Wie Heuristiken uns helfen Entscheidungen zu treffen

Im Allgemeinen kann man nicht sagen, dass eine Heuristik gut oder schlecht ist, denn der Erfolg einer Heuristik hängt von den Eigenschaften der Situation ab. Daher beurteilt man Heuristiken als ökologisch rational, das heißt inwieweit sie an die jeweilige Situation angepasst sind (Gigerenzer & Gaissmaier, 2011). Es lassen sich leicht Situationen finden, in denen Heuristiken zu Fehlern führen (Tversky & Kahneman, 1974). Japanische TouristInnen werden vermutlich fälschlicherweise tippen, dass Heidelberg größer als Bielefeld ist, weil sie schon von Heidelberg gehört haben, aber nicht von Bielefeld. Allerdings lassen sich ebenso Situationen generieren, in denen Heuristiken zu genauso guten Ergebnissen führen wie kompliziertere Entscheidungsstrategien oder diese sogar übertreffen. Goldstein und Gigerenzer (1999) stellten beispielsweise Studierenden in Chicago und in München die gleiche Frage: Welche Stadt hat mehr Einwohner – San Diego oder San Antonio? In Chicago beantworteten 62 % der Studierenden die Frage richtig, verglichen mit 100 % der Studierenden in München. Da die meisten Studierenden in München San Diego kannten, aber San Antonio nicht, konnten sie die Rekognitionsheuristik anwenden und somit die richtige Entscheidung treffen. Die Studierenden in Chicago hingegen mussten sich auf ihr Wissen verlassen oder raten, was in vie© Martha Michalkiewiczlen Fällen zu einer falschen Entscheidung führte. Der Erfolg der Rekognitionsheuristik gegenüber anderen Strategien konnte in Experimenten vor allem bei Fragen zu Geographie (z. B. Höhe von Bergen), Sportereignissen (z. B. Gewinner von Fußballmeisterschaften) sowie zum Gewinn von Aktien nachgewiesen werden (Goldstein & Gigerenzer, 2009). Die Take-the-Best Heuristik lieferte in einer Reihe von Experimenten genauso gute und teils bessere Ergebnisse verglichen mit komplizierteren Strategien (Czerlinski, Gigerenzer & Goldstein, 1999), beispielsweise bei Entscheidungen bezüglich des Gehalts von Professoren und Professorinnen und der Schulabbruchsquote von Jugendlichen (vgl. Abb. 3). 

Warum verwenden wir Heuristiken?

Heuristiken bieten drei wesentliche Vorteile: Sie sind schnell, mühelos anwendbar und liefern zufriedenstellende Ergebnisse (Gigerenzer & Gaissmaier, 2011). Die Schnelligkeit und Mühelosigkeit zeigen die folgenden Beispiele. Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf eine englische Fußballmannschaft wetten. Sie können die Rekognitionsheuristik benutzen und Manchester United wählen. Das Wiedererkennen findet als erster Schritt automatisch statt, bevor Sie in einem zweiten Schritt auf Ihr Wissen zurückgreifen können. Die Entscheidung basierend auf Rekognition ist damit schnell und mühelos (Czerlinski, Gigerenzer & Goldstein, 1999). Alternativ können Sie ihr Wissen über Manchester United zu Rate ziehen und Annahmen über die unbekannte Mannschaft treffen, was allerdings Zeit und Anstrengung kostet. 

Stellen Sie sich nun vor, Sie müssten sich zwischen zwei Aktienpaketen entscheiden und können dazu Ihren Bankberater, Ihren Vater, der Aktien besitzt, und einen Freund, der BWL studiert, befragen. Diese drei Quellen können ihrer Validität entsprechend sortiert werden: 1. Bankberater, 2. Vater, 3. Freund. Wenn Sie die Take-the-Best Heuristik verwenden, befragen Sie zuerst den Bankberater, da er sich am besten mit Aktien auskennt. Wenn er ein Aktienpaket positiv und das andere negativ bewertet, dann entscheiden Sie sich entsprechend. Wenn er die beiden Aktienpakete gleich bewertet, gehen Sie zu Ihrer nächsten Quelle, Ihrem Vater, weiter. Wenn er ein Aktienpaket positiv und das andere negativ bewertet, dann ist Ihre Wahl getroffen. Wenn er die beiden Aktienpakete auch gleich bewertet, befragen Sie Ihre nächste Quelle, bis all Ihre Wissensquellen ausgeschöpft sind. Wenn Sie dann immer noch keine Entscheidung fällen können, müssen Sie raten. Im besten Fall können Sie bereits nach Ihrer ersten Quelle und somit schnell entscheiden. Gleichzeitig haben Sie eine möglichst gute Wahl getroffen, da Sie sich auf die Quelle mit dem meisten Wissen verlassen. Sie könnten alternativ alle Informationen zu beiden Aktienpaketen einholen, den Informationsquellen bestimmte Gewichte zuordnen und die gewichteten Informationen zu zwei Gesamtwerten addieren, um diese Werte zu vergleichen. Aber das erfordert deutlich mehr Zeit und Anstrengung.

Wann verwenden wir Heuristiken?

Der dritte Vorteil von Heuristiken besteht – wie oben genannt – darin, dass sie durch Anpassung an die Umwelt zu guten Ergebnissen führen. Menschen reagieren auf die Besonderheiten einer Situation und verwenden Heuristiken, wenn es sinnvoll ist. Wenn man zwischen zwei Städten hinsichtlich ihrer Größe entscheiden muss, dann trifft man mithilfe der Rekognitionsheuristik nur dann die richtige Entscheidung, wenn die wiedererkannte Stadt auch tatsächlich die größere ist. Es muss also eine positive Korrelation, das heißt ein Zusammenhang, zwischen der Größe der Städte und der Wahrscheinlichkeit sie wiederzuerkennen, vorhanden sein. Dies wird Rekognitionsvalidität genannt. Ein Gefühl f© Martha Michalkiewiczür die Rekognitionsvalidität entsteht durch Mediatoren wie Zeitungen, Fernsehen, Internet oder auch andere Menschen (vgl. Abb. 4). Große Städte werden häufiger in den Medien erwähnt, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine Stadt wiedererkannt wird (Pachur, Todd, Gigerenzer, Schooler & Goldstein, 2012). Ein solcher Zusammenhang konnte auch für andere Bereiche, wie Sport und Wirtschaft, nachgewiesen werden (Pachur et al., 2012). So werden zum Beispiel unter TennisspielerInnen die Weltranglistenbesten und bei Unternehmen die erfolgreichsten am häufigsten erkannt. Eine Studie von Pohl (2006) hat gezeigt, dass Menschen die Verwendung einer Heuristik der Stärke dieses Zusammenhangs anpassen. Beim Vergleich der Größe Schweizer Städte entschieden sich die Versuchspersonen in den meisten Fällen für die bekannte Stadt, da die Größe der Städte mit der Wiedererkennung in Zusammenhang steht. Bei der Frage nach dem Abstand Schweizer Städte zur Stadt Interlaken benutzten die Versuchspersonen die Rekognitionsheuristik hingegen nicht, da es keinen Zusammenhang zwischen dieser Frage und dem Wiedererkennen gibt. Für die Anpassung an die Situation spricht auch, dass die Take-the-Best Heuristik nach entsprechendem Feedback häufiger angewendet wurde (Bröder, 2012). Durch Feedback lernten die Versuchspersonen, ob die Take-the-Best Heuristik zum Erfolg führte oder nicht, und passten ihr Verhalten gegebenenfalls an. Dabei waren Personen, die bei einem Intelligenztest besonders gut abschnitten, besser darin, die für eine Situation am besten geeignete Strategie zu wählen, als Personen mit niedrigerer Intelligenz. Auch andere Situationsfaktoren beeinflussen, wie häufig wir Heuristiken benutzen. Es wurde beispielsweise gezeigt, dass Personen Heuristiken öfter verwenden, wenn sie unter Zeitdruck stehen (Rieskamp & Hoffrage, 2008; Hilbig, Erdfelder & Pohl, 2012), wenn Informationen fehlen oder die Suche große Anstrengung erfordert (Bröder, 2012).