„Kollektives Handeln – Außerparlamentarischer Aktivismus“

Zottelige „Ökos“ und schwarz Vermummte – dieses Bild mag Ihnen zunächst erscheinen, wenn Sie an außerparlamentarischen Aktivismus denken. In diesem Beitrag wird aufgezeigt, dass gesellschaftlicher Protest wesentlich vielfältiger ist. Mit psychologischen Theorien wird erklärt, warum Menschen an friedlichen oder auch gewaltsamen Protesten teilnehmen und warum außerparlamentarischer Aktivismus ein eher seltenes Phänomen ist.

Beim Stichwort politisches Handeln – dem Thema dieser Sonderausgabe – denken Sie vermutlich zunächst an Bundestag, Wahlkämpfe und Parteien. Politisches Handeln findet allerdings nicht nur in Parlamenten statt, sondern ebenso außerparlamentarisch, in öffentlichen Räumen.

Was haben beispielsweise Anti-Nazi-Proteste, Lärmschlagen gegen Stuttgart 21, Proteste gegen Studiengebühren und Streiks gemeinsam? Sie sind alle Ausdruck einer Form von Ungerechtigkeit, der auf der Straße kommuniziert wird. Um diese Form politischen Handelns, dem kollektiven Handeln, – im Folgenden auch politischer Protest oder außerparlamentarischer Aktivismus genannt – geht es in diesem Beitrag. Ich möchte aus sozialpsychologischer Sicht aufzeigen, wie es zu verschiedenen Formen des Aktivismus kommt und warum politischer Protest – trotz massiver sozialer Ungleichheit – ein relativ seltenes Phänomen ist.

Proteste, Demonstrationen und Streiks sind alle Ausdruck einer Form von Ungerechtigkeit, die auf der Straße kommuniziert wird. Bild: Tama66 via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/demonstration-hamburg-g20-menschen-2477988/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/)Proteste, Demonstrationen und Streiks sind alle Ausdruck einer Form von Ungerechtigkeit, die auf der Straße kommuniziert wird. Bild: Tama66 via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/demonstration-hamburg-g20-menschen-2477988/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/)

Grundlage für die Erklärung kollektiven Handelns ist die Theorie der Sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1979). Diese besagt, dass Menschen verschiedenen Gruppen angehören (z.B. der Gruppe der Frauen oder Männer, der Fangemeinde, einer politischen Gruppe oder Partei) und daran interessiert sind, dass ihre Gruppen fair behandelt werden. Erkennen Gruppenmitglieder, dass die eigene Gruppe im Vergleich zu relevanten anderen Gruppen benachteiligt wird, haben sie drei Möglichkeiten dagegen vorzugehen. Sind Gruppengrenzen durchlässig, verlassen Personen die Gruppe einfach und suchen sich eine „bessere“ Gruppe. Sind Gruppengrenzen nicht oder nur schwer durchlässig (ein Wechsel des biologischen Geschlechts oder der Hautfarbe ist zwar umsetzbar, aber mit großem Aufwand verbunden), können Gruppenmitglieder soziale Kreativitätsmaßnahmen ergreifen (z.B. einen „Abwärtsvergleich“ durchführen, d.h. sich mit Gruppen vergleichen, denen es noch schlechter geht, um wieder besser dazustehen) oder sie entscheiden sich kollektiv gegen die Benachteiligung zu protestieren. Kollektiver Protest kann somit als Strategie eines Machtkampfes zwischen Gruppen angesehen werden, der durch die Wahrnehmung sozialer Ungerechtigkeit ausgelöst wird (z.B. Drury & Reicher, 2000; Simon & Klandermans, 2001).

Kollektives Handeln wird hier definiert als jede Art der Handlung, die darauf abzielt, die soziale Stellung der eigenen Gruppe zu erhalten oder zu verbessern (Wright, Taylor & Moghaddam, 1990). Das Ziel kollektiven Handelns ist, strukturelle Benachteiligung von Gruppen zu beseitigen (z.B. die systematische Diskriminierung von Gruppen) oder gegen ein akutes Problem vorzugehen (z.B. Protest gegen Atomkraft). Für kollektives Handeln ist allerdings nicht immer die Präsenz der Gruppe notwendig (wie es z.B. bei Demonstrationen der Fall ist), sondern kann auch von einem Individuum allein umgesetzt werden (z.B. durch das Unterschreiben einer Petition für die eigene Gruppe). Aktuelle Konfliktfelder, die gegenwärtig die häufigsten Proteste in Deutschland nach sich ziehen, beziehen sich auf 1) die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen (Arbeitswelt, soziale Sicherung), 2) klassische Themen der Sozialen Bewegungen (z.B. Frieden, Ökologie, globale Gerechtigkeit) und 3) rechtsradikale und fremdenfeindliche Tendenzen (Rucht, 2007). Proteste bezüglich dieser und weiterer Konfliktfelder können in normativen Aktionen und nicht-normativen Aktionen zum Ausdruck gebracht werden. Normative Aktionen stehen im Einklang mit den Normen des sozialen Systems (z.B. die Teilnahme an einer angemeldeten Demonstration), während nicht-normative Aktionen bestehende Normen verletzten und von der Mehrheit der Gesellschaft nicht unterstützt werden (z.B., die Blockade einer Autobahn, Angriffe auf Personen).

Was als normativ/nicht-normativ bezeichnet wird, hängt immer von der konkreten Situation ab  und unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Zur Einfachheit werde ich im Folgenden nur von friedlichen und gewaltsamen Protesten sprechen und beschreiben, wann Menschen an friedlichen und wann an gewaltsamen Protesten teilnehmen.

Wie kommt es zu friedlichem Aktivismus?

Nach dem soziologischen Ansatz von Klandermans und Oegema (1987) hat eine Person, die an einer Demonstration teilnimmt, vier Schritte der Mobilisierung durchlaufen: Erstens muss man Sympathisant_in der Bewegung werden, d.h. die Ziele der Bewegung unterstützen. Zweitens muss man etwas von den Mobilisierungsversuchen mitbekommen (z.B. medial). Drittens muss man eine Motivation zur Teilnahme entwickeln, d.h. der Nutzen, den man sich vom Protest verspricht, muss die wahrgenommenen Kosten übersteigen (z.B. die Angst, verhaftet zu werden). Schließlich müssen mögliche Barrieren überwunden werden, welche einer Teilnahme entgegenstehen.

Psychologische Modelle ergänzen diesen allgemeinen Ansatz und stützen sich auf drei wichtige Variablen, die in ihrem Zusammenspiel die Motivation für friedlichen Aktivismus erklären können, die im Folgenden näher vorgestellt werden: Identifikation mit der Gruppe, Relative Deprivation, wahrgenommene Gruppeneffektivität (Drury & Reicher, 2000; Tausch et al., 2011; van Zomeren, Postmes & Spears, 2008; van Zomeren, Spears, Fischer & Leach, 2004).

Da kollektives Handeln ein Handeln für die Gruppe ist, ist es notwendig, dass sich Menschen mit ihrer Gruppe identifizieren (z.B. mit der Gruppe der Studierenden, der Gruppe der Frauen, der Gruppe der Arbeiter_innen eines Betriebs). Eine hohe Identifikation mit einer Gruppe bedeutet, dass die Gruppe einen wichtigen Teil der Persönlichkeit des Individuums ausmacht und sie sich mit anderen Personen in der Gruppe eng verbunden fühlt.

Die Identifikation mit einer Gruppe ist aber natürlich nicht allein ausreichend, um Menschen für kollektives Handeln zu inspirieren, da Protest eine Reaktion auf erlebte Ungerechtigkeit bzw. eine bedrohlich wahrgenommene Situation ist. Die zweite wichtige Variable zur Vorhersage von Protest ist daher das Ausmaß inwieweit sich Menschen relativ depriviert fühlen, d.h. inwieweit sie den Eindruck haben, dass ihre Gruppe im Vergleich zu einer relevanten anderen Gruppe benachteiligt ist. Psychologische Forschung zeigt, dass nicht die objektiv vorhandene Benachteiligung einer Gruppe Protestbereitschaft vorhersagt, sondern die subjektiv wahrgenommene Benachteiligung der eigenen Gruppe. Die Wahrnehmung von Benachteiligung erzeugt Ärger bzw. Wut auf die Outgroup, was wiederum kollektives Handeln begünstigt.

Wichtig für Protest ist also, dass sich Menschen erstens mit ihrer Gruppe identifizieren und zweitens wahrnehmen, dass eine Ungerechtigkeit vorliegt. Die Identifikation mit der Gruppe und die Wahrnehmung sozialer Benachteiligung rufen allerdings erst dann eine Motivation hervor, an Protesten teilzunehmen, wenn die Gruppenmitglieder der Überzeugung sind, dass sie an ihrer Situation auch etwas verändern können. In der Forschung nennt man das Gruppeneffektivität, d.h., die Wahrnehmung, dass die eigene Gruppe in der Lage ist, bestehende Ungleichheiten zu beseitigen.