Sind wir neutrale BeobachterInnen? – Warum wir das gleiche Verhalten bei Linda und Kemal unterschiedlich verstehen.

Für unser Verständnis anderer Personen ist es dabei besonders relevant, ob wir uns diesen sozialen Kategorien selbst auch zugehörig fühlen – es sich also um eine Eigengruppe  oder eine Fremdgruppe  handelt. Wenn sich eine Person als deutsche Frau identifiziert und Linda aufgrund ihres Namens ebenfalls als deutsche Frau kategorisiert, dann zählt diese Person Linda zu ihrer Eigengruppe und Kemal zu ihrer Fremdgruppe. Wenn sich eine Person hingegen als türkischer Mann identifiziert und Kemal als türkischen Mann kategorisiert, dann zählt sie Kemal zu ihrer Eigengruppe und Linda zu ihrer Fremdgruppe.

Laut der Theorie der Sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1979) identifizieren wir uns mit “unserer” Eigengruppe, und sind daher motiviert, ihr eher positive Eigenschaften, der Fremdgruppe hingegen eher negative Eigenschaften zuzuschreiben. Dieser Prozess kann auch Attributionen auf Grundlage von Verhalten verzerren, wie eine Studie belegt, bei der Vorgesetzte und untergebene Angestellte aus verschiedenen Unternehmen befragt wurden (Vonk & Konst, 1998). Den Teilnehmenden wurden Informationen über Verhaltensweisen einer unbekannten Person (z. B. “M. kam zu spät zum Meeting”) zusammen mit situativen Begründungen (z. B. “M. wurde nicht rechtzeitig Bescheid gegeben”) oder personenbedingten Begründungen für das Verhalten (z. B. “M. hatte die Zeit vergessen”) präsentiert. Die Teilnehmenden bezogen diese Begründungen in die Beurteilung von M. ein, indem sie M. entsprechend positiver bewerteten, wenn es eine situative Erklärung für das negative Verhalten gab – allerdings nur, wenn die Zielperson der Eigengruppe angehörte. Für Fremdgruppenmitglieder machten sie sich hingegen nicht die Mühe, diese Begründungen miteinzubeziehen, und bewerteten M. deshalb unabhängig von der Begründung des negativen Verhaltens schlecht. Bei positivem Verhalten zeigte sich der gegenteilige Effekt, also, dass situative Erklärungen bei der Beurteilung von Fremdgruppenmitgliedern, nicht aber von Eigengruppenmitgliedern einbezogen wurden.Bild 4: Ob wir in einem Meeting die situative Erklärung für das Zuspätkommen einer Person berücksichtigen, kann davon abhängen, ob wir die Person als Teil “unserer” Gruppe oder einer “anderen” Gruppe kategorisiert haben. Bild 4: Ob wir in einem Meeting die situative Erklärung für das Zuspätkommen einer Person berücksichtigen, kann davon abhängen, ob wir die Person als Teil “unserer” Gruppe oder einer “anderen” Gruppe kategorisiert haben.

Ähnlich würden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit das Zerschmettern der Vase nicht auf eine negative Eigenschaft wie Aggressivität zurückführen, wäre es uns selbst oder einem Mitglied unserer Eigengruppe passiert. In diesem Fall wären wir motiviert, nachvollziehbare situative Gründe für das Verhalten zu finden, um unsere Eigengruppe vorteilhaft darzustellen. So würde unter diesen Umständen vermutlich keine Korrespondenzverzerrung auftreten.  Bei Fremdgruppenmitgliedern hingegen wären wir geneigter, negative Verhaltensweisen mit stabilen Eigenschaften zu begründen. Diese Tendenz gilt in umgekehrter Weise für positive Eigenschaften und wird auch als Intergruppen-Attributionsverzerrung  bezeichnet (Hewstone, 1990). Neuere Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass wir soziale Kategorien wahrscheinlich besonders dann in unser Verständnis von Verhalten einbeziehen, wenn dieses allein nicht besonders aussagekräftig und informativ ist, also Spielraum für Verzerrungen lässt (vgl. Rubinstein, Jussim & Stevens, 2018).

Zudem hat die soziale Gruppenzugehörigkeit nicht nur einen Einfluss darauf, wie wir das Verhalten unseres Gegenübers verstehen, sondern auch darauf, wie wir es beschreiben. So wurden Studienteilnehmende darum gebeten, als Cartoonzeichnungen dargestellte Verhaltensweisen von Eigen- oder Fremdgruppenmitgliedern zu beschreiben (Maass, Salvi, Arcuri & Semin, 1989). Die ProbandInnen wählten für positives, von Mitgliedern ihrer Eigengruppe ausgeführtes Verhalten eher abstraktere Beschreibungen, also z. B. eher “A. ist hilfsbereit” im Vergleich zu “A. leiht B. Geld”, verglichen mit demselben Verhalten der Fremdgruppe. Solche subtilen Unterschiede in sprachlichen Formulierungen können wiederum beeinflussen, welche Schlüsse Andere aus dem beschriebenen Verhalten ziehen. So implizieren abstrakte Formulierungen, dass ein Verhalten eher stabil in der Person begründet sei, und dass die Person sich in anderen Situationen genauso verhalten würde (Maass et al., 1989). Die Alltagsrelevanz dieser Effekte verdeutlicht eine Studie mit realen deutschsprachigen Medienartikeln zum Thema Kriminalität und MigrantInnen. Je abstrakter die entsprechenden Zeitungsartikel über Straftaten von MigrantInnen geschrieben waren, desto eher gingen Studienteilnehmende davon aus, dass diese auch in anderen Situationen Straftaten begehen würden, und desto stärkere subtile Vorurteile berichteten sie gegenüber MigrantInnen (Geschke, Sassenberg, Ruhrmann & Sommer, 2010).Bild 5: Die Intergruppen-Attributionsverzerrung drückt sich auch auf subtile Weise darin aus, wie wir das Verhalten von Eigen- und Fremdgruppenmitgliedern beschreiben. Diese subtilen Unterschiede erreichen z. B. in Zeitungsartikeln ein breites Publikum und beeinflussen so den Eindruck, den sich die LeserInnen über die beschriebene Person bilden.Bild 5: Die Intergruppen-Attributionsverzerrung drückt sich auch auf subtile Weise darin aus, wie wir das Verhalten von Eigen- und Fremdgruppenmitgliedern beschreiben. Diese subtilen Unterschiede erreichen z. B. in Zeitungsartikeln ein breites Publikum und beeinflussen so den Eindruck, den sich die LeserInnen über die beschriebene Person bilden.

Wie können wir zu neutraleren BeobachterInnen werden?

Sind wir also neutrale BeobachterInnen? Im Allgemeinen muss man die Titelfrage verneinen. Unser Verständnis Anderer ist häufig nicht neutral, sondern zum Teil deutlich verzerrt. Und wenngleich unser Eingangsbeispiel, eine Vase zu zerbrechen, eher trivial erscheinen mag, können solche kleinen Interpretationsunterschiede durchaus sehr relevant werden. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn wir das Verhalten von Mitgliedern unserer Fremdgruppe immer wieder nachteilig interpretieren. Solange wir ihre negativen Verhaltensweisen auf stabile Eigenschaften zurückführen und ihre positiven Verhaltensweisen stets durch situative Faktoren wegerklären, haben sie gar keine Chance, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Dies kann beispielsweise auch dazu beitragen, dass negative Vorurteile gegenüber einer Fremdgruppe aufrechterhalten werden (Hewstone, 1990). Zudem kann selbst die durch Kategorisierung verzerrte Interpretation eines einzelnen Verhaltens sehr dramatische Konsequenzen nach sich ziehen, wie etwa bei strafrechtlichen Verurteilungen.

Wenn wir dazu gewillt sind, scheint es aber durchaus möglich, zu neutraleren BeobachterInnen zu werden. Beispielsweise absolvierten die ProbandInnen einer Studie ein Training, in welchem ihnen Fotos von Fremdgruppenmitgliedern zusammen mit stereotypen Verhaltensweisen präsentiert wurden (Stewart, Latu & Kawakami, 2010). Daraufhin wurden ihnen jeweils zwei Erklärungen angeboten – eine situative und eine personenbedingte. Ihre Aufgabe war es, jedes Mal die situative Erklärung auszuwählen. Nach diesem Training schlussfolgerten die Teilnehmenden spontan vermehrt situative Ursachen für negative Verhaltensweisen der Fremdgruppenmitglieder und verbanden sogar weniger stereotype Eigenschaften mit der Gruppe. Eine weitere Studie zeigt, dass auch der aktive Versuch, die Perspektive eines Fremdgruppenmitglieds einzunehmen, dazu beitragen kann, dass wir situative Erklärungen vermehrt in Betracht ziehen (Vescio, Sechrist &Paolucci, 2003). So bewerteten Studienteilnehmende eine Fremdgruppe positiver, wenn sie dazu aufgefordert wurden, die Perspektive ihrer Mitglieder einzunehmen. Dies lag unter anderem daran, dass die Teilnehmenden das Verhalten der Fremdgruppenmitglieder weniger auf stabile Eigenschaften und stärker auf die Situation zurückführten.

Schlussendlich gibt es keine einfachen Strategien, die uns vor einem verzerrten Verständnis unserer Mitmenschen bewahren. Die beschriebenen Studien demonstrieren aber, dass wir bewusst in diesen fehleranfälligen Prozess eingreifen können. Wenn wir also andere Menschen und insbesondere Mitglieder anderer Gruppen besser verstehen wollen, sollten wir aktiv üben, uns für situative Erklärungen ihres Verhaltens zu entscheiden. Wir sollten zudem vorsichtig abwägen, ob sie ein Verhalten mit Absicht ausgeführt haben, und versuchen, ihre Perspektive einzunehmen. Zuletzt sollten wir darauf achten, dass wir die Gruppenzugehörigkeit Anderer nicht darüber entscheiden lassen, wie konkret oder abstrakt wir ihr Verhalten beschreiben. Damit ermöglichen wir auch anderen Menschen, das beschriebene Verhalten möglichst neutral zu verstehen. Wenn wir daraus eine Gewohnheit werden lassen, können wir dem Ziel, neutralere BeobachterInnen zu werden, etwas näherkommen.

Bildquellen

Bild 1:  Henri Fantin-Latour: Hommage à Delacroix  (Quelle: wikimedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fantin-Latour_Homage_to_Delacroix.jpg).

Bild 2: Guilty by Henry Hintermeister (Quelle: wikimedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guilty_by_Henry_Hintermeister.jpg).

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