Wer wird denn nun bei den Noten benachteiligt – Mädchen oder Jungen?

Es ist natürlich möglich, dass auch die Wahrnehmung des Lernverhaltens durch Stereotype beeinflusst sein kann, dass Jungen also als fauler wahrgenommen werden, als sie es sind. In jedem Fall besteht Grund zur Annahme, dass fachbezogene oder verhaltensbezogene Stereotype von Lehrkräften auch schädlich für Jungen sein können. Zum Beispiel können stereotyp niedrige Erwartungen von Lehrkräften in Bezug auf die Lesekompetenz sich in der Selbsteinschätzung von Jungen niederschlagen und so ihre spätere Leistung beeinträchtigen (Wolter, Braun & Hannover, 2015).

Messen mit unterschiedlichem Maß in bester Absicht?

Stereotype Erwartungen wirken im Übrigen nicht immer als Vorurteil, sondern manchmal auch als Vergleichsmaßstab. Zum Beispiel könnte die Fähigkeit eines Mädchens mit einer mittelmäßigen Matheleistung oder die eines Jungen mit einer mittelmäßigen Leseleistung als „gut“ bewertet werden. Unausgesprochen wäre jedoch „gut für ein Mädchen/für einen Jungen“ gemeint.

In einem Experiment dazu sollten zukünftige Lehrkräfte einschätzen, wie gut ein fiktiver Schüler bzw. eine Schülerin in einem Test abgeschnitten hatte (Holder & Kessels, 2017). Über den/die SchülerIn wussten sie nur das Geschlecht und dass er/sie auf Grundlage eines zuvor abgelegten Tests auf einem mittleren Kompetenzniveau eingeordnet worden war (z. B. anhand von Kriterien wie „kann fehlende Zahlen in Reihen meist identifizieren“). Die StudienteilnehmerInnen sollten nun einschätzen, wie der/die SchülerIn in dem Test abgeschnitten hatte. Wenn der Test als standardisierter Leistungstest beschrieben wurde, wurde bei Mädchen im Vergleich zu Jungen eine geringere Punktzahl vermutet. Lehrkräfte vermuteten also rückwirkend, dass gleiche vorliegende Kompetenzeinschätzungen von Mädchen und Jungen unterschiedliche objektive Leistungsfähigkeit widerspiegeln würden. Wenn der Test dagegen eine eher subjektiv zu bewertende Sammlung von Arbeiten (ein Lernportfolio) war, schätzen die Lehrkräfte das Abschneiden von Mädchen und Jungen gleich gut ein. Die vermuteten Geschlechterunterschiede bei dem objektiven Test verschwanden also bei dem Test mit mehr Ermessensspielraum. Anscheinend vermuten Lehramtsstudierende also, dass Ermessenspielraum bei einem Test genutzt würde, um Mädchen im Vergleich zu Jungen mit einem großzügigeren Maß zu bewerten.

Es liegt nahe anzunehmen, dass Lehrkräfte gerne fair bewerten wollen und motiviert sind, ungleiche Möglichkeiten der Geschlechter zu verringern. Wenn Ermessenspielraum besteht, könnten sie bei dem vermeintlich benachteiligten Geschlecht – bewusst oder unbewusst – niedrigere Bewertungsstandards verwenden. Mit dieser Interpretation lässt sich womöglich erklären, warum Fähigkeiten von Mädchen in Mathematik zwar als schlechter eingeschätzt werden, sie aber trotzdem bessere Noten bekommen als Jungen (Robinson-Cimpian u. a., 2014). Wenn in die Note auch das subjektive Unterrichtsverhalten einfließt, ergibt sich ein Ermessenspielraum, der genutzt werden könnte, um Ungleichheiten zu kompensieren. Ein Beispiel dazu: Eine Lehrkraft, schätzt Mädchen als weniger kompetent in Mathematik ein, nimmt sie aber im Unterricht als motivierter und fleißiger wahr. Wenn sie nun einen Test ohne Wissen über das Unterrichtsvorhalten benoten muss, würde sie vielleicht den Test des Mädchens schlechter bewerten als den des Jungen (wie in experimentellen Studien gefunden). Bei der Vergabe von Noten in der Schule würde die Lehrkraft vielleicht Leistung und Verhalten subjektiv verrechnen. Dies würde bei gleicher objektiver Leistung in besseren Noten für Mädchen resultieren (wie in den großen Datensatzanalysen gefunden). Ob dieser Erklärungsansatz zutrifft, muss jedoch in weiteren Studien überprüft werden.

Fazit

Wissenschaftlich betrachtet sind in Bezug auf die ungleiche Bewertung der Leistungen von Mädchen oder Jungen noch einige Fragen offen. Insgesamt deuten die Ergebnisse aber darauf hin, dass Mädchen nach wie vor als weniger kompetent in Mathematik eingeschätzt werden. Sie werden zwar besser als Jungen benotet, wenn das Unterrichtsverhalten miteinfließt, was natürlich zunächst den Jungen schadet. Werden jedoch Mädchen und Jungen mit gleichem Verhalten verglichen, werden die Leistungen von Mädchen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich schlechter bewertet als die von Jungen, was langfristig Mädchen schadet und Geschlechterunterschiede verschärft.

In stereotyp weiblichen Fächern wie Sprachen bekommen Jungen schlechtere Noten als Mädchen, auch bei gleicher Leistung. Es fehlen Studien, die genauer untersuchen, welche Rolle stereotype Fähigkeits- und Verhaltenseinschätzungen dabei spielen.

Insgesamt ist das Stereotyp, dass Mädchen fleißiger, motivierter und angepasster in der Schule sind, für beide Geschlechter problematisch. Neben den beschriebenen versteckten Kosten für Mädchen kann es Jungen verunsichern und ihre Leistungsfähigkeit einschränken (Hartley & Sutton, 2013). Bekannt ist auch, dass stereotype Erwartungen von Lehrkräften in Bezug auf Fähigkeiten sich in der Motivation der Jungen langfristig niederschlagen (Wolter u. a., 2015). Alle Ungleichbehandlungen scheinen in den klassischen Geschlechterstereotypen über typische Fähigkeiten und Verhaltensweisen begründet zu liegen, ob sie nun Mädchen oder Jungen benachteiligen.

Wie kann ungleiche Bewertung vermieden werden?

Was sich grundsätzlich in allen Studien zeigte ist, dass ungleiche Bewertungen aufgrund des Geschlechts auftraten, wenn entsprechender Ermessensspielraum vorlag. Dieser kann darin bestehen, dass bei der Bewertung eines Aufsatzes nicht eindeutig festgelegt ist, welche Kriterien in welcher Gewichtung zu bewerten sind. Er kann auch darin bestehen, dass Aspekte jenseits der eigentlichen Leistung, zum Beispiel das Lernverhalten, beliebig berücksichtigt werden. Gibt es dagegen von Vornherein genau festgelegte und eindeutig gewichtete Bewertungskriterien, besteht wenig Spielraum für Beeinflussung durch alle potentiellen Fehlerquellen, wie zum Beispiel das Geschlecht.

Die Bewertung ohne Kenntnis des Geschlechts wäre vielleicht auch ein Weg. Dieser stößt jedoch vermutlich in der Schulpraxis an seine Grenzen, wo die Handschrift und Ausdrucksweise oft für die Lehrkraft erkennbar sind.

Darüber hinaus wäre es wichtig, Lehrkräfte so auszubilden, dass sie stereotype Erwartungen weniger an die SchülerInnen weitergeben und nicht in die Bewertung einfließen lassen. Dies schließt keineswegs aus zu überlegen, welche Unterrichtsformen und -materialien den typischen Vorlieben und Eigenschaften von Jungen und Mädchen gerecht würden und das Repertoire entsprechend zu erweitern. Doch im Umgang mit Individuen können stereotype Erwartungen – von den schwierigen Jungen und fleißigen Mädchen, den ungleich verteilten mathematischen und sprachlichen Fähigkeiten – schädlich sein, sowohl für Jungen als auch für Mädchen.

 

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