Sämtliche Schülerinnen und Schüler sehen und berücksichtigen: Perspektivübernahme von Lehrpersonen

Eine Lehrperson kann beispielsweise nach Interessen von Lernenden fragen und damit ihre Bereitschaft zur sozialen Perspektivübernahme zeigen. Eine Lehrperson mit hoher Bereitschaft zur sozialen Perspektivübernahme sammelt möglicherweise gezielt Informationen, um Handlungen einer Schülerin oder eines Schülers zu verstehen. Dabei handelt es sich um einen Versuch, kognitive Vorgänge von Lernenden sichtbar zu machen, die eigentlich nicht sichtbar sind. Unterschiede zwischen den Gedanken der Lehrperson und einer Schülerin oder einem Schüler sollen transparent gemacht werden. Zudem ist es notwendig, dass die Lehrperson Routinen für Arbeitsabläufe implementiert, die für Schülerinnen und Schüler transparent sind. Lernende sollten erfahren, was sie warum wie tun und sie sollten Arbeitsabläufe einüben können. 

Instruktionen von einer oder zwei Lehrenden im Unterricht sollten konsistent und verständlich sein. Berücksichtigen Lehrende alle Lernenden, können sie das Tempo auf individuelle Lern- und Leistungsniveaus aller Schülerinnen und Schüler abstimmen. Kenntnisse über typische Fehler von Lernenden helfen Lehrenden zu erkennen, welche Fehler aktuell und warum gemacht werden. 

Lernende im klassischen Unterricht (Lizenz: Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0); Quelle: https://www.flickr.com/photos/ehabkost/ 3018758441/)Lernende im klassischen Unterricht (Lizenz: Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0); Quelle: https://www.flickr.com/photos/ehabkost/ 3018758441/)Fachdidaktisch relevante Forschungserkenntnisse gibt es vor allem über Kinder und Heranwachsende. Beispielsweise ist soziale Perspektivübernahme von Kindern für deren Textverständnis relevant, wenn im Text Menschen in verschiedenen Situationen oder sozialen Beziehungen beschrieben werden (z. B. Buhl, Möller, Oebser, Stein & Noack, 2009). So ist soziale Perspektivübernahme fachdidaktisch immer dann bedeutsam, wenn Lernende sich in beschriebene soziale Situationen und Beziehungen hineinversetzen sollen. Ein Beispiel dafür ist das Verständnis geschichtlicher Zusammenhänge (z. B. Hartmann & Hasselhorn, 2008). Die fachdidaktische Bedeutung für (angehende) Lehrende ist noch empirisch zu klären. Zentral ist, dass Lehrende professionelles fachdidaktisches Wissen besitzen und dieses mit Blick auf alle Schülerinnen und Schüler anwenden.

Alle Schülerinnen und Schüler berücksichtigen

Eine Lehrperson kann kognitive Vorgänge einer Schülerin oder eines Schülers nur dann vermuten, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die Schülerin oder den Schüler gerichtet ist. Während die Lehrperson professionelles Wissen anwendet, richtet sie die Aufmerksamkeit jedoch auf ihr Wissen oder auf den nächsten Punkt in ihrer Unterrichtsplanung. Im Idealfall wechselt die Aufmerksamkeit, je nach Situation und sozialer Priorität, zwischen den eigenen professionell geplanten Handlungen und jeder Schülerin und jedem Schüler. So sollte die Lehrperson während der Anwendung von professionellem Wissen ihre Aufmerksamkeit wechseln, um auf aktive und passive Lernende flexibel reagieren zu können.

Unterrichtssituationen sind komplex. Sie erfordern oft schnelle Perspektivenwechsel zwischen der Lehrperson und den Lernenden. Soziale Perspektivenwechsel ermöglichen diese kognitive Flexibilität und werden exekutiven Funktionen zugeordnet (z. B. Fizke, Barthel, Peters & Rakoczy, 2014). Exekutive Funktionen helfen, situativ relevante Informationen verschiedener Art zu verarbeiten (z. B. Strobach, Salminen, Karbach & Schubert, 2014). Werden soziale Perspektivenwechsel regelmäßig eingesetzt, berücksichtigt eine Lehrperson vermutlich eher jede Schülerin und jeden Schüler, als wenn sie einen Fokus auf das eigene professionelle Wissen oder auf besonders aktive Schülerinnen und Schüler legt. Exekutive Funktionen werden in der Realität sehr schnell verarbeitet (z. B. Strobach et al., 2014) und wahrscheinlich umso routinierter, je geübter eine Lehrperson soziale Perspektiven wechselt. 

Jede Lehrperson kennt die Anwendung von professionellem Wissen auf unterrichtliche Abläufe aus ihrer zunehmenden Unterrichtserfahrung. Soziale Perspektivenwechsel helfen ihr möglicherweise, zwischen der persönlichen Unterrichtserfahrung und den Situationen von Lernenden zu wechseln (Scanlon & Barnes-Holmes, 2013). Soziale Perspektivenwechsel erleichtern vermutlich die Berücksichtigung sämtlicher Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Lernvoraussetzungen. Erkennt eine Lehrperson über Perspektivenwechsel, dass Schülerinnen und Schüler wenig aufmerksam sind, kann sie geeignete kognitiv aktivierende Aufgaben einsetzen. Darüber hinaus sind positive Lehrer-Schüler-Interaktionen mit allen Lernenden zu erwarten, wenn sich alle Lernenden etwa gleichermaßen von einer Lehrperson berücksichtigt und unterstützt erleben. Diese Berücksichtigung könnte positive Schüler-Lehrer-Interaktionen stärken und ein lernförderliches Unterrichtsklima stabilisieren.

Perspektivenwechsel für einen Schüler (Lizenz: Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0); Quelle: https://www.flickr.com/photos/uncleboatshoes/2843664622/)Perspektivenwechsel für einen Schüler (Lizenz: Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0); Quelle: https://www.flickr.com/photos/uncleboatshoes/2843664622/)

Ein Trainingsansatz bezieht sich auf Einstellungen von Lehrenden gegenüber Lernenden mit zusätzlichem Förderbedarf. Vor und nach einem Training für Akzeptanz und Entspannung wurden Einstellungen, Selbstwirksamkeitserwartungen und Stresserleben von Lehrenden mit einem Fragebogen erfasst. Zu beiden Zeitpunkten erfolgten Testungen, inwiefern die Lehrenden Wechsel zwischen Lernenden mit verschiedenen Eigenschaften vollzogen (Scanlon & Barnes-Holmes, 2013). Im Vergleich zur ersten Messung zeigten die Lehrenden nach dem Training statistisch bedeutsam positivere Einstellungen, höhere Selbstwirksamkeitserwartungen und Perspektivenwechsel gegenüber Lernenden mit besonderem Förderbedarf. Zudem berichteten die Lehrpersonen vor dem Training statistisch signifikant höheres Stresserleben als nach dem Training (Scanlon & Barnes-Holmes, 2013). Die angemessene Anwendung von professionellem Wissen und sozialem Perspektivenwechsel ist vermutlich auch trainierbar. Die Wirkung eines solchen Trainings auf (angehende) Lehrende ist wissenschaftlich noch zu prüfen. Anhand mehrerer Interventionsstudien können für Lehrpersonen besonders geeignete Workshops entwickelt werden.

Wissen über Schülerinnen und Schüler aktualisieren

Visuell-räumliche und soziale Perspektivübernahme (z. B. Erle & Topolinski, 2015) sowie soziale Perspektivenwechsel (Scanlon & Barnes-Holmes, 2013) werden als kognitive Fähigkeiten aufgefasst. Diese Auffassung verdeutlicht die theoretische Abgrenzung von dem Begriff Empathie, der das Einfühlen umfasst, das heißt, die mit einer Situation verbundenen Emotionen einer anderen Person emotional nachvollziehen zu können (z. B. Steins & Wicklund, 1993). 

Grundsätzlich geht es um das gedankliche Wegbewegen von der eigenen Person. Eigene kognitive und emotionale Vorgänge werden kontrolliert, wenn das gedankliche Wegbewegen reguliert stattfindet (z. B. Schneider, 2015). In dem Fall handelt es sich um Metakognition. Metakognitive Strategien können Lehrenden helfen, professionellen Unterricht und den Umgang mit allen Lernenden zu reflektieren. Ein Beispiel ist die Überlegung, ob alle Lernenden in der letzten Unterrichtsstunde wenigstens einmal einen Wortbeitrag geleistet haben. Als Konsequenz aus dieser Überlegung setzt eine Lehrperson zum Beispiel eine angemessene Unterrichtsmethode ein, die passiven Schülerinnen und Schüler zunächst das Einsprechen in Partnerarbeit ermöglicht. So kann die Lehrperson diese Lernenden beobachten oder während der Partnerarbeit fragen und zu einem Wortbeitrag vor der gesamten Klasse ermuntern.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Psychologische Forschung aus mehreren Jahrzehnten bietet Erkenntnisse über sozialkognitive Fähigkeiten, die hohe Relevanz für schülerorientierte Unterrichtsgestaltung nahelegen. Die Konzepte visuell-räumliche Perspektivübernahme und soziale Perspektivenwechsel sehe ich als eine Bedingung für die Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen von sämtlichen Lernenden im Unterricht. In der Lehrerbildung sollte das gedankliche Wegbewegen von der eigenen Person und Annähern an Sichtweisen von Lernenden überfachlich und fachdidaktisch trainiert werden. Gleiches gilt für Fortbildungen, die sich an Lehrende richten. Trainingsangebote sollten darauf abzielen, dass Lehrende Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen und ungewohnten 

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