Fördert die Schere zwischen Arm und Reich individuelle Fremdenfeindlichkeit?

Rückgriff auf nationale Identität als Antwort auf Identitätsgefährdung

Gesellschaftsanalytisch lässt sich zunächst festhalten, dass durch wachsende Einkommens- und Vermögensunterschiede größere Distanzen zwischen den verschiedenen sozialen Klassen einer Gesellschaft entstehen, gegen die insbesondere die einkommensärmeren Gesellschaftsmitglieder wenig ausrichten können. Verliert nun die eigene soziale Klasse an Status, müssen folglich Strategien gefunden werden, um den eigenen Selbstwert dennoch zu schützen. Gemäß der Selbst-Kategorisierungstheorie (Turner, 1987) gibt es eine im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit zentrale Fluchtmöglichkeit, die Personen (implizit) wählen können, um einen niedrigen Status ihrer sozialen Gruppe auszugleichen, nämlich unter den multiplen Gruppenzugehörigkeiten, über die sie verfügen, eine statushöhere zu wählen. Für diese Möglichkeit ist der Rückgriff auf die nationale Identität ein besonders naheliegender Weg. Das konnte Shayo (2009) in einer vergleichenden Studie mit 30 Nationen nachweisen, in der insbesondere Personen mit niedrigen Einkommen bei steigender ökonomischer Ungleichheit wachsende nationalistische Tendenzen aufwiesen. Ökonomische Ungleichheit kann also dazu führen, dass insbesondere bei einkommensärmeren Personen und solchen, die einen sozialen Abstieg befürchten (müssen), die nationale Identität gegenüber anderen sozialen Identitäten an Bedeutung gewinnt. Sozialer Ausschluss, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit (gegenüber AsylbewerberInnen, ImmigrantInnen etc.) gewinnen auf diese Weise über die Kontrastierung von Eigen- und Fremdgruppe durch nationale Identifizierung an fruchtbarem Nährboden.

Bei Statusbedrohung kommt es zu sozialem Ausschluss und Diskriminierung von Fremdgruppen. Quelle: Eigene Darstellung.Bei Statusbedrohung kommt es zu sozialem Ausschluss und Diskriminierung von Fremdgruppen. Quelle: Eigene Darstellung.

 

Ökonomische Ungleichheit als friedensgefährdende Rahmenbedingung

Zunehmende ökonomische Ungleichheiten stellen folglich sowohl auf der Ebene konzeptuell-theoretischer Werte als auch auf der alltagsweltlich-praktischen Ebene eine Gefahr für den sozialen Frieden und demokratische Politik- und Gesellschaftsordnungen dar. Denn demokratische Praxis bezieht sich nicht zuletzt darauf, dass eine Integration und Partizipation im wirtschaftlichen Zusammenleben ihrer Mitglieder gewährleistet wird. Steigende ökonomische Ungleichheit aber fördert die soziale Ausgrenzung und höhlt damit das grundlegendste Prinzip demokratischer Gesellschaften aus, nämlich die Akzeptanz und Wahrung der menschlichen Würde des/der Anderen. Die strukturelle Marginalisierung bestimmter sozialer Schichten kann zu einer erhöhten Fremdenfeindlichkeit führen, die sich in offenem Diskriminierungsverhalten und sozialer Ausgrenzung niederschlägt. Dabei erweisen sich die individuellen Täter zum Großteil selbst als Opfer sich verschlechternder struktureller Rahmenbedingungen. Damit soll das Gewicht der individuellen Einstellungen und Haltungen als zentrale (kausale) Motivationsbedingung für Fremdenfeindlichkeit nicht in Abrede gestellt werden. Die strukturelle Zunahme der Schere zwischen Arm und Reich schafft jedoch Rahmenbedingungen, die gerade die Entwicklung solcher individuellen Fremdenfeindlichkeit erheblich fördern (wie die berichteten Studien eindeutig belegen). Aus dieser Erklärung folgt daher nicht primär die (moralische) Entschuldigung des Täter-Verhaltens, sondern die (ethische) Verpflichtung, die dieses Verhalten mitbedingenden sozialen Ungleichheiten zu überwinden, aufzulösen!

Ausgleichende Sozialpolitiken können zu gesellschaftlicher Vielfalt und sozialem Frieden beitragen. Quelle: Eigene Darstellung.Ausgleichende Sozialpolitiken können zu gesellschaftlicher Vielfalt und sozialem Frieden beitragen. Quelle: Eigene Darstellung.

 

Die Überwindung ökonomischer Ungleichheit als politische Aufgabe

Diese Verpflichtung betrifft vor allem die Politik als relevanten Akteur – zumal gerade die PolitikerInnen etablierter Parteien das Phänomen rechtspopulistischer und nationalistischer Tendenzen in ganz Europa am unmittelbarsten mitbekommen, indem sie von dem Frust und der Protesthaltung verlorener WählerInnen direkt betroffen sind. Das durch rechtspopulistische Parteien propagierte Schwarz-Weiß- Schema zwischen dem Volk als nationale und moralisch überlegene, homogene Einheit und allem von außen kommenden, bedrohlichen Fremden trifft dabei besonders die Sicherheit und sozialen Halt suchenden Bedürfnisse der vom sozial-ökonomischen Abstieg bedrohten Gruppen. Auf makropolitischer Ebene lassen sich solche Ängste effektiv vor allem mit adäquaten Sozialpolitiken auflösen. In diesem Zusammenhang konnte z. B. Margalit (2011) für die Vereinigten Staaten zeigen, dass vom sozialen Abstieg bedrohte Bevölkerungsgruppen weniger radikale Wahlentscheidungen trafen, wenn sie durch staatliche Sozialpolitiken sowie Beschäftigungs- oder Umschulungsmaßnahmen aufgefangen wurden. Die makropolitische Überwindung sozialer Ungleichheiten über ausgleichende Einkommens- und Vermögenspolitiken, eine aktive Arbeitsmarkt- und Arbeitslosenpolitik sowie nachhaltige Renten- und Versorgungspolitiken haben dementsprechend das Potenzial, die Eigengruppenaufwertung durch nationalistische und fremdenfeindliche Abwertungen anderer Gesellschaftsgruppen zu minimieren und so einen zentralen Beitrag für die Stärkung und den Erhalt des interpersonellen Friedens einer Gesellschaft zu sichern. Schlussendlich führt die psychologische Erklärung rechtsgerichteter Wahl- und Diskriminierungsphänomene also nicht zu einer Akzeptanz interindividueller Fremdenfeindlichkeit, sondern zur Identifizierung der strukturellen Rahmenbedingungen, die verbessert werden müssen, um auch personellen Frieden zu sichern. Denn es kann kaum (personellen) Frieden in struktureller Ungerechtigkeit geben.

Literatur

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