Chancen und Risiken beim Einsatz von neuen Medien in der Psychotherapie

Therapeutische Wirksamkeitsstudien – Was hilft nun wirklich?

Die vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten mittels Internet und Smartphone haben viele Vorteile: Die Programme sind rund um die Uhr verfügbar, anonym und es wird keine direkte PatientIn-TherapeutIn-Interaktion benötigt. Das Programm läuft von selbst und wird oft nur im Hintergrund von PsychologInnen oder geschulten ExpertInnen moderiert. So können psychotherapeutische und präventiv-unterstützende Maßnahmen einer breiten Masse zur Verfügung gestellt werden: Die Bevölkerung wird durch Psychoedukation aufgeklärt und sensibilisiert, während Screening-Fragebögen für eine Früherkennung von psychischen Problemen sorgen. Für all diejenigen, die bereits an psychischen Erkrankungen oder unter psycho-sozialen Problemen leiden, bieten neue Medien für eine Vielzahl von Menschen gezielte und individuelle therapeutische Behandlungswege. Dies führt zu hoher Kosteneffizienz, welche mit geringer Nutzungshemmschwelle (weil kostenlos und anonym) einhergeht, bei scheinbar großer NutzerInnenakzeptanz und breiter Verfügbarkeit. Frei nach dem Motto: „Mein neuer Therapeut? Der ist jederzeit und überall für mich da!“

Man kann jedoch erst dann davon ausgehen, dass psychotherapeutische Maßnahmen wirksam sind, wenn sie sich (mehrfach) in kontrollierten Studien, bei denen verschiedene Interventionen gegeneinander getestet wurden, bei eindeutig beschriebenen PatientInnengruppen als wirkungsvoll erwiesen haben. Es gibt verschiedene Evidenzgrade für klinische Studien, wobei Meta-Analysen als beste Wirksamkeitsuntersuchungen gelten, während unsystematische Einzelfallstudien oder ExpertInnenmeinungen als geringste Evidenzstufe eingeordnet werden.

Solche Meta-Analysen zeigten, dass KVT-basierte online-Programme vor allem zur Behandlung von Depressionen, aber auch bei anderen psychischen Erkrankungen oder Symptomen wirksam eingesetzt werden können; sowohl auf kognitiver als auch auf emotionaler Ebene zeigt sich die positive Wirkung der psychotherapeutischen online-Interventionen (u. a. Andersson & Cuijpers, 2009; Barak, Hen, Boniel-Nissim & Shapira, 2008; Mureşan, Montgomery & David, 2012). Es lässt sich eine vergleichbar gute Symptomverringerung und Erfolgsquote bei den PatientInnen in online-Behandlung finden wie bei jenen in traditioneller „face-to-face“ Therapie. Besonders wirksam sind jedoch online-Interventionen mit therapeutischer Unterstützung im Hintergrund im Vergleich zu online-Programmen ohne Unterstützung (Andersson & Cuijpers, 2009). Studien zeigen, dass vor allem für Jugendliche KVT-basierte Interventionen im Internet wie zum Beispiel „MoodGYM“ oft sehr gut geeignet sind und eine sinnvolle Alternative zur „face-to-face“ Therapie darstellen (Calear, Christensen, Mackinnon, Griffiths & O’Kearney, 2009).

Social Networking: Ninjacam von Dave Fayram via Flickr (https://www.flickr.com/photos/davefayram/4387807857/), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Für die Wirksamkeit des Einsatzes des Smartphones ist die Befundlage aktuell gemischt und die Datenlage spärlich. Einerseits zeigen Studien wie die von Bauer, Okon und Meermann (2011) zur SMS-Rückfallprophylaxe bei Essstörungen, dass das Handy wirksam im therapeutischen Kontext eingesetzt werden kann. Andererseits fehlt für die allgemeine Wirksamkeit von Smartphone-Anwendungen (wie z. B. Schlaf-Apps) zur Verbesserung psychischer Symptome und der Steigerung der Lebensqualität bisher die wissenschaftliche Fundierung. Solche Apps sind noch nicht hinreichend überprüft, da hierfür kontrollierte Interventions- und Langzeitstudien mit ausreichenden Stichprobengrößen benötigt werden. Erste Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass Interventionen über Apps zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Reduktion von Stress beitragen könnten (vgl. Lane et al. 2011; Morris et al., 2010).

Bei Risiken und Nebenwirkungen…

Das Angebot an (angeblich) therapeutischen Interventionen im Internet und im App-Store, die alle ein gesünderes, besseres oder glücklicheres Leben versprechen, ist nahezu unüberschaubar. Aber wissenschaftliche Fundierung ist leider oft nachrangig, wenn es um Wettbewerb und Marktvorteile geht, wie zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Smartphone-Anwendungen. Für potenzielle NutzerInnen ist es häufig nicht ganz einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen, da viele Angebote weder wissenschaftlich fundiert, noch empirisch auf ihre Wirksamkeit überprüft worden sind. Durch unseriöse Programme kann einerseits der Ruf von online-Therapien im Allgemeinen geschädigt werden, andererseits könnte es sein, dass die Nutzung solcher Angebote bzw. der Verzicht auf eine klassische Therapie für manche Personen sogar schädlich sein kann. Daher ist es ratsam, im Vorfeld zu recherchieren, ob eine Intervention auf den Ergebnissen therapeutischer Wirksamkeitsstudien basiert. Es besteht hier die Notwendigkeit einer einheitlichen Kennzeichnung des wissenschaftlichen Evidenzgrads von therapeutischen Interventionen, um PatientInnen bei der Auswahl des passenden Programms zu unterstützen. Die Verbreitung von allgemein verständlichen Informationen für die Bevölkerung über geeignete, geprüfte Verfahren ist vor allem im deutschsprachigen Raum noch mangelhaft, wobei sich diesbezüglich zum Beispiel im anglo-amerikanischen Raum positive Beispiele für entsprechende Kampagnen finden. In England, Holland oder Schweden zählen online-Programme bereits zur Regelversorgung. Inzwischen gibt es – auch in Deutschland – Krankenkassen, ÄrztInnen und TherapeutInnen, die ihren PatientInnen wirksame online-Programme empfehlen oder sogar direkt zur Verfügung stellen. Dies ist aktuell ein sicherer Weg, eine wissenschaftlich fundierte Behandlung mittels neuer Medien zu bekommen. Unbedingt sollte man sich vorher umfassend informieren und online-Programme und Smartphone-Anwendungen – egal, was sie versprechen – kritisch hinterfragen: Nur so kann Scharlatanerie vorgebeugt werden.

Es gibt darüber hinaus auch einige Punkte, die im Zusammenhang mit Wirksamkeitsstudien und online-Therapieprogrammen kritisch zu betrachten sind. Häufig treten hohe Abbruchraten bei den Studien auf. Die Gründe hierfür bleiben oft unklar, da eine Kontaktaufnahme der ausgefallenen PatientInnen im Falle des Therapieabbruchs meist nicht möglich ist. Die Anonymität und der Mangel an direkter zwischenmenschlicher Interaktion und therapeutischer Unterstützung bei der Nutzung der Angebote könnten sich negativ auf das Engagement und die Motivation der PatientInnen zur Therapie auswirken. Grawe (2005) beschreibt die therapeutische Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn als einen wesentlichen Wirkfaktor, welcher bei online-Interventionen fehlt. Zudem können bei online-Therapien gleichzeitig auftretende (komorbide) psychische oder körperliche Erkrankungen nur schwer berücksichtigt werden. Auch mangelt es durch den standardisierten und strukturierten Aufbau oft an Individualität für den/die UserIn. All dies könnte sich in den hohen Abbruch-Raten bei Wirksamkeitsstudien widerspiegeln.

Abschließend ist festzustellen, dass online-Therapieprogramme nicht für alle Personengruppen gleich gut geeignet sind. Menschen mit schweren psychischen Störungen sowie stationäre PatientInnen, zum Beispiel Suizidgefährdete, PatientInnen, die Alkohol oder Drogen konsumieren, oder Menschen mit Borderline-Störung, können nicht effektiv mittels online-Interventionen behandelt werden (Rochlen, Zack & Speyer, 2004). Hier ist der regelmäßige persönliche Kontakt zu einer/m TherapeutIn unabdingbar (vgl. Grawe, 2005). Auch Alter, Herkunft und Bildungsgrad können eine Rolle spielen, da eine gewisse Vertrautheit mit neuen Medien zur Nutzung der Interventionen vorausgesetzt werden muss.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich neue Technologien als nützliche Medien oder Ergänzungen für therapeutische Interventionen etablieren und wissenschaftlich als wirksam erweisen. Es besteht jedoch die berechtigte Hoffnung, dass in Zukunft durch den Einsatz von wirksamen präventiven und therapeutischen Maßnahmen mittels neuer Medien jene Menschen, die Hilfe benötigen, zeitnah Unterstützung finden können.

Referenzen

Andersson, G. & Cuijpers, P. (2009). Internet-based and other computerized psychological treatments for adult depression: A meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 38, 196-205.

Barak, A., Hen, L., Boniel-Nissim, M. & Shapira, N. A. (2008). A comprehensive review and a meta-analysis of the effectiveness of internet-based psychotherapeutic interventions. Journal of Technology in Human Services, 26, 109-160.

Bauer, S., Okon, E. & Meermann, R. (2011). Nachsorge nach stationärer Psychotherapie für Essstörungen. Wirksamkeit eines SMS-basierten Programms. Psychotherapeut, 56, 509-515.

Bitzer, E. M., Grobe, T. G., Neusser, S., Mieth, I. & Schwartz, F. W. (2011). BARMER GEK Report Krankenhaus 2011. Schwerpunktthema: Der Übergang von der stationären zur ambulanten Versorgung bei psychischen Störungen. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, 9.

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