Wie verständigen wir uns eigentlich in Alltagssituationen?

Dieser Beitrag wurde zunächst in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe (4/2009, Ausgabe 9) des In-Mind Magazins veröffentlicht.

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Kürzlich kam nach einer Vorlesung über „Zwischenmenschliche Kommunikation“ ein Student auf mich zu und stellte mir eine Frage zu dem im Kurs verwendeten Buch. Ich beantwortete seine Frage und wir unterhielten uns eine Weile über das Buch. Plötzlich stellten wir jedoch fest, dass der Student über ein Marketingbuch sprach, während ich mich auf ein kursbegleitendes Buch zum Thema „Kommunikation“ bezog. Wie sich herausstellte, wollte der Student die nachfolgende Vorlesung besuchen, hatte jedoch den Dozenten noch nicht kennengelernt. Und so nahm er an, dass ich sein Dozent sei, nachdem ich in meinen Unterlagen blätternd vor dem Hörsaal stand. Die meisten haben ähnliche Situationen bereits erlebt. Nachdem man eine ganze Zeit lang über ein Thema gesprochen hat, dämmert es einem plötzlich, dass man über verschiedene Dinge spricht.

Bild von Gratisography via Pexels (https://www.pexels.com/photo/marketing-man-person-communication-362/), CC0 (https://www.pexels.com/photo-license/)Die Tatsache, dass derartige Formen von Missverständnissen entstehen, wird verständlich, wenn wir uns genau ansehen, was wir in Unterhaltungen sagen. Das, was wir sagen, ist nämlich ziemlich ungenau und bisweilen zweideutig. Nehmen wir ein einfaches Beispiel wie „Ich bin bald da“. Diese Worte können entweder „in einer Minute“ oder „morgen“ bedeuten. In ähnlicher Weise kann eine Aussage wie „Wir müssen uns über Obama wundern“ alles Mögliche bedeuten, sowohl positiv als auch negativ. Zudem werden viele sprachliche Äußerungen wie zum Beispiel Bitten indirekt formuliert. Anstatt zu sagen „Mach die Tür zu“, sagt man häufig „Es ist ganz schön kalt hier drinnen“ oder „Hoffentlich entwischen uns die Katzen nicht“. Und schlimmer noch: Manchmal meinen wir genau das Gegenteil von dem, was wir sagen (z. B. das ironische „Du bist mir ja ein lieber Freund“) oder etwas gänzlich Verschiedenes von dem, was wir wörtlich äußern (z. B. „Du bist mein Sonnenschein“). Wenn Worte so zweideutig sein können, wie schaffen wir es dann eigentlich, uns zu verständigen?

Das Verstehen der wörtlichen Bedeutung einer Reihe von Wörtern ist offensichtlich nur der Ausgangspunkt beim Interpretieren der Redeabsicht eines/r Sprechers/in. Eine der wichtigsten Aufgaben des/r Hörers/in besteht folglich darin, die Absicht hinter den Worten eines/r Sprechers/in herauszufinden. Die Sprechakttheorie (Austin, 1962; Searle, 1969) stellte einen der ersten Versuche dar herauszufinden, wie Menschen das tun. Der/die HörerIn muss herausfinden, was jemand zu sagen beabsichtigt mit einem Satz wie „Hoffentlich entwischen uns die Katzen nicht“. Dies ist von essenzieller Wichtigkeit, denn wenn diese Äußerung wörtlich aufgefasst wird, mag es sein, dass wir die Katzen an die Leine nehmen. Wenn die Äußerung als indirekte Bitte aufgefasst wird, ist es wahrscheinlich, dass der/die HörerIn tatsächlich die Tür schließt. Um zu diesem Verständnis zu gelangen, muss der/die HörerIn zuallererst erkennen, ob die wörtliche Bedeutung gemeint ist oder ob der/die SprecherIn auf indirekte Weise eine bestimmte Redeabsicht kommuniziert. Wie wir dieses Problem bewältigen, ist eine unendlich schwierige Frage und ForscherInnen aus unterschiedlichen Disziplinen sind immer noch damit beschäftigt, darüber zu diskutieren. Ganz allgemein kann man jedoch sagen, dass die Intonation einer Äußerung, der Kontext, in dem die Äußerung gemacht wird, und das Hintergrundwissen in verschiedener Art und Weise dazu beitragen, dass wir erfolgreich miteinander kommunizieren können (Holtgraves, 2002).

Nonverbale Signale, wie z.B. lächeln, sind für eine reibungsfreie Verständigung unumgänglich. Bild: Rawpixel via Pixabay (https://pixabay.com/de/gesch%C3%A4ft-angebot-l%C3%A4cheln-fr%C3%B6hlich-2703167/,) CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Abgesehen von der Bedeutung eines Wortes wird ein großer Teil der Bedeutung einer Äußerung auf nonverbale Weise kommuniziert, zum Beispiel durch die Stimmlage, Gestik oder Mimik. Menschen nutzen verbale und nonverbale Handlungen im Zusammenspiel, um die Bedeutung einer Äußerung zu kommunizieren (Bavelas & Chovil, 2000). Wenn der/die SprecherIn auf die Tür zeigt und dabei sagt „Hoffentlich entwischen uns die Katzen nicht“, dann ist es so gut wie klar, dass der/die SprecherIn möchte, dass die Tür geschlossen wird. Und wenn ein vielsagendes Grinsen einen Satz wie „Du bist mir ja ein lieber Freund“ begleitet, ist es offensichtlich, dass die Äußerung ironisch gemeint ist.

Zusätzlich zu nonverbalen Handlungen ist der Kontext, in dem eine Äußerung gemacht wird, hilfreich, um Wörter eindeutig zu machen. Zudem ist der Kontext beim Verstehen von Redeabsichten von großer Bedeutung. Paul Grice (1975) stellte eine einflussreiche Theorie auf, die erklärt, wie GesprächspartnerInnen den Kontext eines Gesprächs nutzen, um Bedeutung zu kommunizieren, und wie der/die HörerIn den Kontext eines Gesprächs nutzt, um zu erkennen, was der/die SprecherIn tatsächlich mitteilen möchte. Angenommen Sie fragen jemanden „Wo ist Peter?“, und Sie erhalten als Antwort „Vor Marias Haus steht ein roter Laster“. Wie finden Sie heraus, was diese Antwort bedeutet? Ist es tatsächlich eine Antwort auf die Frage? Die Idee ist, dass wir stillschweigend davon ausgehen, dass sich jede/r von uns an Konversationsregeln hält. Das heißt, von uns wird erwartet, dass wir in einer Konversation nur Dinge sagen, die relevant sind, die wahr sind, die verständlich sind und die einen gewissen Umfang nicht überschreiten. Die Antwort soll sich erwartungsgemäß auf die Frage beziehen, sie soll sich an der Wahrheit orientieren und informativ sein. Diese Grundannahme ermöglicht es uns, die Bedeutung des Gesagten zu interpretieren (d. h. wahrscheinlich besitzt Peter einen roten Laster und die Tatsache, dass der Laster vor Marias Haus steht, legt nahe, dass Peter dort ist).

Nach Grice (1975) sucht der/die HörerIn nach einer höheren Bedeutung, wenn die wörtliche Bedeutung einer sprachlichen Äußerung gegen Konversationsregeln zu verstoßen scheint. Zum Beispiel verstoßen indirekte bzw. ironische Äußerungen (wie z. B. „Du bist mein Sonnenschein“ oder „Du bist mir ja ein lieber Freund“) gegen Konversationsregeln, weil sie im wörtlichen Sinne nicht wahr sind. Da der/die HörerIn jedoch davon ausgeht, dass die Äußerung irgendwie relevant sein muss, interpretiert er/sie die Bedeutung dieser Äußerungen so um, dass sie im Anbetracht des Gesprächskontextes Sinn ergibt.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie kompliziert es für den/die HörerIn ist zu verstehen, was jemand sagen möchte, und wie kompliziert es entsprechend für den/die SprecherIn ist, eine klare und deutliche Botschaft zu übermitteln. Um zu verstehen und um verstanden zu werden, müssen die GesprächspartnerInnen den Kontext und die jeweilige Perspektive in Betracht ziehen. In der Forschung wurde nachgewiesen, dass die Perspektivenübernahme und das Abstecken von Gemeinsamkeiten in dieser Hinsicht von höchster Bedeutung sind.

Perspektivenübernahme und Gemeinsamkeiten 

Perspektivenübernahme ist eine der wichtigsten Erfordernisse für erfolgreiche Kommunikation (Holtgraves, 2002; Krauss & Fussell, 1991). Um die Botschaft zu übermitteln, muss der/die SprecherIn in Betracht ziehen, ob der/die GesprächspartnerIn überhaupt verstehen kann, was gesagt wurde. Im Gegenzug muss der/die HörerIn den Blickwinkel des/r Sprechers/in berücksichtigen, um die hinter einer Äußerung stehende Absicht zu verstehen (was könnte der/die SprecherIn aufgrund seiner oder ihrer Perspektive gemeint haben?). Stellen Sie sich vor, Ihr Freund oder Ihre Freundin fragt Sie „Kommt sie nicht aus New York?“. Bevor Sie auf eine derartige Frage antworten können, muss Ihnen klar sein, auf wen Ihr Freund oder Ihre Freundin sich bezieht. Wenn Sie sich mitten in einem Gespräch über die Autorin eines Buches befinden, gehen Sie wohl davon aus, dass der/die Fragende sich auf die Buchautorin bezieht. Es kann jedoch durchaus vorkommen, dass Ihr Freund bzw. Ihre Freundin etwas vom Thema abweicht und von der Sängerin eines Liedes spricht, das er oder sie gerade im Radio hört. Die oben formulierte Frage wäre für Sie schwer zu beantworten, wenn Ihnen nicht klar ist, dass es sich um einen plötzlichen Themenwechsel handelt. Um Missverständnisse zu vermeiden, müsste Ihr Freund oder Ihre Freundin Ihre Perspektive berücksichtigen und auf den Themenwechsel mit folgenden Worten verweisen: „Diese Sängerin, kommt die nicht aus New York?“. Andernfalls würden Sie mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass er oder sie immer noch über die Buchautorin spricht (nach Moskowitz, 2005).

Um gegenseitiges Verstehen zu gewährleisten, müssen GesprächspartnerInnen also die Perspektive eines/r jeden/r berücksichtigen. Wie geht dieser Prozess jedoch vor sich? Die Forschung hat diesbezüglich aufgezeigt, dass GesprächspartnerInnen dazu in der Lage sind, indem sie ständig versuchen herauszufinden, inwieweit sie sich auf einer gemeinsamen Grundlage bewegen (Clark, 1996). Diese gemeinsame Grundlage bezieht sich auf das gemeinsame Wissen der GesprächspartnerInnen, auf die Informationen, über die die GesprächspartnerInnen gemeinsam verfügen und die sie jederzeit erkennen können. Es wurde gezeigt, dass GesprächspartnerInnen sich auf Heuristiken bzw. Faustregeln verlassen, die sie dazu befähigen, zu beurteilen, was noch Teil der gemeinsamen Grundlage ist (Clark & Brennan, 1991).

Eine dieser Faustregeln, auf die sich die GesprächspartnerInnen verlassen, ist die Annahme physischer Kopräsenz. Das heißt, wenn zwei Leute zusammen sind und über denselben Aspekt ihrer Umgebung sprechen, gehen sie davon aus, dass das, was beide wahrnehmen, Teil ihrer gemeinsamen Gesprächsgrundlage ist. Wenn jemand an Ihnen vorbeigeht, können Sie davon ausgehen, dass das Verhalten sowie das Erscheinungsbild dieser Person beiden GesprächspartnerInnen bekannt sind. Folglich ist es nicht nötig, diese Aspekte dem/r GesprächspartnerIn gesondert mitzuteilen.

Eine zweite Faustregel ist die sogenannte Annahme linguistischer Kopräsenz. Das heißt, dass die GesprächspartnerInnen generell davon ausgehen, dass die Informationen, die im Rahmen eines Gesprächs bereits erwähnt wurden, zur gemeinsamen Grundlage gehören. Dies impliziert, dass man das bereits Gesagte nicht mehr gesondert erklären muss.

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