Willkommen in der Matrix! Chancen und Risiken der virtuellen Welt

Im Jahr 1999 rüstete sich Keanu Reeves als „Neo“ in dem Kino-Kassenschlager „Matrix“ für den Kampf gegen die virtuelle Welt. Eine dunkle, bedrohliche, fremdbestimmte Welt. Heute können wir selbst in die Virtualität eintauchen. Ist die „Matrix“ so furchteinflößend wie im Film? Was hält sie womöglich an Chancen bereit? – Neo hat sich schließlich in kürzester Zeit Kung-Fu „aufgespielt“. Psychologie und Neurowissenschaften suchen weltweit mit Hochdruck nach Antworten auf diese Fragen.

Bild: Bradley Hook via Pexels (https://www.pexels.com/photo/sky-woman-clouds-girl-123335/), CC: https://www.pexels.com/photo-license/.Alles wirkt täuschend echt: Der Amsterdamer Hafen, das Restaurant und der Tisch, an dem Jan sitzt. Ihm gegenüber hat eine junge Frau Platz genommen. „Hi, ich bin Jan“, sagt er ein wenig nervös. „Mein Name ist Marleen“, antwortet sie. Ihr Lächeln wirkt sympathisch. Jan freut sich: Genau so hat er sich sein Blinddate vorgestellt. Plötzlich verschwindet Marleen. Er hört eine verärgerte Stimme: „Du hast das falsche Programm gestartet, heute sollte Jan doch Judith treffen!“ Die Stimme stammt von der Leitung einer Studie, an der Jan gerade teilnimmt – und der verbalisierte Fauxpas holt Jan schlagartig wieder in die Realität. Er erinnert sich: Marleen existiert nur virtuell und er ist nicht im Restaurant, sondern in einem psychologischen Labor der niederländischen Universität Delft. Von nebenan steuern Wissenschaftler*innen per Mausklick die Fragen und Reaktionen von „Marleen“ und beobachten, wie Jan sich verhält.

So ein virtuelles Blinddate sorgt für sehr reale Nervosität und ist eines von mehreren virtuellen Szenarien in dem soziale Fertigkeiten trainiert werden sollen (Hartanto et al., 2014). Der Fortschritt in der Simulation virtueller Welten bietet nicht nur für die Partnersuche, sondern auch der Forschung neue Möglichkeiten. Vor allem eine Frage beschäftigt Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt: Verändern Erlebnisse in der virtuellen Realität unser Erleben und Verhalten in der echten Welt?

Wie sieht die „Matrix“ heute aus?

Unsere heutige Matrix heißt virtuelle Realität, oder kurz VR: Eine vom Computer generierte, dreidimensionale Umgebung, in der sich Personen bewegen und handeln können. Spezielle Geräte verfrachten uns in die virtuelle Welt: Datenbrillen, Kopfhörer und Joysticks – Joysticks, die nicht nur zur Steuerung dienen, sondern beispielsweise Berührungen vorgaukeln können; in der Fachsprache heißt das „haptisches Feedback“. Die Technik blendet die reale Welt aus und setzt virtuelle Sinneseindrücke an ihre Stelle; je besser das gelingt, desto stärker die sogenannte „Immersion“ – das „Eintauchen“ in die virtuelle Realität. Das virtuelle Bild passt sich dabei laufend an die eigenen Bewegungen an: Im simulierten Blinddate wandert Jans virtuelles Sichtfeld beispielsweise mit, wenn er nach unten sieht. Je stärker die Immersion, umso wahrscheinlicher entsteht „Präsenz“ – das subjektive Empfinden, tatsächlich in einer anderen Welt zu sein (Slater & Wilbur, 1997). Im Film „Matrix“ war die Präsenz perfekt, die Existenz der realen Welt „vergessen“. Ähnliches schaffen heute zumindest einige der virtuellen Welten: Die Präsenz ist so überwältigend, dass die Computersimulation als Realität wahrgenommen wird. Den Fans der „Matrix“-Trilogie dürfte diese Vorstellung einen Schauer über den Rücken jagen; andere sehen darin die Chancen dieser Technik: Vielleicht kann man in einer so real erscheinenden Simulation auch Fähigkeiten trainieren, die – zurück im echten Leben – hilfreich sind?

Mit der VR-Brille zum Vorstellungsgespräch

Vorstellungsgespräche sind heikel. Gehört man zu den glücklichen 10 %, die es in die nächste Runde geschafft haben (Stepstone, 2016), ist Nervosität vorprogrammiert. Und nicht selten ein Scheitern vor lauter Aufregung. Wäre es nicht praktisch, so ein Gespräch gefahrlos und bequem auf dem heimischen Sofa zu trainieren? Dank des britischen Start-Ups „Virtual Speech“ ist dies bereits Realität – virtuelle Realität. Die App „Public Speaking VR“ coacht im virtuellen Raum für die nächste Bewerbung: Zur Auswahl stehen Vorstellungsgespräche bei hochrangigen Arbeitgebern wie Apple, Tesla Motors oder Google. Wie sich eine virtuelle Bewerbung bei Google wohl anfühlt? Auf zum Selbstversuch! Ich setze die Datenbrille auf, die mich in die virtuelle Realität entführt. Mit einem gezielten Blick auf das Menü wähle ich ganz einfach das Google-Szenario aus. Wenige Augenblicke später finde ich mich in einem modern wirkenden hellen Raum wieder; es gibt keine Fenster, das fällt mir sofort auf. Mir gegenüber vier Personen – virtuelle Männer und Frauen in Anzug und Kostüm. Sie wollen wissen, warum ich mich bewerbe und wie ich mich beschreiben würde. Standardfragen. Die mache ich mit links. Schnell wird es kniffliger: „Wie viele Städte gibt es schätzungsweise in Europa?“, fragen meine virtuellen Gegenüber. Was mein liebstes Google-Produkt sei und wie ich es verbessern würde? Gar nicht so leicht, auf die Schnelle mit einer kreativen Antwort aufzuwarten. Ich komme ganz schön ins Grübeln – und ins Schwitzen. Ein Glück, dass ich nur virtuell bei Google zu Gast bin. Sollte jemals ein reales Vorstellungsgespräch bei Google ins Haus stehen, steht für mich fest: Vorher übe ich mit den virtuellen Google-Männern und –Frauen. Aber hilft so eine Simulation wirklich, um im Ernstfall einen kühle(re)n Kopf zu bewahren?

Eine Studie aus den Niederlanden spricht dafür (Hartanto et al., 2014): Wie im echten Leben sorgten kritische Fragen, unfreundliche Reaktionen oder Tadel auch im virtuellen Vorstellungsgespräch bei den Testpersonen für Aufregung; ihr Herz schlug schneller, ihre Antworten wurden kürzer und sie berichteten mehr Anspannung. Besonders deutlich war dies bei Testpersonen, die generell mit Unbehagen bei Vorstellungsgesprächen zu kämpfen hatten. Die virtuelle Realität konnte es hier mit der realen Welt aufnehmen – zumindest, was die Reaktionen der Testpersonen anging. Die Forscher*innen schlossen daraus, dass sich VR für das realitätsnahe Training schwieriger Situationen eignen sollte.

Mit der VR-Brille gegen die Angst?

Vielen von uns wird flau im Magen bei Vorstellungsgesprächen – für Menschen mit sozialer Phobie sind Vorstellungsgespräche geradezu ein Albtraum. Etwa 7 % der Bevölkerung leiden im Laufe des Lebens einmal an dieser psychischen Erkrankung. Die Betroffenen haben große Angst vor negativer Bewertung und vermeiden deshalb soziale oder leistungsbezogene Situationen (Wittchen & Hoyer, 2011). Dabei wäre gerade die Konfrontation mit solchen Situationen heilsam – nur dann können Betroffene die Erfahrung machen, dass nichts Schlimmes passiert und die Angst nachlässt. Wie kann man die Betroffenen aus dem Teufelskreis von Angst und Vermeidung befreien? Kann hier die virtuelle Realität helfen? Erste Hinweise darauf lieferte schon eine Studie aus dem Jahr 2000: Flugangst – eine andere spezifische Phobie – ließ sich mit einer Flugsimulation genauso gut behandeln wie mit der Therapie im realen Flugzeug (Rothbaum, Hodges, Smith, Lee & Price, 2000). Die Forschung seither hat diese Ergebnisse bestätigt: Egal ob soziale Phobie, Höhenangst, Flugangst oder Spinnenphobie – VR-unterstützte Therapien erweisen sich als ebenso wirksam wie klassische Verfahren (Meyerbröker & Emmelkamp, 2010; Opris et al., 2012). Eine zusammenfassende Analyse über viele Studien hinweg (sog. Meta-Analyse) bekräftigt, dass Betroffene nach einem therapeutischen Aufenthalt in der virtuellen Realität nicht nur weniger Angst haben, sondern auch weniger Einschränkungen in ihrem Alltag erleben (Morina, Ijntema, Meyerbröker & Emmelkamp, 2015). Die Therapie mittels virtueller Realitäten hat große Vorteile: Sie findet unter kontrollierten Bedingungen statt und ist dabei vergleichsweise günstig. Ist das Programm einmal geschrieben, können beliebig viele Patient*inn*en behandelt werden. Langstreckenflüge, Spinnenzucht und Ausflüge auf Fernsehtürme kann man sich sparen.

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