„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ – Warum engagieren sich Menschen gemeinsam für den Umweltschutz?

 

Welche Rolle spielen Emotionen für kollektives Handeln?

Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit, kollektiver Wirksamkeit und Identifikation kann zu nüchternen Abwägungen, aber auch zu starken emotionalen Reaktionen führen. Beispielsweise berichten Personen, die sich über globale, ökologische und intergenerationale Ungerechtigkeit ärgern, stärkere Absichten sich für den Umweltschutz zu engagieren als Personen, die sich weniger über diese Ungerechtigkeiten ärgern (Reese & Jacob, 2015). Außerdem berichten Menschen, die sich aufgrund von menschengemachten Umweltschäden schuldig fühlen, eine stärkere Absicht, sich in nachbarschaftlichen Klimaschutz-Initiativen zu engagieren als Menschen, die sich weniger schuldig fühlen (Rees & Bamberg, 2014).

Menschen können aber nicht nur von negativen Gefühlen wie Ärger und Schuld zu kollektivem Handeln motiviert werden, sondern auch von positiven Emotionen. Zu positiven Emotionen zählen Fröhlichkeit und Belustigung, aber auch positives Bewegtsein, das im Vergleich zu anderen positiven Emotionen besonders stark mit dem Erleben von Bedeutsamkeit verbunden ist (Landmann, Cova & Hess, 2019). In zwei Studien befragten wir AktivistInnen, die sich für den Erhalt des Hambacher Walds engagieren, und Menschen, die sich nicht für Umweltschutz engagieren, zu ihren Bewertungen und Gefühlen in Bezug zum Hambacher Wald (Landmann & Rohmann, 2020). AktivistInnen waren stärker bewegt, überwältig und ergriffen von der Idee, gemeinsam etwas verändern zu können, als Nicht-AktivistInnen (Studie 1). Wenn Personen ein bewegendes Video sahen, das veranschaulichte, wie Menschen gemeinsam etwas erreichen können, erhöhte dies zumindest während des Ansehens des Videos ihre Absicht, sich an kollektiven Handlungen für den Hambacher Wald zu beteiligen (Studie 2).

Allerdings führt eine einzelne emotionale Reaktion selten dazu, dass eine Person ihre Gewohnheiten sofort ändert. Eine Emotion dauert nur kurz an und verliert dann ihre unmittelbare Wirkung auf das Verhalten (Schwartz & Loewenstein, 2017). Beispielsweise löste das Video über den Hambacher Wald in der oben beschriebenen Studie bei vielen Personen während des Films ein Bedürfnis aus, Teil der Bewegung für den Schutz des Hambacher Walds zu sein, aber nur wenige Personen planten nach dem einmaligen Sehen des Videos konkret aktiv zu werden (Landmann & Rohmann, 2020). Es kann allerdings sein, dass mehrere solcher emotionalen Reaktionen dazu führen, dass eine emotionsgefärbte Einstellung entsteht (Landmann, 2020). Diese von mehreren emotionalen Reaktionen beeinflussten Einstellungen sagen Verhalten wesentlich besser vorher als eine einzelne, kurze, emotionale Reaktion. In der genannten Studie planten beispielsweise nur diejenigen aktiv zu werden, bei denen sich das Schauen des Videos auf ihr generelles Empfinden gegenüber der Thematik auswirkte (z. B. generelle Gefühle gegenüber den Protesten).

Zudem sind vorweggenommene Emotionen für kollektive Handlungen relevant. Antizipierte oder vorweggenommene Emotionen sind Erwartungen darüber, in Zukunft eine bestimmte Emotion zu empfinden (Loewenstein & Lerner, 2003). Diese Erwartung einer eigenen emotionalen Reaktion auf eine Entscheidung kann Handlungsabsichten beeinflussen. Je mehr beispielsweise eine Studentin erwartet, sich schuldig zu fühlen, wenn sie sich nicht gegen Studiengebühren engagiert, desto höher ist ihre Bereitschaft zum Engagement (Shepherd, Spears & Manstead, 2013). Sich gezielt Gedanken dazu zu machen, wie sich die Entscheidung für oder gegen das Engagement anfühlt, könnte demnach auch die Entscheidung für kollektives Handeln im Umweltschutz beeinflussen.

Nicht nur die erstmalige Entscheidung für das Engagement, sondern auch die Entscheidung dabei zu bleiben, wird durch diese Prozesse beeinflusst. Je mehr Stolz eine Studentin beispielsweise über den eigenen Beitrag zum Protest gegen Studiengebühren empfindet, desto länger hält ihr Engagement an (Tausch & Becker, 2013). Ebenso führt vermutlich Stolz über die Beteiligung an Umweltaktivismus dazu, dass Menschen sich dauerhaft engagieren.

Fazit

Diese Forschungsergebnisse helfen zu verstehen, weshalb Menschen kollektiv handeln. Zum Teil sind die beschriebenen Faktoren auch für individuelles umweltfreundliches Verhalten wie umweltfreundliche Mobilität und Energiesparen im Haushalt relevant (siehe andere Beiträge der In-Mind Ausgabe). Manche der Faktoren wie die Identifikation mit einer Protestgruppe sind dagegen vermutlich vor allem für kollektive Handlungen wichtig. Außerdem sind für den Erfolg von Protestbewegungen auch strukturelle Faktoren bedeutsam (Klandermans, 1997): Hat jemand Zugang zu Medien, die für die Protestaktionen werben? Bildet sich eine Organisation, die den Protest koordiniert? Bestehen ausreichend Ressourcen, um sich an dem Protest zu beteiligen? Im Zusammenspiel mit diesen strukturellen Faktoren, beeinflussen die beschriebenen psychologischen Prozesse die Entscheidung, sich an Protestaktionen für den Umweltschutz zu beteiligen.

Menschen, die durch Gespräche mit FreundInnen, über Videos oder Social Media für gemeinschaftliches Engagement werben, können diese Prozesse nutzen. Sie können beispielsweise auf bestehende Ungerechtigkeiten hinweisen (z. B. Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit; Klimagerechtigkeit als Generationengerechtigkeit) und die kollektive Wirksamkeit betonen („Gemeinsam sind wir stärker“) und sie können (z. B. mit Videos) zeigen, wie bewegend und mitreißend gemeinschaftliches Engagement sein kann.

 

Literaturverzeichnis

Bamberg, S., Rees, J., & Seebauer, S. (2015). Collective climate action: Determinants of participation intention in community-based pro-environmental initiatives. Journal of Environmental Psychology, 43, 155-165. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2015.06.006

Becker, J. (2013). Kollektives HandelnAußerparlamentarischer Aktivismus. Das In-Mind Magazin, 3. https://de.in-mind.org/article/kollektives-handeln-ausserparlamentarisch...

Klandermans, P. G. (1997). The Social Psychology of Protest. Cornwall: Blackwell Publishers.

Landmann, H., Cova, F., & Hess, U. (2019). Being moved by meaningfulness: Appraisals of surpassing internal standards elicit being moved by relationships and achievements. Cognition & Emotion, 33(7), 1387-1409. https://doi.org/10.1080/02699931.2019.1567463

Landmann, H. (2020). Emotions in the context of environmental protection: Theoretical considerations concerning eliciting processes, emotion types, and affect generalization. Manuscript submitted for publication.

Landmann, H., & Rohmann, A. (2020). Being moved by protest: Collective efficacy beliefs and injustice appraisals enhance collective action intentions for forest protection via positive and negative emotions. Manuscript submitted for publication.

Loewenstein, G., & Lerner, J. S. (2003). The role of affect in decision making. In R. J. Davidson, K. R. Scherer, & H. H. Goldsmith (Eds.), Handbook of Affective Science (pp. 619-642). New York: Oxford University Press.

Rees, J. H., & Bamberg, S. (2014). Climate protection needs societal change: Determinants of intention to participate in collective climate action. European Journal of Social Psychology, 44(5), 466-473. https://doi.org/10.1002/ejsp.2032

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Schwartz, D., & Loewenstein, G. (2017). The chill of the moment: Emotions and proenvironmental behavior. Journal of Public Policy & Marketing, 36(2), 255-268. https://doi.org/10.1509/jppm.16.132

Shepherd, L., Spears, R., & Manstead, A. S. R. (2013). ‘This will bring shame on our nation’: The role of anticipated group-based emotions on collective action. Journal of Experimental Social Psychology, 49(1), 42–57. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2012.07.011

Tausch, N., & Becker, J. C. (2013). Emotional reactions to success and failure of collective action as predictors of future action intentions: A longitudinal investigation in the context of student protests in Germany. British Journal of Social Psychology, 52(3), 525–542. https://doi.org/10.1111/j.2044-8309.2012.02109.x

Van Zomeren, M., Postmes, T., & Spears, R. (2008). Toward an integrative social identity model of collective action: A quantitative research synthesis of three socio-psychological perspectives. Psychological Bulletin, 134, 504–535. http://dx.doi.org/10.1037/0033-2909.134.4.504

Van Zomeren, M., Spears, R., & Leach, C. W. (2010). Experimental evidence for a dual pathway model analysis of coping with the climate crisis. Journal of Environmental Psychology, 30, 339–346. http://dx.doi.org/10.1016/j.jenvp.2010.02.006

Whitmarsh, L., & O’Neill, S. (2010). Green identity, green living? The role of pro-environmental self-identity in determining consistency across diverse pro-environmental behaviours. Journal of Environmental Psychology, 30, 305–314. http://dx.doi.org/10.1016/j.jenvp.2010.01.003

Bildquellen

Bild 1: Foto von Frank Wittkowski, aufgenommen am 26.03.2011, https://pixabay.com/de/photos/protest-demonstration-485860/

Bild 2: Foto von Tim Wagner, aufgenommen am 30.08.2018, https://www.flickr.com/photos/110931166@N08/44652132701; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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