„Verstehst Du mich noch?“ – Empathie in videovermittelten Interaktionen

Wie sieht es nun mit dem zweiten Aspekt von sozialer Präsenz, der Intimität aus? Im Vergleich zu einem klassischen Telefonat, indem man sich nur hören kann, ist diese in einem Videotelefonat immer noch relativ hoch. Allerdings ist sie etwas Bild 3: Im Videotelefonat ist es schwierig, der anderen Person direkt in die Augen zu sehen.Bild 3: Im Videotelefonat ist es schwierig, der anderen Person direkt in die Augen zu sehen.eingeschränkter als im direkten Kontakt, da wir unser Gegenüber mit dem Tast- und dem Geruchssinn überhaupt nicht wahrnehmen können. Diese scheinen uns in der alltäglichen Kommunikation weniger relevant zu sein. Allerdings gibt es einige Studien, die nahelegen, dass unser Geruchssinn uns ebenfalls Informationen über die Gefühle unseres Gegenübers gibt. Auch wenn wir es nicht bewusst wahrnehmen, verändern chemische Signale, die die andere Person beim Erleben bestimmter Gefühle aussendet, zum Beispiel über den Schweiß, unsere Reaktion auf diese Person. Erste Studien legen nahe, dass diese chemischen Signale genauso wichtig sein können wie Sehen oder Hören. Allerdings sind hier noch viele Fragen offen, so dass die Bedeutung des Geruchssinns sowohl für die kognitive als auch für die affektive Empathie noch nicht geklärt ist (Calvi et al., 2020). Der Tastsinn spielt eine zweifache Rolle für Empathie. Einerseits schlagen einige WissenschaftlerInnen vor, dass affektive Empathie und hier besonders das Miterleben der Gefühle der anderen Person auch damit einhergeht, dass sich die Physiologie, also beispielsweise Herzschlag und Atemfrequenz der Person gegenüber anpasst. Dies geschieht leichter, wenn die andere Person berührt wird, da dann direkt Signale über den physiologischen Zustand vermittelt werden, zum Beispiel die Körpertemperatur. Andererseits kann eine fürsorgliche Berührung auch die Physiologie der anderen Person beeinflussen und diese so beruhigen und Schmerzen lindern (Goldstein et al., 2017; Jospe et al., 2020). 

Sehen und hören kann man sich in Videokontakten immer noch, allerdings kann die Qualität eingeschränkt sein. Es ist anstrengend, wenn während der Videokonferenz das Bild verschwommen oder bei schlechter Internetverbindung die Stimme der anderen Person nur verzögert zu hören ist. Um sowohl die Gefühle beim Erzählen eines emotionalen Erlebnisses als auch Schmerzen besser einschätzen zu können, scheinen Sichtbarkeit und Stimme der anderen Person wichtig zu sein. Interessant dabei ist, dass Menschen besser darin sind, die Gefühle und Schmerzen anderer einzuschätzen, wenn sie sie nur hören, als wenn sie sie nur sehen können (Agahi & Wanic, 2020). Es ist allerdings noch unklar, ob dies am Inhalt des Gesagten, oder an den Signalen liegt, die über die Stimmlage und Betonung gegeben werden (Jospe et al., 2020). Eine weitere Studie konnte zeigen, dass die Angleichung des körperlichen Zustandes zwischen zwei Personen schwächer war, wenn diese im gleichen Raum die gleiche Aufgabe machten, sich aber nicht sehen konnten, im Vergleich dazu, wenn sie sich sehen konnten. Dies spricht dafür, dass auch das körperliche Mitfühlen davon abhängt, dass wir die andere Person gut sehen können (Behrens et al., 2020).

Wie verändert sich unsere Empathie dadurch, dass wir nicht dieselbe Umgebung erleben?

Drittens geht bei einem Online-Kontakt im Vergleich zu einem direkten Kontakt die geteilte räumliche Umgebung verloren: man kann nicht genau sehen, was um die andere Person herum alles passiert und vor allem teilt man diese Umgebung nicht mit der anderen Person. Informationen über die Situation, in der sich eine Person befindet, machen es einfacher, ihren Gesichtsausdruck richtig zu deuten. Beispielsweise wird dies einfacher, wenn wir erzählt bekommen oder sehen können, in welcher Umgebung sich die Person befindet (z. B. Arbeitszimmer vs. Zugabteil) und auch, wenn wir ihre Körperhaltung zusätzlich zum Gesichtsausdruck sehen können. Interessanterweise waren in Studien gerade extreme Gefühlsausdrücke wie extremer Ärger oder Freude ohne Informationen über die Ursache nur schwer auseinanderzuhalten. Diese Signale aus der Umgebung sind im Videokontakt etwas eingeschränkt: Oft wissen wir über die Umgebung der Person nur, was diese uns offen erzählt oder zeigt, da wir nur das Gesicht der Person vor einer weißen Wand oder einem verschwommenen Hintergrund sehen und auch die Information über die Körperhaltung fehlt. Es ist leicht vorstellbar, dass wir uns schlechter gedanklich in die andere Person hineinversetzen können, wenn wir in einem Videotelefonat zum Beispiel nicht mitbekommen, dass im Hintergrund Kinder spielen oder, dass die Person im Bett liegt (Wieser & Brosch, 2012). Eine geteilte Umgebung im direkten Kontakt könnte auch die affektive Empathie, also das Mitfühlen der Empfindungen der anderen Person erleichtern. Wenn ich die gleiche Umgebung erlebe wie die andere Person, zum Beispiel die gleiche Lufttemperatur, Geräuschkulisse und Lichtverhältnisse, sollte es leichter sein, sich an den körperlichen Zustand der anderen Person anzugleichen. Dies könnte, wie bereits erklärt, helfen, die Gefühle der anderen Person nachzuspüren. Studien, die genau das untersuchen, gibt es allerdings noch nicht.

Wie könnte man die Empathie im Online-Kontakt erhöhen?

Zusammenfassend kann man sagen, dass in Videokontakten vor allem die Intimität durch schlechte Qualität von Ton und Bild, sowie dadurch, dass Geruch und Berührung fehlen eingeschränkt ist. Dies, sowie der fehlende direkte Blickkontakt könnte unsere Fähigkeit, besonders schwache Gefühle der anderen Person zu verstehen, also unsere kognitive Empathie, durchaus einschränken. Außerdem könnte es sein, dass wir die Gefühle der anderen Person weniger stark miterleben, da hierfür auch direkter Blickkontakt, sowie physische Nähe und Geruchssignale wichtig sind. Allerdings wurde die Gesamtheit dieser Auswirkungen noch nicht wissenschaftlich untersucht. In Bezug auf Online-Therapiegespräche und Sprechstunden, für die Einschränkungen in den Empathiemöglichkeiten besonders problematisch wären, zeigt sich aber, dass die meisten PatientInnen genauso zufrieden mit der Online-Therapie sind wie mit klassischer Therapie.  Dies könnte daran liegen, dass für das gedankliche Verstehen der PatientInnen vor allem der Inhalt des Gesagten wichtig ist, weniger nicht-verbale Informationen (Jospe et al., 2020). Klinische PsychologInnen schlagen TherapeutInnen auch vor, das therapeutische Gespräch durch häufigeres Nachfragen zu verlangsamen, um möglichen Verständnisschwierigkeiten entgegenzuwirken oder das Bild der KlientInnen während der Online-Therapie direkt unter der eigenen Webcam zu platzieren, um Blickkontakt zu erleichtern (Simpson et al., 2020). Das Bewusstsein, dass der Online-Kontakt unsere Empathie einschränken kann, sollte bei Videokonferenzen im Arbeitsalltag dabei helfen, sich mit KollegInnen einig zu werden: Zum Beispiel könnte es helfen, Wünsche konkret auszusprechen, anstatt auf versteckte Signale wie Blickkontakt zu setzen. Wenn die Auswirkungen von schwächerer sozialer Präsenz auf Empathie genauer geklärt sind, könnte dies auch helfen, Empathie beispielsweise in beruflichen Online-Kontakten und in Online-Therapie und – Beratungsangeboten gezielt zu verbessern und ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

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Bild 3: mohamed hassan via pixabay (https://drive.google.com/drive/folders/1MSm873U5CXYKlnnxCE1oUFpcGxcNJIOw...)

Literaturverzeichnis

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Agahi, S., & Wanic, R. (2020). Supremacy of auditory versus visual input in somatic empathy and perceived pain level. Pain Management Nursing, 21(2), 201–206. https://doi.org/10.1016/j.pmn.2019.06.013

Behrens, F., Snijdewint, J. A., Moulder, R. G., Prochazkova, E., Sjak-Shie, E. E., Boker, S. M., & Kret, M. E. (2020). Physiological synchrony is associated with cooperative success in real-life Interactions. Scientific Reports, 10(1), 19609. https://doi.org/10.1038/s41598-020-76539-8

Bond, C. F., & Titus, L. J. (1983). Social facilitation: A meta-analysis of 241 studies. Psychological Bulletin, 29, 265–292. https://doi.org/DOI: 10.1037/0033-2909.94.2.265

Calvi, E., Quassolo, U., Massaia, M., Scandurra, A., D’Aniello, B., & D’Amelio, P. (2020). The scent of emotions: A systematic review of human intra- and interspecific chemical communication of emotions. Brain and Behavior, 10(5), e01585. https://doi.org/10.1002/brb3.1585

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