich wurden die Kontexteinflüsse unterschiedlicher Situationen jedoch in Bezug auf die Charakterisierung des Zweitwählenden untersucht. Um an dieser Stelle erneut das Supermarktbeispiel aufzugreifen: Würden Sie nicht einer Ihnen sympathisch erscheinenden, ggf. sogar bekannten Person eher die Wahl lassen als einer Person, die Ihnen unsympathisch erscheint? Studien zeigten dementsprechend, dass soziale Achtsamkeit höher gegenüber Personen ist, wenn diese einer Eigengruppe angehören, also einer Gruppe, der man sich zugehörig fühlt bzw. angehört (beispielsweise die eigene Fußballmannschaft im Vergleich zum gegnerischen Team; Van Doesum, Van Prooijen, Verburgh & Van Lange, 2016).

Neben der Bevorzugung der Eigengruppe zeigte sich auch, dass sich die soziale Achtsamkeit an der Bedürftigkeit des Zweitwählenden orientiert: Mit sinkendem sozialen Status des Zweitwählenden erhöht sich sozial achtsames Verhalten (Van Doesum, Tybur, Leal, Van Lange & Van Dijk, 2021; Van Doesum, Tybur & Van Lange, 2017). Dies unterstreicht die wohlmeinende Absicht sozial achtsamen Verhaltens. Darüber hinaus erhöht sich sozial achtsames Verhalten bei physischer Anwesenheit eines Zweitwählenden (Van Doesum, Karremans, Fikke, de Lange & Van Lange, 2018). So mag eine zweite Person, die unmittelbar hinter Ihnen am Obstregal steht, verstärkt das Gefühl auslösen, auf die möglichen Bedürfnisse dieser Person Rücksicht nehmen zu müssen. Ist diese Person jedoch noch weit entfernt (wie beispielsweise Kunden, die den Supermarkt erst später betreten werden), wird dieses Gefühl potenziell geringer sein. Über die zugrundeliegenden psychologischen Prozesse, wieso die soziale Achtsamkeit in Anwesenheit einer anderen Person steigt, lässt sich bis dato nur spekulieren (Van Doesum et al., 2018). Es könnte etwa sein, dass es dabei um die Außenwirkung und das Renommee geht (Sie wollen nicht als die Person gelten, die jemandem die letzte Schale Blaubeeren wegnimmt), es könnte sich aber auch um eine pure Bewusstseins- bzw. Wahrnehmungsfrage handeln: Man denkt schlicht nicht an Menschen, die anschließend aus den verbliebenen Gegenständen auswählen, wenn man sie nicht sieht.

Gänzlich unerforscht ist der Einfluss kognitiver Prozesse auf sozial achtsames Verhalten jedoch nicht. Insbesondere stand hier bislang die Frage im Fokus, ob soziale Achtsamkeit kognitive Ressourcen benötigt. Zur Beantwortung wurde in mehreren Studien die Verfügbarkeit kognitiver Ressourcen entweder systematisch gewährleistet bzw. eingeschränkt (Mischkowski et al., 2018). Beispielsweise lösten Probanden die Entscheidungsaufgaben des sozialen Achtsamkeit Paradigmas unter Zeitdruck oder parallel zu einer anderen Aufgabe. Im Gegenzug wurde in den Kontrollbedingungen darauf geachtet, dass kognitive Ressourcen ausreichend genutzt wurden (z. B. enthielten Teilnehmende die Aufforderung, eine gewisse Zeit über die Entscheidung nachzudenken). Im Ergebnis zeigten sich jedoch keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Bedingungen; soziale Achtsamkeit benötigt demnach keine gesonderten kognitiven Ressourcen um die Entscheidungssituation zu durchdenken, sondern kann bereits automatisch, aus dem Bauch heraus gezeigt werden.

Wahrnehmung und Konsequenzen erlebter sozialer (Un-)Achtsamkeit

Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass die bisherige Forschung zu Einflussfaktoren sozialer Achtsamkeit den Fokus auf das Verhalten der erstwählenden Person gelegt hat. Nur wenige Untersuchungen widmeten sich der zweitwählenden Person. Hier zeigte sich beispielsweise das Prinzip der Gegenseitigkeit: Zweitwählende verhielten sich in nachfolgenden Situationen prosozialer gegenüber einer sozial achtsamen (vs. unachtsamen) erstwählenden Person (Dou, Li & Nie, 2018). Am Supermarktbeispiel illustriert, könnte dies beispielsweise dazu führen, dass Ihnen die Person, der Sie die Wahl zwischen Erdbeeren und Blaubeeren gelassen haben, später an der Kasse den Vortritt lässt.Bild 3: Das Prinzip der Gegenseitigkeit.Bild 3: Das Prinzip der Gegenseitigkeit.

Abgrenzung sozialer Achtsamkeit zu weiteren Facetten prosozialen Verhaltens

Konzeptuell hebt sich soziale Achtsamkeit insbesondere von kostspieligem prosozialen Verhalten (wie z. B. Spendenverhalten und Kooperation in sozialen Dilemmata, s. Glossareintrag) ab: Sie ist im Kontext niedrigschwelliger, kostengünstiger Prosozialität im Alltag verankert, die kaum finanzielle oder zeitliche Ressourcen erfordert. Empirisch zeigt sich jedoch, dass kostengünstiges (d. h. sozial achtsames) und kostspieliges prosoziales Verhalten oftmals Hand in Hand gehen: Soziale Achtsamkeit hängt mit den gleichen Persönlichkeitsmaßen wie kostspieliges prosoziales Verhalten zusammen (s. Abschnitt zu persönlichkeitsbasierten Einflussfaktoren) und weist ähnliche neuronale Grundlagen auf (Lemmers-Jansen et al., 2018). Die Notwendigkeit zwischen kostengünstiger und kostspieliger Prosozialität zu differenzieren, zeigt jedoch die abnehmende soziale Achtsamkeit bei steigenden Opportunitätskosten (vgl. Engel & Van Lange, 2021). Dieser Effekt spiegelt wider, wie stark sozial achtsames Verhalten intraindividuell (d. h. innerhalb einer Person) in Abhängigkeit der Kosten variiert. In Konsequenz bedeutet dies, dass die Kostspieligkeit als relevanter Einflussfaktor in der Erklärung und Vorhersage prosozialen Verhaltens einzubeziehen ist.

Zusammenfassung

Sozial achtsames Verhalten signalisiert die Bereitschaft, mögliche Interessen der anderen Person in der eigenen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen – wie beispielsweise, ihr möglichst viel Wahlfreiheit zu lassen. Grundlage hierfür ist jedoch die Fähigkeit, die Konsequenzen eigenen Handelns für Andere zu erkennen und willens zu sein, entsprechend zu handeln.

In der Sozialpsychologie erhält soziale Achtsamkeit seit 2013 vermehrt Aufmerksamkeit. Hierbei stand zunächst die Untersuchung zusammenhängender Persönlichkeitsmerkmale sowie situativer Einflussfaktoren wie die Gruppenzugehörigkeit des Zweitwählenden im Vordergrund. Auch zeigte sich, dass sozial achtsames Verhalten trainierbar ist: Sich über die Konsequenzen eigenen Verhaltens für andere Personen bewusst zu werden, kann soziale Achtsamkeit erhöhen.

Nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit wird bereits niedrigschwelliges sozial achtsames Verhalten im Alltag (z. B. mit einem Lächeln) honoriert. Dies gibt Anlass dazu, im Alltag vermehrt darauf zu achten, welche Konsequenzen eine Entscheidung für Andere hat. Soziale Achtsamkeit stellt so einen ersten, wichtigen Schritt dazu dar, Andere in ihrem Verhalten und ihren Reaktionen zu verstehen und ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das von Verständigung und Kooperation geprägt ist.

Bildquellen

Bild 1: Muffet via wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blueberries_and_strawberries.jpg, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode).

Bild 2: Bild zum freien Download verfügbar unter: https://www.socialmindfulness.nl/paradigm.

Bild 3: https://pixabay.com/photos/team-spirit-cohesion-together-2447163/?download

Literaturverzeichnis

Dou, K., Li, J.-B., & Nie, Y.-G. (2018). Perceiving high social mindfulness during interpersonal interaction promotes cooperative behaviours. Asian Journal Of Psychology, 21, 97–106. https://doi.org/10.1111/ajsp.12210

Engel, C., & Van Lange, P. A. (2021). Social mindfulness is normative when costs are low, but rapidly declines with increases in costs. Judgment & Decision Making, 16(2), 290-322. http://sjdm.org/journal/19/191223/jdm191223.pdf

Kim, H., & Markus, H. R. (1999). Deviance or uniqueness, harmony or conformity? A cultural analysis. Journal of Personality and Social Psychology, 77(4), 785-800. https://doi.org/10.1037/0022-3514.77.4.785

Lemmers-Jansen, I. L. J., Fett, A.-K. J., Van Doesum, N. J., Van Lange, P. A. M., Veltman, D. J., & Krabbendam, L. (2019). Social Mindfulness and Psychosis: Neural response to socially mindful behavior in first-episode psychosis and patients at clinical high-risk. Frontiers in Human Neuroscience, 13, 47. https://doi.org/10.3389/fnhum.2019.00047

Lemmers-Jansen, I. L. J., Krabbendam, L., Amodio, D. M., van Doesum, N. J., Veltman, D. J., & van Lange, P. A. M. (2018). Giving others the option of choice: An fMRI study on low-cost cooperation. Neuropsychologia, 1-9. https://doi.org/10.1016/j.neuropsychologia.2017.12.009

Mischkowski, D., Thielmann, I., & Glöckner, A. (2018). Think it through before making a choice? Processing mode does not influence social mindfulness. Journal of Experimental Social Psychology, 74, 85-97. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2017.09.001