Die Wutprobe – Wie man Ärger bewältigt

Tatsächlich hat unsere eigene Arbeit nahegelegt, dass es zu einfach wäre zu sagen, dass Aggression aus Wut entsteht. Aggression könnte sogar insofern als eine grobe Form der Aggressionsbewältigung fungieren, als Menschen sich auf Aggression einlassen, um ihre Wut auf diese Weise abzubauen. Unsere Studien verwendeten die in den Achtzigerjahren entwickelte „Tablette zum Einfrieren von Gefühlszuständen“ (engl. „mood-freezing pill“) von Robert Cialdini und KollegInnen. Einigen Probandinnen und Probanden wurde eine Tablette gegeben und (fälschlicherweise) erzählt, dass diese zeitweise dazu führen würde, dass die Probandinnen und Probanden ihren emotionalen Zustand nicht ändern können. Egal, wie sie sich fühlten, sie würden sich eine Stunde lang nach Einnahme der Tablette weiterhin so fühlen. Wir fanden, dass Wut nicht zu Aggression führte, wenn Menschen die Tablette genommen hatten (Bushman, Baumeister & Phillips, 2003). Warum? Die Tablette (zum Einfrieren von Gefühlszuständen) beseitigt anscheinend die Möglichkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren. Was immer Menschen normalerweise tun, um ihre Emotionen zu verändern, wird sinnlos (oder zumindest glauben sie das), nachdem sie die Tablette genommen haben. Folglich werden wütende Menschen normalerweise aggressiv, weil sie erwarten, dass die Aggression ihre Wut beseitigt und sie sich dadurch besser fühlen. Nachdem sie jedoch die Tablette (zum Einfrieren von Gefühlszuständen) eingenommen haben, glauben sie nicht mehr, dass sie sich besser fühlen, wenn sie aggressiv werden. Daher sehen sie davon ab, aggressiv zu werden.

Selbstverständlich bedeuten die Auswirkungen des Einfrierens von Gefühlszuständen nicht, dass der Mensch sorgfältig zwischen den bedachten Möglichkeiten und erwarteten Folgen abwägt, wenn er sich entscheidet, ob er aggressiv werden soll oder nicht. Die Effekte legen eher nahe, dass Menschen einfach in einer Art und Weise handeln, die verspricht, dass sie sich selbst besser fühlen. Wenn dieses Versprechen beseitigt wird (so wie durch die Tablette zum Einfrieren von Gefühlszuständen), wird der emotionale Anreiz von Aggression verringert und dadurch neigen Menschen weniger dazu auszuschlagen.

Weil Wut unangenehm ist, wollen viele Menschen ihre Wut loswerden, wenn sie diese erleben. Es gibt drei mögliche Wege, mit Wut umzugehen. Ein gängiger Ansatz, den viele Gesellschaften gutheißen, ist, seine Wut zu verstecken. Dieser Ansatz kann Menschen dazu veranlassen, ihre Wut tief in sich hineinzufressen und sie zu unterdrücken. Es gibt einige Belege dafür, dass dies eine sehr kostspielige Strategie ist. Auf längere Zeit verdeckte Wut kann recht zerstörerisch für die Person selbst sein, indem sie das Risiko für Herzerkrankungen erhöht (z. B. Ellis, 1977). Andererseits könnte die Wut teilweise verringert werden, wenn Menschen versuchen, ihre Wut zu verstecken. Laut der Facial-Feedback-Hypothese führt Feedback der Gesichtsmuskulatur dazu, dass Emotionen ausgelöst oder verstärkt werden (z. B. Izard, 1990; Tomkins, 1962). Daher könnten Menschen, die ihre Wut zeigen, innerlich wütender sein als Menschen, die ihre Wut verstecken.

Bild von PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/zorn-wütend-schlecht-brennen-18658/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Ein weiterer Ansatz, mit Wut umzugehen, ist, sie auszuleben. Dieser Ansatz behandelt Wut als eine Art inneren Druck oder zersetzende Substanz, die sich im Inneren einer Person über eine gewisse Zeit heranbildet und die diese schädigt, wenn sie nicht rausgelassen wird. Dieser Ansatz wird häufig in englischsprachigen Metaphern widergespiegelt (Lakoff & Kövecses, 1983). Menschen werden dort manchmal als Teekanne (engl. teapot) oder als Schnellkochtopf (engl. pressure cookers) bezeichnet mit Wut als Flüssigkeit im Inneren. Mit zunehmendem Ärger bildet sich die Wut im Inneren heraus und steigt auf. Dann reden wir davon, wie die „Wut im Menschen aufsteigt“. Wenn Menschen sehr wütend werden, dann „kocht ihr Blut“ oder sie erreichen den „Siedepunkt“. Wenn die Wut zu intensiv wird, dann gehen Menschen „in die Luft“, „lassen Dampf ab“, „drehen durch“, „brechen aus“, „knallen durch“, „gehen an die Decke“ oder „gehen durchs Dach“. Um eine Explosion zu verhindern, wird Menschen nahegelegt, „ihren Dampf abzulassen“, „es rauszulassen“ oder „es sich von der Seele zu reden“.

Die Theorie der Katharsis passt zu diesem zweiten Ansatz, weil sie besagt, dass das Ausdrücken von Wut eine gesunde Freisetzung von Emotionen bewirkt und daher gut für die Psyche ist. Die Katharsistheorie, welche über Sigmund Freud auf Aristoteles zurückgeführt werden kann, ist elegant und ansprechend. Leider zeigen jedoch die Fakten und Befunde nicht, dass Dampfablassen einen positiven Nutzen hat. Es schädigt vielmehr einen selbst und andere. Das Ausdrücken von Wut wird mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen in Verbindung gebracht (z. B. Miller, Smith, Turner, Guijarro & Hallet, 1996). Es erhöht außerdem die Aggression gegen andere (Geen & Quanty, 1977). Sogar bei Menschen, die an den Nutzen von Dampfablassen und Katharsis glauben, und sogar wenn Menschen es genießen, Dampf abzulassen und teilweise dadurch befriedigt werden, erhöht sich nach dem Dampfablassen die Wahrscheinlichkeit für Aggression – selbst gegenüber unbeteiligten ZuschauerInnen (Bushman, Baumeister & Stack, 1999).

Eine Variation von Dampfablassen ist intensive sportliche Betätigung. Wenn sie wütend sind, gehen manche Menschen laufen oder sie versuchen sich an einer anderen Form der sportlichen Betätigung. Studien zeigen, dass Sport – obwohl er gut für das Herz ist – nicht gut darin ist, Wut zu verringern (z. B. Bushman, 2002). Der Grund, warum Sport nicht funktioniert, ist, dass er das physiologische Erregungslevel, wie Puls und Blutdruck, eher erhöht anstatt zu verringern. (Es ist jedoch möglich, dass lang andauernder Sport letzten Endes Wut verringert, wenn er solange betrieben wird, bis die Person extrem müde ist – denn dann ist die Erregung schließlich aufgelöst).

Es gibt Ausnahmen von dem generellen Befund, dass das Ausdrücken von Wut Aggression erhöht. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass das Ausdrücken von Wut aggressive Gedanken sogar verringern kann, wenn Menschen versuchen, ein anderes Ziel zu erreichen (z. B. Denzler, Förster & Liberman, 2009). Jedoch ist Dampfablassen generell so, wie wenn man versuchen würde, ein Feuer mit Benzin zu löschen: Es nährt die Flamme zusätzlich. Dampfablassen hält das Erregungslevel hoch und aggressive Gedanken und Wut am Leben. Vielleicht haben Sie schon einmal von dem Witz gehört: „Wie kommt man in die Carnegie Hall, das berühmte New Yorker Konzerthaus?“ Die Antwort ist „Üben! Üben! Üben!“. Gut, „Wie wird man ein wütender, aggressiver Mensch?“. Die Antwort bleibt die gleiche: „Üben! Üben! Üben!“. Dampfablassen ist einfach eine Art zu üben, wie man sich durch Schlagen, Treten, Schreien oder Brüllen aggressiv verhält.

Der dritte Ansatz, mit Wut umzugehen, ist der Versuch sie loszuwerden. Diese Lösung ist wichtig, weil die Probleme der beiden anderen Ansätze (Hineinfressen und Dampfablassen) dazu führen, dass der Mensch wütend bleibt. Der Schlüssel ist damit aufzuhören, wütend zu sein. Alle Emotionen, Wut eingeschlossen, bestehen aus körperlichen Zuständen (so wie Erregung) und mentalen Bedeutungen. Um Wut loszuwerden, kann man an einem von beiden arbeiten. Wut kann verringert werden, indem man den Erregungszustand loswird, zum Beispiel durch Entspannen oder bis zehn Zählen, bevor man antwortet. Mentale Taktiken können Wut ebenfalls verringern, zum Beispiel, indem man das Problem oder den Konflikt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet oder indem man sich selbst ablenkt und die eigene Aufmerksamkeit auf andere, angenehmere Themen lenkt. Anstatt durch den unhöflichen Kommentar eines Freundes wütend zu werden, kann man den Kommentar zum Beispiel als Ausdruck der Erschöpfung des Freundes neu interpretieren anstatt als persönlichen Angriff (z. B. Memedovic, Grisham, Denson & Moulds, 2010). Bestimmte Verhaltensweisen können ebenfalls dabei behilflich sein, Wut loszuwerden. So können beispielsweise das Streicheln eines Welpen, das Schauen einer Komödie, Sex oder eine gute Tat dabei helfen, denn diese Handlungen sind nicht vereinbar mit Wut und daher machen sie es unmöglich, einen wütenden Emotionszustand beizubehalten (z. B. Baron, 1976).

Zusammengefasst, wenn ein Dampfkocher als Metapher für Wut genutzt wird, gibt es drei Wege, um mit dem Aufsteigen des Dampfes umzugehen (DiGuiseppe, 1995). Ein Weg ist es, zu warten, bis der Dampfkocher explodiert. Ein zweiter Weg ist es, den Druck durch periodisches Ablassen von etwas Dampf zu verringern. Der dritte (und beste) Weg ist es, die Flamme zu verkleinern und die Hitze zu verringern!

 

Referenzen

Aarts, H., Ruys, K. I., Veling, H., Renes, R.A., de Groot, J. H. B. van Nunen, A. M. & Geertjes S. (2010). The art of anger: Reward context turns avoidance responses to anger-related objects into approach. Psychological Science, 21, 1406-1410.

Averill, J. (1982). Anger and aggression: An essay on emotion. New York, NY: Springer.

Baron, R. A. (1976). The reduction of human aggression: A field study of the influence of incompatible reactions. Journal of Applied Social Psychology, 6, 260-274.

Berkowitz, L. & Geen, R. G. (1967). Stimulus qualities of the target of aggression: A further study. Journal of Personality and Social Psychology, 5, 364-368.

Bushman, B. J. (2002). Does venting anger feed or extinguish the flame? Catharsis, rumination, distraction, anger, and aggressive responding. Personality and Social Psychology Bulletin, 28, 724-731.

Bushman, B. J., Baumeister, R. F. & Phillips, C. M. (2001). Do people aggress to improve their mood? Catharsis beliefs, affect regulation opportunity, and aggressive responding. Journal of Personality and Social Psychology, 81, 17-32.

Artikelautor(en)

Artikelschlagwörter

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook