Kann wirtschaftliche Entwicklung Frieden fördern? Wie Praxis und Sozialpsychologie einander unterstützen können.

Eine Projektevaluierung: Können Mikrofinanzierungsdienstleistungen die Position von marginalisierten Gruppen stärken?

Im Rahmen des ProMis (Promotion of the Microfinance Sector) Vorhabens unterstützte die GIZ die Entwicklung eines Sektors für Mikrofinanzierung für arme Bevölkerungsschichten Sri Lankas (Projektüberblick https://www.youtube.com/watch?v=ii05554S3To). Zu diesem Zeitpunkt erhielten marginalisierte Menschen keinen Kleinkredit bei einer kommerziellen Bank. Diese Menschen lebten unterhalb der Armutsgrenze, waren häufig stark vom Konflikt betroffen und umgesiedelt worden und waren größtenteils arbeitslose Jugendliche, Witwen und Menschen mit Behinderungen. Ziel dieses Programmes war es, in einer ersten Phase den Sektor für Mikrofinanzierung zu stärken und institutionelle Infrastruktur mitaufzubauen (d. h. Fortbildungen zur Professionalisierung für Mikrofinanzierungsinstitutionen, Regulierung) und in einer zweiten Phase diese Institutionen zu unterstützten, ebenfalls Fortbildungen und Kleinkredite für die marginalisierte Zielgruppe anbieten zu können.

Zwischen 2009 und 2012 nahmen mehr als 20.000 Menschen an diesem Projekt teil, welches aus drei verschiedenen Aktivitäten bestand. Zunächst konnten Teilnehmende sich für verschiedene Fortbildungen anmelden, um ihre Soft Skills (z. B. Führung), Geschäftsführung (z. B. Buchhaltung) und Fachwissen (z. B. für Lebensmittelherstellung) zu verbessern. Zweitens wurde bei dem Programm ein gruppenbasiertes Modell angewandt, bei dem die Teilnehmenden in kleinen Gruppen für ihre Kleinkredite sparten (s. Analyse zu den Effekten, Karlan, 2007). Letztendlich erhielten nur jene Teilnehmenden, die ihre finanzielle Situation Quelle: Mit Erlaubnis der GIZ Sri Lanka.Teilnehmende an einem Training des ProMiS Programmes. Quelle: Mit Erlaubnis der GIZ Sri Lanka.verbessert hatten, einen Mikrokredit. Ziel dieses Vorhabens war es, diesen marginalisierten Menschen zu helfen, „kreditwürdig“ zu werden (durch Fortbildungen und Einbindung in eine Gruppe) und dadurch ihre wirtschaftliche und soziale Teilhabe in der Gesellschaft zu stärken.

Da zum Zeitpunkt der Studie alle Aktivitäten des Projektes bereits stattgefunden hatten, konnten wir nur noch ein sogenanntes Quasi-Experiment durchführen. Wir verglichen 244 zufällig ausgewählte Teilnehmende des Vorhabens mit einer Vergleichsgruppe von 244 Menschen, die bis dahin noch keinen Zugang zu Mikrofinanzierungsdienstleistungen gehabt hatten (aber Interesse bekundeten: z. B. Hansen, 2015a, Hansen & Postmes, 2013). Die Mehrheit der Teilnehmenden hatte tatsächlich an den Aktivitäten des Vorhabens teilgenommen: 84 % nahmen an Fortbildungen teil, 79 % sparten Geld in Gruppen und 65 % erhielten am Ende einen Mikrokredit. Die Studie lieferte erste Hinweise darauf, dass die Teilnehmenden in ihrer persönlichen und sozialen Position gestärkt wurden (sogenanntes Empowerment). Zum Beispiel gaben die Teilnehmenden an, eine stärkere sogenannte Kontrollüberzeugung zu haben als Teilnehmende der Vergleichsgruppe – d. h., sie waren stärker davon überzeugt, Ziele in ihrem Leben erreichen zu können, hatten größere soziale Netzwerke und somit mehr potentielle Hilfe in schwierigen Situationen und hatten eine positivere Einstellung zur Entwicklung Sri Lankas als vereinte Nation. Interessanterweise war es nicht nur die Aufnahme eines Kleinkredites, sondern vor allem die Teilnahme an Fortbildungen, die diese psychologischen und sozialen Auswirkungen zu stimulieren schienen. Bildung ist folglich von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung von Empowerment, und leistet damit einen positiven Beitrag zur Armutsüberwindung.

Im Rahmen von Veranstaltungen und Fortbildungen trafen sowohl Mitglieder von beteiligten Institutionen (des Mikrofinanzierungsektors) als auch Teilnehmende verschiedener ethnischer Bevölkerungsgruppen regelmäßig aufeinander. Diese Form von Netzwerkbildung sollte den Kontakt zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen fördern. Ziel war es, Statusunterschiede zwischen ethnischen Gruppen während der Veranstaltungen zu vermeiden, an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten (der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung Sri Lankas und der individuellen Teilhabe) und die Unterstützung durch lokale und nationale Autoritäten sicherzustellen. Durch diese Bedingungen sollte der Kontakt optimal gefördert werden.

Nicht nur der Erhalt eines Mikrokredits, sondern vor allem auch Fortbildungen scheinen entscheidend für den Erfolg eines solchen Vorhaben zu sein. Außerdem trug die Teilnahme am Programm dazu bei, die Zukunft Sri Lankas als eine vereinte Nation positiver zu sehen, was ein erstes vielsprechendes Zeichen auf dem langen Weg der Friedensförderung sein könnte.

Eine Studie zur Unterstützung der Projektentwicklung: Wie kann sozialpsychologische Forschung die Entwicklung von neuen Praxisvorhaben unterstützen?

Ziel des zweiten Vorhabens war es, Unternehmende von kleinen und mittleren Betrieben bei ihrer Geschäftsentwicklung durch u. a. Fortbildungen zu unterstützten. Im Rahmen einer Studie untersuchten wir beabsichtigte und unerwartete Effekte von sozialem Wandel in der allgemeinen Bevölkerung. Die GIZ interessierte sich hauptsächlich dafür, wie Menschen am wirtschaftlichen Wandel teilnahmen und ob dies mit einer positiven Wahrnehmung der Zukunft Sri Lankas zusammenhing. Ich als Wissenschaftlerin interessierte mich für die psychologischen und sozialen Veränderungen, die bei wirtschaftlicher Entwicklung entstehen könnten.

Wir führten eine Langzeitstudie durch und befragten im Sommer 2013, 2015 und 2016 jeweils dieselben 300 Menschen in drei verschiedenen Regionen im Norden Sri Lankas (Hansen, 2015b). Die Ergebnisse zeigten eine interessante Entwicklung auf. Zum einen wurden die Befragten zufriedener mit ihrem Leben und entwickelten ein stärkeres Selbstwertgefühl sowie eine positivere Wahrnehmung von Sri Lankas wirtschaftlicher Entwicklung und Zukunft (i. S. von Friedensförderung). Ihrer Meinung nach wurde es leichter, einen bezahlten Job zu finden. Ein erstes mögliches Anzeichen dafür, dass kleine und mittlere Unternehmen sich entwickelten und Arbeitskräfte suchten. Jedoch zeigte sich auch ein weniger positiver Effekt. Einige Menschen berichteten, dass sie zunehmend von dem Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen waren (die so genannte wirtschaftliche Teilhabe wurden mit einem Index von verschiedenen Aspekten wie z. B. Besitz eines Bankkontos, Marktverkauf von eigenen Produkten erhoben), berichteten von steigenden Lebenshaltungskosten und waren weniger stark in ihre traditionellen und beruflichen Netzwerke eingebunden.

Diese Studie ermöglicht es den beteiligten Akteuren, eine systematische Problemanalyse in den verschiedenen Regionen durchzuführen. In einer Region scheint es beispielsweise einfacher geworden zu sein, einen bezahlten Arbeitsplatz zu finden. Solche Unterschiede spiegeln die Komplexität der aktuellen Situation in Sri Lanka wieder. Unterschiedliche Ansätze sind nötig, um nachhaltige Entwicklung und Frieden in Sri Lanka zu fördern.

Zusammenfassend zeigt dieses Beispiel, dass eine Langzeitstudie zu sozialem Wandel dazu beitragen kann, Veränderungen der Bevölkerung zu verfolgen und mögliche unerwartete Nebeneffekte wie zum Beispiel den Bedeutungsverlust von traditionellen Gruppen zu erkennen. Solche Informationen können involvierten Parteien in der Praxis dabei helfen, ein zukünftiges Programmvorhaben anzupassen, Nebeneffekte zu umgehen und damit eine erfolgreiche nachhaltige Programmausrichtung zu gestalten. Für die Wissenschaft ermöglicht eine solche Studie interessante Einblicke in die Art und Weise, wie sozialer Wandel in der Gesellschaft stattfindet.

Fazit: Win-Win Situation für Praxis und Wissenschaft

Dieser Beitrag gibt exemplarisch einen Einblick, wie Sozialpsychologie und Praxis im Bereich von Friedensförderung mit wirtschaftlichen Vorhaben zusammenarbeiten können. Eine systematische Projektevaluierung kann wichtige Einblicke in die Auswirkungen von Projekten liefern: wer profitiert von den implementierten Aktivitäten oder was sind mögliche Gründe dafür, dass ein Projekt seine Ziele erreicht bzw. nicht erreicht? Sogenanntes Monitoren und Evaluieren von Projekten ist nicht nur für eine Organisation wichtig, um mehr über ihr Projekt zu erfahren, sondern positive Ergebnisse können auch Geldgebende motivieren, in Projekte zu investieren. Langzeitstudien zu sozialem Wandel geben wichtige Einblicke in gesellschaftliche Veränderungen, die bei der Ausrichtung zukünftiger Vorhaben entscheidend sein können. Diese Art von Forschung bietet WissenschaftlerInnen die Möglichkeit, Theorien zur Friedensförderung in verschiedenen Kulturen zu untersuchen und weiterzuentwickeln. Beide Parteien können so gemeinsam einen nachhaltigen Beitrag zur Friedensförderung leisten. Wie sozialpsychologische Forschung bereits vor rund 70 Jahren zeigte (z. B. Harth, 2013), reicht die gerechte Verteilung von Ressourcen nicht aus, um Versöhnung zu fördern. Bildung, Kontakt zwischen Gruppen und allgemeiner sozialer Wandel spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.

 

Danksagung

Die Forschung zu diesem Artikel ist in Zusammenarbeit mit German Müller (derzeitiger Leiter des SME teams der GIZ in Sri Lanka) und seinem Team entstanden. Mein Dank gilt allen, die diese Zusammenarbeit ermöglicht und vorallem unermüdlich unterstützt haben sowie den Teilnehmenden der Projekte, die sich Zeit für die Interviews genommen haben!

Literatur

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Oxford, UK: Addison-Wesley.

Armendáriz, B., & Morduch, J. (2010). The economics of microfinance (2nd ed.). Cambridge: MIT Press.

Beck, T., Demirguc-Kunt, A., & Levine, R. (2005). SMEs, growth, and poverty: Cross-country evidence. Journal of Economic Growth, 10, 199–229.

Cameron, D. B., Brown, A. N., Mishra, A., Picon, M., Esper, H., Calvo, F., & Peterson, K. (2015). Evidence for peacebuilding: evidence gap map. 3ie evidence gap report 1. New Delhi: International Initiative for Impact Evaluation (3ie). Retrieved from: http://www.3ieimpact.org/media/filer_public/2015/04/14/evidence_for_peac...

De Silva, K. M. (2000). Reaping the whirlwind: Ethnic conflict, ethnic politics in Sri Lanka. Penguin Books.

Harth, N. (2013). Intergruppenkonflikte und Versöhnung. In-Mind. Abgerufen von http://de.in-mind.org/article/intergruppenkonflikte-und-versoehnung.

Hansen, N. (2017). Development aid. In L. Steg, K. E. Keizer, & A. P. Buunk (Eds.). Applied Social Psychology: Understanding and managing social problems (2nd ed., chapter 6, p. 128-147). Cambridge, UK: Cambridge University Press.

AutorInnen

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