Würden Sie den Täter wiedererkennen? – Was sollten Sie wissen, wenn Sie jemanden in einer Gegenüberstellung identifizieren sollen

Dieser Beitrag wurde zunächst in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe (2/2012, Ausgabe 14) des In-Mind Magazins veröffentlicht. Link zum Originalartikel:
http://www.in-mind.org/article/would-you-recognize-the-perpetrator-what-...

Wären Sie dazu in der Lage, die richtige Person aus einer Gegenüberstellung auszuwählen?

In diesem Artikel besprechen wir die Rolle verschiedener Faktoren, welche den Prozess der Entscheidungsfindung von Augenzeuginnen und Augenzeugen bei Gegenüberstellungen beeinflussen können.

Im Jahr 1985 wurde Ronald Cotton zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und zusätzlich 54 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Verurteilung basierte größtenteils auf einer Augenzeugenidentifizierung in einer Gegenüberstellung. Eine 1994 durchgeführte DNS-Analyse ergab auf tragische Weise, dass Cotton unschuldig war. Obwohl Identifizierungen durch AugenzeugInnen oftmals wichtige Hinweise für die polizeilichen Ermittlungen erbringen, bergen sie auch das Risiko von Fehlurteilen und Justizirrtümern. Wären Sie dazu in der Lage, die richtige Person aus einer Gegenüberstellung zu wählen? In diesem Artikel werden wir verschiedene Variablen näher betrachten, welche die Entscheidungsfindung von Zeuginnen und Zeugen bei der Gegenüberstellung beeinflussen können. Das Wissen um diese Variablen kann dabei helfen, das Bewusstsein für solche Einflüsse zu schärfen, die ansonsten möglicherweise unbemerkt bleiben. Letztlich kann dies EntscheidungsträgerInnen bei der Bewertung von Identifizierungsentscheidungen von AugenzeugInnen dabei helfen, diagnostischere Informationen zu verwenden.

Jeden Tag werden wir mit einer Vielzahl von Gesichtern konfrontiert und müssen entscheiden, ob uns ein Gesicht bekannt vorkommt oder nicht. In den meisten Fällen sind unsere Einschätzungen richtig, weil Menschen ExpertInnen darin sind, bekannte Gesichter zu erkennen. Das Erkennen von unbekannten Gesichtern oder von Gesichtern, denen wir nur kurz begegnet sind, ist jedoch viel schwieriger (Johnston & Edmonds, 2009). Beispielsweise erwies sich der Einsatz von Fotos auf Kreditkarten zur Verifizierung der Kundenidentität als viel weniger nützlich, als ursprünglich erhofft. So variierten WissenschaftlerInnen in einem Experiment die Ähnlichkeit zwischen einem Kreditkartefoto und dem Kunden bzw. der Kundin (Kemp, Towell & Pike, 1997). Die Nichtübereinstimmung zwischen dem Foto und dem Kunden bzw. der Kundin wurde in nur einem Drittel (hohe Ähnlichkeit) bzw. zwei Dritteln (niedrige Ähnlichkeit) der Fälle bemerkt. Dabei ist Kreditkartenbetrug nur eines von vielen Delikten, bei denen Gesichtserkennung eine wichtige Rolle spielt. Tatsächlich kommen bei polizeilichen Ermittlungen zu (Raub-)Überfällen, Vergewaltigungen und anderen schweren Delikten oftmals Verfahren zum Einsatz, bei denen ZeugInnen und Geschädigte gebeten werden, die TäterInnen zu identifizieren. Allerdings sind diese Identifizierungen oft problembehaftet.

Im Juli 1984 drang ein Mann in zwei Wohnungen ein und vergewaltigte zwei Frauen (bei Thompson-Cannino, Cotton & Torneo, 2010, und unter http://www.innocenceproject.org/Content/Ronald_Cotton.php, sind mehr Details über diesen Fall zu lesen). Schnell geriet Ronald Cotton unter Tatverdacht und eine der Geschädigten, Jennifer Thompson, identifizierte ihn bei einer Lichtbildgegenüberstellung und danach auch bei einer Live-Gegenüberstellung. Weitere Beweismittel der Anklage warem eine Taschenlampe, die im Haus Cottons gefunden wurde und derjenigen ähnelte, die der Täter benutzt hatte, sowie an Tatort gefundene Gummispuren , die mit Cottons Turnschuhen übereinstimmten. Cotton wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe zuzüglich 54 Jahren verurteilt.

Im Jahr 1994 zog der Fall die Aufmerksamkeit des Innocence Projects auf sich, einer gemeinnützigen Organisation, die Verurteilten hilft, mittels DNS-Testung ihre Unschuld zu beweisen. Die angeordneten DNS-Tests ergaben, dass die Proben im Falle der einen Geschädigten schon so verfallen waren, dass sie nicht mehr beweiskräftig waren. Die Proben der zweiten Geschädigten wiesen keine Übereinstimmung mit der DNS von Ronald Cotton auf. Daher wurde Cotton von allen Punkten freigesprochen, aus dem Gefängnis entlassen und offiziell rehabilitiert.
Seit 1992 war das Innocence Project an der Entlastung von rund 350 zu Unrecht verurteilten Personen beteiligt. In 70 % dieser Fälle spielten falsche Identifizierungsentscheidungen eine Rolle.

Personenidentifizierungen wirken als Beweismittel sehr überzeugend auf die meisten Menschen, auch auf Geschworene (Boyce, Lindsay & Brimacombe, 2008; Wells, Memon & Penrod, 2006).  Falschidentifizierungen sind mit hohen Kosten verbunden, sowohl für die zu Unrecht verurteilte Person als auch für die Gesellschaft, in der sich die wahren TäterInnen immer noch frei bewegen können. Betrachten wir nun zum besseren Verständnis der Psychologie der Gegenüberstellung die unterschiedlichen möglichen Ergebnisse einer Gegenüberstellung (s. Abbildung 1). Der Einfachheit halber gehen wir in diesem Beispiel von einer Verdächtigen und einem Zeugen aus.

Quelle: Eigene Darstellung

Es kann sich bei der Verdächtigen um die tatsächliche Täterin handeln; die Verdächte kann aber auch unschuldig sein. Außerdem kann der Zeuge bei der Identifizierungsentscheidung eine Person aus der Gegenüberstellung wählen oder die Gegenüberstellung zurückzuweisen (d. h. keine Person aus der Gegenüberstellung wählen). Gemäß der Signalentdeckungstheorie (Swets, Dawes & Monahan, 2000) ergibt dies vier mögliche Entscheidungsergebnisse. Erstens, ein richtig-positives Ergebnis, auch Treffer genannt, entsteht, wenn die Täterin in der Gegenüberstellung anwesend ist und der Zeuge sie korrekt identifiziert. Zweitens, ein richtig-negatives Ergebnis, auch korrekte Zurückweisung genannt, liegt vor, wenn die Täterin sich nicht in der Gegenüberstellung befindet und der Zeuge die Gegenüberstellung zurückweist. Drittens, ein falsch-positives Ergebnis ergibt sich, wenn die Täterin sich nicht in der Gegenüberstellung befindet, aber trotzdem eine Person identifiziert wird. Die fälschlich identifizierte Person kann dann entweder eine Vergleichsperson sein (Identifizierung einer Vergleichsperson genannt), oder eine unschuldige Verdächtige (auch falscher Alarm genannt). Während der Fehler bei der Wahl einer Vergleichsperson sofort offensichtlich ist, stellt die Wahl einer unschuldigen Verdächtigten einen verhängnisvollen Fehler dar, der zu einer falschen Verurteilung führen kann. Viertens, ein falsch-negatives Ergebnis, auch falsche Zurückweisung genannt, tritt auf, wenn die Täterin sich in der Gegenüberstellung befindet, der Zeuge aber die Gegenüberstellung zurückweist. Schließlich hat der Zeuge auch die Möglichkeit, sich einer Entscheidung zu enthalten, indem er eine „Ich weiß nicht“-Antwort gibt.

Es ist klar, dass die Identifizierungsentscheidungen von AugenzeugInnen von kognitiven Faktoren, wie beispielsweise der Stärke der Erinnerung an die TäterInnen, abhängen. Ein möglicherweise weniger intuitiver kognitiver Faktor ist der Kontext, in den ZeugInnen in der Wiedererkennungssituation versetzt wird, nämlich die Art und Weise, wie die Gegenüberstellung gezeigt wird. Darüber hinaus spielen soziale und meta-kognitive Einflüsse eine wichtige Rolle (Brewer, Weber & Semmler, 2007). Bei sozialen Einflüssen ist an Erwartungseffekte zu denken, die beispielsweise Robert Rosenthal (1966, 2002) in seiner Forschung zu den Auswirkungen der Erwartungen von Lehrkräften auf die Leistungen von Schülerinnen und Schüler identifizierte. Meta-kognitive Variablen beziehen sich auf unsere intuitiven Theorien über die Funktionsweise des Gedächtnisses (z. B. „Wenn ich mir sehr sicher bin, liege ich bestimmt richtig“; Winkielman & Schwarz, 2001). Im nächsten Abschnitt besprechen wir die sozialen, kognitiven und meta-kognitiven Variablen, welche die Entscheidungsfindung von ZeugInnen beim Identifizierungsvorgang beeinflussen können.

Soziale Einflüsse

Durchführung der Gegenüberstellung – Doppelblindverfahren

Wenn eine Gegenüberstellung gezeigt wird, sollten weder die ZeugInnen noch die Person, die die Gegenüberstellung durchführt, wissen, wer die verdächtige Person ist. Dies versteht man unter Doppelblind-Verfahren. Das Vorgehen soll dabei helfen, vor dem Versuchsleitereffekt (Rosenthal, 1966, 2002) zu schützen, einem bekannten sozialpsychologischen Phänomen, wobei die Erwartungen der Person, die den Versuch leitet, das Verhalten der Versuchspersonen beeinflussen. Bezogen auf die Identifizierung von AugenzeugInnen bedeutet dies, dass die Person, die die Gegenüberstellung durchführt dem bzw. der ZeugIn – bewusst oder unbewusst – verbale oder non-verbale Hinweise auf die Identität des oder der Verdächtigen gibt (Quinlivan et al.,2012). Dies kann zu einem Anstieg der falschen Alarme führen (Phillips, McAuliff & Cutler, 1999), ohne dass sich die ZeugInnen darüber bewusst sind, welchen Einfluss die Person, die die Gegenüberstellung durchführt, auf ihre Entscheidungen hat (Greathouse & Kovera, 2008). Sind PolizeibeamtInnen jedoch blind hinsichtlich der Identität des bzw. der Verdächtigen, können sie keinen solchen Einfluss ausüben. Für echte Fälle bedeutet dies, dass die BeamtInnen, die in der Sache ermittelt, nicht die Gegenüberstellung durchführen dürfen. Während es nicht in der Macht der ZeugenInnen steht, zu bestimmen, wer die Gegenüberstellung durchführt, ist ihnen wahrscheinlich bewusst, ob die Person, die die Gegenüberstellung durchführt, weiß, wer der oder die Verdächtige ist oder nicht. Sollte dies der Fall sein, könnte das Verhalten der BeamtInnen einen wesentlichen Einfluss auf das Verhalten der ZeugInnen während des Identifizierungsverfahrens haben. Beispielsweise könnte die BeamtInnen (bewusst oder unbewusst) Zustimmung zur Wahl der ZeugInnen signalisieren, was wiederum die Sicherheit, mit der die ZeugInnen ihre Entscheidung treffen, beeinflussen könnte.

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