Können Roboter uns helfen, andere zu verstehen?

Wie kann künstliche Intelligenz helfen, andere besser zu verstehen?

Ein künstlicher Agent, der ähnliche Ergebnisse wie ein Mensch liefert, könnte für die Unterstützung von Menschen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahme interessant sein. Er könnte dabei unterstützen, mentale Zustände anderer zu erkennen. Ähnlich wie Personen mit Sehschwäche sich eine Brille aufsetzen, könnten Personen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahme in sozialen Situationen auf einen künstlichen Agenten zurückgreifen, beispielsweise mit der Frage: „Wie geht es meinem Gegenüber gerade?“ Der künstliche Agent würde dann über Sensoren soziale Informationen aufnehmen und eine Einschätzung des mentalen Zustands vornehmen, beispielsweise mit dem Ergebnis: „Lena ist verärgert. Wahrscheinlich liegt es daran, dass du nicht abgewaschen hast. Denn das hattest du ihr versprochen.“ Die technischen Möglichkeiten erlauben es, dass das künstliche System in Echtzeit unterstützende Hinweise oder auch Erinnerungen geben kann. Personen mit ASS könnten dadurch ohne die bisherigen Mühen an sozialen Interaktionen teilnehmen. Das könnte ihnen den menschlichen Kontakt deutlich vereinfachen.

Roboter in der Behandlung von Personen mit ASS

Künstliche Intelligenz in Form von Robotern hilft in der Behandlung der ASS schon jetzt zum Einüben von Fähigkeiten (siehe Scassellati, 2007), aber auch bei der Motivation von Betroffenen (beispielsweise Dautenhahn, 2003). Der sogenannte „soziale Roboter“ wird dabei wie eine Art soziales Hilfsmittel eingesetzt: Ein Roboter bietet beispielsweise dem autistischen Kind in einer Therapiesitzung eine Anleitung, wie es mit dem behandelnden Menschen interagieren kann und ermutigt es zu weiteren Interaktionen (Dautenhahn, 2003) oder trainiert mit dem Kind gemeinsam soziale Fähigkeiten (Scassellati et al., 2018). Ein großer Vorteil ist, dass Roboter eine standardisierte Umgebung ermöglichen und eine objektive Beurteilung vornehmen. Das macht auch den Einsatz automatisierter Prozesse in der Diagnostik interessant (siehe Drimalla et al., 2020). In der Studie passte der Roboter sogar die Schwierigkeit der Aufgaben an die Fähigkeiten der Kinder an, um diesen eine optimale Lernumgebung zu ermöglichen (Scassellati et al., 2018). Mit vielversprechenden Ergebnissen: Den Kindern machte es Freude, regelmäßig mit dem Roboter zu trainieren, und ihre sozialen Fähigkeiten besserten sich über den Untersuchungszeitraum von 30 Tagen bedeutsam.

Roboter in der Behandlung bei anderen psychischen Erkrankungen

Doch auch bei vorhandenen Perspektivenübernahmefähigkeiten können Fehler bei Schlussfolgerungen über mentale Zustände anderer Personen passieren. Personen mit depressiven Störungen leiden beispielsweise unter Denkverzerrungen in der Art von „Andere Personen mögen mich nicht“ (vgl. Beck, 1974); Betroffene mit einer sozialen Angststörung denken typischerweise, ihr Gegenüber könnte sie negativ bewerten (Dilling et al., 2015); und Personen mit Wahnerleben haben verzerrte Überzeugungen über die Realität, an denen mit Unerschütterlichkeit festgehalten wird (Stieglitz, Haug, Kis, Kleinschmidt & Thiel, 2019). Bei diesen Erkrankungen erweisen sich Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, die auf eine Veränderung der inhaltlich verzerrten Gedanken abzielt, als sehr wirksam (Hofmann, Asnaani, Vonk, Sawyer & Fang, 2012). Gegebenenfalls könnte ein künstlicher Agent die betroffenen Personen ebenfalls unterstützen. Er könnte realistischere Einschätzungen bei inhaltlich verzerrten Gedanken vorschlagen, wie: „Paul hat dich gestern um Nachhilfe gebeten. Es ist unwahrscheinlich, dass er dich für einen Versager hält“ und auf wichtige soziale Signale hinweisen, wie: „Brigitte hat dich in der letzten Woche drei Sekunden lang angeschaut. Es ist unwahrscheinlich, dass sie dich bespitzelt.“

Auch in der Behandlung von Depressionen werden soziale Roboter bereits erfolgversprechend eingesetzt, wo sie u. a. zur Kommunikation, zur Überwachung des Gesundheitszustands und als Gesellschaft dienen (Chen, Jones & Moyle, 2018). Möglicherweise könnten die Behandlungen hierdurch unterstützt und verkürzt werden (Baisch & Kolling, 2021). Bild 4: Roboter könnten Personen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahme das menschliche Miteinander sehr vereinfachen. Dabei müssen jedoch ethische, soziale und rechtliche Überlegungen berücksichtigt werden.Bild 4: Roboter könnten Personen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahme das menschliche Miteinander sehr vereinfachen. Dabei müssen jedoch ethische, soziale und rechtliche Überlegungen berücksichtigt werden.

Ethische Aspekte und Ausblick auf weitere Forschung

Idealerweise werden Roboter nicht nur in Roboter-Mensch-, sondern in Mensch-Mensch-Interaktionen eingesetzt oder wirken sich zumindest positiv auf diese aus (vgl. Scassellati, 2007). Der Einsatz von Robotern im Alltag muss dabei jedoch ethischen, sozialen und rechtlichen Überlegungen standhalten. So ist abzuwägen, inwiefern es für Personen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahmefähigkeit besser wäre, selbst Strategien zu erlernen, sich in andere hineinzuversetzen, anstatt einen Roboter hierfür zu nutzen. Zu beachten sind auch Aspekte des Datenschutzes, wenn der “Perspektivenübernahme-Roboter“ die mentale Zustände einer Person analysiert. Letztendlich sind weitere Untersuchungen zum Effekt von Robotern in kontrolliert-randomisierten Therapiestudien und zum Einfluss auf Mensch-Mensch-Interaktionen notwendig. Der Einsatz von sozialen Robotern sollte für jede Person individuell geprüft werden. Der Eine profitiert womöglich stärker als der Andere. Wichtig  ist, dass Menschen – einschließlich Betroffenen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahmefähigkeit – sehr unterschiedlich sind.

Zusammenfassung

Forschung zur Perspektivenübernahme in künstlichen Systemen bietet vielversprechende Möglichkeiten, die bei Gesunden automatische Fähigkeit zur Perspektivenübernahme künstlich abzubilden. Möglicherweise könnten in Zukunft Personen mit Schwierigkeiten in der Perspektivenübernahme durch den Einsatz von Robotern unterstützt werden. Weitere Studien sollten untersuchen, wie Roboter idealerweise eingesetzt werden können. Dabei sollten sie die möglichen Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen und den Einsatz in Therapie und Alltag prüfen.

Bildquellen

Bild 1:nadia_bormotova via iStock (https://www.istockphoto.com/de/vektor/hoch-fünf-hand-junge-schwarze-frauenfigur-die-mit-einem-roboter-kommuniziert-gm1151212040-311922340?clarity=false, Lizenz vorhanden).

Bild 2: nadia_bormotova via IStock (https://www.istockphoto.com/de/vektor/netter-roboter-der-einen-traurigen...übt-psychotherapie-neue-technologien-gm1175376298-327274965?clarity=false, Lizenz vorhanden).

Bild 3: nadia_bormotova via istock (https://www.istockphoto.com/de/vektor/datenübertragung-konzeptionelle-illustration-kaukasische-frauenfigur-menschliche-gm1153662872-313411322?clarity=false, Lizenz vorhanden).

Bild 4: nadia_bormotova via Shutterstock (https://www.istockphoto.com/de/vektor/eine-vielf%C3%A4ltige-gruppe-von-k..., Lizenz vorhanden).

Literaturverzeichnis

Attwood, T. (2005). Asperger- Syndrom. Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten. Trias.

Baisch, S. & Colling, T. (2021). Roboter in der Therapie: Vom Demonstrationsobjekt zum Psychotherapeuten. In O. Bendel (Hrsg.), Soziale Roboter. Technikwissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche, philosophische, psychologische und soziologische Grundlagen (S. 417-440). Springer.

Baron-Cohen, S. (2000). Theory of mind and autism: A fifteen year review. In S. Baron-Cohen, H. Tager-Flusberg, & D. J. Cohen (Hrsg.), Understanding other Minds: Perspectives from Developmental Cognitive Neuroscience (S. 3-21). Oxford University Press.

Beck, A. T. (1974). The development of depression: A cognitive model. In R. J. Friedman & M. M. Katz (Hrsg.), The psychology of depression: Contemporary theory and research. John Wiley & Sons.

Bölte, S. (2009). Evidenzbasierte Intervention. In S. Bölte (Hrsg.), Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven (S. 221-228). Huber.

Chen, S. C., Jones, C., & Moyle, W. (2018). Social robots for depression in older adults: a systematic review. Journal of Nursing Scholarship, 50(6), 612-622.

Dautenhahn, K. (2003). Roles and functions of robots in human society: Implications from research in autism therapy. Robotica, 21, 443-452.

Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H., Schulte-Markwort, E., Remschmidt, H., & Weltgesundheitsorganisation (2015). Internationale Klassifikation psychischer Störungen (10. Auflage). Hogrefe.

Drimalla, H., Scheffer, T., Landwehr, N., Baskow, I., Roepke, St., Behnia, B., & Dziobek, I. (2020). Towards the automatic detection of social biomarkers in autism spectrum disorder: introducing the stimulated interaction task (SIT). npj Digital Medicine, 3, 25.

Gawronski, A., Pfeiffer, K., & Vogeley, K. (2012). Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Verhaltenstherapeutisches Gruppenmanual. Beltz.

Hofmann, S. G., Asnaani, A., Vonk, I. J. J., Sawyer, A. T., & Fang, A. (2012). The efficacy of cognitive behavioral therapy: A review of meta-analyses. Cognitive Therapy and Research, 36, 427-440.