„Ich will was erreichen!“ Die Psychologie erfolgreicher Handlungen

Welche Faktoren liegen dem Erfolg von Handlungen zugrunde? Am beispielhaften Ziel, Gewicht zu verlieren, unterteilen wir die Handlung in aufeinanderfolgende Aufgaben und erläutern die Prozesse, welche eine Zielerreichung wahrscheinlicher machen. Auf diese Weise bekommen Leser und Leserin einen Einblick in die Handlungsforschung der Psychologie und erfahren nützliche Anregungen, um den eigenen Unternehmungen im Alltag mehr Schwung und größere Erfolgschancen zu verleihen.

Ein herausragendes Merkmal des Menschen ist der Umstand, dass sein Verhalten in hohem Maße zweckgerichtet ist. Das heißt, der Mensch ist nicht rein passiv und reagierend, sondern er verfolgt aktiv Wünsche und Bedürfnisse, die er als persönliche Ziele formuliert. Zweckgerichtetes Verhalten, welches zum einen bewussten Zielen folgt und darüber hinaus aktive Anstrengung benötigt, bezeichnen wir in der Psychologie als Handlungen. Ein Merkmal, das solche Handlungen von reinem Verhalten, wie Reflexen und Reaktionen, abgrenzt, ist die Tatsache, dass sie erfolgreich sein oder scheitern können (Hartmann, 1998). Als Beispiel: Das Niesen ist ein reflexhaftes Verhalten. Juckt die Nase stark genug, so niesen wir. Es vollzieht sich wie von selbst und kann auch nicht mehr scheitern, sobald es ausgelöst wurde. Der Versuch, ein Niesen zu unterdrücken, erfordert dagegen eine bewusste Anstrengung, die einen vorstellbaren Zweck verfolgt, durchaus schiefgehen kann und daher eine Handlung darstellt.

Der folgende Artikel soll einen Einblick in die psychologische Forschung zur Verhaltensklasse der Handlungen geben. Dabei setze ich den Schwerpunkt auf die Frage, was ein erfolgreiches Handeln auszeichnet. Lange Zeit konzentrierte sich die Psychologie lieber auf beobachtbares Verhalten, Reiz und Reaktion, als die schwieriger zu fassenden, bewussten Willenshandlungen zu erforschen (vgl. Westcott, 1988). Spätestens seit den 1980er Jahren hat sich dies geändert. Seither wissen wir viel mehr darüber, wie Willenshandlungen funktionieren und was dazu führt, dass wir „unseren Willen bekommen“. Bedeutsame Erkenntnisse wurden zusammengetragen, die dazu anregen können, das Handeln im Alltag zu überdenken und an der ein oder anderen Stelle zu optimieren.

Der Artikel widmet sich diesen Erkenntnissen, indem wir die wichtigsten Stationen eines bekannten Alltagszieles durchlaufen. So können wir beispielhaft klarmachen, was erfolgreiche und weniger erfolgreiche Handlungen ausmacht. Wir stützen uns dabei auf Erkenntnisse der Motivationspsychologie und vorrangig der Volitionspsychologie. Die Erstere beschäftigt sich mit der Frage „Was treibt uns an?“, also mit Motiven und Bedürfnissen, die die Grundlage von Zielen darstellen. Die Volitionspsychologie beschäftigt sich hingegen mit der Frage, was hinzukommen muss, damit wir unsere Ziele auch wirklich erreichen. Beide Disziplinen haben mittlerweile starke Verbindungen in die Persönlichkeitspsychologie und die Neurowissenschaften aufgebaut. Diese Bereiche lassen wir hier außer Acht. Wer sich dafür interessiert, sei an bedeutende Autoren wie Walter Mischel (Suchbegriff: delay of gratification), Roy Baumeister (Suchbegriff: self-control) oder Patrick Haggard (Suchbegriff: neurovolition) verwiesen.

Der Beginn des Handelns und die sich ergebenden Aufgaben

 

Wir benötigen nun ein alltagstaugliches Zielbeispiel. Doch woher kommen Ziele? Vereinfacht gesagt entstammen Ziele unseren Wünschen. Diese entstehen beim Menschen „in Überproduktion“ (Heckhausen, 1987, S. 3). Daher müssen sie verschiedene Prüfungen durchlaufen, in denen ihr Wert und ihre Machbarkeit gegeneinander abgewogen werden. Nehmen wir an, wir hätten den Wunsch „Ich will schlank werden“ sorgsam abgewogen und er hätte sich durchgesetzt gegen Konkurrenten wie „Genießen und sich nichts versagen“. Dieser Wunsch soll uns fortan als Bespiel dienen, um die drei großen Handlungsaufgaben zu verdeutlichen: Die genaue Setzung eines entsprechenden Ziels, die Planung seiner Umsetzung sowie das tatsächliche Handeln und Agieren. Zusammengefasst finden sie sich in Abbildung 1. Zu jeder dieser Aufgaben werden wir Ergebnisse berichten, welche direkt die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Zielerreichung betreffen.

Abbildung 1. Die wichtigsten Schritte eines erfolgreichen Handlungsprozesses und was man für den Erfolg tun sollte (To Do).

Wie setze ich mein Ziel?

Wir haben den Wunsch „Ich will schlank werden“ und wollen ihn in die Tat umsetzen. Die erste Aufgabe wäre es, ein entsprechendes Ziel zu setzen und möglichst gut zu formulieren. Dank einer großen Zahl von Labor- und Feldstudien,  vorangetrieben durch Edwin Locke und Gary Latham, ist über gute Zielsetzung einiges bekannt. Sie fanden heraus, dass schwierige und sehr präzise Ziele zu besserer Leistung führen, als leichte und nur vage formulierte Ziele (vgl. Locke & Latham, 2002). Angewandt auf unser Beispiel: „Ich will schlank werden“ ist nicht gerade gut formuliert, denn was genau stellen wir uns unter „schlank“ vor? Besser wäre „Ich will 5 Schwierige und sehr präzise Ziele führen zu einer besseren Leistung. Bild: TeroVesalainen via pixabay (https://pixabay.com/de/gewicht-verlust-gewicht-ernährung-2036969/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Schwierige und sehr präzise Ziele führen zu einer besseren Leistung. Bild: TeroVesalainen via pixabay (https://pixabay.com/de/gewicht-verlust-gewicht-ernährung-2036969/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Kilo abnehmen“. Das ist ein konkretes Ziel, dass auch Andere gleich verstehen. Noch besser wäre „Ich will 10 Kilo abnehmen“, da zu leichte Ziele nach Locke und Latham (2002) auch nicht förderlich sind. Begründet wird dies mit einem einfachen Mechanismus. Die erhöhten Anforderungen schwieriger Ziele sorgen automatisch für höhere Anstrengung. Schwierige Ziele „ziehen“ uns quasi stärker als leichte Ziele.

Natürlich braucht solch ein einfacher Mechanismus die richtigen Randbedingungen. Damit die obige Regel funktioniert, muss eine gewisse Bindung an das Ziel existieren. Das Ziel darf nicht bedrohlich sein, nicht in Konflikt mit anderen Vorhaben stehen und die Fähigkeiten zu seiner Verwirklichung müssen ausreichen. Auf das Beispiel angewandt bedeutet dies: Es sollte uns schon ernst sein mit dem Abnehmen, keine fixe Idee. Abzunehmen sollte keine Furcht auslösen. Wir sollten zeitgleich keine widersprüchlichen Ziele verfolgen, wie „Eine kulinarische Reise durch Süditalien unternehmen“. Außerdem sollten wir wissen, wie das mit dem Abnehmen funktioniert und uns zutrauen, die nötigen Schritte auch zu unternehmen.

Der Knackpunkt sind die Fähigkeiten. Häufig wissen Leute nicht genau, wie sie das Ziel erreichen können, oder sie trauen es sich nicht zu. In diesem Fall empfehlen Locke und Latham (2002), Lernziele zu setzen. Lernziele beinhalten die Erlangung von Fähigkeiten, die wir für andere Ziele benötigen. Trauen wir es uns also nicht zu abzunehmen, dann nehmen wir uns stattdessen vor: „Über Ernährung und Energiestoffwechsel informieren“ (Wissen gewinnen) und „Auf eine Sache fortan verzichten, um zu sehen, dass man das schafft“ (Selbstvertrauen gewinnen). Doch auch hier greift die Regel von oben und wir formulieren um: „Am Dienstagabend an einem einstündigen Ernährungsinformationskurs teilnehmen“ und „Ab sofort komplett auf Softdrinks verzichten und einschätzen, wie gut das funktioniert“. Laut Locke und Latham sind solche anspruchsvollen und präzisen Lernziele sehr wirkungsvoll. Sie führen zu einer Steigerung der Fähigkeiten, was wiederum übergeordnete Ziele begünstigt. Außerdem erzeugen sie Erfolgsgefühle und machen zufriedener.

Die Zielsetzungstheorie von Locke und Latham (2002) funktioniert am besten mit messbaren Leistungszielen wie unserem Abnehmbeispiel. Doch es gibt auch Erkenntnisse zu Vorhaben, die nicht in das Leistungsschema passen. Gabriele Oettingen (1997) hat die erfolgreiche Umsetzung von Phantasien („Ich möchte berühmt werden!“) von bloßem Schwelgen und Grübeln getrennt. Entscheidend für eine tatsächliche Umsetzung ist hier der bewusste Vergleich von gewünschter Phantasie und harter Realität. Dieser Kontrast zeigt, was notwendig ist, und lässt ein Urteil über die realistische Erfolgserwartung zu. Ist diese hoch genug, wird gehandelt. Ist sie zu gering, könnte man sie mittels Lernzielen erhöhen. Wichtig: Beim reinen Schwelgen bleibt der Vergleich mit der Realität aus. Dadurch entstehen allenfalls halbherzige Versuche der Umsetzung, der motivierende Einfluss von Erfolgserwartung und Handlungsnotwendigkeit fehlt. Im Gegensatz dazu beschäftigt man sich beim Grübeln zu viel mit der harten Realität. Hier fehlt dann ein attraktives Zukunftsbild, welches man anstreben kann.