Im Angesicht des Todes: Die psychologische Schutzfunktion von Religion und ihre Folgen

Weil Religionen wie gesagt diese Idee eines Lebens nach dem Tod im Kern beinhalten, sollte sich auch ein religiöser Glaube als schützend erweisen.  Dementsprechend wurde in mehreren Studien (Jonas & Fischer, 2006) herausgefunden, dass Versuchspersonen mit einem tief verinnerlichten, religiösen Glauben unter Mortalitätssalienz nicht mit der Verteidigung ihres Weltbildes reagierten, wenn sie die Möglichkeit hatten diesen Glauben vorher zu bekunden.  Darüber hinaus konnten die Studien zeigen, dass Versuchspersonen mit einem oberflächlichen Glauben, der dazu dient eigennützige Ziele wie Sicherheit und sozialen Status zu erreichen, ihr Weltbild unter Mortalitätssalienz verteidigten.  Die Art wie man den eigenen religiösen Glauben lebt, scheint demnach entscheidend für seine schützende Funktion zu sein.

Weitere Forschung (Greenberg, Simon, Porteus, Pyszczynski & Solomon, 1995) verfolgte unter anderem die Idee, dass unter Mortalitätssalienz die Hemmung steigt, Vorschriften der eigenen Religion zu verletzen.  So sollten amerikanische Versuchspersonen in einer Studie einen Nagel in eine Wand hauen.  Als Hilfsmittel stand ihnen eine Reihe von Gegenständen zur Verfügung.  Allerdings konnte die Aufgabe nur mit einem bestimmten Gegenstand gelöst werden: einem Kruzifix.  Es zeigte sich, dass Versuchspersonen unter Mortalitätssalienz wesentlich länger zögerten das Kruzifix zu verwenden und sich dabei auch deutlich unwohler fühlten, wie sie selbst berichteten.  Der blasphemische Umgang mit dem religiösen Symbol brachte die Versuchspersonen anscheinend in einen Gewissenskonflikt, wenn sie vorher an den eigenen Tod gedacht haben.  Im Umkehrschluss lässt sich aus diesem Befund ableiten, dass das Befolgen von religiösen Regeln im Angesicht des Todes ebenso schützend wirken kann.

Der Fluch: Das Konfliktpotential von Religionen 

Alphonse-Marie-Adolphe de Neuville [Public domain], via Wikimedia Commons (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Godfrey_of_Bouillon_and_leaders_of_the_first_crusade.gif)Wie oben beschrieben, besagt die Mortalitätssalienz-Hypothese, dass Menschen, die an ihren eigenen Tod erinnert werden, sich schützen, indem sie das eigene Weltbild aufwerten und gegen Angriffe verteidigen. Bezogen auf Religionen lässt sich Folgendes daraus ableiten: Wenn Religionen nun eine schützende Funktion haben, dann sollte unter Mortalitätssalienz die Motivation steigen, den eigenen religiösen Glauben aufzuwerten und andere Religionen und deren Anhänger abzuwerten.  Im Gegensatz zu der Annahme, dass nur der Glaube an die eigene Religion verstärkt wird, gibt es zwar Studien, in denen gefunden wurde, dass bei religiösen Menschen generell der Glaube an eine übernatürliche Instanz (unabhängig von der eigenenReligion) verstärkt wird (Norenzayan & Hansen, 2006).  Allerdings spricht die aktuelle Befundlage eher dagegen.

In zwei Studien (Vail, Arndt & Abdollahi, 2012) konnte beispielsweise gezeigt werden, dass Mortalitätssalienz jeweils den Glauben an die eigene Religion verstärkt und den Glauben an andere Religionen abschwächt.  So berichteten Christen unter Mortalitätssalienz einen stärkeren Glauben an Gott / Jesus, wohingegen die Existenz von Buddha oder Allah noch stärker angezweifelt wurde.  Parallel dazu berichteten Muslime unter Mortalitätssalienz einen stärkeren Glauben an Allah und gleichzeitig stärkere Zweifel an der Existenz von Gott / Jesus und Buddha.

Bild von Thephotostrand (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/11/Pro_Hamas_Rally_in_Damascus.jpg) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia CommonsDass Mortalitätssalienz allerdings nicht nur den Glauben in andere Religionen schwächt, sondern dass dadurch auch die Anhänger anderer Religionen abgewertet werden können, zeigt eine weitere Studie (Greenberg et al., 1990).  Hier sollten christliche Versuchspersonen eine christliche und eine jüdische Person bewerten.  Es zeigte sich nun, dass, wenn die Versuchspersonen vorher an ihren Tod gedacht hatten, sie die jüdische Person negativer bewerteten im Vergleich zu Versuchspersonen, die zuvor nicht an den eigenen Tod gedacht hatten.  Die christliche Person dagegen wurde positiver bewertet.

Darüber hinaus wurde das Konfliktpotential von Religionen besonders in der folgenden Studie deutlich (Pyszczynski et al., 2006): Iranische Studenten sollten einen von zwei beschriebenen Studenten bewerten.  Das angebliche Lebensziel des einen Studenten bestand darin, der Welt klar zu machen, dass der Islam eine friedliche Religion sei.  Der andere Student hingegen befürwortete angeblich den Märtyrertod, um im Namen Allahs Amerikaner zu töten.  Nun zeigte sich, dass die Versuchspersonen den friedliche Studenten bevorzugten—allerdings nur solange bis der eigene Tod ins Spiel kam: Versuchspersonen unter Mortalitätssalienz bevorzugten den Studenten, der den Märtyrertod befürwortet.

Wege zu einem friedlichen Zusammenleben

Diese und viele weitere Studien zur Terror Management Theorie sprechen eine deutliche Sprache: Religionen erfüllen eine notwendige psychologische Schutzfunktion, wenn es um die eigene Sterblichkeit geht.  Und gerade weil die eigene Religion so zentral dafür ist, sind andere Religionen eine potentielle Bedrohung.  Sie stellen die eigene Religion in Frage und schwächen dadurch den Schutz, den sie bieten soll.  Daraus resultiert eine Verteidigungshaltung, die darauf abzielt, dem Angreifer beizubringen, dass er im Unrecht ist.  Aus dieser psychologischen Sichtweise geht es bei religiösen Konflikten nur vordergründig um die tatsächliche Wahrheit.  Dahinter steckt laut Terror Management Theorie ein Angstmotiv.  Der Schutz vor Todesangst gewinnt durch die eigene Religion an Stärke, wenn Menschen dieses Weltbild teilen; Menschen mit einem anderen Weltbild, müssen dann—im Extremfall gewaltsam—davon überzeugt werden, dass nur das eigene Weltbild das einzig wahre ist.  So können sämtliche religionsbasierten Kriege in der Menschheitsgeschichte, beispielsweise die christlichen Kreuzzüge, plausibel erklärt werden.

Stellt man nun die Frage, ob Religionen als gut oder schlecht für das friedliche Zusammenleben zu bewerten sind, so würde man gemäß der Terror Management Theorie zunächst antworten, dass Religionen als Teil des eigenen Weltbildes eine psychologische Existenzberechtigung haben.  Wie eingangs schon erwähnt, stellen Religionen allerdings nur einen Weg von vielen dar, wie man sich vor der eigenen Sterblichkeit schützen kann. Kunstwerke, eigener Nachwuchs, Fan einer Fußballmannschaft sein: All das sind ebenso Wege über die das psychologisch wichtige Gefühl wertvoll zu sein hergestellt werden kann (Burke et al., 2010).  Auch eine Untersuchung zu Atheisten zeigt, dass diese unter Mortalitätssalienz dazu neigen können ihr Weltbild zu verteidigen, indem sie einen verringerten Glauben an eine übernatürliche Instanz berichten (Jong, Halberstadt, Bluemke, 2012).  Bezogen auf friedliches Verhalten erweisen sich Religionen daher nicht automatisch als besser oder schlechter im Vergleich zu anderen Schutzmechanismen.  Vielmehr kommt es auf die dem Weltbild zugrunde liegenden Werte an, die den Weg zu Sinnhaftigkeit und Unsterblichkeit weisen.  Demzufolge sind für ein friedliches Zusammenleben Weltbilder zu befürworten (religiös oder nicht), die Werte wie Toleranz gegenüber anderen und Offenheit gegenüber Änderungen beinhalten, die ein Gefühl von Wertigkeit und Sicherheit versprechen ohne andere erniedrigen oder gar körperlich verletzen zu müssen (vgl. Solomon et al., 2004).  Offenheit gegenüber Änderungen kann jedoch in dogmatischen, fundamentalen Weltbildern per Definition keinen Platz haben.  Dementsprechend sind solche Weltbilder für das friedliche Zusammenleben als weniger zuträglich anzunehmen.

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