Wie Angst sportliche Leistung beeinträchtigt – und was man dagegen tun kann: Das Kraftspeichermodell der Selbstkontrolle im Sportkontext

In der Selbstkontrollforschung wird häufig das sogenannte Zwei-Aufgaben Paradigma angewendet, um die Effekte von Selbstkontrolle zu untersuchen. Probanden werden hierbei einer Experimentalgruppe oder einer Kontrollgruppe zugeordnet. In einem ersten Schritt bearbeiten beide Gruppen zunächst eine ähnliche Aufgabe. Jedoch unterscheiden sich die Instruktionen für die beiden Gruppen, und zwar dergestalt, dass in der Experimentalgruppe Selbstkontrolle ausgeübt werden muss, in der Kontrollgruppe hingegen nicht. Der Effekt von Selbstkontrollerschöpfung wird dann in einer zweiten Aufgabe untersucht, die für beide Versuchsbedingungen identisch ist. Es zeigte sich über eine Vielzahl an Studien, dass Probanden, die in der ersten Aufgabe Selbstkontrolle ausüben mussten in der zweiten Aufgabe deutlich schlechter abschnitten als Probanden, die in der ersten Aufgabe keine Selbstkontrolle ausüben mussten.

Auch selektive Aufmerksamkeit hängt von dem Kraftspeicher ab, da man für sie Selbstkontrolle ausüben muss: Man muss dem Impuls entgegensteuern, ablenkenden irrelevanten Reizen Beachtung zu schenken (Schmeichel & Baumeister, 2010). Dies verdeutlicht die Studie von Oaten und Cheng (2006): Die Teilnehmenden sollten drei zuvor festgelegte Quadrate aus einer Gruppe identischer Quadrate, die sich in zufälligen Mustern auf dem Computerbildschirm bewegten, mit den Augen nachverfolgen und am Ende jedes Durchgangs mit der Maus anklicken. Gleichzeitig lief ein Eddy Murphy-Video als Ablenkung. Wie erwartet konnten die Teilnehmenden die drei Quadrate seltener wiederfinden, wenn ihr Kraftspeicher zuvor durch eine Selbstkontrollaufgabe, die mit der Aufmerksamkeitsaufgabe nichts zu tun hatte, erschöpft worden war. Im Zustand von Ego Depletion konnten sie ihre Aufmerksamkeit vermutlich weniger erfolgreich von dem Video fernhalten und wurden deshalb bei der Aufgabenbearbeitung beeinträchtigt.

Selbstkontrolle und sportliche Leistung – Erste Hinweise

Man kann diese Befunde durchaus auch auf den Sportkontext übertragen. Ängstliche SportlerInnen haben die automatische Tendenz, ihre Aufmerksamkeit auf bedrohliche Reize zu richten, z.B. den/die TorhüterIn beim Elfmeterschießen (Wilson et al., 2009). Um dieser Tendenz entgegenzutreten, ist die Ausübung von Selbstkontrolle erforderlich. Ängstliche SportlerInnen, deren Kraftspeicher im Moment erschöpft ist, haben jedoch nicht die Kapazität, den Aufmerksamkeitsfokus zu ändern, was Leistungseinbußen verursachen kann. Englert und Bertrams (in press) fanden dazu erste Hinweise: Basketballspieler zeigten in einer potentiell bedrohlichen und somit potentiell angstauslösenden Situation nur dann angstbezogene Leistungseinbußen in einer Freiwurfübung, wenn deren Kraftspeicher erschöpft worden waren. Bei nicht-erschöpften Kraftspeichern waren keine angstbezogenen Leistungseinbußen festzustellen. Die Autoren begründen dieses Befundmuster dadurch, dass erschöpfte Probanden mit höherer Zustandsangst ihre Aufmerksamkeit weniger gut regulieren konnten als Probanden mit höherer Zustandsangst, die über einen vollen Kraftspeicher verfügten, was in der Folge mit schlechteren Leistungen einherging. Die Autoren argumentieren, dass der Aufmerksamkeitsfokus der erschöpften Probanden mit höherer Zustandsangst vermutlich auf irrelevante Reize gelenkt war (z.B. die Versuchsleitung) und nicht auf die eigentlich relevanten Reize (z.B. den Basketballkorb).

Was nutzen diese Befunde in der Praxis?

Die Frage, die sich stellt, ist: Was nutzen uns diese Befunde? Kann man ängstlichen Personen denn helfen, in Wettkampfsituationen ausreichend Selbstkontrollkapazität für die Aufmerksamkeitssteuerung zur Verfügung zu haben? Die gute Nachricht ist: Ja, wahrscheinlich kann man das! Mehrere Studien haben gezeigt, dass der Selbstkontroll-Kraftspeicher mit einem Muskel vergleichbar ist, der sich durch verschiedene Maßnahmen trainieren lässt. So zeigte sich, dass regelmäßige Selbstkontrollausübung als eine Art Ausdauertraining die Kapazität des Kraftspeichers erhöht und weniger erschöpfungsanfällig macht. Gailliot und Kollegen (Gailliot, Plant, Butz & Baumeister, 2004) baten Probanden über einen Zeitraum von zwei Wochen bestimmte alltägliche Tätigkeiten (z.B. Zähneputzen) ausschließlich mit ihrer nicht-dominanten Hand auszuüben, was ein hohes Maß an Selbstkontrolle erfordert. In Follow-Up-Messungen zeigten diese trainierten Probanden im Gegensatz zu untrainierten Probanden eine deutlich verbesserte Selbstkontrollkapazität.

Des Weiteren scheint sich ein erschöpfter Kraftspeicher durch gezielte Erholung schneller zu regenerieren. Tyler und Burns (2008) spielten ihren Probanden nach einer ersten Selbstkontrollaufgabe Entspannungsmusik vor, wodurch der sonst zu beobachtende Leistungsabfall in nachfolgenden Selbstkontrollaufgaben verhindert wurde. Eine weitere Möglichkeit die Kapazität eines erschöpften Kraftspeichers wieder aufzufrischen scheint darin zu liegen, erschöpfte Personen in einen positiven Zustand zu versetzen. In einer Serie von Experimenten von Tice und Kollegen (Tice, Baumeister, Shmueli & Muraven, 2007) erhielten die Probanden überraschenderweise ein Geschenk oder schauten sich einen lustigen Videoclip an, was zu einer schnelleren Erholung des Kraftspeichers führte. Derartige Maßnahmen könnten auf Sportkontexte umgemünzt werden. Denkbar wären beispielsweise das Lernen von Entspannungsübungen, die im Sitzen auf der Ersatzbank durchgeführt werden können, oder das positive Emotionen auslösende Trainerlob zum richtigen Zeitpunkt.

Bild von madlyn via morguefile (https://morguefile.com/creative/Madlyn/2/all), cc (https://morguefile.com/license)

Zusammengefasst bieten die bisherigen Befunde aus der Selbstkontrollforschung einen innovativen Ansatz, um dem negativen Einfluss von Angst auf sportliche Leistung entgegenzuwirken. Durch den Einsatz gezielter Maßnahmen zur Kraftspeicherregeneration könnten erschöpfte SportlerInnen in die Lage versetzt werden, auch in angstauslösenden Wettkampfsituationen ihre Aufmerksamkeit auf das relevante Ziel zu richten und so ihr Leistungsoptimum abzurufen. In den eingangs erwähnten Beispielen könnte also auch der finale Freiwurf im Korb landen oder David Beckham das Tor treffen.

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