Wird in unserer Kindheit der Grundstein für Untreue im Erwachsenenalter gelegt? Was der individuelle Bindungsstil über sexuelle Untreue verrät

Studien mit bevölkerungsrepräsentativen Stichproben kommen regelmäßig zu dem Schluss, dass mindestens jede vierte Person zumindest einmal in ihrem Leben sexuell untreu ist. Interessanterweise fordert aber eine überwältigende Mehrheit der Personen sexuell treues Verhalten von ihren PartnerInnen. Wie geht aber beides zusammen? Der folgende Artikel beschäftigt sich nach einer kurzen Einführung in die psychologische Bindungstheorie mit der Frage, inwieweit individuelle Unterschiede im Bindungsstil sexuell untreues Verhalten erklären können.

Obwohl sich über 90 % der Personen Treue von ihren PartnerInnen wünschen oder gar für deren wichtigste Eigenschaft halten (z. B. Schmidt, Matthiesen, Dekker & Starke, 2006), zeigen Studien mit großen Stichproben immer wieder, dass mindestens 25 % der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben sexuell untreu sind (für einen Überblick siehe Kröger, 2010). Warum werden aber so viele Menschen untreu, obwohl sie diese Eigenschaft doch für so wichtig halten? Ein Teilbereich der Psychologie, die Differentielle Psychologie, befasst sich im Kern mit genau solchen Themen: Sie versucht anhand von Eigenschaften oder Zuständen, hinsichtlich derer sich Personen unterscheiden, Unterschiede im Verhalten von Personen zu erklären. Der Bindungsstil, der von Person zu Person variiert, könnte eine solche Eigenschaft sein, die erklärt, warum manche Personen es schaffen, treu zu bleiben, während andere daran scheitern.

Vor der tiefergehenden Darstellung von Befunden aus der Paarforschung wird zunächst in die Ursprünge des Bindungsstils eingeführt.

Erfahrungen mit der ersten Bindungsperson beeinflussen unseren Bindungsstil im Erwachsenenalter

Bild von Nick Kenrick via Flickr (https://www.flickr.com/photos/zedzap/4586950460/in/photolist-89TzhR-9YQvut-8inp9g-bKYjy-6gEJa4-i2zHcp-nz6Ck3-94fP1U-8TdDtA-58ryzc-bLKvtB-5B9Y2t-7ZkjyL-gLRXp8-6FEMtt-haFZVH-53QZs4-Exa6E-4mEGMP-9FzpKx), CC (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/)

Im Normalfall ist ein Elternteil, meist die Mutter, die erste Bindungsperson eines Kindes. Zeigt ein Kind Bindungsverhalten, reagiert die Bindungsperson im Idealfall mit passendem Fürsorgeverhalten. Bindungsverhalten wäre beispielsweise, wenn das Kind im Fall einer kurzfristigen Trennung (z. B. die Mutter verlässt das Zimmer) zu weinen beginnt oder der Mutter nachläuft. Beispiele für Fürsorgeverhalten sind in oder auf den Arm nehmen, trösten, wiegen oder beruhigend auf das Kind einreden. Die Grundannahme dabei ist, dass das Kind durch das Fürsorgeverhalten vor Gefahren geschützt wird. Der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby (1975) glaubte, Bindung gehöre wie Nahrung, Wärme und Schlaf zu den elementaren menschlichen Grundbedürfnissen.

Kinder machen unterschiedliche Erfahrungen mit ihren Bindungspersonen bzw. deren Reaktion auf das von ihnen gezeigte Bindungsverhalten. Man nimmt an, diese unterschiedlichen Erfahrungen spielen eine große Rolle dabei, welchen Bindungsstil sie entwickeln, wie sie sich also gegenüber ihnen emotional besonders nahen Personen verhalten und welche Ängste und Befürchtungen sie vielleicht haben. Insgesamt werden je nach Publikation und ForscherIn verschiedene Bindungsstile, in der Regel vier (z. B. Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978; Bartholomew & Horowitz, 1991; Main, Kaplan & Cassidy, 1985), unterschieden. Dabei unterscheiden sich die Konzepte der Stile häufig weniger in ihrer Bedeutung als vielmehr nur in ihrem konkreten Namen. Allgemein werden folgende Bindungsstile unterschieden:

  • sicher gebunden
  • unsicher-ambivalent gebunden
  • unsicher-vermeidend gebunden
  • unsicher-desorganisiert gebunden

Mit der „fremden Situation“, einem Experiment von Mary Ainsworth und KollegInnen (1978), gelang es erstmalig, die unterschiedlichen Bindungsstile bei Kindern nachzuweisen. Hierbei befanden sich die Mutter und das einjährige Kleinkind in einem Zimmer, das mit vielen Spielsachen kindgerecht eingerichtet war. Nachdem die beiden eine Zeit gemeinsam in dem Zimmer verbracht hatten, verließ die Mutter den Raum. Das vom Kleinkind gezeigte Verhalten, nachdem es von der Mutter verlassen wurde, sowie das Verhalten bei der Wiedervereinigung, unterschied sich mitunter deutlich zwischen den verschiedenen beobachteten Kindern: Diese Unterschiede nahmen die ForscherInnen zum Anlass, sie den verschiedenen Bindungsstilen zuzuordnen. Sicher gebundene Kinder beispielsweise spielten nach kurzer Irritation seelenruhig weiter, da sie das Vertrauen hatten, die Mutter würde schon zurückkehren. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder hingegen reagierten beispielsweise sowohl ablehnend als auch zugewandt auf die Rückkehr der Mutter.

Abbildung 1. Die vier Bindungsstile lassen sich aus den Kombinationen der Dimensionen Angst und Vermeidung ableiten (Bild von Jane Hergert nach Bartholomew und Horowitz, 1991).

Die Erfahrungen mit der ersten Bindungsperson beeinflussen unser Denken und Verhalten auch im Erwachsenenalter. BindungsforscherInnen nehmen an, dass wir aufgrund unseres Bindungsstils bereits zu wissen glauben, wie andere auf uns reagieren, und uns entsprechend verhalten. Die Zugehörigkeit zu Bindungsstilen wird dabei als relativ stabil, das heißt auch über längere Zeiträume unveränderlich, angenommen. Laut Bindungstheorie muss der Einfluss neuer Erfahrungen schon sehr intensiv sein, um den Bindungsstil nachhaltig zu ändern.

Alternativ zu Bindungsstilen wird Bindung in manchen Studien auch anhand der beiden Dimensionen Angst und Vermeidung konzeptualisiert: Personen, die hoch vermeidend gebunden sind, fühlen sich in intimen Beziehungen schnell eingeengt und neigen dazu, sich von ihrem/r PartnerIn zu distanzieren. Personen, die auf der Angst-Dimension hohe Werte aufweisen, erleben Partnerschaften dagegen häufig ambivalent, da sie sich Nähe zwar wünschen, gleichzeitig aber die Zurückweisung fürchten (Fraley & Shaver, 2000). Diese beiden Dimensionen lassen sich aber durchaus auch in die oben genannten vier Bindungsstile überführen (siehe Abbildung 1). Zum Beispiel hätten Personen, die in Beziehungen wenig Angst und wenig Vermeidung berichten, einen sicheren Bindungsstil.

Wie sich der Bindungsstil auf die Beziehungsqualität auswirkt

Love von Moyan Brenn via Flickr (https://www.flickr.com/photos/aigle_dore/5237970063/in/photostream/), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Insgesamt lässt sich sagen, dass in Studien zum Zusammenhang zwischen Bindungsstilen und Beziehungsqualität die Partnerschaften von sicher gebundenen Personen positiver erscheinen als die von Personen mit anderem Bindungsstil (für einen Überblick, siehe Bierhoff & Grau, 1999). Beispielsweise bezeichnen sich sicher gebundene Personen als glücklicher und zufriedener als unsicher gebundene Personen, sie investieren viel in die Beziehung, haben eine positive Kommunikation und wenn sie streiten, dann auf wenig verletzende Art und Weise. Demgegenüber suchen ängstlich-ambivalent gebundene Personen ständig Nähe und verlieben sich schnell, vertrauen dem/r PartnerIn wenig und sind eifersüchtig. Gleichgültig-vermeidend gebundene Personen sind wenig bereit, sich zu binden, und möchten sich selbst genügen. Ängstlich-vermeidend Gebundene schließlich sind sich häufig über ihre Gefühle in der Partnerschaft nicht klar und haben wenig Vertrauen. Nach Bierhoff und Grau (1999) repräsentieren die vermeidenden Bindungsstile „eine Antihaltung der Liebe gegenüber“ (S. 37).

Der Zusammenhang von Bindungsstilen und Untreue

Zum Zusammenhang zwischen außerpartnerschaftlichen sexuellen Erfahrungen und Bindungsmustern führten Allen und Baucom (2004) eine Fragebogen-Studie durch. Bindung wurde entlang der zwei Dimensionen Angst (verlassen zu werden) und Vermeidung (von Nähe) abgetragen: Aus der Kombination ergaben sich die vier Bindungsmuster nach Bartholomew und Horowitz (1991), die weitestgehend den oben eingeführten vier Stilen entsprechen:

  • sicher,
  • ängstlich-ambivalent,
  • ängstlich-vermeidend und
  • gleichgültig-vermeidend.

Es wurden zwei Stichproben mit jeweils mehreren hundert TeilnehmerInnen untersucht: Eine bestand ausschließlich aus Studierenden, die zweite war bezüglich Alter und Bildungsstand deutlich heterogener. In der studentischen Stichprobe berichteten 69 %, in der zweiten Stichprobe 46 % mindestens eine Form der Untreue innerhalb der vergangenen zwei Jahre vor dem Befragungszeitpunkt. In beiden Stichproben berichteten gleichgültig-vermeidend Gebundene am häufigsten Untreue. Die wichtigste Motivation für die Untreue gleichgültig-vermeidend gebundener Personen war, sich dadurch mehr Raum und Freiheit zu sichern. Dagegen gaben ängstlich-ambivalent und ängstlich-vermeidend Gebundene eher das Gefühl, von dem/der primären PartnerIn vernachlässigt zu werden, Einsamkeit und die Empfindung, gebraucht zu werden, als wichtigste Motivationen an. Eine hohe Ausprägung auf der Angst-Dimension ging zudem mit der Begründung einher, mit der Untreue den Selbstwert und die gefühlte eigene Attraktivität zu steigern.

Abbildung 2. Der Einfluss vermeidender Bindung auf Untreue wird über das Commitment zur primären Partnerschaft vermittelt (Bild von Jane Hergert nach DeWall et al., 2011).

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