Wie wir die Emotionen anderer durch ihre Körpersprache verstehen

Der eigentliche Nachweis von Spiegelneuronen im Menschen konnte dann einige Jahre später erbracht werden, indem man auch hier die Aktivität einzelner Nervenzellen bei der Ausführung und der Beobachtung bestimmter Handlungen gemessen hat. Im Kontext dieser Untersuchung fanden sich tatsächlich Nervenzellen, die nicht nur beim Greifen eines Objekts aktiv waren, sondern auch bei der Beobachtung dieser Bewegung (Mukamel, Ekstrom, Kaplan, Iacoboni & Fried, 2010). Außerdem wurde hier deutlich, dass es sich im Menschen um ein Netzwerk handelt, welches sich über die motorischen Hirnareale hinaus erstreckt.

In der Zwischenzeit wurde ein solcher Spiegelmechanismus auch als Basis für unser Verständnis von Gefühlszuständen unserer Mitmenschen entdeckt. So zeigte eine Studie, dass bei der Beobachtung von Menschen, die Ekel ausdrückten, ähnliche Areale aktiv sind, als wenn eine Person selbst Ekel empfindet (Wicker et al., 2003). Vereinfacht bedeutet dies, dass eine bestimmte Emotion beim Anderen dadurch erkannt wird, dass sie bei einem selbst aktiviert wird. Dies kann uns ermöglichen, das Gefühl zu verstehen, welches wir in der Mimik eines Mitmenschen beobachten.

Spiegelneuronen und (motorische) Simulation sind jedoch nicht alleine dafür verantwortlich, komplexe psychologische Prozesse wie das Erkennen von Absichten und Emotionen bis hin zu unserer Empathiefähigkeit zu erklären (Lamm & Majdandžić, 2015). Neuere Ansätze diskutieren Spiegelneuronenaktivität vielmehr als Anzeichen und nicht als Ursache für das Verständnis von Absichten und Handlungen anderer. Die Spiegelneuronenaktivität soll demnach eher unseren Wahrnehmungsprozess unterstützen, indem sie durch die Simulation das Verständnis einer beobachteten Handlung erleichtert (Csibra, 2008; Wilson und Knoblich, 2005).

Über die Spiegelneuronen hinaus

Das Verstehen von emotionalen Handlungen eines Gegenübers setzt die Verarbeitung einer Vielzahl von Informationen voraus. Dementsprechend sind zahlreiche weitere Gehirnstrukturen über die motorischen Areale hinaus daran beteiligt, die große Menge an Informationen auf unterschiedlichen Ebenen zu entschlüsseln.

Emotionale Körperbewegungen enthalten beispielsweise Informationen über die Form, Art, Geschwindigkeit und Richtung des sich bewegenden Körpers. Um diese Informationen verarbeiten zu können, kommen unter anderem spezifische Areale der Sehrinde zum Einsatz, die für die Verarbeitung von (Körper-)Forminformationen zuständig sind (siehe Bachmann et al., 2018). Des Weiteren müssen Informationen, wie die Absicht der Bewegung oder der mentale Zustand der sich bewegenden Person, interpretiert werden. Dazu nutzen wir (auch) unsere sogenannte Mentalisierungsfähigkeit, mittels welcher wir anderen Menschen mentale Zustände, wie Emotionen und Absichten, zuschreiben können. Im Gegensatz zur Simulation beruht diese Zuschreibung eher auf unserem erworbenen Wissen über die inneren Zustände anderer (Lamm & Majdandžić, 2015). Hierfür sind Areale zuständig, die nicht zu unserem motorischen System gehören, wie etwa Bereiche des Schläfen- und des Stirnlappens (siehe Bachmann, Munzert & Krüger, 2018).

Unterschiede zwischen Personen

Da die Wahrnehmung einer (emotionalen) Bewegung mit einer automatischen Aktivierung der eigenen Repräsentation dieser Bewegung (Simulation) verbunden ist, kann sich dieser Prozess von Person zu Person unterscheiden. Beispielsweise gibt es experimentelle Hinweise darauf, dass gewisse Anteile des Spiegelneuronennetzwerks nur dann aktiv sind, wenn wir selbst die Fähigkeit besitzen, die beobachtete Handlung auszuführen. Tun wir dies nicht, so können wir die Handlung zwar visuell benennen und sie zuordnen, jedoch nicht unmittelbar (intuitiv) verstehen (Rizzolatti & Sinigaglia, 2010). Ein intuitives und schnelles Verständnis von beobachtenden Bewegungen und den damit verbundenen Emotionen scheint daher auch von unseren eigenen (motorischen) Erfahrungen abhängig zu sein.

Diese Idee wird durch Untersuchungen zum Einfluss von Beobachtermerkmalen auf solche Wahrnehmungsprozesse unterstützt. So beeinflusst beispielsweise die Stimmung oder die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen, die Wahrnehmung von Emotionen anderer (Lorey et al., 2012; Van der Veen, Evers, Deutz & Schmitt, 2007). Zudem können Personen mit hoher emotionaler Expressivität (Ausdruck von Emotionen durch (Körper-)Sprache), durch Körperbewegungen dargestellte Emotionen besser erkennen als Personen mit geringerer emotionaler Expressivität (Bachmann, Zabicki, Munzert & Krüger, 2020). Dies kann darauf hindeuten, dass wir unsere eigene Repräsentation emotionaler Handlungen und Verhaltensweisen nutzen, um die beobachtete Szene zu verstehen.

Obgleich diese Befunde für die Beteiligung eines Simulationsprozesses sprechen, stellen sie keinen direkten Hinweis dafür dar. Auch ein wahrnehmungsbasierter Lernprozess kann der Fähigkeit, spezifische Körperbewegungen zu erkennen, zugrunde liegen (Grossman, Blake & Kim, 2004). Unsere Wahrnehmungsfähigkeiten könnten demnach auch durch den wiederholten Kontakt mit körperlichen Ausdrücken von Gefühlen ausgebildet werden. Selbst wenn die Art oder Form der Darstellung „neu“ ist, erkennt unser Gehirn dann bekannte Bewegungsabfolgen und kann somit Schlussfolgerungen auf deren emotionale Bedeutung ziehen.

Fazit

Menschen sind ExpertInnen im Erkennen von Absichten und Emotionen in Bewegungen. Wir nutzen charakteristische Bewegungsinformationen, um emotionale Zustände wie Trauer und Freude voneinander zu unterscheiden und zuordnen zu können. Hierbei spielt zum Beispiel die Geschwindigkeit der beobachteten Körperbewegung eine zentrale Rolle. Außerdem ist unsere Wahrnehmung von einer (emotionalen) Bewegung durch unsere individuelle Erfahrung beeinflusst, da sie mit einer automatischen Aktivierung der eigenen Repräsentation dieser Bewegung verbunden ist. Je ähnlicher also unsere (Bewegungs-)Erfahrungen sind, desto größer ist unser intuitives Verständnis für unsere Gegenüber.

Bildquellen

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Bild 3:Vinita Bharat, Fuzzy Synapse (http://fuzzysynapse.com).

Literaturverzeichnis

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