Im Zweifel für den Angeklagten: Über Fehlerquellen von Zeugenaussagen

Fehlerhafte Zeugenaussagen haben in vielen Fällen wesentlich zur Verurteilung unschuldiger Personen beigetragen. Projekte in den USA und den Niederlanden nehmen sich dieser Fälle an und versuchen, Freisprüche für die Betroffenen zu erwirken. Den Justizirrtümern, die durch falsche Zeugenaussagen verursacht wurden, steht jedoch gegenüber, dass Zeugenaussagen der Polizei oft die entscheidenden Hinweise für die Ermittlungsarbeit erbringen. Der vorliegende Artikel liefert neben der Darstellung von Fallbeispielen Forschungsergebnisse, die zeigen, wie und wann es zu Fehlern in Zeugenaussagen kommen kann.

Zeugenaussagen sind für die Polizei ein wichtiges Beweismittel. Sie liefern trotz der zahlreichen technischen Möglichkeiten zur Spurensicherung oft die entscheidenden Anhaltspunkte für die Ermittlungsarbeit. Andererseits sind Zeugenaussagen fehleranfällig und nicht selten tragen sie zur Verurteilung Unschuldiger bei. Eine Analyse von 240 US-amerikanischen Fällen, in denen erwiesenermaßen ein Justizirrtum vorlag, ergab, dass in mehr als 75% der Fälle fehlerhafte Zeugenaussagen Hauptgrund für die Fehlurteile waren (Wells, Small, Penrod, Malpass, Fulero & Brimacombe, 1998). Auch in Deutschland haben Zeugenaussagen nachweislich zu Justizirrtümern geführt. So wurde Donald Stellwag wegen Bankraubs verurteilt, nachdem ihn ein Zuschauer der Sendung Aktenzeichen XY ...ungelöst auf dem Bild einer Überwachungskamera der Bank vermeintlich erkannte. Stellwag wurde außerdem durch ein fehlerhaftes anthropologisches Gutachten belastet, das angebliche Ähnlichkeiten zwischen dem Ohr des Täters und dem Stellwags feststellte. Die Verurteilung erfolgte schließlich trotz mehrerer Alibi-Zeugen , die Angaben zu Stellwags Aufenthaltsort während der Tatzeit machen konnten. Inzwischen wurde der eigentliche Täter festgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Stellwag seine achtjährige Haftstrafe allerdings schon verbüßt. Der Gutachter wurde wegen grober Fahrlässigkeit zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von € 150.000 verurteilt.

In den USA arbeitet das Innocence Project seit 1992 daran, Justizirrtümer aufzudecken und Freisprüche für unschuldig Verurteilte zu erwirken (Scheck, Neufeld, & Dwyer, 2003). Dazu wird mittels DNS-Analyse die DNS der verurteilten Person mit der am Tatort gefundenen möglichen DNS des Täters abgeglichen. Eine Nichtübereinstimmung gilt als Beleg für die Unschuld des Verurteilten. Bislang wurden durch das Projekt mehr als 260 unschuldig Verurteilte entlastet und freigesprochen. BEISPIELFALL Die Betroffenen waren teils jahrelang inhaftiert, manchmal sogar zum Tode verurteilt. In den Niederlanden wurde 2004 das Projekt „Gerede Twijfel“ (Deutsch für Begründeter Zweifel; www.geredetwijfel.nl) gegründet. Voraussetzungen für eine Annahme durch das Projekt sind, dass (1) der Betroffene endgültig verurteilt ist, (2) der Betroffene angibt, unschuldig zu sein und (3) ein Revisionsantrag beabsichtigt ist. Eine Revision ist nach niederländischem Recht nur dann möglich, wenn neue Beweise vorgelegt werden, die für die Unschuld des Betroffenen sprechen. Das Projekt führt keine DNS-Analysen durch, sondern prüft mittels einer intensiven Analyse der Gerichtsakten, wo es im Verfahren möglicherweise zu Fehlern gekommen ist. Gerede Twijfel verfasst über jeden behandelten Fall einen Bericht, der als gefordertes neues Beweismittel fungieren und für das Revisionsverfahren hinzugezogen werden kann. Bislang wurden rund 15 Fälle bearbeitet, allerdings kam es nur in einem Fall zu einem erfolgreichen Revisionsverfahren. In Deutschland existiert unserem Wissen nach bedauerlicherweise kein vergleichbares Projekt.

Bevor wir nun auf die einzelnen Fehlerquellen von Zeugenaussagen eingehen, geben wir zunächst einen kurzen Überblick, was die konkreten Inhalte von Zeugenaussagen sein können. So können Zeugenaussagen Beschreibungen des Täters, des Tatortes oder des Tathergangs umfassen. Beschreibungen von Tathergang oder Tatort werden benötigt, um den Tatablauf nachvollziehen zu können. Beschreibungen von Aussehen und Kleidung des Täters werden zu Fahndungszwecken eingesetzt, wobei die Beschreibungen Polizeistreifen zur Verfügung gestellt oder durch die Medien an die Allgemeinbevölkerung weitergegeben werden. Täterbeschreibungen werden zudem bei der Erstellung von Phantombildern und der Zusammenstellung von Wahlgegenüberstellungen eingesetzt. Ausgehend von der Täterbeschreibung werden geeignete Vergleichspersonen für die Wahlgegenüberstellungen ausgewählt. Täterbeschreibungen sind jedoch häufig wenig detailliert und enthalten meist kaum genaue Angaben zu Größe, Statur oder Alter, die auf eine große Personengruppe zutreffen. Bevorzugt werden auch leicht veränderliche Merkmale wie Haare und Kleidung beschrieben. So findet man häufig Beschreibungen folgender Art: „Der Täter war männlich, schlank, zwischen 1,75m und 1,85m groß und 25 bis 30 Jahre alt. Er trug dunkle Kleidung und hatte kurze dunkle Haare.“ Vielen ist vermutlich eine Person aus dem eigenen Umfeld bekannt, auf die diese Beschreibung passen würde.

Neben Beschreibungen von der Tat, dem Tatort und dem Täter zählen auch Personenidentifizierungen zu den Zeugenaussagen. Hierbei werden dem Zeugen der Tatverdächtige sowie mehrere Vergleichspersonen präsentiert. Die Präsentation der Gegenüberstellung kann mit Hilfe von Fotos, Videos oder live erfolgen. Abbildung 1 zeigt die möglichen Ausgänge einer Wahlgegenüberstellung. Identifiziert der Zeuge den Verdächtigen und handelt es sich bei diesem um den Täter, so liegt eine richtige Identifizierung vor (Treffer). Ist der Verdächtige jedoch unschuldig, so liegt eine falsche Identifizierung vor (falscher Alarm; Gefahr eines Justizirrtums). Die Identifizierung einer Vergleichsperson ist weniger problematisch, da jede Wahlgegenüberstellung nur einen Verdächtigen enthält. Entsprechend ist bei Identifizierung einer Vergleichsperson offenkundig, dass ein Irrtum vorliegt. Wählt der Zeuge niemanden aus der Gegenüberstellung aus, kann es sich entweder um eine korrekte (der Täter befindet sich nicht in der Gegenüberstellung) oder um eine falsche (der Täter befindet sich in der Gegenüberstellung) Zurückweisung handeln.

Wahlgegenüberstellungsschema

Wir werden nun die verschiedenen Fehlerquellen von Zeugenaussagen darstellen. Diese können sich während der Wahrnehmung des Ereignisses, während des Behaltensintervalls oder bei der Befragung einstellen.

Fehlerquellen während Wahrnehmung und Enkodierung

Variablen, die für Wahrnehmung oder Enkodierung hinderlich sind und eine schlechtere Erinnerung bedingen, sind beispielsweise ungünstige Lichtverhältnisse zur Tatzeit, eine kurze Beobachtungsdauer sowie die Maskierung des Täters. Auch eine räumliche Distanz zum Tatgeschehen führt zu schlechterer Wahrnehmung. Dies liegt daran, dass das Auge mit zunehmender Entfernung immer mehr Details filtert, d.h. entfernt. Busey und G. R. Loftus (2007) stellten dies eindrucksvoll anhand prominenter Gesichter dar.

Ein Objekt, wie das Bild von Julia Roberts, das man aus großer Entfernung sieht und folglich klein wirkt, erzeugt nämlich das gleiche Netzhautbild wie dasselbe Objekt, das aus geringer Entfernung, jedoch unscharf, dargestellt wird. Dabei gilt, je größer die Entfernung, desto größer ist die entsprechende Unschärfe. Dies demonstriert eindrucksvoll, dass man bei großer Entfernung zwangsläufig unscharf sieht und kaum noch Details wahrnehmen kann.

Das Vorhandensein einer Waffe kann dazu führen, dass die Aufmerksamkeit des Zeugen vermehrt auf die Waffe und nicht den Täter gerichtet ist. Hierdurch wird die Enkodierung des Aussehens des Täters erschwert. Dieser sogenannte Waffenfokus-Effekt vermindert somit die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter später wieder erkannt wird (Steblay, 1992).

Sind Täter und Opfer Angehörige unterschiedlicher Ethnien, kann es zum sogenannten Ausländereffekt kommen (z.B. Sporer, 2001). Menschen anderer Ethnien werden schlechter wiedererkannt als Menschen der eigenen Ethnie. Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass es eine Tendenz gibt, Personen anderer ethnischer Herkunft aus einer Gegenüberstellung zu identifizieren, während bei Personen mit demselben ethnischen Hintergrund vorsichtiger agiert wird. Dies deutet auf Verschiebungen im Entscheidungskriterium in Abhängigkeit von der Ethnie hin. Eine Ursache der schlechteren Leistung beim Wiedererkennen ist, dass Gesichter von Personen einer anderen ethnischen Herkunft weniger gut enkodiert werden als Gesichter von Personen derselben ethnischen Herkunft. Auch in Deutschland wurde der Ausländereffekt gefunden. So erkannten Deutsche türkische Gesichter schlechter wieder. In Deutschland lebende türkische Teilnehmer zeigten jedoch keine schlechtere Wiedererkennensleistung deutscher Gesichter.

Fehlerquellen während des Behaltensintervalls

Je länger das Behaltensintervall ist, desto mehr Details werden vergessen. Dies gilt insbesondere für detaillierte oder wortgetreue Angaben. Kann ein Zeuge unmittelbar nach der Tat noch die genaue Farbe des Fluchtautos, z.B. metallicblau, erinnern, so kann er vermutlich nach einer Weile nur noch die Helligkeit erinnern, z.B. dunkel. Daher ist eine Befragung der Augenzeugen unmittelbar nach der Tat überaus wünschenswert, jedoch nicht immer mit der Polizeipraxis zu vereinbaren.

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook