Wie es euch gefällt: Sozialer Einfluss durch Mehrheiten und Minderheiten

Darüber hinaus wurden auch die Bedingungen untersucht, wie Konsensinformation auf Einstellungsurteile wirkt. Ein zentrales Ergebnis ist in diesem Zusammenhang der Effekt der verzerrten Informationsverarbeitung („biased processing“) als Reaktion auf unterschiedliche Ausprägungen von Konsens (Erb et al., 1998). Wir konnten zeigen, dass der soziale Einfluss nicht direkt auf die Einstellung zu einem Urteilsobjekt wirkt, sondern dass dieser Einfluss vermittelt ist über eine Bedeutungsänderung der verfügbaren inhaltlichen Information in Reaktion auf die Nutzung der Konsensinformation: Ein und dieselben Argumente werden unter Mehrheitseinfluss positiv „verzerrt“ und unter Minderheitseinfluss negativ „verzerrt“ verarbeitet.

 

Im Experiment wurden Vpn gebeten, alle Gedanken aufzulisten, die ihnen während des Lesens in den Sinn gekommen waren. Mithilfe dieser Gedankenlisten kann der Prozess der verzerrten Informationsverarbeitung abgebildet werden. Jeder so geäußerte Gedanke wird von externen Gutachtern danach bewertet, ob er zustimmende, neutrale oder ablehnende Inhalte enthält. So ergibt sich für jede Versuchsperson (Vp) ein Maß, das ausdrückt, wie positiv oder negativ die Vp auf die präsentierte Information reagiert hat. Die Ergebnisse bestätigten den allgemein großen Vorsprung von Mehrheiten gegenüber Minderheiten. Obwohl die Information über das Urteilsobjekt und die vorgetragenen Argumente unter Minderheits- und Mehrheitseinfluss identisch waren, gaben Vpn, die zuvor gelesen hatten, dass sich eine Mehrheit für den Tunnelbau aussprach, mehr unterstützende Gedanken an. Wenn Vpn jedoch zuvor gelesen hatten, dass sich nur eine Minderheit für den Tunnelbau aussprach, listeten sie mehr ablehnende Gedanken auf. Die Folge dieser verzerrten Informationsverarbeitung war, dass Vpn in der Mehrheitsbedingung den Tunnelbau stärker befürworteten als Vpn in der Minderheitsbedingung – und das, obwohl dasselbe Anliegen unterstützt durch dieselben Argumente vorgetragen worden war. Die entsprechenden Reaktionen fielen in einer Kontrollbedingung, in der dieselben Argumente ganz ohne Konsensinformation präsentiert worden waren, neutral aus, so dass man sowohl von einer Aufwertung unter Mehrheits- als auch von einer Abwertung unter Minderheitseinfluss sprechen kann. Diese Ergebnisse werden durch den zusätzlichen Befund gestützt, dass die Argumente, wenn sie von einer Mehrheit unterstützt wurden, als überzeugender beurteilt wurden, als wenn sie von einer Minderheit präsentiert wurden. Zusammengefasst finden wir also, dass hoher Konsens, vermittelt über positive Reaktionen auf die vorgetragenen Argumente, zustimmende Urteile begründet, während niedriger Konsens, vermittelt über negative Reaktionen, zu ablehnenden Urteilen führt. Die bisherigen Befunde zum Konsensansatz lassen sich nun auch auf praktische Anwendungsfelder übertragen. So haben wir beispielsweise die psychologische Wirkung von öffentlichen Meinungsumfragen untersucht.

 

Woher wir wirklich wissen, was uns gefällt: Sozialer Einfluss durch Umfrageergebnisse

Auf der Internetseite des Statistikportals statista (www.statista.de) haben Internetnutzerinnen und -nutzer Zugriff auf mehrere Tausend Umfrageergebnisse aus über 500 verschiedenen Quellen. Umfrageergebnisse erfreuen sich zur Zeit einer großen Beliebtheit und sind aus der Berichterstattung in den Medien kaum mehr wegzudenken. Ob es nun um die Zustimmung für den Einsatz deutscher Truppen im Irak oder die sogenannte „Sonntagsfrage“ geht oder aber darum, auf welche Merkmale eines Flirtpartners bzw. einer Flirtpartnerin Männer und Frauen zuerst achten: Es gibt wohl kaum einen Lebensbereich, in dem Umfragen nicht auftauchen. Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Sensibilität für Information über Konsens erscheint das enorme öffentliche Interesse an den Ergebnissen von Meinungsumfragen wenig verwunderlich. Denn Konsensinformation in Form von Umfrageergebnissen liefert Information darüber, wie andere über ein Thema denken. Solche Umfragen bieten einen prägnanten Überblick über das vorherrschende „Meinungsklima“ zu den unterschiedlichsten Themenbereichen. Bisher existierte allerdings kein psychologisches Modell, das die Effekte von Umfrageergebnissen auf individuelle Einstellungen zum Gegenstand hat.

 

Im Sinne des Konsensansatzes repräsentieren publizierte Umfrageergebnisse Information über Konsens zu einem bestimmten Thema (z. B. „69 % der Deutschen sprechen sich für einen gesetzlichen Mindestlohn aus.“). Daher können der Konsensansatz und die aus ihm gewonnenen Erkenntnisse auf diesen Phänomenbereich übertragen werden. Denn bislang wurde in den verschiedenen Sozialwissenschaften eine Möglichkeit nur wenig beachtet: Die oben ausgeführten Annahmen und Befunde legen nahe, dass Umfrageergebnisse nicht nur die öffentliche Meinung widerspiegeln, sondern selbst durch die von ihnen vermittelte Information Denkprozesse anstoßen, die wiederum Meinungen beeinflussen oder erzeugen können. Man kann also von einer wechselseitigen Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch publizierte Umfrageergebnisse ausgehen. Die Wechselseitigkeit besteht darin, dass durch die Veröffentlichung von Meinungsumfragen zunächst ein Abbild des Stimmenverhältnisses entsteht, das dazu dienen kann, sich auf dieser Grundlage eine Meinung zu bilden oder eine bereits bestehende Meinung zu verändern. Daher untersuchen wir unter anderem, welche Auswirkungen die Rezeption von Umfrageergebnissen haben kann. So soll geklärt werden, welche mentalen Prozesse von Umfrageergebnissen angestoßen werden und welchen Einfluss solche Prozesse auf die subjektiven Einstellungen nehmen können.

 

Unseren Überlegungen zufolge stellen Umfrageergebnisse eine bedeutende Möglichkeit sozialen Einflusses dar: Sie bilden nicht nur das Meinungsbild einer Population ab, sondern vermitteln ihrerseits Konsensinformation, die zur Meinungsbildung genutzt wird. Somit handelt es sich um Situationen sozialen Einflusses, wenn Meinungsumfragen in den Medien publiziert werden. In mehreren Experimenten haben wir diese Annahme untersucht und bestätigt. Es zeigte sich, dass die Rezeption eines Umfrageergebnisses tatsächlich eine Einstellungsänderung in Richtung der Mehrheit zur Folge hatte und diese war wie vermutet vermittelt über die Gedanken zum Thema. Zu Beginn jedes Experiments wurde – wie bei einer „echten“ Meinungsumfrage – die Voreinstellung aller Vpn zu einem bestimmten Thema gemessen. In einer Studie handelte es sich dabei zum Beispiel um die Schuldauer bis zum Abitur in Deutschland. Danach wurde den Probandinnen und Probanden eine Seite aus einer deutschen Wochenzeitschrift präsentiert mit der Aufgabe, sich „einen Überblick zu verschaffen“. Auf dieser Seite waren ein Auszug aus einem Artikel zum Thema „Schuldauer bis zum Abitur“, ein Foto und ein Umfrageergebnis zum Thema abgebildet. Nach zwei Minuten Betrachtungszeit wurden die Vpn gebeten, in einer Tabelle ihre Gedanken aufzulisten, die ihnen während des Betrachtens in den Sinn gekommen waren. Anschließend wurde die Einstellung der Vpn zur Schuldauer bis zum Abitur ein weiteres Mal abgefragt. Diese Prozedur durchliefen sämtliche Vpn. Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied: Die eine Hälfte der Mitwirkenden erhielt ein Umfrageergebnis, dass sich eine Mehrheit von 74 % für eine Schuldauer von 13 Jahren bis zum Abitur ausgesprochen hatte, während in dem Umfrageergebnis, das der anderen Hälfte der Vpn präsentiert wurde, eine Minderheit von 24 % für eine Schuldauer von 13 Jahren bis zum Abitur stimmte. Da es ansonsten keine Unterschiede zwischen den beiden Versuchsgruppen gab, konnten anschließend alle Unterschiede zwischen den Gruppen auf die Manipulation der Konsensinformation zurückgeführt werden.

 

Die Daten zeigten, dass diejenigen Vpn, die die Umfrage gesehen hatten, in der 74 % der Befragten zugestimmt hatten, mehr Gedanken auflisteten, die ebenfalls eine Schuldauer von 13 Jahren befürworteten. Bei der nachfolgenden Abfrage ihrer Einstellung gaben diese Personen eine positivere Einstellung zum Thema ab. Demgegenüber listeten Vpn, die in der Umfrage erfahren hatten, dass bloß eine Minderheit positiv gegenüber einer Schuldauer von 13 Jahren bis zum Abitur eingestellt war, mehr Gedanken auf, die gegen dieses Thema sprachen und gaben diesbezüglich später negativere Einstellungen ab (Thoben, Kolonko & Erb, 2009). Anders als in der oben beschriebenen Studie zum Tunnelbau in Rotterdam enthielt der Text zum Thema Schuldauer keine Argumente, sondern nur ganz allgemeine Information zum Thema. Bei den gelisteten Pro- und Contra-Gedanken handelt es sich also um selbst generierte Reaktionen auf das Thema (Darke, Chaiken, Bohner, Einwiller, Erb & Hazlewood, 1998), deren Richtung von der durch das Umfrageergebnis vermittelten Information über Konsens beeinflusst wurde. Die Effekte auf Gedankengenerierung und Einstellungsurteile zeigten sich unabhängig davon, ob die Vpn ursprünglich eine positive oder negative Einstellung gegenüber 13 Jahren hatten. Zusammenfassend ist also festzuhalten, dass Menschen Umfrageergebnisse zu ihrer eigenen Urteilsbildung nutzen. Dabei kann es zu einer Einstellungsänderung in Richtung der Mehrheit kommen, die über die gedanklichen Reaktionen auf das Umfrageergebnis vermittelt ist. Umfrageergebnisse beeinflussen demnach also gewissermaßen reziprok die Meinung der Menschen, auf Grund deren Meinungsäußerungen sie zustande gekommen sind.

 

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