Kleine und große ErfinderInnen – Wie kann man kreative Köpfe schon im Kindesalter fördern?

Die Weltbevölkerung explodiert und will ernährt, gekleidet und medizinisch versorgt werden. Und wie kommt man als kleiner Mensch bloß an die Keksdose auf dem Schrank? Clevere Ideen sind gefragt – in unserer schnelllebigen und komplexen Welt mehr denn je. Die Wissenschaft spricht von „kreativem Problemlösen“ – je mehr davon, desto besser. Aber woher nehmen? Sind kreative Köpfe schon im Kindergarten zu erkennen? Entpuppen sich fantasievolle Kleinkinder als innovative Erwachsene? Und vor allem: Wie fördert man die Fähigkeit des 21. Jahrhunderts?

Das Rad, die Dampfmaschine, der Computer – Beispiele einer schier endlosen Liste an Erfindungen, die unsere Welt nachhaltig verändert haben. Wir können uns ein Leben ohne diese Errungenschaften kaum vorstellen und doch musste erst jemand auf diese – damals revolutionären – Ideen kommen.

Geniale Einfälle erleichtern uns den Alltag; Erfindungen und technische Hilfsmittel verkomplizieren das Leben aber auch. Neue Herausforderungen verlangen immer neue Lösungen. Kreatives Problemlösen ist das Zauberwort: Neue, nützliche Ideen müssen entwickelt und umgesetzt werden. Haben wir dazu nicht die Intelligenz? Ja und nein. Von wenig bis durchschnittlich intelligent hängen Intelligenz und Kreativität tatsächlich zusammen – wer intelligenter ist, ist auch kreativer. Über dem Durchschnitt sieht es anders aus: Nicht alle Superhirne sind auch superkreativ. Hier kommt die Persönlichkeit ins Spiel. Wie offen jemand beispielsweise für neue Erfahrungen ist, sagt kreative Einfälle bei Superhirnen besser vorher als ihre Intelligenz (Jauk, Benedek, Dunst, & Neubauer, 2013).

Nicht jede/r muss ErfinderIn werden und die Welt revolutionieren – brauchen wir kreatives Problemlösen auch im Alltag? Beim Einkaufen oder Zubereiten unseres Lieblingsgerichts kommen wir in der Regel mit Routinen und einfachen Entscheidungshilfen zurecht. Was aber, wenn ein Ohrring unter dem Bett verschwunden und weder zu sehen noch zu ertasten ist? Dann müssen wir uns etwas einfallen lassen: Kreatives Problemlösen ist gefragt! Sie haben keine Taschenlampe, aber einen Staubsauger und einen Strumpf? Dann könnten Sie den Strumpf über das Staubsaugerrohr stülpen und so den Ohrring gefahrlos ansaugen. Darauf muss man aber erstmal kommen, oder?

Im Alltag und zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit: Kreatives Problemlösen schadet niemandem, ganz im Gegenteil. Idealerweise fördert man diese Fähigkeit also so früh wie möglich. Aber: Geht das? Werden kreative Köpfe geboren oder entwickelt sich kreatives Problemlösen? Unter welchen Umständen gedeiht diese Fähigkeit besonders gut? Tun sich kreative Erwachsene schon als fantasievolle Kinder hervor? Viele Fragen – mit überraschend wenigen Antworten, was das kreative Problemlösen bei Kindern betrifft (Carr, Kendal, & Flynn, 2016). Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Erforschen von kindlicher Kreativität einiges an cleveren Ideen erfordert. Wie misst man eigentlich Kreativität – und das vor allem bei Kindern?

Wie kann man Kreativität im Kindesalter messen?

Seit den 1950er Jahren wird versucht, Kreativität mithilfe von Tests zu erfassen (Guilford, 1950). Im Vergleich zu Intelligenztests muten Kreativitätstest teilweise skurril an: Erwachsene sollen möglichst viele ungewöhnliche Verwendungen für einen Ziegelstein finden (Torrance, 1966). Mit einem Ziegelstein baut man normalerweise eine Mauer. Man könnte ihn aber auch aufheizen und als Wärmflasche verwenden oder als Stifthalter auf den Schreibtisch stellen. Bei einem anderen Test sollen Strichfiguren möglichst kreativ ergänzt werden. Ob Ziegelstein oder Strichfiguren: Die Verwendungsideen oder Ergänzungen werden gezählt und auf Vielfältigkeit und Seltenheitswert geprüft. Aus der so ermittelten Anzahl, Unterschiedlichkeit und Originalität der Ideen wird die Kreativität geschätzt. Soweit zur Kreativitätsmessung bei Erwachsenen. Wie macht man das bei Kindern?

Links: Lösungen eines Figurenergänzungstests (angelehnt an den Torrance Test of Creative Thinking, TTCT, Torrance, 1966). Rechts: Was kann man alles mit einem Backstein machen? (Quelle: Links: Eigene Darstellung. Rechts: Pixabay https://pixabay.com/de/backstein-brown-bauen-konstruieren-159850/)Links: Lösungen eines Figurenergänzungstests (angelehnt an den Torrance Test of Creative Thinking, TTCT, Torrance, 1966). Rechts: Was kann man alles mit einem Backstein machen? (Quelle: Links: Eigene Darstellung. Rechts: Pixabay https://pixabay.com/de/backstein-brown-bauen-konstruieren-159850/)Die Kreativität von Schulkindern wird häufig genauso gemessen. Und tatsächlich haben diese Tests eine gewisse Vorhersagekraft: Schulkinder mit vielen Ideen gingen beispielsweise als Erwachsene mehr kreativen Tätigkeiten nach (Runco, Millar, Acar, & Cramond, 2010).

Auf der Suche nach kindlicher Kreativität fällt uns aber vermutlich nicht als erstes ein, nach ungewöhnlichen Verwendungsarten für einen Ziegelstein zu fragen. Was machen Kinder, was wir spontan mit Kreativität verbinden? – Sie spielen. Gerade im Kindergarten drängt sich das Spielen geradezu auf: Kindergartenkinder verbringen schließlich die meiste Zeit ihres Tages damit. Bei Drei- bis Sechsjährigen ist ein Spiel besonders beliebt, das „Als-ob-Spiel“ – die Banane wird zum Telefon, der Umzugskarton zum Feuerwehrauto und das Kind selbst zum Rettungspersonal, das zur Einsatzstelle eilt. Fast jedes Kind lernt mit zwei oder drei Jahren, dass eine Banane im Spiel zum Telefon werden kann. Wie oft und wie fantasievoll sie Rollenspiele spielen, darin unterscheiden sich Kinder dagegen deutlich (Sachet & Mottweiler, 2013). Rollenspiele erfordern Vorstellungskraft und Flexibilität im Denken – beides Voraussetzungen dafür, auf viele neue Ideen zu kommen und auf ungewöhnliche Weise „um die Ecke“ zu denken.
Zweijähriges Mädchen beim Als-ob-Spiel (Quelle: Foto aus einer entwicklungspsychologischen Studie der Universität Heidelberg)Zweijähriges Mädchen beim Als-ob-Spiel (Quelle: Foto aus einer entwicklungspsychologischen Studie der Universität Heidelberg)
Was sagt die Forschung zum Zusammenhang von kindlichem Spiel und Kreativität? Nichts Eindeutiges: Zum Teil finden sich Zusammenhänge zwischen Spielverhalten im Kindesalter und späterer Kreativität (Russ & Wallace, 2013), allerdings bei Weitem nicht in allen Studien. Bisherige Forschung krankt zudem teilweise an methodischen Problemen und mangelnder Vergleichbarkeit der Studien untereinander (Lillard et al., 2013).

Clevere Ideen zur Messung von Kreativität bei Kindern sind also heiß begehrt. Im „Ungewöhnliche Kiste“-Test (Bijvoet-van den Berg & Hoicka, 2014) wird der Ziegelsteintest spielerisch aufbereitet: Die Kinder spielen mit einer bunten, ungewöhnlich gestalteten Kiste (siehe Bild 3) und fünf unbekannten Gegenständen. Beobachtet wird, wie viele unterschiedliche Handlungen den Kindern mit den Gegenständen und der Kiste einfallen. Eine Studie mit Drei- und Vierjährigen zeigte: Je mehr unterschiedliche Spielarten den Kindern in den Sinn kamen, desto größer war auch ihre Ideenvielfalt in einem sprachbasierten Kreativitätstest. Der spielerische „Ungewöhnliche Kiste“-Test kann schon mit Einjährigen durchgeführt werden – so kann man bereits sehr früh Einblicke in die kindliche Ideenvielfalt und Originalität erhalten.
Dreijähriges Mädchen beim Spiel mit der „Ungewöhnlichen Kiste“ (nach Bijvoet-van den Berg & Hoicka, 2014; Quelle: Videoaufnahme im Rahmen einer entwicklungspsychologischen Studie der Universität Heidelberg)Dreijähriges Mädchen beim Spiel mit der „Ungewöhnlichen Kiste“ (nach Bijvoet-van den Berg & Hoicka, 2014; Quelle: Videoaufnahme im Rahmen einer entwicklungspsychologischen Studie der Universität Heidelberg)
Wird hier aber kreatives Problemlösen gemessen? Kindliches Spielen hat häufig kein Ziel und ist deshalb nicht mit Problemlösen gleichzusetzen. Im Spiel wird kreatives Potenzial sichtbar – ungeklärt bleibt, ab welchem Alter Kinder dieses Potenzial auch dazu nutzen, Probleme zu lösen. Kreatives Problemlösen im Kindesalter wird erst seit Kurzem erforscht.

Vom fantasievollen Spiel zum kreativen Problemlösen

Alles begann mit einer Neukaledonischen Krähe namens Betty. Der Vogel kam auf die clevere Idee, einen Draht zu einem Haken zu biegen und damit ein Metallkörbchen mit Mehlwürmern aus einer Röhre zu ziehen – ganz ohne Hilfe oder Übung (Weir, Chappell, & Kacelnik, 2002). Das kreative Problemlösen des Vogels beeindruckte die Wissenschaft. Und schlug Wellen: Sarah Beck und KollegInnen (2011) sahen in der Aufgabe die Chance, kreatives Problemlösen bei Kindern zu untersuchen. Die Mehlwürmer wurden durch einen bunten Sticker ersetzt und Kinder zwischen drei und elf Jahren vor die gleiche Aufgabe gestellt. Würden sie – wie die einfallsreiche Krähe – auf die Idee kommen, einen Haken zu biegen? Erstaunlicherweise taten sich die Kinder damit sehr schwer. Ohne Hilfestellung gelang es den Kindern erst im Alter von acht Jahren in den meisten Fällen, einen Haken zu basteln. Auch die jüngsten Kinder schafften es jedoch ohne Probleme, wenn die Versuchsleitung gezeigt hatte, dass man den Draht zu einem Haken biegen kann.

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