Rechts oder links? Wie Gene unsere politische Orientierung beeinflussen

Persönlichkeitseigenschaften ihrerseits repräsentieren hoch erbliche Tendenzen des Denkens, Fühlens und Verhaltens (Riemann & Spinath, 2005). Verschiedene Studien haben gezeigt, dass mehr Offenheit für Persönlichkeitseigenschaften repräsentieren hoch erbliche Tendenzen des Denkens, Fühlens und Verhaltens. Bild: AbsolutVision via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/smiley-emoticon-zorn-wütend-angst-2979107/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/)Persönlichkeitseigenschaften repräsentieren hoch erbliche Tendenzen des Denkens, Fühlens und Verhaltens. Bild: AbsolutVision via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/smiley-emoticon-zorn-wütend-angst-2979107/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/)Erfahrungen mit weniger Veränderungsresistenz und einer geringeren Akzeptanz sozialer Ungleichheit einhergeht (z.B. Kandler, Bleidorn, & Riemann, 2012). Darüber hinaus hängen die Persönlichkeitseigenschaft [ Gewissenhaftigkeit] mit einer stärkeren Veränderungsresistenz und das Persönlichkeitsmerkmal [ Verträglichkeit] mit weniger Ungleichheitsakzeptanz zusammen.

Es sprechen in der Tat einige Befunde dafür, dass Persönlichkeitseigenschaften eine Vermittlerrolle zwischen biologischen Faktoren und politischen Orientierungen einnehmen. Erstens finden sich die gleichen Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitseigenschaften und den politischen Basisorientierungen in verschiedenen Ländern mit unterschiedlicher ideologischer Geschichte wie in Deutschland, in den USA und in Japan (Kandler, Bell, Shikishima, Yamagata & Riemann, 2013). Zweitens zeigen verschiedene [Längsschnittstudien], dass Persönlichkeitseigenschaften eher Einstellungen beeinflussen als umgekehrt (Sibley & Duckitt, 2013). Drittens können die Zusammenhänge zwischen politischen Orientierungen und Persönlichkeitseigenschaften größtenteils auf genetische Faktoren zurückgeführt werden (Kandler et al., 2012).

 Jedoch kann nicht der gesamte genetische Beitrag an politischen Einstellungen durch Persönlichkeitseigenschaften erklärt werden (Kandler et al., 2012). Andere individuelle Attribute, die ebenfalls eine starke genetische Basis aufweisen, könnten ebenfalls einen Teil des genetischen Beitrags zu politischen Orientierungen erklären. [ Intelligenz] hängt zum Beispiel mit der politischen Links-Rechts-Orientierung sowohl auf individueller als auch auf nationaler Ebene zusammen (Stankov, 2009). Eine interessante Längsschnittstudie konnte zeigen, dass höhere Intelligenz in der Kindheit links-liberale und antitraditionelle Einstellungen im Erwachsenenalter vorhersagt (Deary, Batty, & Gale, 2008). Unterschiede zwischen Menschen in Intelligenz sind hoch stabil und substantiell genetisch beeinflusst (Riemann & Spinath, 2005). Insofern ist anzunehmen, dass Intelligenz ebenfalls zur Vermittlung genetischer Einflüsse auf zwischenmenschliche Unterschiede in politischen Einstellungen beiträgt.

Letztlich ist auch vorstellbar, dass unsere politischen Basiseinstellungen von Persönlichkeitseigenschaften und Intelligenz distinkte Elemente innerhalb eines breiten Systems menschlicher Attribute reflektieren. Das bedeutet, dass Veränderungsresistenz und Ungleichheitsakzeptanz systematisch mit Persönlichkeitseigenschaften und Intelligenz verlinkt sein mögen, jedoch nicht ursächlich aus diesen resultieren. Im Einklang mit Letzterem fanden Verhulst, Eaves und Hatemi (2012) in ihrer Studie kaum Hinweise darauf, dass Persönlichkeitseigenschaften politische Einstellungen beeinflussen. Die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften und politischen Einstellungen konnten lediglich auf gemeinsame genetische Faktoren zurückgeführt werden.

Politische Orientierung als Persönlichkeitsmerkmal?

In einer aktuellen Studie, die Zwillingsdaten aus Deutschland, den USA und Japan untersuchte (Kandler et al., 2013), konnte ein interessanter Unterschied in der Erklärung der beiden politischen Kernorientierungen ausgemacht werden. Während Soziale Dominanzorientierung (bzw. Ungleichheitsakzeptanz) durchaus von den Persönlichkeitseigenschaften Offenheit für Erfahrungen und Verträglichkeit beeinflusst wird, findet sich eine solche Wirkrichtung nicht für den Zusammenhang zwischen Veränderungsresistenz und den Persönlichkeitseigenschaften Offenheit für Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit. Eine mögliche Interpretation dieses Befundes ist, dass Autoritärer Konservatismus eine grundlegendere menschliche Orientierung beschreibt als die Einstellung gegenüber sozialer und ökonomischer Ungleichheit.

Nicht wenige Wissenschaftler betrachten Autoritären Konservatismus eher als eine Persönlichkeitseigenschaft (z.B. Altemeyer, 1998). Im Einklang mit dieser Überlegung steht der Befund, dass Unterschiede zwischen Menschen im Autoritären Konservatismus über die Zeit stabiler sind als in Sozialer Dominanzorientierung (Sibley & Duckitt, 2013). Die zeitliche Konsistenz von Autoritären Konservatismus reicht an die Stabilität von Offenheit für Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit heran.

Weiterhin scheinen Unterschiede zwischen Menschen in der Veränderungsresistenz (bzw. Autoritären Konservatismus) stärker genetisch beeinflusst zu sein als Unterschiede in der Ungleichheitsakzeptanz (bzw. Soziale Dominanzorientierung) (Kandler et al., 2012). Etwa 47% der Variation in der Veränderungsresistenz kann auf genetische Unterschiede zurückgeführt werden, während genetische Einflüsse nur etwa 20% der Unterschiede zwischen Menschen in der Ungleichheitsakzeptanz ausmachen. Da genetische Faktoren etwa 50% zwischenmenschlicher Unterschiede in den Persönlichkeitseigenschaften Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit erklären, kann der hohe Grad der genetischen Beeinflussung von Veränderungsresistenz als ein weiterer Beleg dafür herangezogen werden, diese politische Kernorientierung als elementareres Merkmal oder sogar als Persönlichkeitseigenschaft zu betrachten.

Der Einfluss der Umwelt auf Politische Orientierungen

Abbildung 6 veranschaulicht auch, zu welchen Anteilen bestimmte Umwelteinflüsse jenseits genetischer Faktoren politische Orientierungen beeinflussen. In der Tat ist die Stärke verhaltensgenetischer Studien nicht nur die, genetische Effekte aufzuschlüsseln, sondern auch eine Aussage darüber zu treffen, wie groß der Beitrag bestimmter Umwelteinflüsse ist. Auf der Basis einer verhaltensgenetischen Studie, welche neben Zwillingen auch deren Eltern und Lebenspartner untersuchte, konnten Kandler und Kollegen (2012) zeigen, dass bestimmte Umweltquellen nicht nur die Ähnlichkeit von Zwillingen, sondern auch die Ähnlichkeit unter Ehe- oder Lebenspartnern sowie zwischen Schwagern und Schwippschwagern hinsichtlich politischer Orientierungen erhöhen (d.h. [ soziale Homogamie]). Solche Umweltfaktoren  können zwischen verschiedenen Familienangehörigen geteilte Umwelteinflüsse reflektieren (z.B. Gemeinde oder Glaubensgemeinschaft).

Weiterhin konnten auch bedeutsame partnerspezifische Einflüsse ausfindig gemacht werden. Solche Einflüsse können sich auf verschiedene Arten manifestieren. Sie können den direkten Einfluss des Ehe- oder Lebenspartners auf die eigene politische Orientierung reflektieren oder aber auch die Bedeutsamkeit partnerspezifischer Interaktionen für die politische Meinungsbildung widerspiegeln. Insofern werden unsere eigenen politischen Orientierungen zu einer wichtigen einflussreichen Umwelt unserer Partner und umgekehrt. Weiterhin können solche Einflüsse auch von Partnern geteilte Erfahrungen und Umwelten (z.B. finanzielle Unsicherheit durch Arbeitslosigkeit, hohe Kriminalität im Wohnumfeld) darstellen, welche die eigene Veränderungsresistenz und Ungleichheitsakzeptanz erhöhen oder reduzieren.

Der wichtigste Umweltbeitrag scheint jedoch außerhalb der Familie zu liegen (d.h. individuelle Umwelteinflüsse) insbesondere in Bezug auf die Ungleichheitsakzeptanz. So mag man sich unter anderem vorstellen, dass positive Erfahrungen im Umgang mit Fremden oder sozial schwächer gestellten Minoritäten die Ungleichheitsakzeptanz vermindert, während Bedrohungen durch religiöse Fundamentalisten (z.B. Terroranschläge) die negativen Einstellungen gegenüber Minderheiten erhöhen können. Auch mag der Umgang in radikalen rechts- oder auch linksorientierten Gruppen die eigene politische Orientierung beeinflussen. Insgesamt lässt sich also festhalten, dass politische Einstellungen durch vielfältige Faktoren geprägt werden.

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