Ich weiß, wie Du Dich fühlst: Sind Narzissten so empathisch, wie sie von sich behaupten?

Demgegenüber steht die Facette des antagonistischen Narzissmus. Antagonistischer Narzissmus zeichnet sich dadurch aus, dass Personen das positive Selbstbild gegenüber potentiellen Angriffen wie Kritik oder sozialer Zurückweisung von außen verteidigen. Auf der Suche nach der eigenen Vormachtstellung werten Personen mit hohen Werten in antagonistischem Narzissmus andere Personen ab und treten ihnen aggressiv gegenüber, was häufig zu sozialen Konflikten führen kann. Diese zweidimensionale Konzeptualisierung von Narzissmus bietet die Möglichkeit, mutmaßlich widersprüchliche Zusammenhänge genauer zu betrachten und zu differenzieren. So konnte gezeigt werden, dass Personen mit hohen Werten in agentischem Narzissmus als charmant, kompetent und selbstbewusst beschrieben werden und bei anderen Personen insbesondere kurzfristig beliebt sind. Personen mit hohen Werten in antagonistischen Narzissmus hingegen werden von anderen als aggressiv und eifersüchtig beschrieben. Sie leiden insbesondere mittel- und langfristig unter mangelnder Popularität bei anderen Personen. Doch wie äußern sich die Unterschiede zwischen den Narzissmus-Facetten in der Fähigkeit, anderen Personen empathisch gegenüberzutreten?

Sobald agentische und antagonistische Facetten des Narzissmus in Studien unterschieden werden, werden die Ergebnisse um einiges klarer. So zeigten zwei Studien, dass Empathiedefizite überwiegend auf die dunkle Facette (antagonistischen Narzissmus) zurückzuführen sind (Burgmer et al., 2021), während die helle Seite ( agentischer Narzissmus) mit hohen Empathiewerten einhergeht (Fatfouta et al., 2015).

Zum anderen ist zu beachten, dass zuvor beschriebene Fragebogenstudien anfällig für fehlerhafte bzw. bewusst verfälschte Antworten sind. Beispielsweise könnten narzisstische Personen bei der Frage nach ihrer Empathiefähigkeit schlichtweg lügen, um sich in einem besseren Licht darzustellen. Darüber hinaus kann es insbesondere narzisstischen Personen an Selbsteinsicht mangeln, sodass die Aussagen im Fragebogen nicht mit dem beobachtbaren Verhalten der Person übereinstimmen. Daher ist unklar, ob narzisstische Personen tatsächlich empathischer als andere sind oder sich nur als empathisch beschreiben. Eine umfassende Studie greift diesen offenen Punkt auf und nutzt neben Fragebögen auch verschiedene objektive Aufgaben wie oben benannten Test zur Beschreibung emotionaler Zustände anhand von Bildern, Videos sowie Audioaufnahmen von Sprache (Mota et al., 2019). Die Studie mit 600 Teilnehmenden differenzierte nicht nur zwischen verschiedenen Narzissmusfacetten (agentischer und antagonistischer Narzissmus), sondern auch erstmalig zwischen verschiedenen Empathiefacetten (u. a. kognitive und affektive Empathie). Dafür wurden neben Fragebögen auch Tests eingesetzt, in denen Teilnehmende anhand von Bildern zwischen Emotionen anderer Personen unterscheiden mussten. Es zeigten sich starke Unterschiede zwischen den Konzepten des agentischen und antagonistischen Narzissmus sowie zwischen selbstberichteten und objektiv mit Tests gemessenen Empathiefähigkeiten. Personen mit hohen Werten in agentischem Narzissmus beschrieben sich selbst eher als empathisch, während Personen mit hohen Werten in antagonistischem Narzissmus sich eher als wenig empathisch einschätzten. Betrachtet man jedoch die objektive Fähigkeit, Emotionen akkurat anhand von Bildern oder anderen Medien zu benennen, so nahm diese Fähigkeit ab, je höher der Punktwert in agentischem als auch antagonistischem Narzissmus war. Dabei überschätzen narzisstische Personen sich bezüglich ihrer Empathiefähigkeit deutlich, wobei der Unterschied zwischen selbstbeschriebener und tatsächlicher Fähigkeit bei agentischen Narzissmus größer war als bei antagonistischen Narzissmus.

Zusammenfassend lässt sich studienübergreifend festhalten, dass narzisstische Personen Empathiedefizite aufweisen. Über viele Studien hinweg, schien bei Personen mit hohen Narzissmuswerten die kognitive Empathie etwas weniger eingeschränkt zuBild 3: Narzisstische Personen wissen häufig nicht, was andere fühlen.Bild 3: Narzisstische Personen wissen häufig nicht, was andere fühlen. sein als die affektive Empathie. Genauere Differenzierungen zeigten zusätzlich, dass Personen mit agentischem Narzissmus sich als wesentlich empathischer darstellen als sie tatsächlich sind, während Personen mit antagonistischem Narzissmus ein eher akkurateres Selbstbild ihrer fehlenden Empathie aufweisen.

Damit lässt sich die eingehende Frage tendenziell beantworten, inwiefern Narzissmus zum Lesen fremder Gefühle und damit der Manipulation anderer Menschen befähigt. Basierend auf dem aktuellen Forschungsstand ist es vermutlich nicht der Fall, dass Personen mit narzisstischer Persönlichkeit im Durchschnitt besser in der Lage sind, andere Personen gezielt zu manipulieren aufgrund ihrer Menschenkenntnis. Insgesamt zeigte sich eher, dass sich narzisstische Personen hinsichtlich ihrer Empathiefähigkeit wie in vielen anderen Bereichen überschätzen. Wir sollten uns demnach nicht darauf verlassen, dass sich jemand als empathisch beschreibt. In privaten Situationen bietet es sich insbesondere im Kontakt mit besonders charismatisch und selbstbewussten auftretenden Personen an, die eigenen Emotionen direkt mittels Ich-Botschaften zu benennen, anstatt davon auszugehen, dass die gegenüberstehende Person bereits weiß, wie es einem geht. In der Gesamtschau lässt sich festhalten, dass narzisstische Personen eher nicht durch besonders empathisches Verhalten dazu in der Lage sind, andere Personen manipulieren. Vielmehr scheint die helle Narzissmusfacette – Streben nach Bewunderung, charmantes und selbstbewusstes Auftreten – dabei zu helfen, andere Menschen für sich zu vereinnahmen.

Bildquellen

Bild 1: Callie Gibson via unsplash (https://unsplash.com/photos/IT2S-W8-Tu8, Lizenz:https://lizenzhinweisgenerator.de/)

Bild 2: engin akyurt via unsplash(https://unsplash.com/photos/AjMXxHwxW_k, Lizenz:https://unsplash.com/license).

Bild 3: Daniele Levis Pelusi via unsplash(https://unsplash.com/photos/QSRXNv9kmus, Lizenz: https://unsplash.com/license).

Literaturverzeichnis

Back, M.D., Küfner, A.C., Dufner, M., Gerlach, T.M., Rauthmann, J.F., & Denissen, J.J. (2013). Narcissistic admiration and rivalry: Disentangling the bright and dark sides of narcissism. Journal of Personality and Social Psychology, 105(6), 1013-37. https://doi.org/1013-1037. 10.1037/a0034431

Blair, R. J. R. (2005). Responding to the emotions of others: Dissociating forms of empathy through the study of typical and psychiatric populations. Consciousness and Cognition, 14, 698-718. https://doi.org/10.1016/j.concog.2005.06.004.

Burgmer, P., Weiss, A., & Ohmann, K. (2021). I don’t feel ya: How narcissism shapes empathy. Self and Identity, 20(2), 199-215. https://doi.org/10.1080/15298868.2019.1645730.

Di Pierro, R., Di Samo, M., Pretl, E., Di Mattel, V.E., & Mededdu, F. (2018). The role of identity stability in the relationship between narcissism and emotional empathy. Psychoanalytic Psychology, 35(2), 237-243. https://doi.org/10.1037/pap0000159

Fatfouta, R., Gerlach, T.M., Schröder-Abé, M., & Merkl, A. (2015). Narcissism and lack of interpersonal forgiveness: The mediating role of state anger, state rumination, and state empathy. Personality and Individual Differences, 75, 36-40. http://dx.doi.org/10.1016/j.paid.2014.10.051

Hepper, E.G., Hart, C.M., Meek, R., Cisek, S., & Sedikides, C. (2013). Narcissism and empathy in young offenders and non-offenders. European Journal of Personality, 28(2), 201-210. https://doi.org/10.1002/per.1939

Jonason, P.K., & Krause, L. (2013). The emotional deficits associated with the Dark Triad traits: Cognitive empathy, affective empathy, and alexithymia. Personality and Individual Differences, 55(5), 532-537. https://doi.org/10.1016/j.paid.2013.04.027

Leckelt, M., Küfner, A. C. P., Nestler, S., & Back, M. (2015). Behavioral processes underlying the decline of narcissists’ popularity over time. Journal of Personality and Social Psychology, 109(5), 856-871. https://doi.org/10.1037/pspp0000057.

AutorInnen

Facebook