Wie man sich fühlt, so lernt man – Der Einfluss von Emotionen auf Lernprozess und Lernerfolg

Leistungssituationen werden maßgeblich durch unser emotionales Erleben beeinflusst. Fürchten wir uns beispielsweise stark vor dem Scheitern bei einer schweren Prüfung, so treten wir unter Umständen gar nicht erst an. Macht das Lernen dagegen Spaß, so investieren wir mehr Zeit in die Prüfungsvorbereitung. Befunde aus der Lehr-Lernforschung zeigen allerdings auch, dass positive Emotionen nicht immer lernförderlich und negative Emotionen nicht immer lernhinderlich sein müssen. Wieso kann beispielsweise Entspannung schlecht für das Lernen sein? Was hat Verwirrung mit erhöhtem Lernengagement zu tun? Und was kann man tun, damit möglichst nur lernförderliche Emotionen entstehen?

Lehrbücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, halb begraben unter einer wilden Mischung aus gedruckten Skripten und handgeschriebenen Notizen; die vier verschiedenfarbigen Textmarker wurden schon seit Längerem nicht Bild von geralt via Pixabay (https://pixabay.com/de/tafel-schule-daumen-positiv-973987/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)mehr gesehen. Der am Schreibtisch sitzende Student rauft sich die Haare und starrt mit zusammengekniffenen Augen auf den vor ihm ausgebreiteten Textabschnitt. Als er diesen auch nach nochmaligem Lesen nicht wirklich begreift, beschließt er mit einer Mischung aus Frustration und Langeweile, die Prüfung auf das kommende Jahr zu verschieben. Szenenwechsel: Eine Studentin bereitet sich auf die gleiche Prüfung vor. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, das komplexe Lernmaterial zu verstehen, gelingt es ihr mittlerweile problemlos, den Stoff abzurufen. Mit einem schmalen Lächeln und einem leichten Gefühl des Stolzes über die eigene Leistung, fällt es ihr leicht, die restlichen Inhalte zu erfassen. Die Prüfung besteht sie anschließend mit Bestnote.

Natürlich gibt es viele Faktoren, die beeinflussen, warum Student A in dieser fiktiven Geschichte scheiterte, während Studentin B erfolgreich war. Doch selbst wenn wir annehmen, dass beide Studierende sich hinsichtlich ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit nicht unterscheiden und mit ähnlich gut aufbereiteten Lernmaterialien arbeiten, gibt die Lehr-Lernforschung Hinweise darauf, dass das beschriebene emotionale Erleben den Erfolg in Lern- und Leistungssituationen massiv beeinflussen kann.

Was sind Leistungsemotionen?

Theoretische Ansätze in der Lehr-Lernforschung konzentrierten sich lange Zeit vor allem auf die Untersuchung kognitiver Prozesse beim Lernen. Dass neben diesen jedoch auch emotionale Faktoren den Lernprozess beeinflussen, konnte in einer Vielzahl von empirischen Arbeiten bekräftigt werden. Insbesondere frühe Studien gaben dabei Hinweise darauf, dass positives wie negatives emotionales Erleben beim Lernen den Lernerfolg verringern sollte (z. B. Ellis, Thomas & Rodriguez, 1984). Dabei wurde häufig argumentiert, dass durch die Verarbeitung zusätzlicher emotionaler Reize, kognitive Ressourcen zur Bearbeitung komplexer Lerninhalte gebunden werden. Diese Ressourcen stünden damit nicht mehr für das Lernen zur Verfügung, weswegen die Lernleistung sinke. Dem gegenüber stehen allerdings zahlreiche Befunde, nach denen emotionales Erleben beim Lernen direkt oder indirekt (z. B. vermittelt über lernrelevante kognitive Prozesse) mit dem Lernerfolg zusammenhängt. So wurde beispielsweise in einer Studie von Craig, Graesser, Sullins und Gholson (2004) der Wissenszuwachs beim Lernen komplexer Lerninhalte zu 27 % vom emotionalen Erleben während des Lernens vorhergesagt. Anders ausgedrückt, die Variation im Lernerfolg, also ob mehr oder weniger viel gelernt wurde, lag in dieser Studie maßgeblich am Erleben von Leistungsemotionen. Aufgrund dieser und ähnlicher Ergebnisse, stieg in den letzten Jahren die Anzahl an Studien zu Leistungsemotionen stetig an. Während bis zur Jahrtausendwende dabei vor allem Prüfungsangst im Fokus der wissenschaftlichen Untersuchung stand, wird seither auch verstärkt die Wirkung anderer Emotionen empirisch untersucht.

Emotionen sind dabei komplexe affektive (etwa: „gefühlsmäßige“) Zustände, denen kognitive (bspw. gedankliche), motivationale, physiologische und expressive (z.B. mimische) Anteile zugeschrieben werden. Treten diese Emotionen vor einem lern- oder leistungsthematischen Hintergrund auf, werden sie als Leistungsemotionen bezeichnet. Es wird dabei zwischen ergebnis- und aktivätsbezogenen Leistungsemotionen unterschieden (z. B. Pekrun, 2006). Während sich erstere auf erwartete oder zurückliegende Ergebnisse beziehen (z.B. die Enttäuschung nach einer negativen Leistungsrückmeldung), treten aktivitätsbezogene Leistungsemotionen direkt während Leistungssituationen auf (z.B. Freude beim Lernen). Leistungsemotionen können zudem hinsichtlich ihrer quantitativen Ausprägung auf den Beschreibungsdimensionen Valenz (positiv vs. negativ) und Aktivierung (aktivierend vs. deaktivierend) unterschieden werden. Daraus ergeben sich vier Emotionsklassen: positiv aktivierend (z.B. Lernfreude), positiv deaktivierend (z.B. Entspannung), negativ aktivierend (z.B. Angst/ Ärger) und negativ deaktivierend (z.B. Langeweile).

Wie Leistungsemotionen entstehen, beschreibt Pekruns (2006) Kontroll- Wert-Theorie. Dabei wird angenommen, dass zum einen der Grad an subjektiv wahrgenommener Kontrolle über die jeweilige Leistungssituation und zum anderen deren Wert bzw. Wichtigkeit für das Individuum das Erleben bestimmter Emotionen bedingen. Hat man beispielsweise beim Lernen für eine wichtige Prüfung (= hoher subjektiver Wert) das Gefühl, das Prüfungsergebnis Bild von CreativeMagic via Pixabay (https://pixabay.com/de/smiley-emoji-emote-symbol-emoticon-1041796/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)nicht selbst (z.B. durch Anstrengung) beeinflussen zu können (= niedrige Kontrollüberzeugung), so entstehen eher Emotionen wie Angst, Frustration oder Hoffnungslosigkeit. Ist die Prüfung andererseits unwichtig (= niedriger subjektiver Wert), so führt eine geringe Kontrollüberzeugung eher zu Langeweile. Die Qualität der wahrgenommenen Leistungsemotionen hängt daher maßgeblich von individuellen Bewertungsprozessen ab. Nichtsdestotrotz können sich diese Emotionen auch in ihrer Häufigkeit und Intensität unterscheiden. Viele Forscher gehen zudem davon aus, dass es während des Lernens zu einem stetigen Wechsel verschiedener emotionaler Zustände kommt (z. B. D’Mello & Graesser, 2012).

In einer konkreten Leistungssituation sind Leistungsemotionen allerdings nicht nur als Folgen von Bewertungsprozessen zu verstehen. Vielmehr können sie auch ihrerseits dazu beitragen, eine Neubewertung der betreffenden Leistungssituation vorzunehmen (siehe Han, Lerner & Keltner, 2007). Die Kontroll- Wert-Theorie (Pekrun, 2006) nimmt dementsprechend Rückkopplungen zwischen dem aktuellen emotionalen Erleben und den wahrgenommenen Kontroll- und Wertüberzeugungen in einer Leistungssituation an. Diese aktualisierten Überzeugungen können dann wiederum zu einer Neubewertung der betreffenden Lernsituation beitragen. Im obigen Fallbeispiel könnte daher das Erleben von Frustration z.B. infolge des Nichtverstehens von komplexen Lernmaterialien bei Student A dazu geführt haben, dass er die anfänglich als unproblematisch bewertete Leistungssituation nun als nicht lösbar uminterpretiert hat. Diese mit dem emotionalen Erleben zusammenhängende Neuinterpretation könnte schließlich dazu beigetragen haben, dass sich die Motivation des Studenten, die Leistungssituation zu verlassen, erhöht hat.

Wie dieses Beispiel zeigt, können Leistungsemotionen auch indirekt auf das Lernen wirken; beispielsweise, indem sie die Motivation zum Lernen verändern. Daneben beeinflussen Emotionen auch andere lernrelevante kognitive, meta-kognitive oder motivationale Prozesse, welche sich wiederum auf den Lernerfolg auswirken können. So hängen Leistungsemotionen damit zusammen, wie sehr sich Lernende beim Lernen anstrengen, welche Lernstrategien eingesetzt werden oder ob Leistungssituationen oberflächlich, detailorientiert oder kreativ bearbeitet werden (für einen Überblick siehe Pekrun & Stephens, 2011). Bei Studentin B könnte daher das Erleben von Verwirrung beim Lernen dazu beigetragen haben, dass sie effektivere Lernstrategien eingesetzt hat, um das Material doch noch zu verstehen.

Da Emotionen den Erfolg in Leistungssituationen also direkt und indirekt beeinflussen können, ist es nun wichtig, Emotionen hinsichtlich ihrer Lernförderlichkeit zu unterscheiden. Es erscheint dabei plausibel, dass positive emotionale Zustände die Lernleistung erhöhen und negative Emotionen selbige verringern sollten. Die tatsächliche Befundlage zeigt sich jedoch deutlich heterogener.

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