“Zeig‘ mir, wer ich bin!” – Wie und warum der beste Freund als persönlicher Maßstab dient

Es ist ein Zeichen besonderer Lebensqualität, unsere Freizeit mit den besten Freunden verbringen zu können. Der Stellenwert dieser engen Freundschaft beruht nicht allein auf gemeinsamen Erlebnissen und einer emotionalen Verbindung, sondern beeinflusst auch unsere Selbsteinschätzung. Forschung im Bereich der Sozialpsychologie hat ergeben, dass wir routinemäßig unsere engsten Freunde zum Vergleich heranziehen, wann immer wir ein zügiges Urteil über uns selber treffen wollen. Dies geschieht so schnell und automatisiert, dass es uns gar nicht auffallen muss.

1. Selbstreflektion durch Vergleiche mit Anderen

Das Wissen darüber, wer wir sind und wo unsere Vorlieben und Fähigkeiten liegen, ist für unser Leben von hoher Wichtigkeit. Nur so können wir Entscheidungen treffen, die uns kurz- oder langfristig nützen. Dabei kann es um die verschiedensten Fragen gehen, zum Beispiel, welchen Film wir an der Kinokasse auswählen, ob wir schon das nötige Know-how für unseren Traumjob mitbringen oder auch für welchen Partner wir uns entscheiden sollen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in einer Untersuchung VersuchsteilnehmerInnen angaben rund 8 % ihrer täglichen Gedanken würden ausschließlich um das eigene Selbst kreisen (Csikszentmihalyi & Figurski, 1982).

Leon Festinger, ein bedeutender US-amerikanischer Sozialpsychologe, hat herausgestellt, dass soziale Vergleiche eine wichtige Quelle für selbstbezogenes Wissen darstellen (Festinger, 1954). Das bedeutet, dass wir unser Wissen über andere Personen heranziehen, wenn wir uns selbst beurteilen wollen. Wir fragen uns beispielsweise, wie aufgeschlossen, ehrlich und humorvoll wir sind, indem wir uns gedanklich mit anderen, uns bekannten Leuten vergleichen. Diese Vergleiche werden in der Regel schon deswegen notwendig, weil Eigenschaften oft in Bezug zu anderen Personen definiert sind. Zu sagen, dass ich aufgeschlossen und humorvoll bin, bedeutet in Wirklichkeit, dass ich mich als aufgeschlossener und humorvoller wahrnehme als andere (Huttenlocher & Higgins, 1971). Nur wenige Eigenschaften können unabhängig von anderen definiert werden. Ehrlich ist man beispielsweise immer dann, wenn man nicht lügt - unabhängig davon, wie sich andere verhalten.

Leider stehen uns für jeden dieser Vergleiche nahezu unendlich viele potentielle Standards zur Verfügung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Selbsteinschätzung je nach Vergleichsstandard sehr unterschiedlich ausfallen kann (z.B. Mussweiler, Rüter, & Epstude, 2004). Sollten wir uns demnach für jedes Selbsturteil überlegen, welche Person für den aktuellen Vergleich am geeignetsten ist, um ein “perfektes” Urteil zu erreichen? Dies könnte mal eine Arbeitskollegin sein, wenn es um die Einschätzung der eigenen Arbeitsleistung geht, und mal der Sportkamerad, wenn es darum geht, die eigene sportlichen Fähigkeiten einzuschätzen.

Die Wahl des perfekten Standards aus der Masse aller potentiellen Vergleichspersonen würde eine geraume Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, die wir in der Regel nicht haben. Hinzu kommt, dass unsere geistigen Kapazitäten ein wahres Luxusgut sind. Das heißt, wir können zu jedem Zeitpunkt nur eine sehr begrenzte Anzahl von Informationen verarbeiten. In psychologischer Forschung hat sich daher der Ausdruck des “kognitiven Geizhalses” (Taylor, 1981) etabliert. Der Mensch geht gerne sparsam mit seinen Kapazitäten um und verfährt so effizient wie nur möglich. Wie schaffen wir es also, hinreichend genaue Einschätzungen über uns zu generieren, ohne uns dabei geistig zu verausgaben? Die Sozialpsychologen Thomas

Mussweiler und Katja Rüter (2003) nehmen an, dass eine gute Kompromisslösung darin besteht, regelmäßig unseren besten Freund oder unsere beste Freundin als Vergleichsstandard zu benutzen. Dies hat mehrere Vorteile:
1. Wir müssen nicht für jeden Vergleich mühevoll eine Person als Standard aussuchen. Damit hätten wir also einen Teilschritt hin zur Selbsterkenntnis “gespart”.
2. Wir kennen unseren engsten Freund bzw. unsere engste Freundin sehr gut und verfügen somit über die nötigen Vergleichsinformationen.
3. Wir profitieren von einem Übungseffekt, welcher den Vergleich beschleunigt (Smith, 1989), wenn wir uns regelmäßig mit derselben Person vergleichen.

2. Untersuchungen zu Vergleichsstandards

Ihnen kommt dieses Vorgehen gar nicht bekannt vor? Sie können sich also nicht daran erinnern, dass Sie an Ihren besten Freund oder an Ihre beste Freundin denken, wenn Sie sich eine Meinung über sich selber bilden, zum Beispiel bezüglich ihrer eigenen Fitness? Das kann schon sein, denn Mussweiler und Rüter (2003) argumentieren, dass diese sozialen Vergleiche so schnell und spontan ablaufen, dass wir von ihrer Existenz schwerlich etwas mitbekommen. Lediglich das Ergebnis dieses Gedankenprozesses tritt ins Bewusstsein (z.B. “Ich bin sportlich!”). Aussagen über kognitive Prozesse zu machen, die sich dem Bewusstsein entziehen, stellen in der Forschung eine besondere Herausforderung dar. VersuchsteilnehmerInnen können schließlich nicht direkt dazu befragt werden. Es ist somit unumgänglich, einen etwas komplizierteren Weg einzuschlagen und implizite Messmethoden anzuwenden, von denen man auf die Existenz von unbewussten kognitiven Mechanismen schließen kann.

In einer Reihe von Studien ging es Mussweiler und Rüter (2003; Rüter & Mussweiler, 2005) darum, aufzuzeigen, dass bei Selbsteinschätzungen routinemäßig der beste Freund oder die beste Freundin als Vergleichsperson herangezogen wird. Die hier vorgestellten experimentellen Erhebungen stützen sich auf das theoretische Konzept des Rezenzeffektes. Demnach werden zuletzt behandelte Information besser behalten und fließen verstärkt in nachfolgende Beobachtungen mit ein (siehe z.B. Bredenkamp & Wippich, 1977). Wenn sie, zum Beispiel, gestern ein Sportturnier gewonnen haben, wird diese Tatsache ihre heutige sportliche Einschätzung stärker mitbestimmen als ihre vorherigen Leistungen. Als implizite Messmethode wendeten sie Reaktionszeitmessungen an. Der grundlegende Gedanke dabei ist, dass Informationen, die kurz vorher abgerufen und verarbeitet worden sind, danach eine Zeitlang “voraktiviert” bleiben und somit schneller erneut darauf zugegriffen werden kann. Der Zugriff auf Informationen über den engsten Freund bzw. die engste Freundin soll also schneller sein, wenn er oder sie bei einer vorangegangenen Selbsteinschätzung als Standard gewirkt hat. In der ersten Untersuchung wurde diese erhöhte Zugänglichkeit mithilfe von sogenannten „lexikalischen Entscheidungsaufgaben“ gemessen. In dieser Aufgabe sollten die VersuchsteilnehmerInnen möglichst schnell entscheiden, ob eine dargebotene Buchstabenfolge ein Name ist oder nicht. VersuchsteilnehmerInnen, die sich zuvor bezüglich einer Reihe von Eigenschaften selber eingeschätzt und somit mutmaßlich den besten Freund als Vergleichsstandard herangezogen haben, sollten den Namen ihres besten Freundes schnell als solchen identifizieren können. Zumindest schneller als den Namen einer ehemaligen Schulfreundin, mit dem sie sich für die Selbsteinschätzung nicht verglichen hatten. VersuchsteilnehmerInnen die vor der lexikalischen Entscheidungsaufgabe nicht sich selbst sondern eine andere Person bezüglich der Eigenschaften einschätzen, sollten hingegen weder den besten Freund noch die ehemalige Schulfreundin berücksichtigen. Hier sollte sich demnach auch kein Unterschied in den Reaktionen auf die Namen der beiden Freunde zeigen.

In der Tat bestätigten sich diese Vermutungen. Der beste Freund oder die beste Freundin wurden anscheinend tatsächlich zur Beurteilung der eigenen Eigenschaften herangezogen. Allerdings gibt es eine mögliche alternative Erklärung, die auf den Ansatz der assoziativen Netzwerke beruht (z.B. Collins & Loftus, 1975). Im assoziativen Netzwerk werden Informationen im Gedächtnis miteinander verknüpft abgespeichert. Wird ein Inhalt aus diesem Netzwerk angesprochen, breitet sich die Aktivierung auf benachbarte Informationen aus. Der häufige Umgang mit guten Freunden sollte dazu führen, dass Wissen über diese Personen mit Wissen über das Selbst verknüpft ist. Dies sollte weniger für das Wissen über einen ehemaligen Schulfreund der Fall sein. Somit könnte alleine die Aktivierung des Selbstwissens während der Selbsteinschätzung die Zugänglichkeit des Wissens über den besten Freund erhöhen. Dazu wäre nicht unbedingt ein Vergleich notwendig.

Um diese mögliche Alternativerklärung auszuschließen, wurden in zwei weiteren Studien alle VersuchsteilnehmerInnen gebeten, Aussagen über sich selbst zu treffen, so dass Selbtwissen für alle in gleichem Maße aktiviert wurde (Rüter & Mussweiler, 2005). Gleichzeitig wurden aber zwei Bedingungen geschaffen, in denen die VersuchsteinehmerInnen mehr oder weniger Vergleiche durchführen. Dazu wurden in Studie 1 Probandengruppen miteinander verglichen, die entweder Selbstaussagen auf absoluten Skalen (z.B.: „Wie häufig gehen sie durchschnittlich im Monat ins Kino?“) oder auf relativen Skalen (z.B.: „Wie häufig gehen Sie ins Kino von selten - oft.“) trafen. Die Selbsteinschätzung auf der relativen Skala legt Vergleiche nahe – denn selten ins Kino zu gehen bedeutet seltener als andere zu gehen. Bei einer Angabe der durchschnittlichen Anzahl an Kinobesuchen im Monat sind Vergleiche zu anderen hingegen nicht notwendig. Nach der Selbsteinschätzung wurde erneut die lexikalische Entscheidungsaufgabe durchgeführt, die den Namen des besten Freundes und eines ehemaligen Schulfreundes beinhaltete. Wäre die erhöhte Zugänglichkeit des besten Freundes allein auf die kognitive Aktivierung des Selbst zurückführbar, sollte sich kein Unterschied zwischen den beiden Probandengruppen ergeben. Was sich aber fand war, dass nur die Personen, die sich auf relativen Skalen einschätzen, den Namen ihres besten Freundes in der lexikalischen Entscheidungssituation schneller identifizierten als den Namen des ehemaligen Freundes. Dieses Ergebnis zeigt, dass nur Personen, die sich relativ zu anderen einschätzen und somit Vergleiche durchführen, Wissen über ihren besten Freund leichter abrufen können.

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