Wie gut weiß ich was ich kann? Oder warum es sich lohnt, Andere bei der Einschätzung unserer Begabungen zurate zu ziehen

Begabungen einer Person können also weder durch sie selbst noch durch Andere komplett erschlossen werden, obwohl beide Perspektiven relevante Einblicke erlauben. Aus diesem Grund scheint es sinnvoll, die beiden Perspektiven für unterschiedliche Begabungen direkt miteinander zu vergleichen. Gibt es Bereiche, in denen Einschätzungen durch Andere genauer sind als Selbsteinschätzungen und umgekehrt?

Die Kombination beider Perspektiven

Bereits in den 1950ern schlugen Joseph Luft und Harrington Ingham (1955) vor, dass es für ein vollständiges Gesamtbild eines Menschen nötig ist, sowohl ihn selbst als auch Andere zurate zu ziehen. Im Johari-Fenster, einem nach den (Vornamen der) Autoren benannten Modell, schlugen sie vor, dass die Eigenschaften einer Person in vier verschiedene Bereiche fallen können, je nachdem, wer über sie Bescheid weiß: Eigenschaften im ersten Bereich – der öffentlichen Person – sind sowohl der Person selbst als auch Anderen bekannt. Im unbekannten Areal hingegen befinden sich Eigenschaften, die weder der Person selbst noch Anderen zugänglich sind. Zwischen diesen beiden Bereichen liegen der blinde Fleck – mit Eigenschaften, die nur Anderen bekannt sind – und die verborgene Person – mit Eigenschaften, die nur der Person selbst zugänglich sind. Simine Vazire (2010) hat mehr als 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Johari-Fensters gezeigt, dass Personen tatsächlich „blind“ in Bezug auf einige ihrer Persönlichkeitseigenschaften sind und FreundInnen oder sogar Fremde über manche Eigenschaften besser Bescheid wissen.

Wir haben uns in den letzten Jahren der Frage gewidmet, in welche Bereiche des Johari-Fensters folgende Begabungen fallen: sprachliche, mathematische und räumliche Intelligenz, Kreativität, sowie die Kompetenzen mit den eigenen Emotionen und mit den Emotionen Anderer umzugehen. In unserer ersten Studie zu diesem Thema untersuchten wir SchülerInnen der 8. und der 12. Schulstufe, also Altersgruppen, in denen wichtige Entscheidungen in Bezug auf die weitere (Berufs-)Ausbildung getroffen werden müssen (Neubauer et al., 2018). Die SchülerInnen schätzten sich selbst in den angeführten Begabungen ein und wurden zusätzlich durch zwei KlassenkameradInnen beurteilt. Die Begabungen jeder Person wurden außerdem mittels objektiver Tests gemessen. Die Einordnung unserer Ergebnisse ins Johari-Fenster befindet sich in der Abbildung (Bild 2). Generell waren sich die beiden Altersgruppen sehr ähnlich: Sowohl die SchülerInnen selbst als auch ihre KlassenkameradInnen konnten die mathematische Intelligenz sowie die Kreativität recht genau einschätzen (öffentliche Person); die sprachliche Intelligenz war im blinden Fleck, d. h. sie war primär den KlassenkameradInnen and kaum den Schüler*innen selbst ersichtlich; die beiden emotionalen Begabungsdimensionen konnten hingegen primär von den SchülerInnen selbst eingeschätzt werden, während ihre KlassenkameradInnen kaum akkurat waren (verborgene Person). Einzig in Bezug auf die räumliche Intelligenz unterschieden sich die Altersgruppen: Bei den jüngeren SchülerInnen brachte keine der Perspektiven eine akkurate Einschätzung (unbekanntes Areal), wohingegen ältere SchülerInnen diese Begabung zumindest selbst mit einem Mindestmaß an Genauigkeit einschätzen konnten (verborgene Person).

 

Bild 2: Die Einordnung unterschiedlicher Begabungsbereiche ins Johari-Fenster basierend auf Neubauer, Pribil, Wallner, und Hofer (2018).Bild 2: Die Einordnung unterschiedlicher Begabungsbereiche ins Johari-Fenster basierend auf Neubauer, Pribil, Wallner, und Hofer (2018).

Wir konnten diese Befunde bereits in mehreren, teilweise noch nicht veröffentlichten, Studien sowohl im Schulkontext als auch bei jungen Erwachsenen bestätigen. Wir haben uns dabei bei der Fremdperspektive meist auf nahe Bekannte (z. B. FreundInnen oder Eltern) oder KlassenkameradInnen konzentriert. Gerade in den emotionalen Bereich scheinen Andere wenig Einblick zu haben, während man selbst vor allem im sprachlichen Bereich gewissermaßen ‚blind‘ zu sein scheint. Insbesondere im letzteren Bereich kann es sich also bezahlt machen, Andere um Feedback zu bitten. Für räumliche Fähigkeiten war oftmals weder die Eigen- noch die Fremdperspektive akkurat. Wer also eine gute Vorstellung der eigenen räumlichen Begabung bekommen möchte, sollte besser auf eine psychologische Begabungstestung zurückgreifen. Zu den genauen Mechanismen hinter unseren Befunden lassen sich bislang nur Vermutungen anstellen. Ein naheliegender Grund für den geringen Einblick Anderer in unsere emotionalen Kompetenzen ist deren mangelnder Zugriff auf unsere Gedanken und Gefühle (siehe auch Vazire, 2010). Die geringe Genauigkeit von Selbsteinschätzungen der sprachlichen Intelligenz war für uns jedoch überraschend. Möglicherweise verstehen Personen unter sprachlicher Intelligenz etwas anderes (z. B. Fremdsprachenkenntnisse), als das, was PsychologInnen mit Tests für sprachliche Intelligenz messen (z. B. Wortschatz und sprachlogisches Denken) – eine Annahme, die wir allerdings noch in weiteren Studien absichern müssen.

Kürzlich war es uns möglich, unsere Erkenntnisse in einer bislang unveröffentlichten Studie um die Perspektive von Fremden zu ergänzen. Dazu befragten wir Personen nach 3-minütigen Treffen innerhalb eines Speeddatings nach ihrer Einschätzung der Begabungen des Gegenübers. Die Genauigkeit dieser Einschätzung war im Vergleich zur Selbsteinschätzung oder jener durch FreundInnen gering. Dies steht zwar den Befunden von Borkenau und Liebler (1993) entgegen, entspricht aber jenen von Vazire (2010), wonach Personen nach einer kurzen Interaktion noch keinen hinreichend genauen Eindruck der Intelligenz oder Kreativität ihres Gegenübers haben. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, dass Unbekannte bereits nach einem kurzen Gespräch unsere Stärken und Schwächen komplett durchschauen können.Bild 3: Gerade vor Ausbildungs- und Berufsentscheidungen ist es wichtig, ein möglichst akkurates Bild der eigenen Begabungen zu haben.Bild 3: Gerade vor Ausbildungs- und Berufsentscheidungen ist es wichtig, ein möglichst akkurates Bild der eigenen Begabungen zu haben.

Zusammenfassung und Ausblick

„Niemand kennt mich so gut, wie ich mich selbst!“ Wenn wir die eingangs erwähnte Redensart vor dem besprochenen Forschungsstand betrachten, dann lässt sie sich zumindest für den Bereich zentraler Begabungen in Frage stellen. Unsere Befunde zeigen, dass es sich lohnen kann, die eigene Einschätzung durch das Feedback von Anderen zu ergänzen. Umgekehrt bedeutet dies, dass auch Sie wahrscheinlich Einsicht in die Begabungen Ihrer näheren Bezugspersonen haben. Im Zweifel und vor allem vor wichtigen Entscheidungen, wie der Berufswahl, kann es dennoch Sinn machen, sich professionelle Hilfe durch eine Psychologin/einen Psychologen zu holen, um ein objektiveres Bild der eigenen Begabungen zu bekommen (zur Rolle von Begabungen im beruflichen Kontext siehe Neubauer, 2018).

Bildquellen

Bild 1: cottonbro via pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/natur-blumen-reflektierung-bluhen-4887..., LIzenz:https://www.pexels.com/de-de/lizenz/).

Bild 2: Eigentum der Autoren, Quelle basierend auf https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405844018330135?via%....

Bild 3: Ingo Jospeh via pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/person-die-schwarzen-kapuzenpulli-und-..., Lizenz: https://www.pexels.com/de-de/lizenz/).

Literaturverzeichnis

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Alicke, M. D., & Govorun, O. (2005). The better-than-average effect. In M. D. Alicke, D. Dunning, & J. I. Krueger (Eds.), The self in social judgment (pp. 85–106). Psychology Press.

Borkenau, P., & Liebler, A. (1993). Convergence of stranger ratings of personality and intelligence with self-ratings, partner ratings, and measured intelligence. Journal of Personality and Social Psychology, 65, 546–553. https://doi.org/10.1037/0022-3514.65.3.546

Denissen, J. J. A., Schönbrodt, F. D., van Zalk, M., Meeus, W. H. J., & van Aken, M. A. G. (2011). Antecedents and consequences of peer-rated intelligence. European Journal of Personality, 25, 108–119. https://doi.org/10.1002/per.799

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Luft, J., & Ingham, H. (1955). The Johari window: A graphic model of interpersonal awareness. In Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development. UCLA.

Neubauer, A. C. (2018). Mach, was du kannst: Warum wir unseren Begabungen folgen sollten - und nicht nur unseren Interessen. München: Deutsche Verlags-Anstalt.

Neubauer, A. C., & Hofer, G. (2020). Self- and other-estimates of intelligence. In R. J. Sternberg (Ed.), The Cambridge Handbook of Intelligence (2nd ed., pp. 1179–1200). Cambridge University Press.

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