Wenn Kinder die Wut packt: Wie Kinder lernen mit ihren Emotionen umzugehen

Ein angemessener Umgang mit Emotionen ist eine zentrale Kompetenz, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung lernen müssen. In der Psychologie wird diese Fähigkeit Emotionsregulation genannt. Ein Großteil psychischer Störungen geht mit Defiziten in der Emotionsregulation einher, zum Beispiel haben Kinder mit aggressiven Verhaltensauffälligkeiten oft besondere Schwierigkeiten, mit dem Gefühl Wut umzugehen. Doch wie lernen Kinder überhaupt ihre Emotionen zu regulieren und welche Strategien sind dabei hilfreich? Und welche Rolle spielen die Eltern für die Entwicklung der Emotionsregulation?

Wer kennt diese Situation nicht: Der Supermarkt ist überfüllt, die Schlange an der Kasse ewig lang und – es kommt, wie es kommen musste – ausgerechnet jetzt entdeckt FiBild von Reindert via Pixabay (https://pixabay.com/de/graffiti-malerei-m%C3%A4dchen-kunst-1559161/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)nn die Schokoladenriegel, sieht das Kopfschütteln seiner Mutter und wirft sich im nächsten Moment laut schreiend auf den Boden. Seine Mutter versucht ihn zu beruhigen, die anderen Leute schauen betreten zu Boden und sind insgeheim heilfroh, dass es nicht das eigene Kind ist. Plötzlich nähert sich eine ältere Dame, um die Mutter darüber aufzuklären, dass sie ihr Kind überhaupt nicht im Griff habe und ihre Erziehung noch einmal gründlich überdenken solle. Nun ist nicht nur das Kind wütend...

Gefühle wie Freude, Angst, Traurigkeit oder Wut begleiten uns von Kindesbeinen an und steuern unser tägliches Erleben und Verhalten. Sie sind notwendig und nützlich, denn sie helfen uns, in Sekundenschnelle eine Situation einzuschätzen und entsprechend schnell darauf zu reagieren. Diese Fähigkeit kann von entscheidender Bedeutung für das Überleben einer einzelnen Person sein (Gross & Thompson, 2007). Dennoch kommt es vor, dass sich Gefühle mitunter sehr unangenehm "anfühlen". Mit Emotionen angemessen umzugehen, ist daher eine wichtige Aufgabe, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung bewältigen müssen, um ihre eigenen Ziele im Einklang mit sozialen Anforderungen erfolgreich verfolgen zu können. Doch wie lernen Kinder das eigentlich und wie können Eltern sie dabei unterstützen? Was hat das mit psychischen Störungen zu tun? Und wenn Kinder älter werden: Wer erzieht hier eigentlich wen? Diese Fragen wurden in der Forschung lange Zeit vernachlässigt, bis Anfang der 1990er Jahre ein wissenschaftlicher Wandel einsetzte, der sich in einem rasanten Anstieg des Interesses am Thema Emotionsregulation widerspiegelte. Nach einer Definition von Thompson (1994) handelt es sich bei Emotionsregulation um die Fähigkeit, emotionale Reaktionen – insbesondere deren Qualität, Intensität und Verlauf – überwachen, bewerten und, nach Maßgabe eines gesetzten Ziels, verändern zu können. Finn müsste also, um an der Kasse sein Ziel zu erreichen (Schokolade essen), zunächst einmal bemerken, dass er wütend ist (sein Herz schlägt schneller, seine Fäuste ballen sich zusammen), außerdem herausfinden, warum er sich so fühlt (er bekommt keinen Schokoladenriegel) und dann einen Weg finden, um seine spontane Reaktion auf diese Emotion (sich wütend auf den Boden werfen) durch eine andere Reaktion zu ersetzen, die die Interessen des sozialen Umfelds nicht verletzt.

Die Rolle der Familie für die Entwicklung der Emotionsregulation

Es wird angenommen, dass die Fähigkeit der Emotionsregulation nicht nur von genetischen Einflussfaktoren abhängt, sondern auch innerhalb der Familie gelernt wird. In einem Rahmenmodell zur Rolle der Familie für die kindliche Emotionsregulation nehmen Morris und Kollegen (2007, Abbildung 1) an, dass die Emotionsregulation über drei Wege beeinflusst wird, die im Folgenden genauer erläutert werden.

Abbildung 1. Ein Rahmenmodell zum Einfluss der Familie auf die kindliche Emotionsregulation und psychosoziale Anpassung (adaptiert und vereinfacht nach Morris et al., 2007)

Beobachtungslernen

Schon 1977 fand Bandura heraus, dass Kinder neue Verhaltensweisen lernen, indem sie das Verhalten (und dessen Konsequenzen) anderer Menschen beobachten und es gibt Hinweise darauf, dass Kinder durch Beobachtung auch lernen, wie sie Emotionen regulieren können. Beobachtet Finn, dass sein Vater im Fußballstadion immer anfängt den Schiedsrichter zu beschimpfen, wenn "seine" Mannschaft zurückliegt, ist es wahrscheinlich, dass auch Finn diese Strategie in sein Verhaltensrepertoire aufnimmt. Ebenfalls lernen Kinder über soziales Referenzieren: In unbekannten Situationen beobachten sie die emotionalen Reaktionen ihrer Bezugspersonen und lernen hierüber, welche Reaktionen angemessen zu sein scheinen. Beispielsweise lächelt Finns Mutter ihre Schwiegermutter freundlich an und bedankt sich überschwänglich für das Geburtstagsgeschenk (eine selbst gehäkelte Tischdecke), obwohl sich Finn noch sehr genau daran erinnern kann, wie sie beim Frühstück gesagt hatte, dass sie "Schnappatmung kriegt", wenn sie in diesem Jahr die zehnte selbst gehäkelte Tischdecke bekommt.

Emotionsbezogene Erziehungspraktiken

Über spezifische Erziehungspraktiken können Eltern gezielt den Umgang ihrer Kinder mit Emotionen beeinflussen. Zum Beispiel können Eltern kontrollierend, unterdrückend oder sogar bestrafend auf kindliche Emotionen reagieren ("Du solltest dich schämen, dass du so wütend bist!"). Auch wenn Eltern über solche Verhaltensweisen kurzfristig erreichen können, dass ihr Kind Emotionen nicht mehr zeigt und dadurch den Eindruck gewinnen, dass ihr Kind angemessen mit Emotionen umgehen kann, ist dies keineswegs der Fall. Vielmehr deutet eine Studie von Snyder, Stoolmiller und Wilson (2003) darauf hin, dass Kinder sogar mehr Ärger erleben, wenn ihre Eltern unterdrückend auf deren Emotionen reagieren. Die Bedeutung von emotionsbezogenen Erziehungspraktiken wird auch in der Forschung zur Entstehung von psychischen Störungen diskutiert: Erlebt ein Kind, welches temperamentsbedingt Schwierigkeiten in der Emotionsregulation aufweist, beständig, dass seine Eltern auf seine Gefühle unangemessen oder abwertend reagieren, führen diese sogenannten "invalidierenden Erfahrungen" nach Linehan (1993) dazu, dass es seine Emotionen als falsch oder ungültig bewertet, diesen nicht mehr vertrauen kann und Schwierigkeiten hat, seine Emotionen richtig zu benennen und Emotionen zu kontrollieren. Im Gegensatz dazu können Eltern  ihrem Kind aber auch bei der Entwicklung einer angemessenen Emotionsregulation helfen. Hierbei ist häufig die Rede von Emotionscoaching (Gottman, Katz & Hooven, 1996): In schwierigen Situationen können Eltern ihr Kind durch den Prozess der Emotionsregulation "coachen", indem sie zunächst erkennen, wie sich ihr Kind gerade fühlt, es unterstützen diese Gefühle sprachlich auszudrücken, dem Kind deutlich machen, dass es mit seinen Emotionen ernst genommen wird und ihm dabei helfen, angemessen mit der Situation umzugehen. In unserem Beispiel könnte die Mutter sich erst einmal darauf konzentrieren, Finns Gefühle zu reflektieren. Sie könnte ihm zeigen, dass sie seine Wut bemerkt und diese akzeptiert, indem sie ihn beruhigend am Rücken berührt und zu ihm sagt: "Es sieht so aus, als wärst du ganz schön wütend. Liegt das daran, dass du den Schokoladenriegel nicht haben darfst?". Erst wenn Finn sich beruhigt hat, ist es möglich und sinnvoll, gemeinsam mit ihm nach einer Lösung des Problems zu suchen (die natürlich nicht darin liegen sollte, dass Finns Mutter ihr Verhalten ändert und ihm nun den Schokoladenriegel kauft). Nicht immer lassen sich Kinder in einer Situation schnell genug beruhigen. In diesem Fall kann die Suche nach einer Lösung des Problems auch auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Finns Mutter könnte mit Finn zum Beispiel abends besprechen, dass die Süßigkeiten an der Kasse unverhältnismäßig teuer sind, aber er beim nächsten Mal im Supermarkt mitentscheiden darf, welche Packung Schokoladenriegel seine Mutter einkauft (für weitere Beispiele siehe Sunderland, 2006). Eisenberg und Kollegen (1999) fanden, dass sich elterliches Emotionscoaching positiv auf die kindliche sozioemotionale Entwicklung auswirkt. Solche "validierenden" Reaktionen auf Emotionen sollten somit ein wesentlicher Bestandteil von Erziehung sein.

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