Wie kann Versöhnung gefördert werden? – Das Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung

Um Versöhnung nach Kriegen und anderen gewalttätigen Konflikten zu ermöglichen, müssen nicht nur Sach- und körperliche Schäden berücksichtigt werden, sondern auch die psychologischen Bedürfnisse der Täter- und der Opferseite. Das Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung hilft, den Prozess der Versöhnung zu verstehen und gezielt zu fördern. Wir fassen die zentralen Modellannahmen zusammen, geben einen Überblick über wichtige Weiterentwicklungen und machen deutlich, welche praktischen Implikationen die Forschung zum Bedürfnisbasierten Modell für die Förderung von Versöhnungsprozessen zwischen verfeindeten Gruppen hat.

Am Ende eines Krieges stehen schreckliche Bilder von Leid und Zerstörung. Wenn die Waffen endlich schweigen, müssen sich die KonfliktgegnerInnen auf den steinigen Weg zur Versöhnung machen. Dies ist eine große emotionale Herausforderung, nicht nur wegen der traumatischen Kriegserfahrung, sondern auch wegen des starken Misstrauens und der Ablehnung gegenüber der Gegenseite. Die Versöhnung kann als ein letzter Schritt im Friedensprozess angesehen werden (Kelman, 2004), der nach der Beilegung des Konfliktes (zum Beispiel durch eine Einigung über die Aufteilung von Land zwischen den Konfliktparteien) und der Konfliktlösung (dem Wiederaufbau gegenseitigen Vertrauens) stattfinden kann und die Heilung psychischer Wunden beinhaltet. Was sind das für Wunden und wie können sie geheilt werden? Antworten auf diese Fragen gibt das „Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung“ (engl. Needs Based Model of Reconciliation) von Nurit Shnabel und Arie Nadler (2008; siehe auch Nadler & Shnabel, 2015; Shnabel & Ullrich, 2017). Dieser Beitrag gibt einen Überblick über zentrale Modellannahmen sowie wichtige Weiterentwicklungen und geht dabei auch auf praktische Implikationen zur Förderung von Versöhnungsprozessen zwischen verfeindeten Gruppen ein.

Welche psychischen Wunden haben Opfer und TäterInnen?

Es gehört zu den grundlegenden Erkenntnissen der Psychologie, dass Menschen sich selber und die Gruppen, denen sie angehören, möglichst positiv wahrnehmen möchten (Tajfel & Turner, 1979). Das Bedürfnisbasierte Modell geht davon aus, dass eine Konfliktepisode das positive Selbstbild von Opfer- und Tätergruppen bedroht. Diese Bedrohung wird von Menschen als sehr unangenehm erlebt und führt zu Bemühungen, das positive Selbstbild wiederherzustellen.

Welche Selbstaspekte könnten durch Konflikte oder Kriege bedroht werden? Shnabel und Nadler schlugen vor, dass Opfer insbesondere in ihrem Selbstverständnis als handlungsmächtige Agierende bedroht sind. Als Opfer erlebten sie einen Kontrollverlust, da ihnen gegen ihren Willen von fremden Mächten Leid angetan wurde. Wer möchte sich schon gerne als schwach und wehrlos sehen? Genau das macht die Selbst-Bedrohung für Opfer aus.

TäterInnen erleben hingegen gemäß dem Bedürfnisbasierten Model eine Bedrohung ihres Selbstverständnisses als moralische und anständige Personen. In den allermeisten Kulturen wird Gewalt gegen andere als unmoralische Verhaltensweise abgelehnt. Wer sie dennoch begeht, muss fürchten, von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Die Bedrohung, die TäterInnen erleben, betrifft also nicht nur deren moralische Unversehrtheit, sondern auch ihr Gefühl, sozial akzeptiert zu werden.

Diese Überlegungen begründeten die Annahme, dass Opfer insbesondere ein Bedürfnis nach Ermächtigung haben (also danach, wieder selbst über das eigene Schicksal entscheiden zu können), während TäterInnen ein starkes Bedürfnis nach moralischer Akzeptanz entwickeln sollten. Wichtig ist, dass Personen nicht nur dann opferspezifische oder täterspezifische Bedürfnisse empfinden, wenn sie selbst Leid zugefügt oder erfahren haben, sondern auch dann, wenn dies auf andere Mitglieder der eigenen Gruppe zutrifft. So ist es z. B. ein gut dokumentiertes Phänomen, dass Personen Schuldgefühle für Taten empfinden, die von einer Gruppe, der sie angehören, begangen wurden, ohne dass sie selbst direkt daran beteiligt waren (sogenannte „Kollektivschuld“; z. B. Deutsche der Nachkriegsgenerationen, die Schuld als Reaktion auf die Gräuel des Holocaust empfinden).

Wie gehen Opfer und TäterInnen mit ihren psychischen Wunden um?

Welche Möglichkeiten haben beide Seiten zur Bedürfnisbefriedigung? Ein naheliegender Weg, um sich als Opfer wieder mächtig zu fühlen, besteht darin, selbst zum/r TäterIn zu werden und Gewalt auszuüben. TäterInnen versuchen hingegen häufig, die eigenen Taten kleinzureden, um sich selbst weniger unmoralisch zu fühlen. Diese Strategie wird aber von den Opfern als unaufrichtig und beleidigend empfunden. Derartige Vorgehensweisen verhärten die Fronten eher, als dass sie Versöhnung fördern. Stattdessen empfiehlt das Bedürfnisbasierte Modell einen wechselseitigen Prozess, bei dem sich die vormaligen Konfliktgegner bei der Bedürfnisbefriedigung unterstützen. Eine aufrichtige Entschuldigung und Bitte um Vergebung etwa signalisieren nicht nur die Einsicht der Täterseite in das entstandene Leid, sondern gewährt den Opfern auch eine gewisse Macht über das Schicksal der TäterInnen, indem sie entscheiden können, ob sie Vergebung gewähren oder nicht. Umgekehrt signalisiert Vergebung den TäterInnen, dass sie trotz ihrer Vergehen noch immer als Menschen gesehen werden, die eine Chance verdienen, ihre Fehler wiedergutzumachen. Werden so die Bedürfnisse beider Seiten befriedigt, vermindert sich die Selbstbild-Bedrohung der Konfliktparteien und die Versöhnungsbereitschaft steigt. Das Modell erklärt damit nicht nur, wie sich Konfliktparteien in ihren Bedürfnissen unterscheiden, sondern auch, wie diese Bedürfnisse zur Versöhnungsförderung genutzt werden können (siehe Abb. 1).

Bild 1: das Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung. Abbildung: Eigene Darstellung der Autoren.Das bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung. Abbildung: Eigene Darstellung der Autoren.

Empirische Forschung zum Bedürfnisbasierten Modell – ein Beispiel

Seit der ursprünglichen Formulierung des Modells wurden verschiedene Studien zur Prüfung seiner Grundannahmen durchgeführt. Für den vorliegenden Beitrag sind insbesondere Untersuchungen im Kontext von Gruppen-Konflikten relevant. Hier ein Beispiel: In einer Studie von Shnabel, Nadler, Ullrich, Dovidio und Carmi (2009) wurden jüdische Israelis an das Massaker von Kafr Qasim erinnert, bei dem jüdisch-israelische GrenzpolizistInnen arabische Israelis erschossen, weil diese unwissentlich eine Ausgangssperre ignoriert hatten („Täterbedingung“). In einer anderen Bedingung wurden jüdische Israelis an den Holocaust erinnert („Opferbedingung“). Danach lasen die TeilnehmerInnen Auszüge aus zwei vermeintlichen Reden zum Gedenken an das Massaker bzw. den Holocaust von VertreterInnen der Gegenpartei. Im Falle von Kafr Qasim stammten die Reden von einem vermeintlichen Vertreter der arabischen Israelis (d. h. von den Opfern), im zweiten Beispiel stammten die Nachrichten vorgeblich von einem Vertreter der Deutschen (d. h. von den Tätern). Tatsächlich waren diese Zitate für die Untersuchung geschrieben worden und zielten jeweils auf die Befriedigung eines der im Modell beschriebenen Bedürfnisse ab (für Ermächtigung z. B. „wir erkennen euer Recht an, stark und stolz zu sein“; für Akzeptanz z. B. „wir verstehen und akzeptieren euch als unsere Brüder und Schwestern“). Die StudienteilnehmerInnen wurden daraufhin gefragt, wie sehr die jeweilige Nachricht ihre Versöhnungsbereitschaft mit der Gegenpartei beeinflusste. Wie erwartet hatten ermächtigende Nachrichten mehr Versöhnungsbereitschaft auf Opferseite und akzeptierende Nachrichten mehr Versöhnungsbereitschaft auf Täterseite zur Folge. Vergleichbare Ergebnisse fanden sich für deutsche Probandinnen, die mit dem Holocaust konfrontiert wurden und nach akzeptierenden Nachrichten jüdisch-israelischer VertreterInnen mehr Versöhnungsbereitschaft zeigten, als nach ermächtigenden Nachrichten (Shnabel et al., 2009).

Aus dieser Forschung lassen sich wichtige Praxisimplikationen ableiten. So sollten Maßnahmen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen verfeindeten Gruppen (z. B. Interventionen basierend auf der Kontakthypothese von Allport, 1954; siehe auch Landmann, Aydin, van Dick & Klocke, 2017) die Thematisierung und Befriedigung der spezifischen psychologischen Bedürfnisse beinhalten. Beispielsweise könnten Übungen so gestaltet werden, dass Opfer Ermächtigung erfahren (z. B. indem ihnen bei einer Aufgabe ausdrücklich Entscheidungsmacht oder eine Führungsrolle zugesprochen wird) und TäterInnen soziale Akzeptanz Nelson Mandela setzte die Kommisio für Wahrheit und Versöhnung ein, die ab 1996 die Verbrechen der Apartheid aufarbeitete. Bild: South Africa The Good News via Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/Nelson_Mandela#/media/File:Nelson_Mandela-2008_(edit).jpg, CC BY:https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/).Nelson Mandela setzte die Kommisio für Wahrheit und Versöhnung ein, die ab 1996 die Verbrechen der Apartheid aufarbeitete. Bild: South Africa The Good News via Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/Nelson_Mandela#/media/File:Nelson_Mandela-2008_(edit).jpg, CC BY:https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/).(z. B. Interaktionsübungen, in denen TäterInnen echtes Interesse für ihre Situation entgegengebracht wird). Beobachtungen zur Arbeit der von Nelson Mandela 1996 in Südafrika eingesetzten Wahrheits- und Versöhnungskommission legen nahe, dass Interventionen im Einklang mit den Annahmen des Modells tatsächlich besonders wirksam sind (Gobodo-Madikizela, 2008): Die Anhörungen waren besonders erfolgreich, wenn Opfer das Gefühl hatten, wieder eine Stimme zu haben, und TäterInnen das Gefühl hatten, nicht als „Monster“, sondern als Menschen wahrgenommen zu werden.

Obwohl wir uns für diese Sonderausgabe auf Konflikte zwischen Gruppen konzentrieren, möchten wir erwähnen, dass die Vorhersagen des Bedürfnisbasierten Modells auch für Konflikte zwischen einzelnen Personen geprüft worden sind (Shnabel & Nadler, 2008). Im Einklang mit den Annahmen zeigte sich auch hier, dass TäterInnen eine Beeinträchtigung ihres moralischen Ansehens wahrnahmen und nach Akzeptanznachrichten mehr Versöhnungsbereitschaft zeigten, während Opfer ein geringeres Gefühl der Macht bzw. des Einflusses berichteten und auf ermächtigende Nachrichten mit mehr Versöhnungsbereitschaft reagierten.

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook