„Nie wieder Faschismus!?“ – Zur Psychologie des Autoritarismus

Berlin, Großkundgebung im Sportpalast von Ernst Schwahn, Bundesarchiv, Bild 183-J05235 via Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-J05235,_Berlin,_Gro%C3%9Fkundgebung_im_Sportpalast.jpg), cc (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de)Auch heute wird Autoritarismus als wichtiges persönlichkeitsorientiertes Konzept zur Erklärung von antidemokratischen Einstellungen und Diskriminierung betrachtet (Altemeyer, 1996; Petzel, 2009). Eine Vielzahl von Studien belegen, dass Phänomene wie z.B. ethnische Diskriminierung, Forderungen nach stärkeren Überwachungsmaßnahmen und Einschränkungen von Menschenrechten sowie die Ablehnung von Einwanderung mit Autoritarismus zusammenhängen. Eine bislang noch strittige Frage ist allerdings, wie Autoritarismus entsteht. Hierzu gibt es diverse Anschauungen. Wir unterscheiden im Folgenden zwischen der Entstehung autoritärer Dispositionen bzw. Neigungen ( Autoritarismus als Persönlichkeitsmerkmal) und der Entstehung autoritärer Reaktionen bzw. Verhaltensweisen ( Autoritarismus als Prozess). Abschließend diskutieren wir, was getan werden kann, um das Phänomen des Autoritarismus im Zaum zu halten.

Die Entstehung autoritärer Neigungen

Zur Entstehung autoritärer Neigungen bestehen verschiedene Erklärungsansätze. Wie oben bereits geschildert, betonen die ursprünglichen Ansätze in der Autoritarismusforschung psychoanalytische bzw. psychodynamische Prozesse in der frühen Kindheit (vgl. Adorno et al., 1950). Nachfolgende Ansätze fokussieren eher auf lern- oder sozialisationstheoretische Erklärungen. So rühren autoritäre Neigungen nach Oesterreich (2005) daher, dass Heranwachsende in nur unzureichendem Maße Fähigkeiten erworben haben, konstruktiv mit Krisensituationen umzugehen. Z.B. aufgrund einer überbehüteten Erziehung blieben sie in der (in der Kindheit entwickelten und dort angemessenen) Gewohnheit verhaftet, bei Krisen mit einer Flucht in Schutz und Sicherheit bietende Instanzen (v.a. Eltern) zu reagieren. Nach Altemeyer (1996) bildet sich Autoritarismus im Jugendalter aus, wenn Jugendliche sich von den Eltern ablösen und eigene Weltanschauungen entwickeln. Eine besondere Rolle spielten hierbei Freundschaften mit ähnlich gesinnten Gleichaltrigen in der Schule und in der Freizeit, und ungenügende Kontakte mit Diversität. In ähnlicher Weise betont Feldman (2000) Erfahrungen in der Ausbildung, mit Medien, in der Freizeit, am Arbeitsplatz usw. im Jugend- und Erwachsenenalter.

Ein anderer Ansatz führt gruppenpsychologische Erklärungen an. Demnach verstärken sich in Bedrohungssituationen autoritäre Forderungen an die Mitglieder der eigenen Gesellschaft bzw. sozialen Gruppe. Durch einen starken Gruppenzusammenhalt sollen diese Bedrohungsgefühle dann minimiert werden (Duckitt, 1989).

In der jüngeren Forschung werden diese Ansätze in komplexere Modelle integriert (z.B. Petzel, 2009). Demnach liegen autoritären Neigungen allgemeinere Werthaltungen (kollektive Sicherheit, soziale Konformität) und Weltbilder (die Welt als Ort voller Gefahren) sowie Identifikationen mit Gruppen zugrunde, die wiederum z.T. auf Persönlichkeitsmerkmalen basieren (v.a. einfache, rigide und dogmatische Denkstrukturen). Solche Zusammenhänge wurden in längsschnittlichen Studien bestätigt, d.h. Persönlichkeitsmerkmale sagen Veränderungen in Werthaltungen und Weltbildern vorher, und Werthaltungen und Weltbilder sagen Veränderungen in generalisierten autoritären Einstellungen vorher (Sibley & Duckitt, 2013; ein umgekehrter Effekt von Autoritarismus auf ein Bild der Welt als bedrohlicher Ort bestand hier auch). All diese Merkmale hängen u.a. von den obengenannten verschiedenen Lern- bzw. Sozialisationsfaktoren im Kindes-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter ab. Besonders bedeutsam scheinen politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedrohungen zu sein, wie sie auf gesellschaftlicher Ebene z.B. in den Medien konstruiert werden.

Die Umsetzung in autoritäres Verhalten

Autoritäre Neigungen an sich stellen nicht unbedingt ein Problem dar. Autoritäre Neigungen können jedoch in bestimmten Situationen aktiviert werden, und dann äußern sie sich in intolerantem, antidemokratischem oder diskriminierendem Verhalten (Petzel, 2009). Es gibt also bestimmte Auslöser, die die autoritären „schlafenden Wachhunde“ wecken und zum „Beißen“ bringen. Eindrücklich zeigten dies z.B. die Auswirkungen der Anschläge vom 11. September 2001 auf das World-Trade-Center in New York. Während der damalige Präsident der USA, Georg W. Bush, vor den Anschlägen innenpolitisch Probleme hatte, seine Politik durchzusetzen, veränderte sich diese Situation nach den Anschlägen dramatisch. Innenpolitisch hatte Bush nach den Anschlägen nun eine breite Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus und bekam auch die Zustimmung zur Durchführung von Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Innenpolitische Maßnahmen wie strengere Sicherheitskontrollen und Einreisebedingungen sowie Einschränkungen der Bürgerrechte durch den Patriot Act I wurden schnell und ohne größere öffentliche Auseinandersetzung verabschiedet. Gleichzeitig erreichte Bush in Umfragen die höchsten Zustimmungswerte, die jemals in den Vereinigten Staaten gemessen wurden. Aus Sicht der Autoritarismusforschung könnte angenommen werden, dass die infolge der Anschläge wahrgenommene Bedrohung dazu führte, dass in der Bevölkerung vorhandene autoritäre Dispositionen aktiviert wurden und zu veränderten offenen Einstellungen und Zustimmungsverhalten in der Bevölkerung führten. Dies wirft die Frage auf, durch welche Faktoren autoritäre Dispositionen aktiviert werden können.

Als Auslöser für die Aktivierung autoritärer Neigungen wirken verschiedene Faktoren. Erstens sind dies direkte Anweisungen durch Autoritäten oder vorherrschende Normen, die autoritäres Verhalten legitimieren. Petersen und Dietz (2000) zeigten dies z.B. in Bezug auf ethnische Diskriminierung in einem Experiment zur Personalauswahl: Westdeutsche Personen mit autoritären Neigungen (nicht aber nicht-autoritär geneigte Personen) diskriminierten gegen ostdeutsche Bewerber/innen, wenn sie dazu angewiesen worden waren. Eine zweite Art von Auslösern sind verschiedene Arten wahrgenommener Bedrohungen der Gesellschaft oder der sozialen Gruppe, der man angehört (Stellmacher, 2004). Solche Bedrohungen können sich z.B. auf Werte und Normen (z.B. durch Einwanderung) oder auf die Sicherheit und Stabilität bestehender Gesellschaftsstrukturen (z.B. durch ökonomische Krisen oder Kriminalität) beziehen. So zeigten Cohrs und Stelzl (2010) in einer ländervergleichenden Metaanalyse, dass Autoritarismus negative Reaktionen gegenüber Immigrantinnen und Immigranten besonders in solchen Ländern vorhersagt, in denen Einwanderung mit zunehmender Kriminalität und mit fehlendem wirtschaftlichen Nutzen assoziiert werden. Eine dritte Kategorie von Auslösern autoritärer Reaktionen sind wahrgenommene Bedrohungen der individuellen Sicherheit und Existenz. So zeigten z.B. Cohrs, Kielmann, Maes und Moschner (2005), dass Menschen mit stärker ausgeprägten autoritären Neigungen (nicht aber nicht-autoritär geneigte) stärkere Überwachungsmaßnahmen befürworteten, je stärker sie sich persönlich durch Terrorismus bedroht fühlten.

Die Reduktion von Autoritarismus

Um die intoleranten und aggressiven Auswirkungen von Autoritarismus zu reduzieren, gibt es verschiedene Strategien. Grundsätzlich sollte dabei bedacht werden, dass Autoritarismus vermutlich durchaus positive Funktionen für Individuen (psychisches Wohlbefinden; Van Hiel & De Clercq, 2009) und für Gesellschaften (Kooperation in großen Gruppen; Kessler & Cohrs, 2008) haben kann. Wenn Autoritarismus reduziert werden soll, müssen diese Funktionen daher wohl auf anderem Wege erfüllt werden.

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