Intergruppen-Kontakttheorie: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Dieser Beitrag wurde zunächst in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe (2/2013, Ausgabe 17) des In-Mind Magazins veröffentlicht.

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Zur Zeit der Rassentrennung in den USA und der „Jim Crow-Gesetze“ (Anmerkung der Übersetzerin: Bezeichnung für die Gesetze in den USA, die die Rassentrennung vorschrieben) stellte Gordon Allport im Jahre 1954 eine der wichtigsten sozialpsychologischen Annahmen des zwanzigsten Jahrhunderts vor. Danach kann Kontakt zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen (unter bestimmten Voraussetzungen) darauf hinwirken, Vorurteile und Konflikte zwischen den Gruppen zu reduzieren. Tatsächlich ist die Idee, wonach Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen dabei helfen kann, Vorurteile zu verringern und die sozialen Beziehungen zu verbessern, in der Politikgestaltung auf der ganzen Welt verankert. So stellt die UNESCO beispielsweise fest, dass Kontakt zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen wesentlich für die Verbesserung sozialer Beziehungen ist. Darüber hinaus haben explizite, von der Politik angestoßene Bewegungen hin zu mehr Kontakt eine wichtige Rolle gespielt bei der Verbesserung der sozialen Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien in den USA und zwischen Protestanten/innen und Katholiken/innen in Nordirland sowie bei der Unterstützung einer integrativeren Gesellschaft in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. In der heutigen Zeit dient die Anerkennung der Vorteile von Kontakt als Motor für Schüleraustausche und gruppenübergreifende Patenprogramme („cross-group buddy schemes“). In den Jahren seit Allports anfänglicher Intergruppen- Kontakthypothese haben sich viele Forschungsarbeiten der Erweiterung und Untersuchung seiner Kontakthypothese gewidmet. In diesem Artikel werde ich einen Überblick über einen Teil der umfangreichen Literatur zur Rolle von Kontakt bei der Reduzierung von Vorurteilen geben. Dabei gehe ich auf den Erfolg von Kontakt, auf Faktoren, die den Zusammenhang zwischen Kontakt und der Reduzierung von Vorurteilen vermitteln, auf neuere Erweiterungen der Hypothese sowie auf künftige Forschungsrichtungen ein. Kontakt ist von größter Bedeutung bei der Verringerung von Vorurteilen und bei der Förderung einer toleranteren und integrativeren Gesellschaft. Dabei ist er ein Paradebeispiel für die Anwendungen im wirklichen Leben, welche die Psychologie der Welt bieten kann. 

Die Kontakthypothese

Die Intergruppen- Kontakthypothese wurde erstmalig im Jahr 1954 von Gordon Allport vorgelegt. Allport behauptete, dass positive Auswirkungen von Kontakt zwischen Gruppen in Kontaktsituationen entstehen können, die durch die folgenden vier Schlüsselbedingungen gekennzeichnet sind: gleicher Status, Zusammenarbeit zwischen den Gruppen, gemeinsame Ziele sowie Unterstützung durch gesellschaftliche und institutionelle Instanzen (s. Tabelle 1). Laut Allport ist es wichtig, dass die Kontaktsituation jeden dieser vier Faktoren zu einem gewissen Grad aufweist. Tatsächlich scheinen diese Faktoren wichtig für die Reduzierung von Vorurteilen zu sein, was sich an der Bedeutung von Freundschaften über verschiedene Gruppen hinweg für die Verminderung von Vorurteilen zeigt (Pettigrew, 1998). Die meisten Freunde/innen haben den gleichen Status und arbeiten zusammen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Auch ist Freundschaft normalerweise nicht von strengen gesellschaftlichen oder institutionellen Beschränkungen betroffen, welche insbesondere Liebesbeziehungen (z. B. Gesetze gegen Mischehen) und Arbeitsverhältnisse (z. B. Rassentrennungsgesetze oder unterschiedlicher Status) einschränken können.

Tabelle 1

Bedingung

Bedeutung

Beispiel

Belege

Gleicher Status

Die Mitglieder der Kontaktsituation sollten keine ungleiche, hierarchische Beziehung haben.

Die Mitglieder sollten kein Arbeitergeber/in-Angestellten- oder Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnis haben.

Studien zeigen, dass gleicher Status sowohl vor (Brewer & Kramer, 1985) als auch während (Cohen & Lotan, 1985) der Kontaktsituation wichtig ist.

Kooperation

Die Mitglieder sollten in einer nicht-wettbewerbsorientierten Umgebung zusammenarbeiten.

Schüler/innen, die gemeinsam an einem Gruppenprojekt arbeiten.

Die „Gruppenpuzzle-Technik“ („jigsaw technique“) von Aronson strukturiert den Unterricht so, dass Schüler/innen sich kooperativ anstrengen (Aronson & Patnoe, 1967). Die Technik hat in vielen Ländern zu positiven Ergebnissen geführt.

Gemeinsame Ziele

Die Mitglieder müssen sich aufeinander verlassen, um das gemeinsam angestrebte Ziel zu erreichen.

Mitglieder eine Sportmannschaft

Hu und Griffey (1985) konnten die Bedeutung von gemeinsamen Zielen bei gemischt-ethnischen Sportmannschaften nachweisen, die zusammenarbeiten müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

Unterstützung durch gesellschaftliche und institutionelle Instanzen

Es sollte keine gesellschaftlichen oder institutionellen Instanzen geben, die explizit oder implizit Kontakt unter Strafe stellen. Es sollte Institutionen geben, die positiven Kontakt unterstützen.

Es sollte keine Gesetze geben, die Trennung vorschreiben.

Die Forschung von Landis (1984) zur Bedeutung institutioneller Unterstützung bei der Reduzierung von Vorurteilen beim Militär

 

Seit Allports erstmaliger Formulierung seiner Kontakthypothese konnten zahlreiche Forschungsarbeiten die Bedeutung von Kontakt zur Reduzierung von Vorurteilen bestätigen. Es konnte im Wesentlichen gezeigt werden, dass positive Kontakterfahrungen selbstberichtete Vorurteile (die gängigste Methode zur Messung von Einstellungen zu anderen Gruppen) unter anderem gegenüber schwarzen Nachbarn/innen, alten Menschen, homosexuellen Männern und Menschen mit Behinderungen (Caspi, 1984; Vonofako, Hewstobe & Voci, 2007; Works, 1961; Yuker & Hurley, 1987) reduzieren können. Besonders interessant ist jedoch das Ergebnis einer umfangreichen Meta-Analyse (d. h. einer statistischen Analyse einer Anzahl veröffentlichter Studien). Diese konnte zeigen, dass, obwohl Kontakt unter den von Allport formulierten Bedingungen besonders wirksam hinsichtlich der Reduzierung von Vorurteilen ist, selbst unstrukturierter Kontakt Vorurteile verringert (Pettigrew & Tropp, 2006). Dies bedeutet, dass die von Allport vorgeschlagenen Bedingungen eher als förderlich denn als notwendig angesehen werden sollten. Dies ist wichtig, da es die Bedeutung der Kontakthypothese zeigt: Selbst in Situationen, die sich nicht durch Allports optimale Bedingungen auszeichnen, gibt es einen negativen Zusammenhang zwischen Ausmaß an Kontakt und Vorurteilen. Dieser ist in der Größenordnung vergleichbar mit dem negativen Zusammenhang von Gebrauch von Kondomen und sexuell übertragenem HIV und dem Zusammenhang zwischen Passivrauchen und dem Auftreten von Lungenkrebs am Arbeitsplatz (Al-Ramiah & Hewstone, 2011). Kontakt zwischen Gruppen, auch unter suboptimalen Bedingungen, steht in starkem Zusammenhang zu weniger Vorurteilen.

Von großer Bedeutung ist, dass Kontakt nicht nur Vorurteilsmaße beeinflusst, die sich auf expliziten Selbstbericht stützen, sondern auch Vorurteile reduziert, die auf verschiedene andere Arten gemessen werden. Explizite Maße (z. B. „Wie sehr mögen Sie homosexuelle Männer?“) sind insofern beschränkt, als sie zu Verzerrungen im Selbstbericht führen können: Die Leute antworten oft so, dass sie in einem guten Licht erscheinen. Daher hat die Forschung zusätzlich die Auswirkungen von Kontakt auf implizite Maße untersucht: Diese Maße erfassen zentrale psychologische Konstrukte, wobei der Wille und die Fähigkeit von Personen, die eigenen Gefühle und Überzeugungen zu berichten, umgangen wird. Implizite Maße haben sich als eine gute Ergänzung zu traditionellen expliziten Maßen bewährt, insbesondere wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Selbstbericht verzerrt ist. In Reaktionszeitaufgaben am Computer ließ sich zeigen, dass Kontakt implizite Assoziationen zwischen der Eigengruppe der Versuchsperson und dem Konzept „gut“ sowie zwischen der Fremdgruppe (einer Gruppe, der die Versuchsperson nicht angehört) und dem Konzept „schlecht“ reduziert (Aberson & Haag, 2007).

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