Wie Menschenrechte uns den Weg zum Frieden weisen - psychologische Hilfen und Fallstricke

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Vereinte Nationen, 1948) nennt erstmals Rechte, die für alle Menschen gelten (sollen). Sie ist somit eines der bedeutendsten Schriftdokumente der Menschheitsgeschichte. Im Sinne dieser Erklärung sollte eine zentrale Aufgabe nationaler und internationaler Politik, gesellschaftlicher Organisationen, Wissenschaften und aller Bürger sein, das dort genannte zu „erreichende gemeinsame Ideal“ ernsthaft anzustreben, um jedem Menschen die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben zu sichern. In diesem Artikel wird verdeutlicht, dass dabei psychologische Aspekte eine bedeutsame Rolle spielen.

Friedenspsychologische Aktivitäten können – entsprechend den Überlegungen von Galtung (1975) – zum einen auf die Reduktion von Gewalt und Krieg (negativer Frieden) gerichtet sein, zum anderen auf eine Veränderung struktureller und kultureller Lebensbedingungen, um eine Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse sicherzustellen (positiver Frieden). Zu solchen Bedürfnissen gehören neben dem Zugang zu Nahrung und Unterkunft z. B. auch Bedürfnisse nach einer positiven Identität, Kontrollerleben, Sicherheit, (soziale) Gerechtigkeit und Wohlbefinden (Boehnke und Kollegen, 2004). Das Ideal des positiven Friedens kann mit einer umfassenden Verwirklichung von Menschenrechten erreicht werden.

Menschenrechte. Bild: Geralt via pixabay https://pixabay.com/de/recht-menschenrecht-mensch-h%C3%A4nde-597133/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).Menschenrechte. Bild: Geralt via pixabay https://pixabay.com/de/recht-menschenrecht-mensch-h%C3%A4nde-597133/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).

Menschenrechte sind Rechte, die für jeden Menschen gelten, ohne Unterschied nach Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Sprache, politischer Überzeugung, sozialer und nationaler Herkunft. Das grundlegende Dokument ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Vereinte Nationen, 1948), die aus 30 Artikeln mit über 100 einzelnen Rechten besteht. Um eine stärkere völkerrechtliche Verankerung zu erreichen, wurden darauf aufbauend 1966 die sogenannten „Zwillingspakte“ ausgehandelt: Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie Pakt über bürgerliche und politische Rechte, die mittlerweile von etwa 160 Staaten ratifiziert wurden. Es folgten viele weitere Zusatzerklärungen, die die Zwillingspakte ergänzten oder ausdifferenzierten (zum Überblick www.humanrights.ch/home/de/Instrumente/UNO-Abkommen/content.html).

Menschenrechte werden von der Allgemeinen Erklärung als „das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal“ bezeichnet. Dazu gehören zum einen bürgerliche und politische Rechte, wie z. B. Recht auf Leben, Verbot von Diskriminierung sowie Folter, Anspruch auf gerechtes und öffentliches Gerichtsverfahren, Recht auf Asyl sowie Staatsangehörigkeit, Meinungs- und Religionsfreiheit, Recht auf freie Wahlen. Zudem nennt die Allgemeine Erklärung soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte, wie z. B. Recht auf Arbeit, Erholung und bezahlten Urlaub, Schutz vor Arbeitslosigkeit, Recht auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung sowie unentgeltlichen Grundschulunterricht.

Grundprinzipien der Menschenrechte sind insbesondere Universalität (sie gelten für alle Menschen) und Unteilbarkeit (alle Menschenrechte sind gleichermaßen bedeutsam), zudem Interdependenz (die Rechte sind voneinander abhängig und beeinflussen sich).

Im Folgenden möchten wir verdeutlichen, dass auch die Psychologie einen wichtigen Beitrag zum Thema Menschenrechte leisten kann. Wir gehen auf vier Aspekte ein:

(1) Wissen und Einstellungen bezüglich Menschenrechten, die für das Urteilen und Handeln von Menschen relevant sind;

(2) Menschenrechtsverletzungen, die erkannt werden müssen, um sich ihnen entgegenstellen zu können;

(3) Missbrauch von Menschenrechten, die politisch instrumentalisiert werden können, u. a. um psychologisch Feindbilder aufzubauen und Kriege zu legitimieren;

(4) Grundlagen von Menschenrechtsbildung, die dazu führen, dass Menschenrechtsbildung umfassend und effektiv entwickelt und durchgeführt wird.

I. Ergebnisse repräsentativer Befragungen zu Wissen und Einstellungen bezüglich Menschenrechten

Die Relevanz von Wissen über Menschenrechte betonte UN-Generalsekretär Kofi Annan (2000) mit den Worten: "Je mehr die Menschen über ihre Rechte wissen und je mehr sie diese auch bei anderen respektieren, desto größer ist unsere Chance, in Frieden zu leben. Nur wenn Menschen über Menschenrechte informiert sind, können wir hoffen, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern..." (Press Release SG/SM/7648 OBV/185).

Repräsentative Befragungen der deutschen Bevölkerung zeigen, dass die Verwirklichung von Menschenrechten von fast allen Menschen grundsätzlich als sehr wichtig angesehen wird; gleichzeitig aber ist das konkrete Wissen über Menschenrechte gering und ungenau (Sommer & Stellmacher, 2009, Kap. 5.2). Im Durchschnitt können nur knapp drei von über 100 Rechten der Allgemeinen Erklärung spontan genannt werden. Zudem besteht eine Halbierung von Menschenrechten: Wenn Menschenrechte bekannt sind, dann sind das wenige bürgerliche und politische Rechte (insbesondere Meinungs- und Religionsfreiheit); wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte dagegen sind weitgehend unbekannt oder sie werden explizit als nicht zu Menschenrechten gehörend bewertet (u. a. Recht auf Bildung von Gewerkschaften, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, bezahlter Urlaub sowie Schutz vor Arbeitslosigkeit).

Internationale Vergleiche (McFarland, 2015) zeigen zudem, dass die Unterstützung für Menschenrechte – je nach Kontext – erheblich schwankt: so unterstützen z. B. Bürger der USA entsprechend ihrer Tradition bürgerliche Rechte wie Rede- und Religionsfreiheit deutlich mehr als Bürger vieler anderer Länder; umgekehrt unterstützen sie soziale Rechte deutlich weniger als z. B. Menschen in China oder Argentinien. Diese Beispiele zeigen, dass nationale Interessen und Werte die Bewertung von Menschenrechten beeinflussen.

Als Ursachen für das geringe und z. T. fehlerhafte Wissen können u. a. der Umgang mit Menschenrechten im politischen Diskurs, die Darstellung von Menschenrechten in Medien sowie ihre Behandlung in Schulen angesehen werden.

Medien kommt bei der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit, somit auch bei der Bildung politischen Bewusstseins, eine wesentliche Bedeutung zu. Bei Analysen deutscher Print- und Fernsehmedien wurde zusammenfassend festgestellt (Sommer & Stellmacher 2009, Kap. 6 und 7), dass

(1) über Menschenrechte häufig allgemein berichtet wird, ohne diese zu spezifizieren (z. B. Politiker X setzt sich bei seinem Besuch in Land Y für die Verwirklichung von Menschenrechten ein);

(2) Menschenrechte auf einige wenige bürgerliche und politische Rechte reduziert werden;

(3) hauptsächlich nichtwestliche Staaten wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert werden, während Deutschland und andere westliche Staaten als Hüter der Menschenrechte dargestellt werden.

Auch Analysen von Schulbüchern kommen zu einem ernüchternden Fazit (vgl. Druba, 2006). In Schulbüchern werden Menschenrechte insgesamt wenig thematisiert; konkrete Menschenrechtsverletzungen – auch im eigenen Land – werden kaum benannt. Die große Bedeutung nichtstaatlicher Organisationen für den Menschenrechtsschutz (z. B. amnesty international, FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk, medica mondiale, medico international, Oxfam, Pro Asyl) wird selten thematisiert. Zudem wird das Weltwirtschaftssystem in Schulbüchern zwar z. T. sehr kritisch diskutiert (u. a. Armut, Hunger, Kinderarbeit), dies wird aber nicht mit der Verletzung von Menschenrechten verknüpft (Druba 2006; Sommer & Stellmacher 2009, Kap. 4).

II. Wahrnehmung und Bewertung von Menschenrechtsverletzungen

Die Allgemeine Erklärung versteht sich als anzustrebendes Ideal. Sie ist inhaltlich so umfangreich, dass derzeit alle Staaten in erheblichem Ausmaß Menschenrechte verletzen. Nach internationalen Indizes für das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen schneiden Deutschland und andere westliche Staaten im Vergleich zu vielen anderen Ländern zwar sehr gut ab. Dies heißt jedoch nicht, dass sie keine Menschenrechte verletzen. Dazu einige Beispiele. Im vorgeblichen „Kampf gegen den Terrorismus“ (War on Terror) werden massive Einschränkungen bürgerlicher Rechte vorgenommen. So z. B. wurde durch den National Defense Authorization Act (2012) in den USA beschlossen, dass US-BürgerInnen und AusländerInnen auf Verdacht zeitlich unbegrenzt inhaftiert werden können. Aktuell wird in etlichen Staaten der Europäischen Union die Unabhängigkeit der Justiz bedroht; das Recht auf Asyl wird eingeschränkt und die EU nimmt in Kauf, dass tausende Menschen auf der Flucht vor (Bürger-)Krieg oder menschenunwürdigen Lebensbedingungen sterben oder im Mittelmeer ertrinken. Regime, die in erheblichem Ausmaß an Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind (z. B. Saudi Arabien, Türkei), werden u. a. mit Waffenlieferungen für militärische Auseinandersetzungen unterstützt, weil sie geostrategisch für den Westen hilfreich sind. In westlichen Ländern verkaufte Waren werden in sog. Entwicklungsländern z. T. unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt und sind deshalb Hungernde Kinder. Bild: ArmyAmber via pixabay (https://pixabay.com/de/kinder-schreien-essen-schlecht-60743/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).Hungernde Kinder. Bild: ArmyAmber via pixabay (https://pixabay.com/de/kinder-schreien-essen-schlecht-60743/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).„bei uns“ so preiswert. Wirtschaftsverträge der EU mit afrikanischen Staaten tragen zu Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit bei (FIAN 2014): Hoch subventionierte westliche Agrarprodukte zerstören die heimische afrikanische Landwirtschaft. Über 800 Millionen Menschen leiden an schwerer und permanenter Unterernährung, die meisten davon in Afrika und Asien. Pro Jahr sterben etwa drei Millionen Kinder an Unterernährung. Jean Ziegler (2012), ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, hat insbesondere die neoliberale Weltwirtschaftsordnung als Ursache für die Hungerproblematik in der Welt angeführt und mit vielen Beispielen belegt.

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook