Falsche Geständnisse: Warum unschuldige Menschen Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben.

Falsche Geständnisse im Labor

Um mehr über falsche Geständnisse, deren Häufigkeit und Ursachen herauszufinden, wurden zahlreiche Studien in Laboratorien durchgeführt. Die Einflussreichste dieser Studien wurde von Saul Kassin und Katherine Kiechel (1996) entwickelt. Das sogenannte Computer Crash Experiment wurde für die Probanden als Experiment für Reaktionsschnelligkeit vorgestellt. Die Aufgabenstellung war es, Buchstaben zu tippen. Diese Buchstaben wurden von einer Verbündetenj der Versuchsleiter vorgelesen. Vor dem Experiment wurden alle darauf hingewiesen, auf keinen Fall die ALT-Taste zu drücken, da dies den Computer zum Absturz bringen würde. Nach circa 1 Minute stürzte der manipulierte PC ab und die Probanden wurden beschuldigt, die ALT-Taste gedrückt zu haben. Um die Situation zu beeinflussen, waren die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Eine ‚schnelle’ Gruppe (die Verbündete las die Buchstaben schnell vor) und eine ‚langsame’ Gruppe (die Verbündete las die Buchstaben langsam vor). Eine weitere Manipulation war, dass in der Hälfte jeder Gruppe die Verbündete eine falsche Aussage machte, indem sie behauptete, die Probanden hätten die ALT-Taste gedrückt. Die beiden Wissenschaftler untersuchten, inwieweit die Versuchspersonen bereit waren, ein falsches Geständnis zu unterzeichnen.

Abbildung 1Abbildung 1 nach Kassin und Kiechel (1996)

Die abgebildeten Ergebnisse zeigen, dass die Schnelligkeit, aber auch die falsche Aussage der Verbündeten der Versuchsleiter, die Rate der falschen Geständnisse erhöhten. Unter anderem wurde geprüft, ob die Probanden die Anschuldigungen internalisierten und eine Konfabulation des Ereignisses gaben, z.B.: „Ja, ich habe die ALT-Taste tatsächlich berührt und das habe ich gemacht, weil ich heute Morgen zu viel Kaffee getrunken habe“ oder „Ja, ich habe die ALT-Taste mit meiner rechten Hand berührt, nachdem der Buchstabe A vorgelesen wurde“. Insgesamt unterschrieben 65 % der Probanden ein falsches Geständnis, 28 % glaubten wirklich die Taste gedrückt zu haben und 9 % gaben Erklärungen und Gründe ab, warum sie es getan hatten. In Wirklichkeit waren alle unschuldig, da keiner die ALT-Taste gedrückt hatte.

Fazit

Im Januar 2006 übernahm das Innocence Project in New York den Fall von Jeffrey Deskovic. Das Innocence Project veranlasste die DNS-Spuren erneut überprüfen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass die DNS-Spuren mit denen von Steven Cunningham übereinstimmten. Dieser war für Mord in einem anderen Fall verurteilt worden und war seitdem im Gefängnis. Im September 2006 wurde Deskovic entlassen und seine Verurteilung wurde widerrufen. Der wahre Täter, Steven Cunningham, gestand wenig später auch den Mord an Angela Correa.

In Deutschland endete gerade das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Rupp mit Freisprüchen für die Angeklagten. Herr Rupp verschwand im Jahre 2001 spurlos und seine Familie gestand später, ihn erschlagen, zerstückelt und an die Hunde und Schweine verfüttert zu haben. Die Geständnisse wurden später widerrufen, da sie angeblich nur unter dem Druck der Ermittler entstanden waren. Obwohl es keine anderen Beweise gab, wurden die vier Angehörigen vom Gericht zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Im März 2009 wurde die Leiche von Herrn Rupp gefunden. Er wurde nicht erschlagen, nicht zerstückelt und nicht von den Hunden gefressen. Ob jemals geklärt werden kann, wie Herr Rupp zu Tode kam, ist ungewiss. Klar ist jedoch, dass die Geständnisse seiner Familie falsch waren (Getöteter Landwirt, 2011).

Bis zum heutigen Tage ist noch nicht vollständig geklärt, warum Menschen fälschlicherweise ein Verbrechen gestehen und warum solche Geständnisse so einflussreich auf den weiteren Verfahrensverlauf sind. Sicher ist, dass die Problematik der falschen Geständnisse besteht und dass sich die Justiz damit auseinandersetzen muss. Falsche Geständnisse stellen nicht nur ein Problem für die unschuldig verurteilten Personen dar, sondern auch für die Gesellschaft. Denn eine solche falsche Verurteilung impliziert, dass die wahre Täterin / der wahre Täter noch nicht verurteilt ist und potentiell weiteren Schaden verursachen kann.

Es stellt sich die Frage, wie die Situation verbessert werden kann, um Justizirrtümer aufgrund von falschen Geständnissen zu verhindern. Ein erster Schritt wäre, von jeder Vernehmung eine Videoaufzeichnung zu erstellen. Wissenschaftler untersuchen, inwiefern Vernehmungstechniken dahingehend verbessert werden können, falsche Geständnisse zu vermeiden. Des Weiteren könnte eine Wiederholung von Peters‘ Studie aus den Siebzigern mit aktuellen Wiederaufnahmefällen dabei helfen, eine Prävalenzrate für falsche Geständnisse in Deutschland zu erstellen.

Literaturverzeichnis

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