„Zeig mir, was du hast!“ – Was steckt hinter dem Teilen von „sexy Selfies“ und welche Risiken und Chancen birgt das sogenannte Sexting unter Jugendlichen?

Sex + Texting = Sexting – das Verschicken selbstgemachter Nacktbilder via Mobiltelefon oder Internet schafft es immer wieder in die Medien – meist in Form tragischer Fallbeispiele, etwa in denen sich SchülerInnen auch schon das Leben nahmen, nachdem sie zu sehr unter den Folgen ungewollt veröffentlichter Nacktbilder litten. Auch auf der Liste elterlicher Sorgen um ihre Kinder steht Sexting ganz weit oben. Was motiviert Jugendliche zum Sexting? Welche Gefahren sind damit verbunden? Gibt es Verbindungen zu anderen Risikoverhaltensweisen? Bietet Sexting womöglich auch Chancen? Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Wissenschaft zum Sexting bei Jugendlichen zu sagen hat.

Wie verbreitet ist Sexting und was ist das eigentlich genau?

2011 hatten 25 % der Jugendlichen ein Smartphone. 2015 lag der Anteil bereits bei 92 %, drei Viertel davon mit mobiler Internet-Flatrate und damit der Möglichkeit, jederzeit online zu sein (Feierabend, Plankenhorn & Rathgeb, 2015). Mit Anwendungen wie WhatsApp, Facebook oder Snapchat halten Jugendliche Kontakt zu ihrem sozialen Umfeld und präsentieren ihre Person in der digitalen Welt. So gesehen unterstützen soziale Medien verschiedene Aspekte der Identitätsentwicklung. Ein Aspekt der Identitätsentwicklung ist die Entwicklung der Sexualität (Feierabend et al., 2015; Schreiner & Weber, 2015) – und damit schließt sich der Bogen zum Thema Sexting.

Gemäß der Studie „Jugend, Information, (Multi-) Media“ (JIM) benennen 26 % der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren jemanden in ihrem Bekanntenkreis, der oder die „schon einmal erotische Fotos oder Filme per Handy oder Internet verschickt“ hat. Diese Zahl liegt bei den 16- bis 17-Jährigen mit 32 % und den 18- bis 19-Jährigen mit 36 % noch höher (Feierabend et al., 2015, S. 12). Die Zahlen zur Verbreitung von Sexting variieren jedoch gemäß einer Übersichtsarbeit je nach dem, wer befragt wurde und wie die Fragen gestellt wurden, zwischen 3 % und 21 % beträchtlich (Döring, 2014). Werden die Daten beispielsweise in Telefonbefragungen über den Festnetzanschluss erhoben, resultieren geringere Verbreitungszahlen als bei anonymen Befragungen mittels Papierfragebogen. Das liegt vermutlich daran, dass im ersten Fall die Eltern mithören könnten.

Aufklärungskampagne "Sexting", Bild von Pro Juventute via flickr (https://flic.kr/p/htSEmV); CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Die Zahlen zur Verbreitung von Sexting hängen außerdem davon ab, wie eng oder weit der Begriff gefasst wird. Vor allem ältere Studien definierten Sexting häufig als das Versenden selbst erstellter, sexuell suggestiver Texte und Bilder. Es hat sich jedoch gezeigt, dass sich Text-Sexting und Bild-Sexting unterscheiden – sowohl was ihre Verbreitung als auch was die jeweils damit verbundenen Risiken betrifft. Eine belgische Studie hat beispielsweise festgestellt, dass 52 % der Befragten schon einmal eine sexuell suggestive Textnachricht verschickt hatten, während diese Zahl für das Verschicken von Sexting-Bildern mit 15 % bedeutend niedriger war (Van Ouytsel, Ponnet & Walrave, 2014a). Auch vom Text-Sexting gehen Risiken aus; beim Versenden von Bildern sind diese jedoch deutlich höher. So ist bei Texten beispielsweise leichter abzustreiten, dass sie von einem selbst verfasst wurden, während bei Bildern in der Regel unmittelbar ersichtlich ist, dass es sich um die eigene Person und damit auch die eigene Absicht handelt. Entsprechend konzentrieren sich Programme und Maßnahmen zur Beeinflussung von Sexting sowie Forschung in diesem Bereich hauptsächlich auf das Bild-Sexting (Van Ouytsel, Walrave, Ponnet & Heirman, 2015).

Bei der Interpretation von Statistiken und Studien zu Sexting sollte man also stets darauf achten, wie die Daten erhoben wurden und welche Definition verwendet wurde. In diesem Beitrag beschränken wir uns auf die – vor allem in neueren Studien bevorzugte – engere Definition von Sexting, nämlich auf das Verschicken selbstgemachter, sexuell suggestiver Bilder via Internet, zumeist mithilfe von Smartphones (Van Ouytsel et al., 2015).   

Ist Sexting gefährlich?

Ein nicht unbedeutender Anteil der Jugendlichen fotografiert sich also nackt oder nur spärlich bekleidet und versendet diese „sexy Selfies“ an Personen aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Manchen Menschen mag Sexting befremdlich erscheinen – ist es deswegen aber Grund zur Besorgnis? Solange die Bilder nur die gewünschten Personen erreichen und diese mit den bildlichen Selbstoffenbarungen verantwortungs- und respektvoll umgehen vielleicht nicht. Beides ist aber nicht immer gegeben. So besteht dann auch das größte Risiko bei Sexting darin, dass Dritte Zugriff auf die Bilder erlangen können. Dies ist für die abgebildete Person oft mit negativen Folgen wie Rufschädigung oder Mobbing verbunden.

Weiterhin könnte man Zusammenhänge mit psychischem Wohlbefinden oder anderen ( Risiko-)Verhaltensweisen wie beispielsweise dem Sexualverhalten „offline“ vermuten. Studien zeigen hier interessante Zusammenhänge, die wir im Folgenden näher beleuchten wollen. Wichtig ist anzumerken, dass es sich – so nicht anders angegeben – um sogenannte „korrelative Studien“ handelt. Diese zeigen, dass Sexting mit bestimmten anderen Variablen (z. B. Verhaltensweisen oder Persönlichkeitseigenschaften) im Zusammenhang zu stehen scheint. Diese Studien lassen aber häufig keine Rückschlüsse darauf zu, ob Sexting die andere Variable verursacht, eine Folge davon ist oder ob sowohl Sexting als auch die andere Variable beide von einer Dritt- oder Viertvariablen (wie z. B. einem liberalen Elternhaus) bedingt werden. Bei der Interpretation der Ergebnisse im Sinne möglicher Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ist also Vorsicht geboten. Aber um welche Variablen handelt es sich konkret?

Studien deuten darauf hin, dass Jugendliche, die sich an Sexting beteiligen, auch gegenüber Sexualverhalten jenseits der Online-Welt positiver eingestellt sind (Lee, Moak & Walker, 2013; Walrave et al., 2015). Jugendliche, die selbstgemachte sexuelle Bilder verschicken, scheinen auch in der Offline-Welt sexuell aktiver; das reicht vom Küssen bis hin zum Geschlechtsverkehr (Temple et al., 2012; Ybarra & Mitchell, 2014). Hinweise auf eine verursachende Wirkung von Sexting auf vermehrte sexuelle Aktivität findet sich in Studien, die Sexting mit dem Sexualverhalten ein Jahr später in Zusammenhang bringen. Sie lassen vermuten, dass Sexting-Verhalten online ein erster Schritt für sexuelle Beziehungen offline sein kann (Temple & Choi, 2014). Es finden sich also Hinweise für ein aktiveres Sexualleben bei Jugendlichen, die Sexting betreiben. Zeigen sie auch ein riskanteres Sexualverhalten? Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es dafür derzeit kaum Anhaltspunkte – Jugendliche, die Sexting betreiben, verhüten beispielsweise nicht weniger häufig als Jugendliche, die kein Sexting betreiben (Temple & Choi, 2014).

Allerdings wurden in einer Studie statistische Zusammenhänge zwischen Sexting und Prostitution, also dem Anbieten von Sex gegen Geld, gefunden (Lee et al., 2013). Sexting wird zudem mit Risikoverhaltensweisen außerhalb der Sexualität in Zusammenhang gebracht. Jugendliche, die (häufiger) Sexting betreiben, rauchen beispielsweise im Durchschnitt auch eher (Lee et al., 2013) und konsumieren häufiger Alkohol oder Marihuana (Temple et al., 2014; Ybarra & Mitchell, 2014). Ebenso lassen sich unter den Jugendlichen, die häufiger Sexting betreiben, eine höhere Anzahl an Jugendlichen finden, die Geld stehlen oder die Schule abbrechen (Lee et al., 2013). Sexting kann also nicht nur zu Schäden im Ansehen oder Mobbing führen, sondern scheint auch mit riskanten Verhaltensweisen in anderen Lebensbereichen in einem Zusammenhang zu stehen (Wachs & Wolf, 2015). Sexting steht im Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Bild: Benreis at wikivoyage via Wikimedia Commons (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/db/Aufse%C3%9F_Bier.JPG); CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/)

Wie sieht es mit Zusammenhängen zwischen Sexting und dem psychischen Wohlbefinden aus? Die Forschungsergebnisse hierzu sind bislang nicht eindeutig. In einer Studie wurde beispielsweise kein Zusammenhang zwischen Sexting und Depressivität festgestellt (Temple et al., 2014). In anderen Studien wurden dagegen sehr wohl Zusammenhänge zwischen Sexting-Verhalten und negativen Gefühlen wie Einsamkeit, Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit oder Genussunfähigkeit gefunden (Van Ouytsel, Van Gool, Ponnet & Walrave,, 2014b; Ybarra & Mitchell, 2014).

Zusammenfassend scheint Sexting durchaus, mit ernstzunehmenden Risikoverhaltensweisen verknüpft zu sein. Es ist dabei jedoch häufig (noch) unklar, ob die Gefahr von Sexting ausgeht, Sexting also zu Risikoverhalten führt, oder umgekehrt Menschen mit einer Tendenz zu Risikoverhalten vermehrt Sexting betreiben. Das führt uns zu der Frage, welche (anderen) Faktoren dazu führen, dass sich Jugendliche am Sexting beteiligen.

Wie lässt sich Sexting erklären?

Aufklärungskampagne "Sexting, Bild von Pro Juventute (https://flic.kr/p/htUayD); CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Ungeachtet der potenziellen Risiken beteiligt sich ein erheblicher Teil der Jugendlichen am Sexting. Wie lässt sich dies erklären? Aus wissenschaftlicher Sicht gelingt eine Erklärung am besten, wenn man das Zusammenspiel aus jugendlicher Identitätsentwicklung, gesellschaftlichen Strömungen, Gruppendynamik und Persönlichkeitsmerkmalen betrachtet.

Jugendliche haben im Rahmen ihrer Identitätsentwicklung das Bedürfnis, mit romantischen Beziehungen und Sexualität zu experimentieren. Sexting könnte entsprechend als ein Weg des sexuellen Ausprobierens interpretiert werden (Walrave, Heirman & Hallam, 2014). Jugendliche verwenden Sexting dabei zum einen innerhalb von Beziehungen mit ihren jeweiligen Partnern bzw. Partnerinnen als Liebesbeweise und Zeichen gegenseitigen Vertrauens. Sexting findet aber auch außerhalb von Beziehungen statt und wird dann zum Flirten verwendet oder um romantische und sexuelle Interessen auszudrücken (Döring, 2012; Lippman & Campbell, 2014).

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