Altersstereotype: Bilder vom Altern und von älteren Arbeitnehmern

Ältere Arbeitnehmer berichten immer wieder, dass sie aufgrund ihres Alters benachteiligt werden. Obwohl seit langem über den demographischen Wandel diskutiert wird, scheint sich an der Situation älterer Menschen kaum etwas geändert zu haben. Woran liegt das? Warum halten sich so beharrlich negative Stereotype über alte Menschen? Wir beschreiben, wie leicht Stereotype aktiviert werden und welche Folgen ihre Anwendung in Unternehmen hat. Abschließend wird diskutiert, ob es möglich ist, negative Vorverurteilungen älterer Menschen zu vermeiden.

Aktivierung, Anwendung und Kontrolle von Stereotypen

Bei Stereotypen handelt es sich um Bilder in unseren Köpfen, genauer gesagt um Bilder von Mitmenschen, wie der Gruppe der „Alten“. Stereotype beinhalten Vorstellungen und Erwartungen, die sich im Kopf eines jeden Wahrnehmenden befinden. Diese Vorstellungen führen in unserer Gesellschaft zu gemeinsamen Auffassungen über Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen von Gruppenmitgliedern, so auch über „die Alten“.

Stereotype erfüllen wichtige Funktionen, da die Eingruppierung von Mitmenschen unseren Alltag erleichtert. Unsere Erwartungen und unser Vorwissen führen zu einer schnelleren Verarbeitung neuer Eindrücke, zum Beispiel über Personen, die uns zum ersten Mal begegnen. Auch bei überraschenden Ereignissen ermöglicht die Anwendung von Stereotypen schnelle Entscheidungen, da Verallgemeinerungen unsere komplexe soziale Umwelt in eine einfache Struktur bringen (Macrae & Bodenhausen, 2000). Oft werden Stereotype mit Vorurteilen gleichgesetzt; sie unterscheiden sich von diesen jedoch dadurch, dass sie zugleich positive und negative Eigenschaften einschließen (Filipp & Mayer, 1999). Vorurteile bestehen eher aus negativen Gefühlen bestimmten Menschen gegenüber, die zu einseitig negativen Voreingenommenheiten führen.

Wie kann ein Stereotyp unsere Wahrnehmung von alten Menschen beeinflussen und infolgedessen zu einem diskriminierenden Verhalten führen? In der Grundlagenforschung wird von einem mehrstufigen gedanklichen Vorgang ausgegangen, der mit der Aktivierung von Stereotypen beginnt (Macrae & Bodenhausen, 2000). Bei der Wahrnehmung anderer Menschen sind bestimmte Merkmale besonders auffällig, die zu einem ersten Eindruck führen. Neben dem Geschlecht und der Hautfarbe zählt auch das Alter dazu. Für die Bestimmung des Alters einer Person wird vor allem die äußere Erscheinung herangezogen. So weisen Merkmale wie Faltenbildung, graue Haare oder eine gebeugte Haltung auf ein höheres Alter hin. Durch diese Merkmale werden Stereotype aktiviert und beeinflussen dann unser Urteil über diese Person.

Zahlreiche Studien zeigen, dass die Aktivierung von Stereotypen als ein unbewusster Prozess abläuft, der automatisch stattfindet, sobald wir einer Person oder Gruppe begegnen. Diese automatischen Vorgänge werden in psychologischen Studien anhand von Assoziationen im Gedächtnis untersucht. Beispielsweise wurde von Meyer & Schvaneveldt (1971) gezeigt, dass Probanden kürzere Reaktionszeiten auf das Wort „Krankenschwester“ hatten, wenn vorher das Wort „Arzt“ dargeboten wurde, als wenn vorher „Butter“ präsentiert wurde. Mit dieser Methode wurden auch Geschlechtsstereotype untersucht (Blair & Banaji, 1996). In einer Studie erhielten die Probanden zuerst Wörter, die entweder dem weiblichen oder dem männlichen Stereotyp entsprachen (z.B. „sanft“ oder „stark“). Als nächstes sollten sie weibliche oder männliche Vornamen nach ihrem Geschlecht einsortieren („weiblich“ oder „männlich“). Es zeigte sich, dass die Reaktionszeiten unter der Bedingung am kürzesten waren, in der die Probanden nach einem ersten Wort ein zum Stereotyp passendes Zielwort erhielten (sanft – Jane; stark – John), im Gegensatz zu einem nicht passenden Zielwort (sanft – John; stark – Jane). Dieser Vorgang lief außerhalb des Bewusstseins ab und illustriert die automatische Verknüpfung bestimmter Bedeutungen im Gedächtnis. Genau wie in diesen Beispielen werden auch Altersstereotype aktiviert durch die automatische Assoziation von „alter Mensch“ mit Eigenschaften wie „vergesslich“ oder „weise“.

Mit der automatischen Aktivierung von Altersstereotypen werden auch die negativen Eignungsurteile über ältere Arbeitnehmer im Rahmen der Personalauswahl erklärt, die oft im Gegensatz zu ihrer wirklichen Leistungsfähigkeit und ihrer bisherigen Berufserfahrung stehen. So wurde zum Beispiel untersucht, ob alte Menschen verzerrt wahrgenommen werden, indem ihre negativen Eigenschaften besser erinnert werden als positive (Perdue & Gurtman, 1990). Die Probanden erhielten eine Liste mit positiven und negativen Eigenschaften. Diese Eigenschaften sollten danach beurteilt werden, wie gut sie auf einen alten oder jungen Menschen zutreffen. In einem nachfolgenden Erinnerungstest wurden von den Eigenschaften, die der alten Person zugeschriebenen wurden, mehr negative als positive erinnert. Umgekehrt wurden von den Eigenschaften, die dem jungen Menschen zugeschriebenen wurden, mehr positive Eigenschaften erinnert. Dieses Ergebnis zeigt, dass die Erinnerung durch das Alter beeinflusst wurde, indem bei alten Menschen mehr negative als positive Eigenschaften erinnert und diesen zugeschrieben wurden.

Es gibt jedoch viele Situationen, in denen Menschen andere Personen beurteilen müssen und es besonders wichtig wäre, Diskriminierung und Vorurteile zu vermeiden. So sollten von Unternehmen die tatsächlichen Fähigkeiten und Qualifikationen von Jobbewerbern herangezogen werden und nicht das Alter. Im Berufsleben werden ältere Mitarbeiter zum Beispiel oft pauschal als „unflexibel“ beurteilt. Diese Vorverurteilung führt dazu, dass allen älteren Mitarbeitern Schwierigkeiten im Umgang mit neuen Computerprogrammen zugeschrieben werden oder dass sie als nicht willig zur Weiterbildung eingestuft werden. Nach so einer Pauschalisierung werden individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten eines älteren Mitarbeiters meist nicht mehr im Detail begutachtet. Da Stereotype in einer Gesellschaft kulturell geteilt sind, werden sie einigen Personen gegenüber besonders häufig angewendet. Spätestens bei der Diskriminierung bestimmter Gruppen setzen dann Bemühungen an, die voreingenommenes Verhalten verhindern sollen (z.B. Antidiskriminierungsgesetze). Zugleich halten sich viele Menschen auch an allgemeine Standards und Werte wie Fairness und Gleichberechtigung, die eine bewusste Vermeidung von Benachteiligungen verlangen. Es stellt sich aber die Frage, ob die bewusste Kontrolle von Stereotypen überhaupt möglich ist. Sind diskriminierungsfreie Urteile wirklich vermeidbar, sobald eine ausreichende Motivation dafür vorhanden ist?

Die Forschung zeigt, dass es schwierig ist, bestimmte Gedanken zu unterdrücken und dass der Versuch, dies zu tun, sogar das Gegenteil bewirken kann. Sollten Probanden es beispielsweise vermeiden, an einen weißen Bären zu denken, so mussten sie unwillkürlich noch viel öfter an ihn denken (Wegner, 1994). Diese Ergebnisse zur Gedankenunterdrückung sind auch auf die Kontrolle von Stereotypen anwendbar. Auch die Unterdrückung von Stereotypen kann dazu führen, dass Stereotype eher noch besser erinnert werden. Dadurch ist eine bewusste Kontrolle von Stereotypen in vielen Situationen nicht möglich.

Jedoch gibt es bestimmte Bedingungen, in denen die Anwendung von Stereotypen kontrolliert werden kann. Die bewusste Unterdrückung kann dann funktionieren, wenn außer einer ausreichenden Motivation auch kognitive Ressourcen zur Unterdrückung der unerwünschten Informationen vorhanden sind. Kognitive Ressourcen sind Kapazitäten im Gedächtnis, die bestimmten Aufgaben zugewendet werden können. Zum Beispiel unter Zeitdruck oder bei Multitasking bleibt nicht genug Aufmerksamkeit übrig, um Stereotype zu unterdrücken. Richten wir jedoch unsere volle Konzentration auf eine Person, sind wir eher in der Lage, ihre verschiedenen Eigenschaften im Detail wahrzunehmen und sie vorurteilsfrei – statt pauschal – zu bewerten. Diese Mechanismen werden in den nachfolgenden Abschnitten noch genauer betrachtet.

Bewerten alte Menschen das Alter auch negativ?

Altes EhepaarBild von Candida Performa via flickrIn einer Studie wurden junge und ältere Probanden befragt und hinsichtlich ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung verschiedener Altersgruppen verglichen (Celejewski & Dion, 1998). Dabei sollten manche Probanden bewerten, wie sie selbst in bestimmten Altersstufen („jung“ - „im mittleren Alter“ - „alt“) waren, sind – oder wahrscheinlich sein werden. Dagegen sollten andere Probanden unbekannte Personen dieser drei Alterskategorien auf verschiedenen Eigenschaftsskalen beurteilen. Sowohl bei der Selbst- als auch bei der Fremdbewertung wurde die Kategorie „alt“ am negativsten beurteilt. Dabei bewerteten die älteren Probanden unbekannte alte Personen nur leicht positiver als die jüngeren Probanden. Die Selbstbewertung der älteren Probanden war dagegen deutlich positiver als ihre Bewertung anderer älterer Personen.

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